Titel

Überrollt - Ein Trainspotter-Krimi

Leseprobe

Urheber
Harald Hechler

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
252
Sprache
Deutsch
Format
12 x 18,8 cm
ISBN
978-3-8391-9954-1
Preis
€ 15,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Thomas Meyer ist Single, Eisenbahnfan und kein besonders ehrgeiziger Mensch. Weder diese Tatsachen noch sein wenig aufregendes Berufsleben in einer Postagentur machen ihn wirklich glücklich. Die meiste Zeit außerhalb der Post verbringt er in Lokschuppen online , einem Internetforum für Eisenbahnfreaks. Oder mit seinem Kumpel Heiner.

Als ein anderer Bahnfan beim Fotografieren unter einen Zug gerät, wird das dröge Dasein des Thomas Meyer mit einem Mal mörderisch aufregend.Ein Krimi nicht nur für Eisenbahnfreaks, Trainspotter und Bahnfuzzies.

Leseprobe

Günther öffnete die Augen. Er saß mit ausgestreckten Beinen wie ein kleines Kind irgendwo im Dunkeln. Ihm war so übel. Schwindel überkam ihn. Mit seinem Kopf war irgend etwas verkehrt. Ein entsetzlicher Druck auf dem Schädel.

Er versuchte etwas zu erkennen, aber auf dem rechten Auge sah er nur wild wirbelnde Funken, während das linke hilflos in der Finsternis herumsuchte. Er saß leicht vornübergebeugt und aus einem unbekannten Grund schien sein Körper ihm nicht zu gehorchen. Er versuchte den Kopf zu heben, was ein fürchterliches Dröhnen verursachte, die Übelkeit schwoll gleichzeitig zu einem ekelhaften Brechreiz an. Für einen kurzen Moment kehrte Klarheit in das geschundene, angeschwollene, schwer verletzte Hirn von Günther Neufeld, als ihm klar wurde, daß er komplett bewegungsunfähig irgendwo mitten in der Dunkelheit saß. Die Klarheit steigerte sich zu wilder Panik, als er durch das Brummen in seinem Kopf ein anderes Geräusch erkannte. Ein feines, anschwellendes Sirren, das links und rechts von ihm beständig lauter wurde.

Als ihm klar wurde, daß er mitten im Gleis saß, versuchte er zu schreien. Aber es kam nur ein gurgelndes Krächzen aus seiner brennenden Kehle. Voller Verzweiflung versuchte er seinen Körper wieder unter Kontrolle zu bringen. Weg hier! Schnell weg...! Sein Kopf ruckte im krampfhaften Bemühen nach Bewegung nach oben, durch die nächste Woge der Übelkeit und die Störfeuer des rechten Auges hindurch sah er drei vom Blut in seinem Auge gespenstisch rot wirkende Lichter in perfekter Dreiecksformation, leicht nach links geneigt in einer sauberen Kreisbahn auf sich zufliegen. Das Singen der Schienen an seinen Seiten war zusammen mit einem schmerzhaft lauten mehrstimmigen Trompetenton zu einer entsetzlichen Kakophonie angeschwollen. Dann erfasste ihn eine plötzliche Gelassenheit, als sein Körper im Bemühen um Linderung des Unabänderlichen Adrenalin und Endorphine ausschüttete. Einen Lidschlag später war es endlich ausgestanden.

Für die 85.000 kg Dienstgewicht einer Lokomotive der Baureihe 185 stellt ein menschlicher Körper bei einer Geschwindigkeit von gut 100 km/h kein ernstzunehmendes Hindernis dar. Der im Gleis sitzende, korpulente Mann wurde von der Pufferbohle und dem darunterliegenden Räumschild einfach in Stücke gerissen.

Erst kurz vor dem Aufprall hatte der Lokführer Marco Klamm in der durch ein größeres Gestrüpp auf der rechten Seite schlecht einsehbaren Kurve die Person mitten auf den Gleisen entdeckt. Obwohl er wußte, daß es sinnlos war, hatte er die Bremse in Notbremsstellung gerissen, den Fuß auf das Makrophonpedal gerammt und endlose Sekunden auf den unvermeidbaren Aufprall gewartet. Irgendwas klatschte an die Scheibe und hinterließ eine blutige Spur. Klamm riß das rechte Seitenfenster auf und kotzte im Fahrtwind nach hinten gegen den Lokkasten.

Der Zug kam mit kreischenden Bremsen und Funken ziehenden Rädern ein ganzes Stück weit hinter der Aufprallstelle zum Stehen. Wie in Trance machte er die Handgriffe zur Sicherung des Zuges, meldete über Bahnfunk einen Personenunfall und die ungefähre Kilometrierung, riß die Handlampe aus ihrer Halterung und fiel beinahe die Aufstiegsleiter an der Führerstandstür herunter. Er wußte, was er nun zu tun hatte und das ließ seinen Mageninhalt schon wieder nach oben wandern. Aber Dienstvorschrift war Dienstvorschrift.

Bis er endlich zitternd durch den Schotter stapfend das Ende des langen Güterzuges erreicht hatte, hörte er bereits in der Ferne die Martinshörner der anrückenden Bundespolizei, von Feuerwehr und Rettungswagen. Ein ganzes Stück hinter dem als dunkler Lindwurm in der Nacht lauernden Güterzug erfasste der Lichtkegel seiner Taschenlampe ein erstes Objekt im Gleis.

In diesem Augenblick brannte sich der Anblick eines sauber geschnürten Halbschuhes unauslöschlich in die Erinnerung des Eisenbahners im Betriebsdienstes Marco Klamm aus Aue im Erzgebirge ein. Oder vielmehr der des Beinstumpfes, der grotesk aus dem Schuh ragte, mit einem ausgefaserten, blutigen, sinnlosen Ende. Eine bizarre Blüte des Grauens.

Klamm taumelte ein paar Schritte zurück, strauchelte im Schotter und landete unsanft auf dem Hintern. Er blieb sitzen, schlang die Arme um den Körper und begann zu weinen.

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