Titel

Tod am Mekong
Eine Thailand Road-Story

Leseprobe

Urheber
Andreas Tietjen

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
284
Sprache
Deutsch
Format
12 x 19 cm
ISBN
978-3-8334-4191-2
Preis
€ 16,80 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet
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Was als ein erholsamer Badeurlaub auf der Ferieninsel Phuket geplant war, entwickelte sich für den Hamburger Architekten Thomas Defries zu einer turbulenten ›Road-Story‹ quer durch Thailand, bis in den äußersten Nordosten, den Isaan.
Ein Junky, ein cholerischer Manager, ein thailändischer Hotelboy und, nicht zuletzt, eine Gangsterbande aus Bangkok kreuzen dabei ständig ihre und seine Wege.
Ihre verschiedenen Sichtweisen und Erlebnisse geben dem Leser einen spannenden Blick auf Land und Leute.

Leseprobe

Am Nachmittag trafen sie sich mit Chai. Sie fuhren in dem alten Toyota zum ›Lumpini-Park‹ und machten einen Spaziergang durch die schöne Gartenanlage. Sie beobachteten, wie ein etwa zwei Meter langer Varan eine Ente mitten im Parkgelände zerfetzte und verschlang. Keiner der zahlreichen Besucher des Parks störte sich besonders daran! Dann bummelten sie noch ein wenig durch die angrenzenden Straßen des Stadtteils Silom und aßen an einer Strassenküche leckere Nudelsuppe mit Schweinefleisch. Es war ein schöner Ausflug, aber die Stimmung der drei war schon sehr von der bevorstehenden Abreise geprägt. Ständig sah einer von ihnen auf die Armbanduhr oder fragte ›hast du dies eingepackt? - hast du daran gedacht?‹. Es war für alle drei in gewisser Weise erleichternd, als sie endlich wieder am Hotel angelangt waren. 

Nach einer kurzen Abschieds-Szene stand Thomas plötzlich ganz alleine vor dem Hoteleingang und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Obwohl er mit Nils ausgiebig über den weiteren Verlauf des Urlaubs gesprochen und eigentlich auch überhaupt keine Bedenken hatte, dass er mit der neuen Situation nicht umgehen könnte, fühlte er sich im Augenblick ziemlich verloren in dieser fremden Welt. 

Thomas beschloss, sich noch etwas die Beine zu vertreten und bummelte die Sukhumvit Road entlang. Er sah sich die vielen, bunten Auslagen der unzähligen Verkaufsstände an. Eine lange Cargo-Hose, aus einem leichten Baumwollstoff, hatte es ihm angetan. Nun kam der große Moment, wo er das erste Mal in diesem fremden Land feilschen musste. Es ging noch ganz harmlos los, mit: ›How much?‹ und ›Oh, no! 400 Baht is too much!‹ 

Der kleinwüchsige Verkäufer tippte wie ein Wilder auf seinem riesigen Taschenrechner herum und zeigte Thomas dann seine Preisvorstellungen auf dem Display. »No mistääh! Cannot do hundred-fifty! Give me more, mistääh!« lamentierte er. 

Nun zündete Thomas die zweite Stufe der Rakete. Er machte ein zerknittertes, schmerzverzerrtes Gesicht und log: »I am a poor student from Finland! I have ten children!« 

Der Thailänder fing an zu lachen und antwortete: »I have twenty children, mistääh! Cannot do hundred-fifty! Give me tree-hundred, mistääh, please!« 

»My wife is in hospital!« insistierte Thomas grinsend, »I must pay for the doctor! Doctor is very expensive!« 

Nun konnte sich der Verkäufer kaum noch halten vor lachen. Sie einigten sich auf 200 Baht, und sie konnten beide wirklich zufrieden mit ihrem Geschäft sein. Und das wichtigste war dabei, dass sie beide ›Sanuk‹ - Spass - gehabt haben. 

Es war zwar noch nicht so spät, aber Thomas beschloss trotzdem auf sein Zimmer zu gehen. Er hatte Lust ein wenig Fern zu sehen, die Mini-Bar zu plündern und am nächsten Morgen zeitig aufzustehen. Also lenkte er seine Füße den inzwischen vertrauten Weg entlang zum Fahrstuhl. Wie kaum anders zu erwarten hatte der Liftboy Khun Bom wieder Dienst und begrüßte ihn wie einen alten Freund. Er öffnete die Fahrstuhltür und lies Thomas einsteigen. Doch ganz unerwartet stieg er mit in den Lift und drückt rasch den Schließ-Knopf. Dann fragte er den verdutzten Thomas: »You want a lady? Very nice lady! No problem!« 

Thomas war völlig irritiert, ein Bisschen empört, ängstlich. Er starrte Khun Bom an ohne zu antworten. Dieser klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter und erklärte ihm lächelnd, dass das ganz normal wäre hier in Bangkok. »No problem!« wiederholte er beschwichtigend, »only take away lonelyness.« 

Thomas hatte noch nie etwas mit einer Prostituierten zu tun gehabt. Irgendwie passte das überhaupt nicht in sein Welt- und Wertebild. Er fand die Vorstellung immer abstoßend. Aber je mehr der gute Bom auf ihn einredete, desto unsicherer wurde er. ›Warum eigentlich nicht?‹ fragte er sich schließlich. Er hatte seit einer Ewigkeit nicht mehr mit einer Frau geschlafen. Er hielt sich eigentlich nicht für prüde, war vielleicht etwas verklemmt in verschiedenen Dingen. Wer sollte es ihm übel nehmen, oder aus welchen Gründen auch Vorwürfe machen?! 

»How much?« hörte er sich sagen und erschrak bei seinen eigenen Worten. ›How much‹, mein Gott war das billig! Das war wohl die schlechteste Frage seines Lebens! ›Thomas wie tief bist Du gesunken?!‹ 

Khun Bom fand allerdings überhaupt nichts Schlimmes an der Frage und nannte ohne zu zögern einen Preis: 1.500 Baht. Dann kam er ganz schnell zur Sache, denn die Fahrstuhltür öffnete sich bereits mit dem vertrauten ›Bing!‹. Während er den Finger auf dem ›Öffnen‹-Knopf gedrückt hielt redete er weiter beruhigend auf das Nervenbündel Thomas ein und versprach ihm, dass er ihm ein ganz besonders nettes Mädchen schicken, und dass Thomas die Sache bestimmt nicht bereuen würde. 

Thomas stolperte in sein Zimmer und war völlig aufgeregt. Ihm schossen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Dann fiel sein Blick auf die Mini-Bar und er nahm sich erst einmal einen Flachmann ›Regency‹ heraus und goß sich einen ordentlichen Schluck davon in ein Glas. Er spülte den ekelig synthetisch schmeckenden Schnaps in einem Schluck herunter, schüttelte sich und ging ins Bad. ›Erst einmal Duschen,‹ dachte er, ›so verschwitzt kann ich doch keiner Frau gegenüber treten.‹ Er hatte sich von Khun Bom ein Stunde Zeitvorsprung erbeten, doch diese Zeit wurde jetzt zu einer Ewigkeit. Nervös ging er im Zimmer auf und ab. Sollte er die Bettdecke aufklappen, oder sähe das zu eindeutig nach dem aus, was es ja eigentlich war? Sollte er der Dame zuerst etwas zu Trinken anbieten? Wenn ja, was? Whisky? Das war ja wohl nicht das Richtige. Tee! Das wär´s! Tee bekommt man hier in Thailand zu jeder Gelegenheit. Tee ist unverfänglich. Auf der Anrichte über der Mini-Bar befand sich ein

 Wasserkocher, zwei Tassen und zwei Teebeutel. Problem gelöst, Gott sei dank! Aber das Licht! Welche Leuchten sollte er einschalten? Es durfte nicht zu hell sein, aber auch nicht zu dunkel. Thomas rannte durch den Raum und knipste die Stehlampe an. Jetzt noch die Deckenbeleuchtung aus...es klopfte! Scheiße! ›Was mach ich jetzt?!‹  

Er stand da wie angewurzelt, starrte die Tür an. ›Pock pock pock!‹ Er musste etwas tun! Fünf Schritte, dann war er bei der Tür. Er öffnete sie mit einem Schwung. Vor ihm stand ein junges Mädchen, vielleicht 20 Jahre alt, grinste ihn an. »Hello, I´ m Noi.« Sie huschte an ihm vorbei, musterte den Raum kurz und warf einen Stoffbeutel lässig auf den Stuhl. Dann verschwand sie im Bad. Thomas schloss die Tür und flüsterte vor sich hin »Hello Noi, nice to meet you.« 

Noi planschte etwa 10 Minuten lang im Bad und kam dann in ein großes, weißes Hotel-Badehandtuch gewickelt heraus. Sie ging auf Thomas zu, nahm ihn am Ellenbogen und führte ihn lächelnd, mit sanftem Druck ebenfalls ins Bad. »Ich hab gerade...« murmelte er auf Deutsch, fügte sich dann aber und duschte sich artig erneut ab. Das Handtuch um die Hüfte gewickelt kam er ins Zimmer zurück. Noi lag unter der Decke, das Licht im Raum war, bis auf ein Notlicht, das rot schimmert, ausgeschaltet. 

»Do you want to drink anything?« fragte Thomas unsicher. Noi deutete auf eine geöffnete Cola-Dose, die Thomas nun konturenhaft auf dem Nachttisch erkennen konnte und sagte: »Hep dlink, Colaaa.« 

So, das wäre geklärt, aber was jetzt? Thomas stand bewegungslos neben dem Bett.

 

***** 

 

Gegen 11 Uhr wurde Thomas wach. Sein Schädel dröhnte pulsierend. Es tat sehr doll weh, als Thomas sich aufrichtete, um aus seinem Tagesrucksack ein paar Aspirin-Tabletten zu holen! Er fühlte sich, auch in Erinnerung an den vergangenen Tag, so elend, dass er sich am liebsten noch einmal bei allen Leuten, denen er bisher in Thailand begegnet war entschuldigen, und dann den nächsten Flieger zurück nach Deutschland nehmen würde. Deutschland, das schien ihm jetzt eine Ewigkeit entfernt. Was sollte er jetzt in Deutschland anfangen? Thomas wollte nicht weiter nachdenken. Dieser Urlaub hatte sich nach so wenigen Tagen zu solch einem Chaos entwickelt, aber an zu Hause mochte er auch nicht erinnert werden.  

Die Tabletten fingen an zu wirken. Thomas war wütend auf sich selbst. Wie konnte er nur so die Kontrolle über sich verlieren! Beherzt sprang er aus dem Bett, ging unter die Dusche und machte sich frisch für einen neuen Tag. 

Als er im Erdgeschoss aus dem Fahrstuhl trat war Khun Bom zum Glück nicht zu sehen. Das Frühstücksbuffet war um diese Uhrzeit natürlich längst abgeräumt. Er verließ das Hotel und steuerte auf einen Taxistand zu. Dem Fahrer braucht er nur ›Kao Sarn Road‹ zu sagen, diese Straße kannte jeder in Bangkok. Die Kao Sarn Road war DIE Traveler-Straße schlechthin. Berühmt lange vor Alex Garlands ›The Beach‹ tummelten sich hier all die Touristen, die als Rucksackreisenden ohne Rücksicht auf die Kultur und die Empfindsamkeiten der Einheimischen ihre eigene, gepiercte und tätowierte Weltanschauung in die Gegend blakten. Hier gab es alle Annehmlichkeiten, auf die ein verwöhnter Weltenbummler nicht verzichten konnte: westliches Essen, Pubs mit Fußball vom Breitwandbildschirm, Pop-Musik vom Feinsten, tollen Modeschmuck, billige Klamotten, gefälschte Studenten- oder Presseausweise, etwas zu Kiffen und - natürlich - westliches Frühstück von morgens bis nach Mitternacht.  

Thomas setzte sich in einem der Restaurants, Pubs, Bistros, oder was auch immer das sein sollte, an einen Tisch direkt an der Straße. Aus den viel zu großen Lautsprechern plärrte viel zu laut die viel zu nervige Musik von Robby Williams. Eine unfreundliche, dicke Frau kam an den Tisch und brachte wortlos eine zerfetzte, laminierte Speisekarte. Thomas wählte ein Käse-Sandwich, Kaffee und Wassermelonen-Shake. Der Laden war einfach unmöglich, aber das Frühstück war super! Die Leute waren weiterhin unfreundlich aber Thomas Stimmung wurde von Minute zu Minute besser. Er riskierte einen Satz auf Thai, den er im Laufe der letzten Tage aufgeschnappt hatte, und der ihm jetzt gerade einfiel: »Aroi maak!« - »Schmeckt sehr gut!«. Als wenn jemand in einer stürmischen Gewitternacht den Strom wieder eingeschaltet hätte, erleuchtete ein Lächeln das Gesicht der Dicken. »Khop khun khaa!« Dabei lächelte sie Thomas an, als wenn sie verliebt in ihn wäre. Von dem Moment an bedachte sie ihn mit allen erdenklichen Aufmerksamkeiten. Sogar den völlig unbenutzten Aschenbecher wechselte sie gegen einen frischen aus. 

Der Wassermelonen-Shake erfrischte herrlich. Eine perfekte Medizin gegen den Kater vom Vortag und gegen die inzwischen sengende Hitze der Mittagszeit. Thomas beobachtete das Treiben auf der Traveler-Straße und schlürfte einen Shake nach dem anderen. Plötzlich hielt ein Motorrad knatternd direkt vor seinem Tisch an. Es war ein Polizist in seiner typischen, martialischen Uniform, die stark an die fiesen amerikanischen Cop-Uniformen erinnerten. Naja, und die braunen Farbe...! Dazu kam die Sonnenbrille und die überdimensionale Revolver-Pistole. Kurz: Eine Furcht erregende Gestalt! Er blieb auf seinem Motorrad sitzen und redete laut mit der dicken Frau aus dem Restaurant. Ein weiteres Motorrad hielt an, der Polizist darauf grüßte respektvoll und es wurden Dokumente ausgetauscht, scheinbar auch Anweisungen erteilt. In kürzester Zeit fanden sich drei, vier Polizisten ein und die gleiche Prozedur wiederholte sich. Unser Cop schien dabei der höchste Dienstgrad zu sein, vielleicht auch der

 Chef der Truppe. Die ganze Szene machte einen etwas beunruhigenden, wenn nicht sogar beängstigenden Eindruck auf Thomas. Die Typen sahen aus, als würden sie erst schießen und dann fragen was los ist. 

Die Dicke kam aus der Küche mit einem vielleicht 1 1/2 jährigen Säugling auf dem Arm und ging damit auf den Polizisten zu. Der nahm aus einem Fach unter seinem Sitz ein Tuch, einen Lappen, schüttelte ihn aus, klopfte den Dreck mit den Händen ab, faltete ihn sorgsam und breitete ihn auf dem Tank des Motorrades aus. Dann nahm er den Jungen entgegen und setzte ihn vor sich auf den Tank. Er nahm die fürchterliche Sonnenbrille ab und ein herzerwärmendes Lächeln strahlte stolz in Thomas Richtung. Was für eine Verwandlung! Thomas lächelte gerührt zurück und nickte freundlich. Der Polizist sagte stolz »My son!« und hielt sich die ausgespreizte Hand vor die Brust. Thomas erwiderte: »lovely!« 

 

***** 

 

Dr. Markus Grünzel war genervt. Nachdem er 11 Stunden lang das Geschnatter und Gekicher zweier Schwarz-Afrikaner in der Sitzreihe vor ihm ertragen musste, die sich wie Kinder benahmen, wie dumme Kinder, stand er jetzt schon seit einer 3/4 Stunde an der Passabfertigung. Seitdem klar war, dass der neue internationale Airport Suvarnabhumi genügend Kapazität besitzen würde um spielend mit dem gesamten Flugverkehr des Drehkreuzes Bangkok fertig zu werden, verkam der gute alte Don Muang Airport zusehends und die Motivation der tausenden von Bediensteten ließ noch mehr zu wünschen übrig als zuvor.  

Dr. Grünzel hatte einen teuren Business-Class Sitz bei Lufthansa gebucht. Geflogen war er schließlich aber mit der Partner-Airline Thai Airways. Es passte ihm überhaupt nicht, sich mit einer ›3. Welt-Fluglinie‹ zufrieden geben zu müssen, auch wenn er sich eingestehen musste, dass die Maschine und auch die Crew einen ausgezeichneten Eindruck machten. Aber die Afrikaner vor ihm hatten ihn fast zur Raserei gebracht. 

Nun stand er also seit fast einer Stunde zusammen mit hunderten von Passagieren in einer Schlange vor der Passabfertigung und der einzige Beamte hatte alle Zeit der Welt. Ab und zu stand der auf, schlenderte ganz ruhig zu einem Glaskasten am Ende der Halle, die im übrigen 10 weitere unbesetzte Abfertigungsschalter hatte, plauderte ein paar Worte mit den dort vergnügt schwatzenden Kollegen, füllte sich ein Glas mit Eiswasser und bewegte sich genauso gelassen wieder zurück zu seinem Platz. Die Halle war tief gekühlt und trotzdem stank es nach dem Schweiß der vielen wartenden Menschen. Kinder plärrten, ihre Eltern brüllten sie an, es herrschte eine gereizte Atmosphäre. Der gereizteste von allen war Dr. Grünzel.  

Endlich war er an der Reihe. Er schaffte es nicht sich zu beherrschen und die Prozedur einfach über sich ergehen zu lassen. Nein, er musste einfach Dampf ablassen und dem Passbeamten seine Meinung über diesen Flughafen mitteilen. Einem Airport, der sich ›International Airport‹ nannte, und in dem Raucher in wenige, total vernebelte, stinkende Glaskästen gezwungen wurden. In dem eine chaotische Beschilderung die viel zu vielen Reisenden in die Irre führte, und in dem man als reicher Business-Class-Flieger von den Beamten der Passabfertigung behandelt wurde wie der letzte Dritte-Welt-Abschaum. 

Der Beamte hörte sich Dr. Grünzels Ausführungen aufmerksam an und fragte dann ganz ruhig nach dem Zweck seines Aufenthalts. Als Dr. Grünzel als Grund »Business« nannte, fragte der Beamte neugierig »what kind of business?« 

Grünzel war auf diese Frage einfach nicht vorbereitet. Erneut entfuhr ihm ein Schwall sehr deutlicher, aber offenbar nicht eindeutiger Worte, was der Beamte offensichtlich zum Vorwand nahm, ihn zu einer eingehenden Befragung durch einen höherrangigen Kollegen in einen ›VIP‹-Raum zu bitten. Diese Befragung schließlich erstreckte sich auf weitere zweieinhalb Stunden. In dieser Zeit gelang es dann Dr. Grünzel doch seine Beherrschung wieder zu gewinnen, sehr charmante Worte der Entschuldigung zu formulieren und nicht zuletzt zu begreifen, dass er sich in einem fremden Land befand, dass ihm seine Gastfreundschaft freiwillig anbot, und dieses Angebot auch jederzeit wieder zurück nehmen konnte. 

Als er nach so langer Zeit erschöpft und durchgeschwitzt, mit einem 6 Wochen gültigen Visum seine Einreise vollzog, war das Gepäckband selbstverständlich längst mit dem Hab und Gut von später eingetroffenen Reisenden gefüllt. Doch sein Koffer fand sich sehr schnell beim Zoll wieder. Er war geöffnet und gründlich durchsucht worden. Nur schließen ließ er sich offensichtlich nicht mehr richtig, was vielleicht eine Erklärung dafür war, dass der Ärmel eines seiner ›Ignatious-Joseph‹ Hemden seitlich aus dem leicht verbogenen Schließprofil des Koffers heraus hing und auf dem Boden schleifte. Dr. Grünzel konnte sich nicht erinnern, dass er sich jemals so fix und fertig gefühlt hatte. Mit einem gequälten »thank you« nahm er das verbeulte Gepäckstück an sich und schleifte es hinter sich her in Richtung Ausgang. Dr. Grünzels Reise war bei einer Hamburger Agentur, die ihm schon seit Jahren alle Geschäftsreisen organisiert hatte, gebucht worden. Es war ihm dort hoch und heilig zugesichert worden,

 dass er von einer klimatisierten Limousine, gesteuert von einem zivilisierten, englisch sprechenden Fahrer abgeholt, und zu seinem Hotel gebracht werden würde. Und tatsächlich war er stundenlang im gesamten Flughafengebäude ausgerufen worden. Und ein mit den Landessitten vertrauter Mensch hätte immernoch die, inzwischen fast flehende, Lautsprecherdurchsage, mit der Suche nach »Mr. Gunsäh flom Flänkfööht«, einem Herrn Grünzel aus Frankfurt zuordnen können. 

Nach diesem wirklich gründlich misslungenen Start in ein neues unbekanntes Land nahm Dr. Grünzel bereitwillig das Angebot an, ein relativ ›einfaches‹ Zimmer in dem völlig entlegenen Hotel Maenam für 65 $ zu beziehen. Einem Hotel im Stadtteil Bang Kholem, zu dem ihn der total verblödete Taxifahrer gefahren hatte, weil dieser nicht wusste dass es ein Hotel Dusit Thani gab und dass Dr. Grünzel sein dort gebuchtes Zimmer bereits im Voraus bezahlt hatte. 

Grünzel warf seinen Koffer und das Cabincase auf eines der beiden Betten und sich selber auf das andere Bett. Im Liegen entfernte er die Krawatte und öffnete sein Hemd. »So eine verdammte Scheiße!« hauchte er erschöpft. »Sollen die Dich verdammtes Arschloch doch aufhängen! Seit Deiner verfluchten Geburt vor 25 Jahren versaust Du mir mein ganzes Leben!« Grünzel musste einen Kloss im Hals herunterkämpfen. Eine Träne im rechten Auge verriet, dass er einen absoluten Tiefpunkt in seinem Karriere-Leben erreicht hatte.  

Seine verzweifelte Wut galt seinem eigenen Sohn Florian. Der Junge hatte schon angefangen zu lügen als andere Kinder gerade einmal Papa sagen konnten. Er sah schon als Vorschüler nach dem aus, was aus ihm später einmal werden sollte: ein Totalversager. Er war der Schwänzer, Petzer, Erwischenlasser und Mickerling der jedem Menschen schon durch seine Anwesenheit auf die Nerven ging. Er bekam die gesamte Prügel seiner Schule ab, und weiß Gott, er hatte sie komplett verdient. Im Alter von 11 Jahren soff er schon heimlich Fusel mit den Pennern vom Hauptbahnhof und bereits mit 14 drückte er sich seine erste Spritze.  

Dr. Markus Grünzel stand als Vorstand eines international verflochtenen Konzerns im Rampenlicht. Er hatte unzählige Auftritte in den Medien und natürlich vor der Elite der Wirtschaft. Er war stolz darauf, als promovierter Wirtschaftswissenschaftler in die Spitze der Wirtschaftslenker vorgestoßen zu sein, als Macher, der sich in allen relevanten Fragen bestens auskannte, anerkannt zu sein. Doch immer wieder hatte sein eigener Sohn seinem Ruf Schaden zugefügt. Immer wieder hatte er seine Beziehungen ausspielen müssen, um dem missratenen Sprössling aus der Patsche zu helfen. Zig tausende von D-Mark hatte er für die verschiedenen Erziehungseinrichtungen verschwendet und am Schluss doch resignierend feststellen müssen, dass das alles vergebens war. 

Nun saß Florian Grünzel in Thailand im Gefängnis und wurde des Drogenhandels beschuldigt. Jeder Mensch wusste was das bedeutet: auf den Handel mit Drogen jeder Art stand zwangsläufig die Todesstrafe! Und im Falle des Sohnes von Dr. Markus Grünzel würde darüber hinaus ein Presse-Skandal ersten Ranges drohen, was fast noch schwerwiegender war! 

Es war Grünzel bisher immer gelungen, mit vielen Euro und mit der Hilfe einiger Konzern-Justiziare mit guten Auslandskontakten, Florians Eskapaden geheim zu halten. Doch nun war seine persönliche Intervention unumgänglich. Von der ersten Information über die Verhaftung seines Sohnes bis zu der Entscheidung, selbst nach Thailand zu fliegen, hatte er gerade einmal eine halbe Stunde Bedenkzeit gehabt. Dann ging alles sehr schnell. Sein Anwalt, der gleichzeitig seine einzige Vertrauensperson war, hatte fernmündlich und per Fax alles Nötige für Grünzels Aufenthalt in Bangkok vorbereitet. Er sollte dort empfangen und ins Hotel gebracht werden. Auch einen Termin in einer Anwaltskanzlei war schon organisiert worden. Bisher hatte Dr. Grünzel allerdings den Eindruck gewinnen müssen, dass es an der gewissenhaften Umsetzung hapern würde.  

Grünzel raffte sich auf. Er entkleidete sich und ging ins Bad. Die Dusche, die er nun bitter nötig hatte, befand sich in der Badewanne und war mit einem stockigen Duschvorhang versehen. So etwas hatte er seit seinem Studium nicht mehr gesehen. Trotz seines Ekelgefühles stieg er unter die Brause und schäumte sich ein. 

In frische Wäsche gehüllt tat er etwas, was er schon seit seiner Studentenzeit nicht mehr gemacht hatte: er bestellte sich eine Flasche Scotch Whisky und einen Kübel voll Eis auf das Zimmer und betrank sich bis er einschlief. 

Gegen ein Uhr mittags wurde Grünzel von allen Geräten, die in der Lage waren Töne von sich zu geben, gleichzeitig aus dem Koma gerissen. Sein Palm weckte ihn pünktlich um 7 Uhr deutscher Zeit, sein Handy klingelte, weil man ihn im Dusit Thani Hotel, in der Rechtsanwalts Kanzlei im Stadtteil Silom, und seit einer Stunde nun endlich auch in Frankfurt als verschollen betrachtete. Die Rezeption des Maenam Hotels wollte schließlich wissen, ob er sich noch in seinem Zimmer befand und ob er dieses für eine weitere Nacht zu buchen wünschte. Grünzel verschob unter dem Vorwand unter Jetleg zu leiden alle Termine um einen Tag. Dann begab er sich ins Bad, machte sich in aller Ruhe fertig und überlegte in dieser Zeit sein weiteres Vorgehen.  

An der Rezeption mietete er einen englisch sprechenden Chauffeur und die einzige Hotel-Limousine für den Rest des Tages. Für den ganzen Rest! Die ›Limousine‹ war eine älterer Lexus und das Englisch des Chauffeurs war eine Katastrophe, aber mehr hatte Grünzel nach seinen ersten Erfahrungen in Bangkok auch nicht erwartet.  

Überrascht war er hingegen von der Versiertheit und den Kenntnissen des Fahrers. Als er sich erstmal an dessen unmögliche Aussprach und Grammatik gewöhnt hatte musste er feststellen, dass der Kerl unglaublich gut über die Bedürfnisse und Gewohnheiten von europäischen Geschäftsleuten bescheid wusste. Zielsicher fuhr er ihn zu den feinsten Geschäften der Stadt, in denen sich Grünzel mit Garderobe und einem neuen Koffer ausstattete. Einen zweiten Akku für sein Notebook fand er in kürzester Zeit in einem Shop im Siam-Center und sogar ein italienisches Restaurant erster europäischer Klasse steuerte er gezielt an. Daneben betätigte er sich als diskreter Buttler, Taschenträger und Dolmetscher. 

Am späten Abend chauffierte ihn Khun Duan, wie sich der Fahrer nannte, in einen gepflegten Massagesalon, in dem perfekt aussehende Damen, in Naturstein-Teakholz-Ambiente, kultiviert für alle möglichen Schweinereien zur Verfügung standen. Grünzel hatte seine alte Form wieder gefunden!

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