Titel

Seele Klara

Leseprobe

Urheber
Christa Le Blond

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
284
Sprache
Deutsch
Format
k.A.
ISBN
978-3-8391-3430-6
Preis
€ 17,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet
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Endlich ist der Krieg vorbei! Sooft sich in Eichdorf die Nachricht verbreitet, dass wieder Kriegsgefangene aus Russland entlassen worden sind, sucht die kleine Klara unter den Kriegsheimkehrern nach ihrem Papa. Aber nie ist er dabei.

Stattdessen zieht Mamas neuer Freund zu Hause ein. Dem ist das aufgeweckte, fantasiebegabte Kind von Anfang an ein Dorn im Auge, und es vergeht kein Tag ohne Schikanen und Gewalt. Die Mutter, die auf den Mann an ihrer Seite nicht verzichten will, greift nur sporadisch ein.

Doch Klara hat andere Verbündete. Da sind nicht nur ihre Freunde, sondern auch der sanfte Onkel, der ein Stockwerk über ihnen wohnt, der kinderliebe Schäfer, der so wunderbare Geschichten erzählen kann und ein Ohr für Kummer hat, die geliebten Großeltern – und Wong-Wang, der unsichtbare Chinese. Den kann Klara in ihrem Versteck auf dem Dachboden herbeirufen, wenn sie nicht mehr weiter weiß …
 

Im Gegensatz zu den meisten Debüt-Publikationen mit autobiografischem Hintergrund, die zurzeit auf dem Markt kommen, besticht dieser Roman durch seine schlichte, sinnfällige Sprache, die eine starke Sogkraft entfaltet.

Leseprobe

Auszug aus dem 1.Kapitel

Am zehnten Juli 1941 kam ich im Lindberger Schloss zur Welt. Es war am

frühen Nachmittag etwa um 14 Uhr, sagte mir meine Mama. Mein Papa

freute sich sehr über ein Mädchen, denn meine Eltern hatten bereits einen

kleinen, fast zweijährigen Sohn, meinen Bruder Klaus. Papa konnte es noch nicht so recht glauben, dass ich seine heißersehnte Tochter war. Er packte mich einfach aus, um sich zu vergewissern. Als er dann die nackte Tatsache vor Augen hatte, hüpfte er mit mir im Arm wie ein Verrückter durch die gute Stube. Das waren meine ersten Eindrücke von der neuen Welt.

Mama wollte, dass ich Roswitha heiße, aber das wäre mir sehr peinlich gewesen.

Ich bin froh, dass sich Papa durchgesetzt hat und ich den Namen Klara bekam.

Jetzt bin ich fast vier Jahre alt und es ist viel passiert bei uns. Wir hatten bis jetzt Krieg, das war schrecklich, und ich wohnte auch nicht mehr lange in dem großen, kalten Schloss. Meine Eltern bekamen eine schöne Wohnung, wir hatten dann mehr Platz.

Mein Papa ist Musiker, er spielte lange im Militärorchester. Für uns war das

nicht besonders schön, da er viel auf Konzertreisen war. Wir vermissten ihn sehr.

Später musste er als Soldat in den Krieg. Mama war darüber sehr traurig. Wenn Papa auf Urlaub nach Hause kam, war er gar nicht mehr so lustig wie früher. Oft war er sehr still.

In der Zwischenzeit habe ich noch einen Bruder bekommen, den Max, der

wird drei, sobald es wieder kalt wird. Jetzt ist es noch Frühling, schon etwas warm, sodass ich Kniestrümpfe anziehen darf. Max ist eigentlich sehr lieb, aber überhaupt nicht folgsam, das macht Mama manchmal ziemlich böse. Als noch die Bomben fielen, wollte er bei Fliegeralarm meistens nicht ins Haus, er war total begeistert von den Sirenen. Oft rannte er dann ums Haus, hielt seine Arme in die Höhe und schrie Fliegeralarm, Fliegeralarm, obwohl Mama doch ausdrücklich gesagt hatte: »Kommt sofort herein, wenn ihr die Sirenen hört, sofort! Lasst alles liegen, ihr müsst nichts wegräumen, nur rein ins Haus.«

Aber bei Max half das nichts – bis ihm Mama den Hintern versohlte. Es ist für Bestrafung hatte geholfen, wir mussten ihn nie mehr mit Gewalt ins Haus zerren.

Fortan kam er von selbst herein, »folgsam wie ein Lamm«, lachte Mama.

Einmal war es besonders schlimm bei einem Alarm. Im Winter hatten wir noch

meine kleine Schwester Rosi bekommen. Mama badete sie gerade, als es losging.

Mama war total genervt, sie wusste nicht, ob sie uns noch rechtzeitig in den Keller bringen konnte. Rosi schrie wie am Spieß, und Max gab sich wieder einmal seiner Fliegeralarmbegeisterung hin. Er stapfte wie ein Soldat durch die Küche, bis Mama fast über ihn stolperte. Ich versuchte Mama zu helfen, so gut ich konnte. Zum Glück kam Frau Schmitt hoch, packte den Maxl und mich, und Mama kümmerte sich um Rosi.

Im Keller war es schummrig und düster, die Lampe war kaputt, und es gab

nur Kerzen. Wir saßen auf Kisten. Es war wenig Platz, die Kinderwagen nahmen

den meisten Raum ein. Es roch grässlich hier im Keller. »Das sind verfaulte Kartoffeln«, sagte jemand. Wie so oft fingen die Kleinen irgendwann an zu brüllen und das Gemeckere der kinderlosen Erwachsenen ging wieder los. Der Oma von Beckers ging es nicht besonders gut. Sie saß mir gegenüber auf einer Kiste, in eine Decke gehüllt. Manchmal atmete sie ganz schwer und zitterte.

»Hast du ein Taschentuch?«, fragte ich Mama.

»Nein, warum?«

»Die Bärbel hat eine Rotznase.«

»Na, ihre Mama wird wohl ein Taschentuch für sie haben.«

»Glaub ich nicht, Mama, die Bärbel schmiert schon die ganze Zeit ihre rotzige Nase an die Decke ihrer Oma.«

»Rotz sagt man nicht!«

»Was sagt man dann, Mama?«

»Jetzt sei mal ruhig, Klara.«

Die Bärbel sah manchmal ziemlich eklig aus, ohne Rotznase sah man sie nie.

Wir Kinder nannten sie deshalb auch Rotzbärbel. Heute war ihr Rotz besonders

eklig grün.

Bärbels Mama saß neben der Oma, ihren Kopf hatte sie an die Wand gelehnt.

Ein Stück weiter oben an der Mauer sah ich etwas Schwarzes, das sich langsam

nach unten bewegte. Oh, fein, jetzt wurde es spannend, das war nämlich eine Spinne, die da herunterkrabbelte, eine dicke Spinne mit ganz fetten, langen, gruseligen Beinen. Sie war schon ganz dicht über dem Kopf von Frau Becker. Eigentlich hätte ich jetzt etwas sagen sollen, aber ich tat es nicht.

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