Titel

Sommerroulette

Leseprobe

Urheber
Liz Ambros

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
208
Sprache
Deutsch
Format
22 x 17 cm
ISBN
978-3-8423-4642-0
Preis
€ 12,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet


Kaufen
Buchhandel
Internetshops

www.bod.de
www.amazon.de
 

Sommerroulette ist ein erregender Gegenwartsroman über Liebe, Freundschaft, Macht, Enttäuschung und Eifersucht.
Konfliktgeladen und mit viel Gefühl bewegen sich die Charaktere in ihrem Kampf um persönliches Glück aufeinander zu.

Sie haben einen Traum: Neuanfang auf La Gomera. Für wen wird er sich erfüllen?

Leseprobe

Dick wie Zuckerguss liegt die weiße Pracht auf Dächern und Bäumen, als Tina aus der Haustür tritt. Weiße Flocken tanzen ihr ins Gesicht. Sie zieht den Pelzkragen ihrer Jacke an den Hals. Nasskalt wispert der eisige Wind um ihre Nase und der Schnee knirscht beim Laufen unter ihren Stiefeln.

 Sie geht zügig durch die Straßen, bis sie Harrys Bar erreicht. Diese angesagte In-Tränke ist ein heimeliges Refugium in ihrer Geburtsstadt Wangen im Allgäu. Mit diesem Ort der Begegnung sind Erinnerungen verbunden.

 Ralf! Himmelhölle! Eine Gänsehaut zieht sich über ihren Nacken. Sie ballt die Hand in der Jackentasche zur Faust. Ihr inneres Auge streift ihren Aufenthalt in der Reha-Klinik, ausgelöst durch eine Tragödie in ihrer harmonischen Ehe.

 Sie weigert sich, dem Lockruf ihrer Vergangenheit zu folgen. Der Wunden sind genug geleckt. Ihre Saat des Hasses ist aufgegangen. Sie hat ihr Ziel im Visier - den Verantwortlichen dieses Desasters zur Rechenschaft ziehen. Die Zeit ist reif, selbst die Regie über ihr weiteres Leben zu übernehmen.

 Mit jedem gedanklichen Schritt vorwärts fühlt sie sich kompetenter. Sie ist überzeugt, durch ihr aktives Eingreifen ihre Zukunft in die gewünschte Richtung zu lenken. Bald. Entschlossen tritt sie über die Schwelle der Bar. Getragen vom Fluidum des Erfolges.

 „Hallo, meine Schöne.“ Der Barbesitzer reicht Tina die Hand zur Begrüßung über den Tresen. „Wie geht es dir?“

„Ach, Harry Darling, ich muss wieder im Leben ankommen und tue mein Bestes.“ Tränen schimmern in ihren Augen.

„Das geht nach allem, was du durchgemacht hast, nur Stück für Stück. Du musst geduldig mit dir umgehen.“ Er streichelt mitfühlend ihre Armbeuge. „Hör auf dein Herz, Tina. Ich bin immer für dich da.“

„Danke, du bist ein Freund. Auch in finsteren Stunden.“

 „Gleichfalls. Ihr habt mir so oft geholfen.“

„Ihr? Das gibt es nicht mehr“, antwortet sie mit verbissenem Zungenschlag. „Heute ziehe ich mich in eine deiner gemütlichen Nischen zurück.“

„Warum?“ Harry refft besorgt seine Stirn.

„Ich will Licht ins Dunkel bringen. Mir über mein weiteres Vorgehen Klarheit verschaffen.“ Sie spricht für Harry in Rätseln.

„Vielleicht hilft ein Cocktail deinem Ideengeber auf die Sprünge?“

„Du kennst deine Pappenheimer. Siehst sofort, wer Kummer hat und eine Aufheiterung braucht.“ Sie schaut vertrauensvoll in sein freundliches Gesicht.

„Oder mit seiner Herzdame ausgeht, die selten seine Angetraute ist. Diskretion besitzt für mich oberste Priorität“, erwidert er gedämpft mit einem verkniffenen Lächeln.

„Welche Kreation empfiehlst du?“ Ihr Blick wandert interessiert zur reich bestückten Vitrine hinter dem Schanktisch.

„Einen Cherry Kiss zum Aufwärmen?“

„Das klingt verlockend nach flüssiger Kostbarkeit mit einer Portion Lebenselixier.“ Tina beugt sich über den Tresenrand.

 „Du bist ein begnadeter Barkeeper.“ Sie verfolgt, wie er Grenadine, Cointreau, Kirsch-, Zitronensaft, Eiswürfeln im Shaker schüttelt und den Inhalt in ein Glas, mit zuckerbestreuter Cocktailkirsche und Minzblättchen am Rand bestückt, gießt. Schwungvoll füllt er Sekt auf und reicht ihr den Flip.

 „Salute, Tina. Auf die Glücksfälle im Leben!“

„Das trifft meine Geschmacksnerven, Harry Darling.“ Sie nimmt ihr Glas und hält Ausschau nach einem ungestörten Platz.

„Ich bringe dir zwischendurch ein Mineralwasser.“

„Danke. Das ist der beste Katerkiller. Und einen Snack?“ fragt sie mit verschämter Spitzfindigkeit.

 We have a Dream klingt im Hintergrund. Deutschland ist derzeit im Superstarfieber. Tina hat auch einen Traum. Für die Umsetzung gibt sie sich ein Zeitlimit von dreihundertvierunddreißig Tagen. Stichtag: der einunddreißigste Dezember zweitausenddrei. Sie summt zuversichtlich mit zu der eingängigen Melodie.

 

Ronny reibt sich schlaftrunken seine Lider. Ein Lichtschein aus dem Flur dringt durch den geöffneten Spalt der Schlafraumtür. Im Dämmerzustand nimmt er das Geräusch der Toilettenspülung wahr.

 „Was tust du, süßes Pummelchen?“

 „Romeo Nummer fünf, musst du mich zu dieser späten Stunde beleidigen?“, antwortet sie mit hysterischem Unterton. Sie weiß selbst, dass sie nach ihren Schlemmerferien am Indischen Ozean, in der hintersten Ecke ihres Kleiderschrankes kramen muss. Dorthin hat sie ihre Garderobe ab der geächteten Größe 42 verbannt. Für den Notfall!

 Für Ronny ist die Anrede seiner Gattin mit Romeo Nummer fünf, ein Zeichen, dass sie vergrätzt ist. Er fühlt sich wohl in der neuen Partnerschaft und setzt alles daran, den Amoklauf seines Herzens in der Gewalt zu haben. Dass sich seine beiden Gehirnhälften im ständigen Widerstreit befinden, darf nie wieder passieren. Er liebt seine Frau und will sie durch sein exaltiertes Verhalten nicht verlieren. „Ach was! Ich liebe jedes Pfund deiner sexy Kurven, mein erotisches Herzblatt.“ Er umgarnt Anni beschwichtigend und legt seinen Arm quer über das Bett, als sie gähnend zurückkehrt.

Der abrupte Klimawechsel drückt auf Annis Melancholiedrüse.

„Ich bin vollkommen übermüdet. Habe Schüttelfrost von den Haarspitzen bis in den kleinen Zeh.“ Sie huscht flugs unter die Daunendecke.

 „Dir ist kalt? Soll ich dich wärmen?“ Ihr Ehemann rollt seinen Arm um ihren Hals. Anni windet sich demonstrativ auf die Seite. Ein schöner Rücken kann auch entzücken. Ronnys Mund sucht nach der Kuhle unterhalb ihrer Halsbeuge. Er züngelt sich tastend, beinahe bedrohend an dieser warmen Körperstelle seiner Liebsten fest.

 Langsam, mit geschlossenen Augen, nickt Annis Haupt auf ihrem Kopfkissen nach hinten. Gierig saugt sie seinen Kuss in sich auf. Er ist wie ein Geheimcode für betörende Zungenspiele. Sie riecht den Duft seiner muskulösen Männerhaut und schmiegt sich an ihren knackigen Betthasen. Sie will seinen Atem spüren. Ihr Körper wird unruhig. Die Haut spannt sich. Sie registriert wohl-wollend eine innere Aufwallung und sendet Ronny mit flammenden Lippen Lustsignale.

 

„Der Passagier aus Deutschland Flugnummer vierhundertdreiunddreißig ... “, ertönt eine laute Stimme aus dem Mikro des American Airports O’ Hara.

 Lothar Schumacher begibt sich eilig zum Abfertigungsschalter. Er hält sein Ticket und Pass griffbereit. Nach der strengen Kontrolle sitzt er in der First-Class-Kabine. Zwei anstrengende Wochen zwischen Business und Freizeit liegen hinter ihm. Über Bordfunk ertönen die obligaten Infos zum Abheben des Fliegers.

 Auf keinem Flugplatz starten und landen mehr Maschinen. In keiner Weltstadt stehen so viele Skulpturen großer Meister. Picasso. Mirò. Calder. Moores.

 Bye, bye Chicago! Stadt am tiefblauen Lake Michigan. Riesig wie ein Meer. Mit ihrer Kunst, den imposanten Wolkenkratzern, des Windes, dem Blues, den Big Macs und den Ribs.

 In den Roaring Twenties hat hier das organisierte Verbrechen Triumphe gefeiert. Diese Epoche ist untrennbar mit den berüchtigten Mafiosis Al Capone, Lucky Luciano und John Dillinger verbunden. Spannungsgeladene Storys. Verewigt in Hollywoodklassikern.

 Als Geschäftsmann interessiert ihn auch, dass Chicago die Heimatstadt von Cornflakes King Kellogg, Kaugummi Gigant Wrigley, der Erfinder des Reißverschlusses, der Rollschuhe und des Flipperautomaten ist. Dass Chicago der Geburtsort Hugh Hefners, dem Playboy mit den zuckersüßen Häschen ist, hat er sich besonders gemerkt. Lothar grinst verwegen.

 Seine Frau wird Augen machen, wenn er anhand der Fotos von dieser Reise erzählt. Seine Selbstfindungstrips wird er wie gehabt, unter Verschluss halten. Sie hat keine Kenntnis von seinen amourösen Abenteuern. Davon ist ihr Göttergatte überzeugt.

 Big Lo, nennen ihn seine Kontrahenten und Angestellten ehrfürchtig, bedient sich der Machthebel, die ihm als Konzernchef zur Verfügung stehen. Er ist in der Zasterliga angekommen und will dort bleiben. Sein Bestechungsgut sind Zahlungsmittel aus Papier. Ob Politiker, Sportler, Manager, wer ist nicht korrupt? Und ringsherum sitzen schweigend Herr Schlampert und Frau Schnarch. Was stört ihn eine Revision der Finanzhaie? Sie dürfen nur nicht fündig werden.

 In der Maschinenbaubranche gilt er als Unternehmensschlucker. Was soll’s! Heutzutage heißt es fressen, oder gefressen werden. Knallhart ist der Kampf um Absatzmärkte. Seine Betriebsdemontagen haben Stil. Mit eigenen Dumpingpreisen drückt er den Geschäftsgegner ins Abseits und vor dessen Pleite folgt sein Zugriff. So wächst sein Imperium.

 Lothar versucht, sich während der unangenehmen Startphase zu entspannen und konzentriert sich auf die adrette Flugbegleiterin. Hinter seiner Stirn tickt es, als er sich vorstellt, mit ihr an seiner Fremdgehspirale zu drehen.

 

Grelle Sonne blitzt durch die wenigen grauen Wolkenfetzen. Sie streift die Spitzen der Pflanzen und lässt die Blätter im goldenen Licht schimmern. Die Luft ist angenehm warm an diesem letzten Januartag.

 Pedros Blick schweift zum Hafen von Vueltas im Valle Gran Rey. Eine grandiose Bergwelt umrahmt das Tal. Kleine weiße Domizile der Einheimischen schmiegen sich an die Steilhänge der saftig blühenden Etagenoasen. Jeden Morgen ist er fasziniert von dieser Fischerdorfromantik auf seiner geliebten Gebirgsscholle La Gomera. Eine Schönheit. Feenhaft. Unverfälscht.

 Feriengäste schwärmen von ihrer wildromantischen Beschaulichkeit, wie die zwei temperamentvollen Ladys, denen er während ihres Kurzurlaubs begegnet ist. Das ist der springende Punkt seiner melancholischen Morgenandacht. Sein Singleherz hat es erwischt. Leider ist es im Moment eine Beziehung, die ausschließlich im Verborgenen, in ihm blüht. Sein Paradies auf Erden verlassen? Niemals! Auch nicht aus Liebe?, stichelt sein Inneres. Was soll dieser provokante Zungenschlag?, wehrt er sich.

 Pedro hockt, wie stets um diese Tageszeit vor seiner Lieblingscaféstube auf der Terrasse. Er beobachtete zwei Eidechsen, die durch den Ritz der Gartensteinmauer huschen. In den Hibiskusbüschen schmettert eine Amselfamilie ihre Zwitscherarie. Was hat sie in Aufregung versetzt? Als er von Weitem das Hupsignal von Miguel hört, versteht er die Vögel. Sie freuen sich auf ein paar leckere Krümel. Das Dreiradmobil schnauft von Tag zu Tag beschwerlicher den steilen Fahrweg hinauf und das Aroma seiner Ladung steigt Pedro in die Nase. Wer kann dem Duft von warmen Brötchen widerstehen? Er geht seinem früh aufstehenden Kumpel entgegen und hilft ihm beim Abladen der Bäckerkörbe.

 „Hallo, Sohn!“ Carlos biegt schwungvoll um die von Sonnenstrahlen geflutete Ecke und lächelt väterlich.

„Hey, Dad, lockt dich das Aroma von frischem Kaffee? Setz dich und leiste mir Gesellschaft!“ Gemeinsam schlemmen sie ihr Frühstück, das Pedro regel-recht zelebriert. Er genießt seinen Coffeé Corretto, den Espresso mit einem Schuss Grappa.

 Seine Seele ist in Aufruhr. Die Verabschiedung der beiden Urlauberinnen am Flughafen, besonders der einen, die er spontan Lady Sweety nennt, ist in lebendigen Bildern in seinem Kopf. Es macht ihm das Herz schwer, weil er nicht weiß, was sie jetzt tut und wo sie ist. Vor allem mit wem. Er will sie unbedingt wiedersehen. Soll er dem Lächeln des Schicksals vertrauen? Abspann, Pedro! Ende der Ichquälerei. Fortsetzung folgt. Er lächelt versonnen zum strahlend blauen Himmelszelt von seiner irdischen Traumwolke. Morgen. Übermorgen. Überübermorgen.

 

Tina zückt ihren Notizblock aus der Jackentasche und legt ihn auf den Tisch.

Die brennenden Kerzen werfen in dem zünftigen Gastraum, den Harry mit hellen Farben aufgepuscht hat, flackernde Schatten. Die Wiederbelebung seiner Barkultur mit Entertainmentcharakter kommt bei den Besuchern an.

 Sie schlägt ihre Beine übereinander. Die Krücken ihrer Vergeltungsschritte, die sie auf Papier festgehalten hat, sind umfangreich. Das Dossier über die Vorlieben ihres Zielobjektes, persönliche Gewohnheiten, Friseur, Schneider, bevorzugte Cafés, Restaurants und Firmeninternes, ist proppenvoll. Tina stößt eine kehlige Lache aus.

 Ihr Herz verkrampft sich, als ihr ihre anfänglichen Mordgedanken einfallen. Wegen dem Schlitzohr ihre Freiheit opfern? Das ist dieser kaltschnäuzige Bastard nicht wert. Außerdem wäre diese Art der Abrechnung zu schonend. Er soll leiden. Bei vollem Bewusstsein! Sie greift mit der Hand zu ihrem Longdrink. Dein ist die Rache, sprach der Herr! Skol!

 Plan A ist konzipiert. Perfekt! Tina lehnt sich im Klubsessel zurück und fährt sich mit einer lässigen Handbewegung durch ihre dunkelbraunen langen Haare. Stimmengewirr rieselt an ihre Ohren. Die Gäste unterhalten sich über Tagesereignisse. Manche schwelgen in Erinnerungen. Andere turteln verliebt in die Abendstunden. Sie entdeckt eine Männerclique. Ihren abgestellten Sporttaschen nach zu urteilen, legen sie hier nach ihrem Fitnesstraining einen Zwischenstopp ein. Einer von ihnen wirft ihr ein Bier trinkendes Lächeln zu. Sie erwidert leger mit Distanz. Für sie avanciert Harrys Bar zur Aufreißerhöhle?

 An der Theke hockt ein gemischtes Völkchen. Ältere Singles sind in der Aufwärmphase. Ein Teenie schaut mit doppelt so viel Zahnfleisch wie Normalos aus, wie aus einem drolligen Dentallabor. Der Typ mausert sich zum guten Launebären. Sein Visavis hat was an der Mütze. Oder nix darunter? Der Dritte im Bunde ist sein Nasenkumpel? Wenn er auf seinen Zinken fällt, das tut weh. Lästerschwester Tina, es reicht! Leben und leben lassen!

 Hoppla! Da baggert ein grau melierter Kopf mit Gamsbart am Doppelkinn an der Dame neben ihm und seine Altmännerfinger rutschen unter deren Rock. Klatsch gibt's was auf seine schleimigen Griffel. Gut gekontert, Lady. Unbeeindruckt lullt sie weiter mit Worten voll.

 Tina beobachtet, wie Harry Darling versucht, sie in eine Unterhaltung zu verwickeln, um den Lustmolch von seinen Attacken abzubringen. Diese unbekannte Frau ist ihr auf Anhieb sympathisch. Tina stutzt. Warum? Von einer Sekunde zur anderen grummeln ihre Magengeister. Will sie ihre innere Stimme vor einer schicksalhaften Begegnung warnen?

zurück