Titel

Zwei im Sarek
Wandern unter der Mitternachtssonne

Leseprobe

Urheber
Klaus Heyne

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
136
Sprache
Deutsch
Format
21 x 15 cm
ISBN
978-3-8391-3409-2
Preis
€ 10,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet
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2003 zwei Freunde, naturverbunden und die Freiheit in den Weiten des Nordlandes suchend, begeben sich auf eine Wanderung durch den Nationalpark Sarek in Schwedisch-Lappland. 
Die Trekkingtour über 120 km mit Zelt und Rucksack fernab der Zivilisation , auf der die für einen 3-wöchigen Aufenthalt notwendige Ausrüstung insbesondere Verpflegung schweißtreibend auf dem Rücken durchs Gelände transportiert werden muss, hält manch ungeplante Überraschung bereit.

Doch die Erlebnisse und die Eindrücke, die die gesuchte Einsamkeit nördlich des Polarkreises liefert, entschädigt für erlittene Qualen, die mitunter aus topographischen Gegebenheiten oder Unbilden der Witterung herrühren.

Leseprobe

Montag, 30.6.03 

3 h morgens – es wird kühl im Schlafsack. 

6 h morgens – der Lorenz knallt aufs Zelt, dass es eine wahre Pracht ist. Raus aus dem Schlafsack und Hemden aus – sonst ist es nicht auszuhalten. 

Zelteingänge öffnen ist nicht möglich. Draußen lauert der unbarmherzige berüsselte Feind, das schiere Grauen. An diesem Ort herrscht der Moskito-Horror. Man kann noch nicht mal in Ruhe pinkeln, ohne dass die Beine und andere Extremitäten voller Mücken hängen. 

Wir beschließen, vor dieser erdrückenden Übermacht zu weichen. Noch ohne zu frühstücken packen wir zügig zusammen – natürlich nicht, ohne eine obligatorische Anzahl von Stichen abzusahnen. Der heutige geplante Streckenabschnitt soll bis zum Ende des Kuopervagge reichen, das sind etwa 8 km. Der Laukatjaratj, ein See auf 756, m Höhe, soll uns dort empfangen. 

Allein, wir sollen niemals dort ankommen! 

Die 4 oder 5 Arme des Abflusses vom See 1127, den wir gestern unter Schnee begraben sahen, meistern wir steinhopsenderweise souverän. Nur knapp einen Kilometer und tausende Mücken weiter ereilt uns das gleiche Schicksal wie mit dem Abfluss aus den Lantak-Gipfeln. Auch hier sind mehrere Arme zu überqueren. Die ersten 3 schaffen wir wieder von Stein zu Stein hüpfend. Doch dann ist immer eine übervolle Rinne mit sehr starker Strömung dazwischen, die eine Wat unumgänglich macht. Also, geeignete Stelle suchen, Stelle merken, zurück zu den Rucksäcken und Hosen aus. Nur Nanosekunden später sind die nackten Beine mit schwarzen Moskitoleibern übersät. Jetzt aber los und durch den Fluss. Alles geht gut. So schnell wie möglich wieder anziehen. Jens schlägt vor, geradewegs hoch zu gehen, weg von dem Mückengesocks. Ich bin dabei. Trotzdem werfen wir noch einen Blick auf die Karte. Sieht von hier aus besehen ganz gut aus. Wir werden ganz einfach dem Fluss, den wir gerade überquert haben, bis zu seinem Ursprung - das wird wahrscheinlich ein Schneefeld sein – folgen, gehen dann durch die Berge bis auf etwa 1350 m, teilumrunden einen 1445 m-Gipfel und steigen dann ab ins Sierkavagge, das Tal, in das wir eigentlich übermorgen erst vom Ende des Kuopervagge einbiegen wollten. 

Beschluss gefasst und bergwärts geht’s. 

In der Tat, es geht ziemlich steil hoch. Der Fluss hat seine Quelle auf etwa 1200 m. Wir befinden uns jetzt auf knapp 800 m. Das wird ein schönes Stück Arbeit werden. Doch diese Pestilenz mit den Rüsseln treibt uns an und mit schweren Beinen – noch von der gestrigen Anstrengung – steigen wir monoton Meter um Meter höher. 

Ein schöner Zeltplatz, eben, auf einer Wiese, bietet sich an, ja drängt sich geradezu auf, das Lager aufzuschlagen. Nach etwa 10 Sekunden und 50 Mückenleichen ist die Entscheidung fürs Weitergehen gefallen. 

Der Fluss wird immer wilder. Es sind permanent noch Schneekanten an den Ufern. Der gegenüberliegende Hang ist zum großen Teil mit Schnee bedeckt. Etwas voraus bemerken wir einen etwa 10 m hohen und 5 m breiten Wasserfall, der schön anzusehen ist. 

Die Mücken treiben uns weiter, obwohl wir schon längst kaum noch Kraft haben, die Gepäckcontainer hochzuwuchten. 

Schließlich verringert sich die Zahl der surrenden Sputniks im Orbit um meinen Kopf von Pause zu Pause immer mehr. Dann haben wir endlich die mückenfreie Zone erreicht und gleichzeitig eine Möglichkeit zu zelten. 

Wir sind jetzt 1050 m hoch und befinden uns genau an einer Flussgabelung, d.h. eigentlich fließen hier zwei Gletscherbäche zusammen, nicht auseinander. Wir nehmen noch die nächste Hügelkuppe in Augenschein und entscheiden uns letztlich auch für diese. 

Fließend Wasser in Form eines lieblichen Baches direkt am Zelt, Schneefelder auf der einen Seite, den einen Quellfluss in einer kleinen Schlucht zur anderen Seite und vor allem: KEINE einzige Mücke !! Endlich! 

Zelt aufbauen, Essen kochen (Makkaroni). Während das Nudelwasser gart, stellt Jens fest, dass meine Nase ziemlich verbrannt ausschaut. Ich bestätige im Gegenzug das Gleiche bei seinen Ohren und Nacken. Das ist auch kein Wunder. Seit 10 Tagen rennen wir bei gleißendem Sonnenlicht (Ausnahme: ½ bewölkter Tag beim Verlassen der Mikkastugan) durch die Gegend, überqueren Dutzende von reflektierenden Schneefeldern, produzieren literweise Schweißtropfen, die wie Brenngläser auf der Haut wirken. 

Und heute? Von morgens früh bis abends wolkenloser, wirklich wolkenloser blauer Himmel und fast absolute Windstille. Es hat den ganzen Tag über nicht den Hauch eines Anzeichens einer Wolke gegeben. 

Und der gelbe Gasball am Firmament brennt gnadenlos. Jeden Morgen haben wir uns mit Sonnenmilch eingeschmiert – Odin sei Dank, dass wir überhaupt welche dabei haben. 

Während des Essens wird es so heiß, dass es ohne Kopfbedeckung kaum auszuhalten ist. Das grelle Licht zwingt, die Sonnenbrillen auf die Nasen zu setzen. Darüber hinaus ist es schon so weit, dass wir uns Nasenschützer unter die Brillen klemmen – ganz wie auf Malle. Jens Thermometer zeigt 28 Grad hier auf gut 1000 m Höhe. 

Noch irgendwelche Fragen? 

Endlich sind die Nudeln gar. Während wir geräuschvoll die Makkaroni inhalieren, bemerken wir zwei schneebedeckte Hügelkuppen weiter eine große Rentierherde, die tendenziell auf uns zukommt. In freudiger Erwartung, eine so große Herde aus der Nähe beobachten und fotografieren zu können, schauen wir immer wieder interessiert in ihre Richtung. Zur Zeit scheinen die Tiere ein Päuschen eingelegt zu haben; es tut sich nicht viel. 

Zwischenzeitlich hat Jens nicht weit von unserem Standort ein schönes steiles Stück Schneefeld entdeckt, auf dem man bestimmt gut rutschen kann. 

Anmerkung: die ganze Bergflanke - auch dort, wo die Rentiere sich gerade aufhalten – ist ein einziges riesiges Schneefeld. 

Jens will später noch rutschen; ich will gegebenenfalls die Rentiere verfolgen, falls sie doch nicht in unsere Richtung kommen sollten. 

Die Nudeln werden in zwei Durchgängen aufgenommen und füllen die Bäuche wirksam. Mittlerweile ist auch klar, dass die Rentiere doch nicht mehr zu uns kommen werden. Also schnappe ich mir meinen Fotokrempel und Jens seine Rucksackhülle (als Rutschunterlage) und wir stiefeln los. 

Es folgt eine etwa 2-stündige Odyssee über Schnee und Schnee und nochmals Schnee. Damit wir die Tiere nicht unnötigerweise erschrecken, wollen wir einen großen Bogen schlagen und uns vorsichtig annähern. Der Bogen führt auch an Jens Rutschbahn vorbei. Beim Näherkommen bemerken wir drei kleine Steinfelder, die aus dem Schnee lugen und wie 2 Augen und ein Mund aus der Ferne wirken. Nur die „Nase“ fehlt. 

„Kein Problem, mache ich eben die Nase“, meint Jens und saust los. Ich bleibe stehen und dirigiere ihn über etwa 200 m hinweg an die richtige Position. OK- perfekt. Foto klick und Ende der Aktion. 

Während Jens weiter den Steilhang hinauf astet, schließe ich allmählich auf. Dann habe ich ihn erreicht und wir tapern gemeinsam den Rentieren hinterher. 

Doch alle Mühe ist vergebens. Die Viecher sind verschwunden. Die einzige Möglichkeit, die nach menschlichem Ermessen bleibt, ist die, dass sie sich in die von unserem jetzigen Standort nicht einsehbare Schlucht des Flusses, dem wir heute gefolgt sind, zurückgezogen haben. Dort gab es nämlich jede Menge Gras und Moos zu fressen. 

Da wir nun schon mal oben auf dem „Kamm“ sind, genießen wir die weitreichende Rundum-Sicht. Ein herrliches Panorama. Überall diese Schneehäupter und Gletscher und schroffen Zinnen. Und über alldem der weite blaue Himmel. 

Nachdem wir uns satt gesehen haben, will Jens auf dem Rückweg doch noch seine Rutschpartie durchführen. Diese soll in zwei Teilstücken stattfinden. Erster Teil – gemäßigt; zweiter Teil – fast senkrecht ca. 30 m runter und dann auslaufend. 

Dafür hat er ja als Rutschunterlage seine Rucksackregenhülle mitgeschleppt. Da der Schnee relativ weich ist, funktioniert der erste Teil nur mit langsamer Geschwindigkeit. Ich will nun auch nicht alleine runterlaufen, nehme meinen Hut als Unterlage und komme auf dem ersten Teil auch nicht besser voran. 

Aber auf dem zweiten Stück – ja, heidewitzka! Da geht die Post ab. Das macht Spaß. Wir beschließen, diese Maßnahme morgen auf jeden Fall zu wiederholen. Vielleicht sogar mit den Isomatten als Schlitten. 

Die Schuhe sind jetzt endgültig nass. Aber egal, hat Spaß gemacht, der Ausflug. 

Beim dritten Tee bekommen wir doch noch Besuch. Die Rentiere schauen kurz rein, kommen aber doch nicht so ganz nahe ran. Dann verdrücken sie sich wieder. Den Hauptteil der Herde – schätzungsweise 500 Tiere – können wir in weiter Ferne ausmachen. Dort, von wo wir gekommen sind.

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