Titel

Schmutzige Geschäfte
4.Buch in der Reihe Mystik Wings

Leseprobe

Urheber
Betty Kay

Verlag
tredition
Bindung
Paperback
Seitenzahl
177
Sprache
Deutsch
Format
Din A5
ISBN
978-3-8685-0261-9
Preis
€ 11,49 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Die Reihe „Mystic Wings“ handelt von der Journalistin Jordan Hensen und Lieutenant Charles „Charly“ Baxter. Die beiden sind nicht nur privat ein Paar, sie sind auch bei der Arbeit Partner. Jordan ist nämlich in der Lage, durch das Berühren von Gegenständen die Gedanken der Besitzer in Bildern vor sich zu sehen. So kann sie der Polizei mit wichtigen Hinweisen bei der Lösung von Fällen dienen.
Im vierten Buch der Reihe wird in Washington die Frau von Senator Frank Mankuso ermordet, als sie angeblich bei einem Dealer Drogen kaufen wollte. Jordan kennt Dotty Mankuso von früher sehr genau, hat sie sogar Tante genannt. Deshalb ist sie sich sicher, dass die Freundin ihrer Mutter etwas mit Drogen zu tun hatte, und reist mit Charly nach Washington, um die Wahrheit herauszufinden.
Dort trifft Jordan nach Jahren wieder mit ihrer Familie zusammen, und Charly erfährt, wer Jordan wirklich ist. Ihr Vater ist über den Polizisten als möglichen Schwiegersohn nicht gerade erfreut. Als er seine Tochter unter Druck setzt und daraufhin ihre Gabe verschwindet, fürchtet Charly, Jordan an ihre Vergangenheit zu verlieren. Denn auch ihre erste große Liebe scheint es sich in den Kopf gesetzt zu haben sie zurückzuerobern. Kann das Ermittlerduo trotzdem das Rätsel um den Mord an Dotty Mankuso lösen?

Leseprobe

Er folgte ihr ins Innere. Immer wenn er diese Räume betrat, musste er an ihre erste Begegnung denken. Außerdem war ihm bewusst, dass Jordan nervös und fahrig wurde, wenn er in ihre Privatsphäre eindrang. Noch immer war er ein Außenseiter, was ihr Leben betraf. Sie unternahmen Dinge zusammen oder mit Selina und Bruce, doch ständig gab sie ihm das Gefühl, bei ihm nur zu Besuch zu sein.

„Ich muss kurz telefonieren. Lass dich nicht stören“, meinte er kurz angebunden, ging ins Wohnzimmer und verschloss beide Türen, die in den Raum führten.

Mit einem Stirnrunzeln ging sie nach oben, um ihre Sachen zu packen. Was sollte diese Geheimniskrämerei? Gab es wirklich Dinge, die sie nicht wissen durfte?

Hör auf, befahl sie sich selbst. Solange sie ihm gegenüber ihre Identität verschwieg, hatte sie kein Recht, sein Verhalten zu kritisieren. Sie wusste selbst nicht, warum sie ihm nicht endlich die Wahrheit sagen konnte. Aber irgendetwas hielt sie zurück. Jedes Mal, wenn sie knapp davor stand, überkam sie Panik. Immer noch fiel es ihr schwer, ihm in diesem Punkt hundertprozentig zu vertrauen, obwohl er sich dieses Vertrauen längst erarbeitet hatte.

Sie ließ sich absichtlich Zeit mit dem Heraussuchen der Kleidung, um ihn nicht zu unterbrechen. Doch dann hörte sie die Türglocke und anschließend Stimmen von unten. Es klang, als unterhielte sich Charly gedämpft mit einer anderen Person. Verwirrt stopfte sie rasch alles in die Tasche, die sie mitnehmen wollte, und eilte nach unten.

Als sie das Wohnzimmer betrat, entdeckte sie Bruce und Charly, die miteinander tuschelten. Bei ihrem Eintreten verstummten die beiden abrupt.

„Bruce, was machst du denn hier? Eigentlich sollten Charly und ich gleich wieder los, aber wir können unsere Pläne natürlich ändern. Wollt ihr essen gehen?“

Ihr bester Freund klappte den Mund auf und wieder zu, während Charlys Gesichtsausdruck schwer zu deuten war.

In dem Moment kam Selina mit einem Tablett mit Tassen in den Raum. „Tee ist gleich fertig“, berichtete sie, bevor sie sie bemerkte. „Oh, hallo, Jordan.“

„Wieso Tee?“ Sie blickte von einem zum anderen. Die betretenen Gesichter verschwammen plötzlich vor ihren Augen, und sie wurde leichenblass. „Was ist passiert?“ Ihre Knie drohten nachzugeben.

Sofort war Charly bei ihr und stützte sie. „Setz dich erst mal.“ Er führte sie zur Couch. Am Telefon hatte er gerade erfahren, um wen genau es sich bei der Toten handelte, und war einigermaßen überrascht davon, dass Jordan diese Frau so gut kennen sollte.

„Verdammt, sagt mir endlich, was los ist.“ Charly hatte seine Gedanken vor ihr verborgen, aber plötzlich bemerkte sie Schwärze, die sie bis jetzt ignoriert hatte. Irgendetwas Schreckliches war geschehen, das ihn mit Trauer erfüllte. Aber wenn es um seine Familie ging, wären Selina und Bruce jetzt wahrscheinlich nicht hier.

Selina nahm genauso wie Charly neben ihr Platz und legte einen Arm um ihre Schulter.

„Süße, es geht um Washington“, meinte Bruce und hockte sich vor sie.

Instinktiv drückte Jordan Charlys Hand, bis ihre Knöchel weiß hervortraten. „Ja?“ Wie durch einen Nebel spürte sie, wie Selina ihr übers Haar strich. Die unterschiedlichsten Gedanken schossen ihr durch den Kopf.

„Dotty Mankuso ist tot, Süße“, berichtete Bruce.

„Was?“ Es war ein gequälter Aufschrei.

„Sie wurde erschossen, gestern Nacht.“

Jordan schüttelte den Kopf. „Erschossen? Wieso sollte jemand Tante Dotty ermorden? Das muss ein Missverständnis sein.“

Auf Anhieb fielen Charly sogar ein paar Gründe ein, aber die hingen im Moment noch alle mit ihrem Mann, Senator Franklyn Mankuso, zusammen. Man wurde nicht einer der bekanntesten und einflussreichsten Politiker des Landes, ohne sich Feinde zu machen.

„Ich habe mit der Polizei in Washington telefoniert. Wenn du dich dazu bereit fühlst, werde ich dir alle Einzelheiten erzählen, die sie bis jetzt zusammengetragen haben“, erklärte er ruhig.

Ungläubig starrte sie ihn an. „Du hast es gewusst, ohne mir Bescheid zu sagen?“

„Ich habe erst am Tatort von Mr. Brandos Mord durch Bruce davon erfahren. Ich habe in Wahrheit nicht mit meiner Mutter telefoniert. Deine Freunde hielten es für besser, dich in einer vertrauten Umgebung zu informieren, und ich stimme ihnen zu.“

Ein Schluchzen erschütterte Jordans Körper, als sie den Tod von Dotty langsam begriff. Mit einem Mal fühlte sie sich leer, ihre Haut empfand jede Berührung als schmerzhaft und Übelkeit erfasste sie. „Was genau ist passiert?“ Ihre Augen hefteten sich auf Charly, ohne ihn wirklich zu sehen.

„Anscheinend hat ein Streifenpolizist den Schuss gehört. Als er zum Tatort gekommen ist, hat er David Gramont, einen Junky, der hin und wieder auch mit Drogen gedealt hat, bei der Leiche von Mrs. Mankuso gefunden, die Waffe noch in der Hand. Gramont hat behauptet, sie nicht umgebracht zu haben, hat dann aber versucht, den Officer mit der Waffe zu erschießen, sodass der auf ihn gefeuert und ihn getötet hat. Die Ballistik hat bereits herausgefunden, dass Gramonts Revolver die Tatwaffe ist. Außerdem wurde in Mrs. Mankusos Handtasche ein Päckchen mit Kokain gefunden. Die Presse hat davon noch nicht Wind bekommen. Aber da der Mord in Deanwood stattgefunden hat, wird sie bereits als Drogensüchtige hingestellt.“ Charly erkannte an ihren Augen, die in Tränen schwammen, dass es fürs Erste genug war. Vielleicht sogar zu viel. Er wollte sie irgendwie beruhigen. „Sie musste nicht leiden, Schatz. Die Kugel hat sie sofort getötet.“

Mit einem erstickten Aufschrei sprang sie auf und lief ins Badezimmer, wo sie sich übergab.

Besorgt wollte Charly ihr nacheilen, aber Selina hielt ihn zurück. „Lass ihr kurz Zeit, um es zu verarbeiten. Der Schock ist groß. Sie kannte Dotty schließlich sehr lange. Immerhin waren Dotty und Jordans Mutter schon seit ihrer Jugend befreundet.“

„Ich würde ja gerne etwas mehr darüber wissen, aber ihr werdet meine Fragen zu dem Thema wohl nicht beantworten, oder?“ erkundigte sich Charly.

Selina und Bruce nickten. „Das ist Jordans Aufgabe.“

So blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Neugierde zu besänftigen und zu warten. Inzwischen holte Selina den Tee, und dann tauschten sie noch ein paar Informationen aus.

Beim Zurückkommen wirkte Jordan wieder gefasst. „Tante Dotty hatte nichts mit Drogen zu tun. Es steckt etwas anderes hinter diesem Mord. Und das werde ich herausfinden“, verkündete sie mit fester Stimme. „Kannst du mir einen Kollegen in Washington nennen, mit dem ich mich in Verbindung setzen kann?“

Aus irgendeinem Grund bekam er es mit der Angst zu tun. „Wieso?“

„Ich fliege nach Washington und biete meine Hilfe an.“

„Nein, Jordan“, widersprach Charly sofort. „Du kannst doch dort nicht einfach auftauchen, von deiner Gabe erzählen und erwarten, dass die dich nicht für verrückt halten. Niemand wird dir glauben. Was ist, wenn sie dich zum Schluss noch wegen Behinderung der Justiz verhaften und niemand weiß, wo du bist?“

Endlich bekam Jordan wieder Farbe im Gesicht. „Dann stelle ich eben alleine Nachforschungen an. Ich muss das einfach klären. Du wirst mich nicht davon abbringen.“

Charly seufzte. „Na, schön. Ich komme mit.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Charly. Ich werde dort höchstwahrscheinlich auf meine Familie treffen.“

Tief verletzt sah er sie an. „Und da bin ich wohl im Weg.“ Er spürte die betroffenen Blicke von Selina und Bruce, als er sich erhob und überlegte, was er nun tun sollte. Schon wieder schloss sie ihn aus.

„Warte, Charly. Lass sie die Sache erklären“, meinte Bruce.

Ein kurzes Nicken in Bruces Richtung war die Antwort, bevor er sich Jordan zuwandte. „Wenn du willst, kann ich gehen. Und wenn du mich jetzt brauchst, bin ich für dich da. Aber ich werde nicht zulassen, dass du alleine nach Washington fliegst. Dann nimmst du von mir aus einen der zwei hier mit.“

„Hör mal, Charly. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich kann auch die beiden nicht in die Sache hineinziehen. Du kennst meinen Vater nicht. Er hat keinerlei Skrupel und wird alles tun, um mir Schaden zuzufügen. Und wenn er es über euch als Umweg tut.“

Ein Teil seiner Wut verrauchte, als er die Angst in ihrer Stimme bemerkte. „Ich kann auf mich selbst aufpassen, Jordan. Mach dir keine Sorgen. Wir fliegen gemeinsam.“

„Jordan hat Recht. Ihr Vater ist gefährlich, Charly“, mischte sich Selina ein. „Mir wäre es lieber, wenn auch sie hier bleiben würde. Er hat mehr Macht, als du ahnst.“

„Das bestärkt mich nur in meiner Meinung, Jordan nicht alleine zu lassen, Selina. Schließlich kennen wir sie gut genug um zu wissen, dass sie sich nicht aufhalten lassen wird. Wenn sie also schon in die Höhle des Löwen geht, dann wenigstens mit meiner Unterstützung.“

[…]

Sonntag, 8. Dezember 2002

Jordan blickte auf die Stadt unter sich. Gerade befanden sie sich im Landeanflug auf Washington. Obwohl die Temperaturen für Anfang Dezember passend waren, verspätete sich der neue Schnee in Washington noch etwas, und der erste Schnee dieses Winters war bereits wieder verschwunden. Wenigstens blieb ihnen so der Matsch auf den Straßen erspart.

Sie hatten gestern noch lange diskutiert, wie sie vorgehen sollten. Aber schließlich hatte sie eingesehen, dass ihr Charly bestimmt hilfreich sein konnte. Nur durch ihn würde sie Zugang zu den Informationen der Polizei erhalten.

Schließlich hatte sie sogar darauf bestanden, dass sie Charlys Flugticket bezahlte. Ohne dass sie viel darüber sprechen mussten, hatte sie geahnt, dass für ihn dieser Betrag sehr hoch war. Zuerst hatte er sich noch gewehrt, aber als sie argumentiert hatte, dass er ja nur wegen ihr nach Washington flog, und sie auf seine Hilfe angewiesen war, war sein Widerspruch verstummt.

Trotzdem fühlte sie sich ganz und gar nicht wohl. Nach all der langen Zeit wieder in ihrer Heimatstadt zu sein, erfüllte sie mit Angst. Hier hatte sie ihre erste Vision als Fluch erlebt. Hier hatte sie das Grauen in den Augen ihrer Eltern gesehen. Hier hatten Ärzte ihr immer wieder das Gefühl gegeben, eine Laune der Natur zu sein. Und hier hatte sie das Vertrauen in sich selbst verloren. Was würde passieren, wenn ihre Eltern sie neuerlich behandelten, als wäre sie nicht menschlich? Oder wenn sie wieder versuchten, ihren Dämon auszutreiben?

Sie warf einen kurzen Blick auf Charly. Er wäre für sie da und würde sie beschützen. Oder wäre er so schockiert darüber, wer sie wirklich war, dass er lieber die Flucht ergriff, als sich mit ihrem Vater anzulegen? Würde er sie im Stich lassen, weil er gegen die Macht ihres Vaters nichts ausrichten konnte?

Doch sosehr diese Szenarien sie bedrückten, Dottys Tod durfte nicht ungesühnt bleiben. Ihr war klar, dass die Polizei ihre Arbeit tun würde. Aber sie könnte die Aufklärung des Falles beschleunigen. Sie könnte mit Leuten reden, die sie von früher kannte, und die ihr deshalb mehr erzählen würden als der Polizei. Denn sobald sich die Maschinerie der Politik in Bewegung gesetzt hatte, würde die Presse keinerlei Informationen mehr bekommen und eine Mauer des Schweigens errichtet werden.

„Wie geht es dir?“ riss Charly sie aus ihren Gedanken.

Sie schenkte ihm ein vorsichtiges Lächeln. „Ich weiß nicht recht. Die Stadt ist voll mit Erinnerungen. Und die meisten davon hängen mit Tante Dotty zusammen. Obwohl ich in den letzten Jahren nicht in Kontakt mit ihr war, vermisse ich sie plötzlich schrecklich.“

„Eines würde mich interessieren … Aber du musst meine Frage natürlich nicht beantworten, wenn du nicht willst“, fügte er rasch hinzu, als er ihre abwehrende Reaktion bemerkte.

„Und was möchtest du wissen?“

„Woher du Dotty Mankuso so gut kennst.“

Jordan lehnte sich etwas zurück, als das Flugzeug sich der Landebahn näherte. „Meine Mutter und sie gingen zusammen in die High School und kamen aus guten Familien. Beide haben anschließend wohlhabende Männer geheiratet und engagierten sich bei Wohltätigkeitsveranstaltungen für hungernde Kinder in Afrika. Sogar ihre Männer wurden gute Freunde. Allerdings war Tante Dotty immer Onkel Franklyns gleichberechtigter Partner sowohl in ihrer Ehe als auch beruflich, während mein Vater Mutter nur als Dekorationsgegenstand betrachtete. Sie war nützlich für seine Karriere aber mehr nicht. Warum sie sich das gefallen ließ und trotzdem so viel für ihn tat, verstehe ich bis heute nicht.“

Das Flugzeug setzte holprig auf der Landebahn auf.

„Als meine Fähigkeit zum Vorschein kam, ordnete meine Mutter sich Vaters Willen unter, ohne zu mir zu stehen. Nur Tante Dotty versuchte Verständnis für mich aufzubringen, auch wenn sie nicht nachvollziehen konnte, was mit mir los war. Ohne sie hätte ich die Zeit bis zu meiner Flucht nicht durchgestanden.“ Sie lächelte ihn an. „Aber das war ja gar nicht deine Frage.“

Er nahm ihre Hand und drückte einen Kuss darauf. „Doch, das war es. Außerdem freue ich mich über jede Information, die du mir über dein früheres Leben gibst.“

Tränen traten ihr in die Augen. „Es tut mir leid, dass ich noch immer nicht in der Lage bin, darüber zu reden. Ich danke dir für dein Verständnis.“

„Ich muss dich enttäuschen. Die Lage behagt mir überhaupt nicht. In New York konnte ich damit umgehen. Aber jetzt sind wir plötzlich hier in Washington, und das ändert die Situation.“

„Inwiefern?“

„In New York war die Vergangenheit nur insoweit wichtig, als sie indirekt Auswirkungen auf uns hatte. Aber jetzt kehrst du nach Hause zurück. Und das gefällt mir gar nicht. Andererseits darfst du eines nicht vergessen: Das, was wirklich für mich zählt, ist das Hier und Jetzt, das sind du und ich.“

„Ich liebe dich“, sagte Jordan und war überrascht, wie leicht es plötzlich ging, obwohl ihr die Worte bis jetzt Schwierigkeiten bereitet hatten.

Rund um sie herum erhoben sich die Leute, um das Flugzeug zu verlassen, doch Charly starrte sie nur an. „Oh, Gott, Jordan. Es bedeutet mir unendlich viel, das von dir zu hören. Ich liebe dich auch.“ Dann beugte er sich zu ihr, um sie zu küssen.

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