Titel

Wikingerwelten Band 2

Leseprobe

Urheber
Rainer W. Grimm

Printbook / Ebook

Verlag
BoD / -
Bindung
Paperback
Seitenzahl / Dateigröße
140 / -
Sprache 
Deutsch
Format
14,8 x 21 cm / -
ISBN / ASIN
978-3-8423-3610-0 / -
Preis
€ 8,95 (je nach Anbieter zzgl. Porto) /  -

Internet
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„Wikingerwelten Band II“ ist die Fortsetzung einer Sammlung von historischen Begebenheiten und bedeutenden Ereignissen aus der Welt der Wikinger, die durch die Phantasie des Autors noch einmal zum Leben erweckt werden.

Erzählt wird die Geschichte einer Fehde zweier Sippen in Dänemark, von einem frechen Skalden am Hofe des Norwegerkönigs, von der schönen Schwedin Sigrid und dem unglücklichen Harald Gudrödsson und auch von der Leichenfeier eines Warägerkönigs. Die Geschichte der Vinlandfahrten des Thorfinn Karlsefni Thordarsson und der Freydis Eriksdottir, sowie von dem Riesen Loki, der in Asgard unter den Göttern lebte.

Leseprobe

7. Der Araber und der Seekönig

 

In Rom und der christlichen Welt schrieb man das Jahr 921 anno Domini, als ein Schiff von orientalischer Machart, aus dem Kaspischen Meer über den Fluss Wolga kommend, im Hafen der Chasarenstadt Etil festmachte.

 

Hier wollte der Schiffsführer seine Vorräte auffüllen, denn die Reisenden waren Gesandte des Sultans von Bagdad und befanden sich auf dem Wege zu einer Audienz mit einem Fürsten der Bulgaren. Die Fremden aus dem Orient wurden in Etil freundlich aufgenommen und bezogen in der Stadt Quartier. Hier wollten sie sich von den Strapazen ausruhen, um die Reise schnellstmöglich fortzusetzen. Doch da geschah es, dass der Anführer der Araber, ein junger Scheich, bei einem Ausritt in die Steppe vom Pferd stürzte und sich dabei schwer verletzte. Der mitreisende Medizingelehrte und Astrologe des Scheichs, mit Namen Ahmed Ibn Fadlan, riet seinem Herrn dringend von einer weiterfahrt ab und alle Berater des Gesandten befürworteten diese längere Reiseunterbrechung. So genoss man den Aufenthalt in der gut befestigten Chasarenstadt, der sicherlich mehrere Wochen andauern würde.

 

Als der Heiler dann endlich sein Einverständnis zur Weiterreise gab, drangen aber beunruhigende Berichte nach Etil. Nicht weit der Stadt, so lautete die Kunde, seien die Schiffe einer Wikingerflotte gesichtet worden und die Waräger, wie die schwedischen Seekrieger hier im Osten genannt wurden, waren weit gefürchtet. Viele hatten sich an den Gestaden des Kiewer Reiches und anderer Küstengebiete der Ostsee angesiedelt und brachen nun von dort, über die Flüsse des Landes, immer weiter nach Osten zu ihren Raubfahrten auf. Der Ruhm und vor allem die Berichte über die Schreckenstaten dieser blutrünstigen Krieger aus dem Norden, waren sogar schon bis nach Bagdad vorgedrungen.

 

Die Waräger hatten ihre Schiffe am Ufer der Wolga an Land gezogen. So schnell wie die Kunde ihrer Ankunft, so schnell verbreitete sich auch der Name des Anführers der gefürchteten Seekrieger in den Städten und Dörfern zu beiden Seiten des Wolgastrandes. Es war der Seekönig Gorm, den man den Wolf nannte. Sein besonders rotes Haar glich, im Schein der Sonne, einem lodernden Feuer und sein übler Ruf eilte ihm voraus. So wuchs die Angst der Menschen, denn die Überfälle der Nordmänner waren in dieser Gegend nicht ungewöhnlich und ein jeder wusste was ihn erwartete, würden die Waräger losschlagen. Nicht mehr als ihre Anzahl und die dicken Mauern ihrer Städte, hatten die Steppenbewohner den groß gewachsenen, meist hellhaarigen Kriegern entgegen zusetzen. Axt und Schwert beherrschten die Fremden wie kaum ein anderes Kriegervolk. Speer und Pfeil verfehlten selten ihr Ziel und ihr Mut, sowie die Todesverachtung waren ihre besten Waffen. Natürlich gab es Nordleute, meist Dorfbewohner, die nur selten auf Raubfahrten gingen, da sie Bauern waren. Doch die Seekönige, die mit ihren Flotten von Küste zu Küste zogen, die auf den Flüssen weit in das Landesinnere segelten, waren grausame Piraten und verbreiteten viel Unheil. Nicht einmal die Stromschnellen des Dnjepr hielten sie auf, wenn sie von reicher Beute erfuhren. Weit zogen sie dann ihre Schiffe über hölzerne Stämme auf dem Land, bis sie wieder einen schiffbaren Fluss erreichten, der sie zu den reichen Städten führte. Überraschend erschienen sie dann vor den Toren, um die Städte und Handelplätze zu plündern. Gab es kein wehrhaftes Heer, das zum Schutz der Stadt diente, krähte schnell der rote Hahn auf den Dächern. Tod und Verderben brachten die Waräger dann in Windeseile über sie. Und jeden, der nicht schnell genug die Flucht ergriff, schlugen sie mit ihren Schwertern und Äxten nieder. Weiber wurden vergewaltigt und viel Volk schleppten die Nordmänner in die Sklaverei oder auf den Opferaltar. 

 

 

Ein solch grausamer Seekönig war Gorm der Wolf. Schnell hatten seine Männer die Zelte errichtet, die Feuer entzündet und an geeigneter Stelle das große Lager erbaut.

 

Das Banner des Seekönigs, das gerade noch am Mast des Drachenschiffes wehte, flatterte nun über dem großen Zelt des Anführers. Hinter den Mauern der Stadt aber, saß der Chasarenfürst und beriet sich mit seinen Vertrauten, was zu tun sei, um einen Angriff der wilden Krieger abzuwenden. Denn obwohl Etil gut befestigt war, zweifelte doch niemand daran, dass es den Warägern gelingen würde in die Stadt einzudringen.

 

Doch die Tage vergingen und zur Verwunderung aller erfolgte kein Angriff und die Späher berichteten davon, dass die Nordmänner an jedem Abend zwar wild feierten, aber keine Vorbereitungen für einen Kampf trafen. Betrunken vergnügten sich die Kerle mit ihren Weibern, die sie mit sich führten. Den Frauen der Hauptmänner, die mit ihren Gemahlen segelten und natürlich den vielen Sklavinnen.

 

Auch Gorm selbst hatte sein Weib Namens Gunhild und eine zweite Nebenfrau bei sich. Diese bewohnten mit den anderen Frauen in einem gesonderten Teil des Lagers, eigene große Zelte.

 

Heftiger Regen prasselte auf die Plane des großen Fürstenzeltes nieder, als Gorm seine Hauptleute zur Beratung rief. Es waren sechs stattliche Krieger, die nach und nach in das Zelt traten. Als alle versammelt waren, schickte Gorm seine Frauen hinaus und ein Blick des Jarls Ingmar, den man den Zornigen nannte, traf den der Herja, die die Zweitfrau des Gorm war. Und der Hauch eines Lächelns huschte über das windgegerbte Gesicht des rauen Kriegers.

 

„Es ist an der Zeit nach Känugard[1] weiter zu ziehen, denn dort will ich dem Fürsten dieses Reiches meine Aufwartung machen.“ Da bereitete Jarl Ingmar seinem Beinamen alle Ehre. „Nach Känugard soll uns der Weg führen!“ rief er erzürnt. Seine blauen Augen glänzten und sein wütender Widerstand gegen den Seekönig war laut und heftig.

 

„Mich dürstet es nach Gold und Silber, nicht nach einem weichen Bett!“ Er sah die anderen Jarle fordernd an und hoffte auf ihren Beistand. „Ein paar Ziegen sind keine Beute für einen Raubzug. Ich will als reicher Mann in das Nordland zurückkehren!“ Die Anwesenden nickten, sahen ihren Anführer streng an und ließen keinen Zweifel daran, dass sie der gleichen Meinung wie Ingmar waren.

 

„Von der Stadt Miklagard[2] sprach mein Vater Rhörik und riet mir zu dieser Wikingfahrt. Ich hoffte, dass dies unser Ziel sein wird, Gorm! Eine Stadt, reich und angefüllt mit Schätzen des Orients. Mit dicken Mauern zwar, aber nicht uneinnehmbar“, schwärmte der Seekrieger. „Von einem mutigen König geführt, sollen unsere Schiffe von dort voll beladen nach Nordland heim segeln!“

 

Da erhob sich Gorm wütend und fuhr Jarl Ingmar über das Maul. „Wirfst du mir etwa Feigheit vor, Ingmar?“ rief nun Gorm erbost und konnte nur mit Mühe von den anderen Jarlen zurück gehalten werden. „Hüte deine Zunge oder ich lasse sie herausschneiden und stecke sie dir in deinen Arsch!“ Dann wandte er sich den anderen Hauptleuten zu und sprach nun in ruhigerem Tonfall. „Auch ich will einmal nach Miklagard. Doch noch nicht jetzt, da unsere Flotte noch zu schwach ist, als das wir die Stadt nehmen könnten. Der Fürst von Känugard aber hat, wie ich hörte, viele Waräger in seiner Gefolgschaft. Er gab ihnen Land und nun sind sie seine Untertanen.“ Er sah Ingmar versöhnlich an und sprach: „Glaube mir, auch mich dürstet es nach Silber und Gold. Und beim Odin, unsere Flotte wird wachsen!“ König Gorm nahm wieder auf seinem, mit Drachen- und Schlangenschnitzereien verzierten Hochstuhl platz.

 

„Nach Känugard also“, sagte er bestimmt und nahm den Männern die Entscheidung ab. „Wenn der Mond seine volle Rundung erreicht!“ Die Jarle nickten und stimmten ihrem König zu. Außer Jarl Ingmar, der schaute finster drein, als er das Zelt seines Gefolgsherrn verließ. Kaum waren die Warägergrafen gegangen, trat ein Weib vor den Hochstuhl des Seekönigs. Sie war groß und kräftig gewachsen und zählte schon mehr als vierzig Sommer und Winter.

 

„Thorhild!“ „Was willst du?“ fragte Gorm streng. „Ich habe dich nicht rufen lassen.“

 

„Ich bin die Heilerin, das Totenweib und deine Seherin. Wenn die Götter mit mir sprechen, so trete ich vor meinen König“, sprach die Frau frech und mit sichtlich fehlendem Respekt. „Dein Nebenweib Herja“, sagte sie erst leise, als hätte sie ein Geheimnis zu verkünden, um dann mit gewaltiger Stimme fortzufahren, „sie spreizt für einen anderen ihre Beine und hat das Zelt des Nebenbuhlers betreten!“ Da wurde Gorm hellhörig. „Was sprichst du da, Seherin? Dies ist eine schwere Anschuldigung!“

 

„Ich sah keinen Beweis dafür. Doch die Knochen sagen es!“

 

„Du hast dies aus ein paar alten Gebeinen gelesen?“ Gorm wurde böse. „Willst du den Zeichen der Götter keinen Glauben mehr schenken, König Gorm?“ fragte die Seherin forsch. „Du musst sie auf die Probe stellen. Soll sie ihre Unschuld in kochendem Wasser beweisen!“ Der König lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und nickte. „Doch noch mehr sah ich! Seekönig Gorm, hüte dich vor den Deinen! Odin dürstet es nach deiner Gesellschaft!“

 

„Was redest du da, Weib?“ sprach der Warägerkönig immer noch verärgert, doch seine Gedanken schienen längst nicht mehr bei den Worten der Seherin zu sein.

 

„Die doppelschneidige Axt der Hel sah ich über deinem Haupt und die Knochen zeigen einen falschen Freund an deiner Seite, Herr!“

 

Da sprang der Wikingerfürst von seinem hölzernen Thron auf und stürmte aus seinem Zelt hinaus ins Freie. Mit schnellem Schritt, begab er sich zu dem Zelt, das seine Frauen bewohnten. Er riss die Plane beiseite und Gunhild seine Gattin sah ihn erstaunt an, doch trat Gorm vor Herja die sofort von der Liege hochfuhr, auf der sie saß und ihr schönes, langes Haar kämmte. „Du Weib!“ rief er zornig. „Sage mir hier vor der Gunhild. Ist es wahr, das du dich einem anderen Kerl hingegeben hast?“ Ein stechender, fragender Blick bohrte sich in das Antlitz des jungen Weibes. Doch die hellblauen Augen der Frau, die von der Göttin Freya mit besonderer Schönheit beschenkt worden war, hielten dem Blick ihres Herrn und Gatten stand. Aber sie blieb stumm, wie ein Fisch. Da trat Gorm dem Weib ganz nah, so das sich ihre Nasen fast berührten. „Es wird dir Ehebruch vorgeworfen“, sagte er mit zusammen gekniffenen Augen. „So werde ich dich auf die Probe stellen, Herja!“

 

Das Gesicht der Schönen wurde bleich, doch sie schwieg beharrlich. Wütend verließ der König das Frauenzelt und rief nach einem der Wächter. „Suche mir einen zweiten Seher“, befahl er barsch. „Wenn die Weissagung der Thorhild stimmt, muss ein anderer Seher sie mir bestätigen können!“

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