Titel

Roberts Restaurant
Expats in Thailand

Leseprobe

Urheber
Andreas Tietjen

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
284
Sprache
Deutsch
Format
12 x 19 cm
ISBN
978-3-8334-9056-9
Preis
€ 16,80 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Das Restaurant des deutschen Auswanderers Robert Fendrich wird in der thailändischen Kleinstadt Sisaket zum Anlaufpunkt der in der Umgebung ansässigen Ausländer.

Durch die thailändischen Gesetze zur Untätigkeit gezwungen und mit kaum überwindbaren sprachlichen und kulturellen Verständigungsproblemen konfrontiert, bilden sie in der Fremde eine fragile Schicksalsgemeinschaft.

Die unterschiedlichen Geschichten dieser »Expats« zeigen dem Leser die Integrationsprobleme von Auswanderern, die ihren Alltag in einem vermeintlichen Paradies fristen.

Die Spanne der Erlebnisse reicht vom langsamen Abstieg des Schweizer Bahnpensionärs Walter in den Alkoholismus, über die Ausflüge des melancholischen Mopedfans Ruud, bis zur lustig-absurden Odyssee des Japaners Kiyoshi.

Dem Leser wird humorvoll und spannend ein Blick hinter die Fassaden eines faszinierenden Landes gewährt, von welchem die meisten Urlauber nur die schönen Strände kennen lernen.

Leseprobe

Walter war schon seit ein paar Jahren Witwer und nun hatte er seine letzten Arbeitstage als Beamter der Schweizerischen Bundesbahn vor sich. Nach vielen, vielen Jahren der Einförmigkeit und der langsamen Bewegungen, mischte sich in die Vorfreude auf seinen Ruhestand ein kaum merklicher Drang nach Aktivität und Abwechslung, ja vielleicht sogar ein Hauch von Abenteuerlust. Diese Vorfreude, die hauptsächlich darin begründet lag, dass er seinen seit vielen Jahren gehassten Arbeitskollegen bald nicht mehr umständlich aus dem Weg gehen müsse, wurde von Tag zu Tag stärker. Als der große Moment seiner Verabschiedung kam, lag auf seinem Antlitz das Mona-Lisa-Lächeln eines Wissenden, der seine Salbung großzügig über sich ergehen ließ, um den Anwesenden nicht die Freude zu verderben. Und anstatt die, bei solchen Anlässen übliche und von allen Kollegen erwartete, Dankesrede, mit den allseits bekannten Floskeln und Komplimenten, in den Abschiedsapplaus einzublenden, kam ein kurzes

 »Danke!« aus seinem Mund. Ein kurzes, kaum vernehmbares »Danke«, sonst nichts!  

Die goldene Uhr, das Abschiedsgeschenk der Abteilungsleitung, in der einen Hand, das einfallslose Präsent der Abteilungs-Kollegen, nämlich die Anfängerpackung einer elektrischen Modelleisenbahn unter dem anderen Arm, so stand er da. Er lächelte noch einmal in die Runde und verschwand. Er ließ seine verdutzten Kollegen mit ihren Sektgläsern und Schnittchen im Großraumbüro stehen und fuhr mit dem Bus auf direktem Weg zu seiner Zweizimmerwohnung, die sich im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses befand. Sein Koffer stand bereits gepackt vor der Garderobe. Er duschte ausgiebig, schlüpfte in seine vorbereitete Kleidung, überlegte noch, ob er die goldene Uhr anlegen sollte oder besser doch seine uralte, zuverlässige Eisenbahner Uhr. »Die Goldene, man hat ja beschlossen, sich ab sofort alles zu gönnen!« Routinemäßig, aber gewissenhaft, schloss er den Gashahn, knipste alle Sicherungen aus bis auf die eine, die den mit wenigen, nicht angebrochenen, Lebensmitteln kaum gefüllten Kühlschrank versorgte, überprüfte noch einmal, ob alle Fenster sowie die Schubladen der Möbel geschlossen waren. Ein letzter prüfender Blick in die Runde und selbstzufrieden verließ Walter, der Pensionär, seine Wohnung und fuhr mit dem Bus direkt zum Flughafen Zürich-Kloten. 

Wie ging es doch vornehm zu bei den Fliegern! Jeder Passagier wurde eingecheckt und sein Gepäck wurde einzeln gewogen, durchleuchtet, mit einem langen Aufkleber versehen und von einem jungen Mann auf ein Förderband bewegt, um dann in einem Tunnellabyrinth zu verschwinden. Im Flugzeug bekam jeder Fluggast ein Päckchen überreicht, in dem diverse Toilettenartikel, Erfrischungstücher, eine Schlafbrille, ja sogar Stoffpantoffeln waren. Es gab einen Begrüßungsdrink wie in einem noblen Hotel, Decken und Kopfkissen. Walter musterte alles detailgenau, er roch sogar an der Mini-Zahnpastatube. Sein Sitznachbar wiederum musterte Walter, allerdings mit einem etwas verächtlichen Gesichtsausdruck.  

»Wohin fliegen Sie?«, fragte ihn Walter, noch immer von einer gewissen Aufgeregtheit befangen. 

Der etwa vierzigjährige, etwas untersetzte Mann neben ihm, der schon vor dem Abheben der Maschine nur noch T-Shirt und Jogginghose anhatte, antwortete: »Eigentlich nach Kuba, aber wenn ich unterwegs ein schönes Plätzchen entdecke, steige ich schon vorher aus!« 

»Nach Kuba?!« Walter wurde nervös und suchte nach seiner Bordkarte. »Wir fliegen doch nach Bangkok!«  

»Ach wirklich?«, spottete der Nachbar noch, dann signalisierte er durch das Aufsetzen seiner Schlafbrille, dass er an einer weiteren Konversation nicht mehr unbedingt interessiert war. 

Ein letztes Mal klappte er diese jedoch noch hoch, als Walter tatsächlich die Stewardess fragte, ob sie wirklich nach Bangkok und nicht nach Kuba flögen. Von diesem Moment an empfand Walter die Fliegerei nicht mehr als vornehm und Passagiere wie auch Besatzung als arrogante Schnösel, die mit der Tradition und dem gediegenen Komfort der Schweizerischen Bundesbahn nicht im Entferntesten mithalten konnten. 

Bangkok war sehr, sehr heiß! Walter kam gar nicht mehr mit dem Abtupfen seiner schweißnassen Stirn nach. Er war einfach schnurstracks an der Menge rufender und gestikulierender Taxifahrer vorbeigegangen, um draußen im Freien etwas frische Luft zu schnappen. Aber draußen war es erst recht heiß und die Luft war alles andere als frisch. Also kehrte Walter mit seinem Koffer um und ging ziellos zu der wartenden Menge zurück. Als er dann eine Weile irritiert umhergeblickt hatte, kam eine freundliche, winzig kleine Thailänderin mit einem Schild in der Hand auf ihn zu und fragte: »Are you mistää Simmeler?« 

»Zimmerer«, antwortete Walter, »das muss Zimmerer heißen!« 

Die Frau sah ihn verständnislos an. 

»Ja, äh, Jess! Zimmerer«, versuchte es Walter erneut und beinahe hätte er der Frau seinen Koffer zum Tragen in die Hand gedrückt, konnte den Reflex aber gerade noch unterbinden. 

Die Frau geleitete Walter aus dem Flughafengebäude zu einem wartenden Toyota Kleinbus, der die ganze Zeit über mit laufendem Motor dastand, damit die Klimaanlage, durch die weit geöffnete Schiebetür, die Stadt etwas herunterkühlen konnte. Als weitere fünf Männer zugestiegen waren, kletterte die junge Frau auf den Beifahrersitz und der Fahrer fuhr los. Die Thailänderin drehte sich zu den Fahrgästen um und hielt eine kurze Ansprache, von der Walter kein Wort begriff. Walter konnte kein Englisch verstehen, geschweige denn sprechen. 

Also wandte er seinen Blick von der hübschen Begleiterin ab und betrachtete die Gegend. Was er da zu sehen bekam, verlangte ihm doch eine gewisse Ehrfurcht ab. Er hatte in dem kleinen Reisebüro in Zürich, wo er seine Reise gebucht hatte, wunderschöne Bilder von traumhaften, einsamen Stränden und paradiesischen Hotel- und Bungalowanlagen gesehen. Aber dies hier war wie Amerika. Schlimmer als Amerika! Ein Hochhäuser-Meer, soweit das Auge blicken konnte und Autos, die in mehreren Etagen übereinander fuhren. Ihm wurde fast schwindelig, als der Fahrer mit einem atemberaubenden Tempo durch den dichten Verkehr raste. Es wurde etwas besser als sie die Großstadt verlassen hatten und es auf dem Tollway etwas ruhiger wurde.  

Nun endlich übermannte Walter die Müdigkeit und er schlief ein. Als der Kleinbus ruckend zum Stehen kam, wachte er erschrocken auf. Er befand sich nun vor dem Eingangsportal eines riesigen Gebäudes, aus dem eilig ein paar Hotelpagen angerannt kamen und die Neuankömmlinge und deren Gepäck in Empfang nahmen. Auch hier hatte Walter ein völlig anderes Bild vor Augen gehabt. Nun ja, auch nächtliche Dunkelheit war im Reisekatalog nicht abgebildet gewesen, aber deren Existenz konnte Walter widerspruchslos hinnehmen. 

 

*
 

Danach beschloss er einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, um einen Eindruck von seinem neuen Feriendomizil zu bekommen. Nach wenigen hundert Metern kam er an eine erste Bar, die bereits um diese Mittagszeit geöffnet hatte, und die schon so früh am Tag ganz ordentlich besucht war. Durst hatte er ja eigentlich, aber die Männer, die am Tresen der zur Straße hin offenen Bar saßen und junge, halb nackte Thailänderinnen betatschten, schreckte ihn doch zu sehr ab.  

Es folgte eine weitere Bar, in der jedoch noch alle Stühle an die Seite gerückt waren und um die herum eine Putzfrau den scheckigen Fußboden wischte. Die dritte Bar, nur weitere 10 Meter entfernt, war dagegen auch bereits geöffnet. Hier saßen nur zwei Europäer, die sich angeregt miteinander unterhielten. Nun ja, und das Barmädel forderte ihn so nett und unaufdringlich auf, sich an die Bar zu setzen, dass er nach kurzem Zögern seine Schüchternheit überwand. Mit hochrotem Kopf, wegen seiner Aufgeregtheit, bestellte er sich ein Bier. Und jetzt, wo er schon einmal so dasaß, musste er feststellen, dass es doch ganz angenehm war, hier im Schatten zu sitzen, der Musik zu lauschen und sich von dem netten, hübschen Mädel bedienen zu lassen. Es passierte auch weiter nichts. Nicht, dass er von halb nackten, jugendlichen Frauen bedrängt oder genötigt wurde, wie er es verschiedentlich über thailändische Urlaubsorte gehört und gelesen hatte. Nein, er saß einfach so da, wurde gelegentlich von dem Mädel am Tresen angelächelt, das im Übrigen damit beschäftigt war, Gläser zu putzen, den Kühlschrank aufzufüllen und die Unordnung der vergangenen Nacht zu beseitigen. Ach, Walter fühlte sich zum ersten Mal so, wie er sich seinen ersten Urlaub im Ruhestand vorgestellt hatte. Er verbrachte geschlagene drei Stunden dort. Er trank fünf Flaschen thailändisches Bier, das im Übrigen gar nicht so schlecht schmeckte. Dass er langsam etwas beschwipst wurde, merkte er nicht. Dafür fiel ihm die Konversation mit den nach und nach eintreffenden Barmädels zunehmend leichter. Man brauchte gar keine Englischkenntnisse um sich verständlich zu machen! 

Hätte sich nicht langsam ein stärker werdendes Hungergefühl bemerkbar gemacht und hätte er nicht allmählich ein schlechtes Gewissen bekommen, dass er gleich am ersten Tag seines Urlaubs und dazu noch am hellen Tag, in einer Bar versackt war, dann wäre er bestimmt einfach dort hocken geblieben. Aber so gab er sich einen Ruck, orderte die Rechnung und war erstaunt, wie preiswert seine Zecherei war. 

Mit einem freundlichen »See you later, Walter!« entließ man ihn in die sengende Nachmittagssonne. Diese versetzte seinem Gleichgewichtssinn erst einmal einen gehörigen Schlag. Mit Mühe erreichte er das Schnitzelstübchen, welches sich einen Block weiter auf der gleichen Straßenseite befand. Ohne groß zu überlegen, ging Walter dort hinein und atmete die kühle Klimaanlagenluft tief ein. 

Erleichtert stellte er fest, dass die Speisekarte, die ihm eine unfreundliche, ältere Frau kommentarlos auf den Tisch gelegt hatte, unter anderem auch auf Deutsch verfasst war. Ebenso erleichtert war er, dass ausschließlich Speisen angeboten wurden, die er allesamt auch von zu Hause kannte. Und noch erleichterter war er, dass sein Schweineschnitzel mit Pommes frites auch genau so schmeckte wie in der Schweiz. 

Die drei besoffenen, grölenden und pöbelnden Engländer an der gegenüberliegenden Seite des Restaurants störten ihn erstaunlich wenig. Ebenso die vier Deutschen, die in Unterhemden und Adidas-Shorts am Nachbartisch saßen und über das Essen und alles andere nörgelten. Aber nörgeln Deutsche nicht sowieso ständig? 

Die Portion war riesig und Walter erholte sich von seinem Schwips. Er bezahlte und beschloss ins Hotel zu gehen, um sich ein wenig auszuruhen und dann frisch geduscht den Abend zu beginnen. 

Als er das Restaurant verließ, war schon die Dämmerung hereingebrochen und so beleuchtet sah die ganze Straße wie eine riesige Kirmes aus. Auch waren um diese Zeit bereits unzählige Menschen unterwegs, die Bars waren gut besucht und aus jedem dieser Etablissements heraus wurde er mit lautem »Hallo« begrüßt. Bald blieb es nicht mehr beim Begrüßen. Die Mädels kamen heraus auf die Straße, packten ihn am Arm und versuchten ihn mit Schmeicheleien, Komplimenten und sanftem Nachdruck in ihre Etablissements zu bewegen. Durst hätte er wohl schon gehabt, doch so lustig das alles auch war, Walter war noch nicht gelöst genug, um sich einfach so mitreißen zu lassen.  

So passierte er Bar um Bar und ließ sich nicht erweichen, bis er an seine Bar kam. Hier wurde er wie ein alter Freund begrüßt und hier war er ja irgendwie auch schon Stammgast nach seinen fünf Flaschen Bier am frühen Nachmittag. Fröhlich ließ er sich an seinen Stammplatz führen und bestellte sogleich eines dieser leckeren Singha-Biere für sich und zwei Lady-Drinks für die beiden Mädchen, die ihn so lieb eingefangen hatten. 

Ach was war das für ein netter, lustiger Abend! Walter fühlte sich wie ein Teenager! Eigentlich lachten sie alle drei fast die ganze Zeit über nur. Walter konnte wirklich kein Englisch. Aber weiß der Teufel wie, sie konnten sich verständigen. Es war wirklich lustig und amüsant!  

Walter vertrug nicht besonders viel Alkohol. Nicht, dass er dann ausfallend oder unangenehm wurde. Er wurde nach ein paar Bierchen nur einfach müde und schlief dann, manchmal sogar im Sitzen, ein. Heute war das ganz anders. Je mehr er trank, desto lustiger wurde er! Und nicht nur das! Ihm fielen immer mehr von den englischen Vokabeln ein, die er so im Laufe seines Lebens aufgeschnappt und achtlos von einem Ohr zum anderen weiter gereicht hatte. Und die beiden süßen Mädels kümmerten sich liebevoll um ihn. Später ging eine von ihnen weg, um sich zu einem Bekannten oder wahrscheinlich sogar guten Freund, an den Tisch zu setzen. Aber die andere, sie hieß Thip, kümmerte sich dafür umso hingebungsvoller um ihn. Ja sie wollte ihn sogar ins Hotel begleiten. Aber das wurde Walter dann doch zu viel! Obwohl: Lust hätte er schon gehabt! 

Es war weit nach Mitternacht als Walter völlig betrunken den Heimweg antrat. Er hatte eine ordentliche Zeche gemacht, aber der Abend war es wert gewesen. Thip war zum Schluss etwas zickig geworden, sein üppiges Trinkgeld hatte sie jedoch wieder versöhnlich gestimmt und ihr ein betörendes Lächeln auf ihr jugendliches Antlitz zurückgezaubert. 

Die nächsten Tage verliefen dann im Großen und Ganzen immer im gleichen Rhythmus. Nach einem ausgedehnten Frühstück mit Lektüre einer deutschsprachigen Zeitung, ging es dann entweder direkt zum Strand oder es standen Ausflüge auf dem Programm. Danach folgte ein europäisches Mittagessen, hin und wieder durfte es später auch einmal eine einheimische Mahlzeit sein, vorausgesetzt, das Essen war nicht scharf. Nach dem Mittag schlenderte Walter an seiner Bar vorbei, um zu schauen, wer um diese Zeit wohl schon dasaß. Hierbei gab es dann zwei mögliche Varianten. Bei Variante eins sagte er den Mädels nur flüchtig »Hallo«, trank vielleicht ein Bierchen, und schlenderte dann vorläufig weiter. Variante zwei bedeutete, dass Walter einen oder eine Bekannte in der Bar traf, auch ein Bierchen trank, sich dann aber fest quatschte und den langen Rest des Tages dort verbrachte. In Abhängigkeit dieser beiden Möglichkeiten ergab sich dann der weitere Tagesablauf. Wenn Walter vorläufig weiter geschlendert

 war, dann sah er sich die anderen Bars, die um diese Zeit schon geöffnet hatten, an, um zu sehen, ob er vielleicht dort ein bekanntes Gesicht antreffen würde. War dies der Fall, so quatschte er sich dort fest. Er versäumte es aber niemals, den Abend in seiner Red Lips Bar zu beenden. Und das hatte einen ganz besonderen Grund... 

Robert Fendrich war eigentlich ein sehr schüchterner Mensch. Die unerwarteten Veränderungen, die sein Leben in den letzten fünf Jahren erfahren hatte, haben ihm jedoch Selbstvertrauen und eine gewisse Gelassenheit gegeben. Wegen einer Allergie hatte er seinen Beruf als Malergeselle aufgeben müssen. Robert machte noch eine Ausbildung zum Koch, doch in seiner Heimatstadt, im niedersächsischen Celle, konnte er keine Anstellung finden. 

Frustriert heuerte er in Hamburg auf einem Containerschiff als Schiffskoch an. Der überwiegend asiatischen Besatzung schmeckte sein Essen überhaupt nicht und auch die wenigen europäischen Offiziere hatten deutlich andere Vorstellungen von schmackhafter Ernährung als Robert. Zwar lernte er noch die wichtigsten Grundlagen der asiatischen Küche von einem philippinischen Matrosen, dennoch wurde er schon nach wenigen Wochen an Bord, zum Abheuern genötigt. 

Mit einer ganz anständigen Heuer in der Tasche und einem, von der Reederei bezahlten, offenen Rückflug-Ticket in der Hand, stand Robert kurz vor Weihnachten auf der Kaimauer des Hafens von George Town auf der malaysischen Insel Penang. Die Atmosphäre in dieser tropischen Metropole, die ungewohnte Hitze, die völlig anderen Geräusche, Gerüche und Farben, die freundlichen Menschen und das quirlige Leben in den Straßen, all das faszinierte ihn von Anfang an.  

Robert blieb zwei Monate lang in Malaysia und arbeitete dort in einem Hotel einer amerikanischen Kette. Die Arbeit war hart und die Bezahlung inakzeptabel. Robert wurde unzufrieden und machte sich schließlich auf den Weg nach Thailand, wo er nach einer anstrengenden Busfahrt auf der Ferieninsel Phuket landete. 

Das Leben hier erschien Robert wie eine aus der Kontrolle geratene Riesen-Fete. Wenn Eva ein paar hübsche Schwestern gehabt hätte und die Schlange Alkohol statt des dämlichen Apfels über den Zaun gereicht hätte, dann hätte man das Paradies bestimmt Phuket getauft und Jesus wäre eines Tages als buddhistischer Mönch aufgekreuzt. 

Trotz seiner eisernen Sparsamkeit aus Rücksicht auf sein knappes Budget, nahm Robert an dem Touristenleben ausgelassen teil. Er lernte viele nette Urlauber kennen und hatte wegen seiner freundlichen und bescheidenen Art einige thailändische Verehrerinnen, die sich, wohlgemerkt unentgeltlich, mit ihm einließen. Eine dieser Damen, ein Barmädchen von Bangla, Patong-Beach, wurde zu seiner festen Freundin.  

Es war eine wirklich schöne Zeit, nur eines gelang Robert nicht: Eine anständige Beschäftigung für eine angemessene Entlohnung zu finden. Es gab in Phuket wirklich nichts, was noch gefehlt hätte und wo Robert eine Marktlücke hätte ausfüllen können. So brachte ihn seine Freundin Nia schließlich dazu, mit ihr zusammen in ihre Heimatstadt Sisaket zu reisen, um dort unter ihrem Namen ein Restaurant zu eröffnen. Nach 12 Wochen Aufenthalt in Phuket reiste er schließlich mit einer glücklich aufgeregten Nia, selber indes mit gemischten Gefühlen, in Richtung Nordosten. 

Doch seine Zweifel waren unbegründet. Es gab in Sisaket einen bescheidenen aber stetigen Tourismus und ein paar Farang, die in der Kleinstadt und in den umliegenden Dörfern mit ihren thailändischen Frauen zusammenlebten. Ein gut gelegenes, günstig zu mietendes Lokal war schnell gefunden und die Einrichtung konnte Robert mit Hilfe einiger Handwerker nach seinen Vorstellungen verwirklichen. Schon am Eröffnungsabend war das Lokal gut besucht und Roberts Kochkunst fand allgemein großen Anklang. Es dauerte etwa ein drei- viertel Jahr bis Roberts Restaurant eine etablierte Adresse in Sisaket war, die bald sogar in verschiedenen Thailand-Reiseführern als Insidertipp Erwähnung fand. Für die hier lebenden Ausländer waren Robert und Nia mit ihrem Lokal bald eine unentbehrliche Institution. Nias Familie lebte etwa zehn Kilometer entfernt in einem kleinen Dorf. Warf man ihr zunächst noch vor, sich nicht genug um ihre Familie zu kümmern, so neidete man dem Paar bald den bescheidenen Erfolg mit

 seinem gut laufenden Restaurant. Nia litt sehr unter dem Argwohn und dem Neid ihrer Familie, andererseits wusste sie auch nicht, was sie an der Situation hätte ändern können. So versuchte sie sich voll und ganz auf ihren Robert und auf die Rolle als erfolgreiche Restaurantbesitzerin zu konzentrieren, in der Hoffnung, dass mit der Zeit das Verhältnis zu ihren Eltern und den beiden Brüdern wieder in Ordnung kommen würde. 

 

 

Walter stand mit einem Koffer in der einen Hand und einer Reisetasche in der anderen auf dem Bahnhofs-Vorplatz von Sisaket und wusste nicht, was er nun machen sollte. Er stand da, drehte sich nach rechts, guckte, drehte sich nach links, guckte wieder, stellte seine Sachen auf den schmutzigen Boden und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er fühlte sich erschöpft und völlig verloren in dieser fremden Welt. In Pattaya gab es wenigstens eine Infrastruktur, die einem Farang eine gewisse Vertrautheit und Sicherheit gab, hier aber war alles sehr fremdartig. 

Walter kramte seinen Zettel aus der Jackentasche, auf dem die Adresse seiner Frau stand. Er sah sich den Zettel an und blickte dann hilflos in die Gegend. Der Bahnhof hatte sich in kurzer Zeit geleert, nur eine alte Frau machte sich an einem großen Bündel aus bunten Plastikplanen zu schaffen. Walter nahm seine Sachen und verließ das Bahnhofsgelände. Ziellos schlenderte er die belebte Straße entlang. »Farang« hörte er die Leute sich zuraunen. Der Klang der Sprache war ihm längst vertraut geworden, verstehen konnte er dennoch kaum ein Wort. 

Walter hatte kein Gefühl dafür, wie lange er schon gegangen war. Plötzlich stand er vor einem, zur Straße hin offenen Restaurant, über dem in großen, lateinischen Lettern »Roberts Restaurant« stand. 

»Ich bin gerettet!« murmelte Walter. Er erklomm die eine Stufe, die der große Raum vom Bürgersteig erhaben war und schlurfte zum Tresen hinüber. Dann holte er seinen Zettel hervor und fragte auf Schwyzer-Englisch: »Can you help me...?« 

Die junge Thailänderin blickte kurz auf und rief dann laut:  

»Rob! Farang, ma reo!« 

Robert kam aus der Küche heraus und wischte sich die Hände an seiner Schürze ab. 

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er auf Deutsch den erschöpft wirkenden Europäer. 

»Ich suche meine Frau«, antwortete Walter und fügte kleinlaut hinzu:  

»Und Hunger habe ich auch!« 

Der Fremde sah bemitleidenswert aus und Robert erkannte sofort, dass der Mann Hilfe brauchte. Beruhigend sagte er:  

»Nun setzen Sie sich erst einmal hin und sehen sich die Karte in Ruhe an. Heute gibt es Hackbraten als Tagesgericht. Ich bin gerade dabei, es wird nur noch ein paar Minuten dauern. Dann habe ich auch etwas Zeit für sie, aber jetzt muss ich erst einmal schnell zurück in die Küche.« 

»Hackbraten wäre jetzt schön!«, antwortete Walter. Die Worte des freundlichen Wirtes hatten eine unheimlich beruhigende, ja tröstende Wirkung auf ihn. Er setzte sich an den Tresen, um näher am Geschehen zu sein. Das Lokal war völlig leer. Außer ihm waren nur der Wirt und eine junge Dame anwesend, die damit beschäftigt war, Gläser aus einem Karton zu nehmen und diese dann in dem Spülbecken zu reinigen. 

»Möchte Sie etwas trinken?«, fragte Robert eilig. 

»Ja, Leo!«, antwortete Walter. »Haben Sie Leo Bier?« 

»Leo, geht klar!« Robert drehte sich zu der Frau. »Nia, Leo khuat jai, krab!« 

Dann tippte er flüchtig auf seine Armbanduhr und verschwand in dem Raum in der Ecke hinter dem Tresen. 

Walter bekam sein Bier und ein sehr freundliches Lächeln von Nia. Er bedankte sich auf Thailändisch. Nia nahm sein »Khop khun krab!« mit verhohlenem Gekicher entgegen und ohne Walter zu antworten, verschwand sie in der Küche. Noch im Hineingehen rief sie lachend »Farang phut thai dai!« in den hinteren Raum und ließ die Tür hinter sich zufallen. Obwohl sie einige Jahre lang in Phuket mit vielen Farang zu tun gehabt und es ihr dort keineswegs an Selbstvertrauen gemangelt hatte, wurde sie hier in der Provinz doch nach und nach wieder von ihrer alten ländlichen Schüchternheit und Sittsamkeit zurückerobert. 

Robert und Walter saßen nun schon eine ganze Weile an einem Tisch in der Nähe des Eingangsbereiches. Robert hatte immer noch nicht ganz verstanden, worum es in Walters Geschichte eigentlich ging. Schuld daran war, neben Walters schwer verständlichem Schweizer Akzent, auch seine unglaublich umständliche Art Dinge zu erklären. Eines hatte Robert aber schon bald herausgefunden, nämlich dass Walter einem ziemlich unberechenbaren Miststück von thailändischer Frau aufgesessen war. Die Adresse, die auf Walters Zettel in thailändischen Lettern aufgekritzelt war, konnte es nach Nias Angaben überhaupt nicht geben. Einzig der Name kam ihr irgendwie bekannt vor, auch wenn sie sich nicht konkret erinnern konnte.  

Eines Abends betrat eine Gruppe von Thailändern Roberts Restaurant. Die im Durchschnitt vielleicht Ende zwanzig Jahre alten Männer sahen sich in dem Lokal um, rückten zwei Tische zusammen und gruppierten sich dann darum herum. Sie wirkten ausgelassen, wenn auch merkbar befangen. Robert kam hinter dem Tresen hervor, um Bestellungen aufzunehmen. Einer aus der Gruppe orderte eine große Flasche Regency, einen Kübel voll Eis und je fünf Flaschen Soda und Cola. Die Männer tranken den Schnaps, alberten in gedämpften Ton herum, bewarfen sich gegenseitig mit Eiswürfeln, rauchten Zigaretten. Immer wieder sahen sie zu Robert herüber und sprachen dabei scheinbar über ihn. 

Dirk, der bis dahin in ein Gespräch mit Daeng vertieft war, spürte die angespannte Atmosphäre. 

»Kennst du die Leute?«, fragte er. 

»Ja, die sind aber nicht von hier«, antwortete Daeng und beobachtete die Gruppe aus den Augenwinkeln. Robert wurde an deren Tisch herangewinkt. Ein Mann fragte ihn nach the owner, also dem Inhaber oder der Inhaberin. Als Robert nachfragte, worum es denn ginge, bestand der Mann darauf, »Khun Nia« zu sprechen. Robert ging in die Küche, um seiner Freundin Bescheid zu geben. Nia war etwas verwundert und lugte durch die einen Spalt weit geöffnete Tür. Dann erschrak sie. 

»Das sind meine Brüder und noch ein paar Leute aus unserem Dorf!«, sagte sie ängstlich. »Was wollen die denn hier?!« 

Nia hatte ihre Familie seit ein paar Monaten nicht mehr besucht, weil die ständigen Streitereien und die Vorwürfe langsam unerträglich wurden. Nun schwante ihr nichts Gutes angesichts dieser Gruppe von Männern. 

»Ich geh da jetzt nicht raus!«, sagte sie energisch zu Robert. 

»Komm, sei nicht albern!«, beschwichtigte der. »Deine Brüder werden dir wohl kaum den Kopf abreißen!« 

»Du kennst die nicht!«, ereiferte sich Nia. »Du hast gar keine Ahnung von Thailändern! Du kommst hier in unser Land, die Taschen voller Geld, nimmst dir ein Mädchen und denkst, dass du hier genauso leben kannst wie in Deutschland!« 

»Hoppla, nun mal langsam!« Robert fühlte sich völlig überrumpelt. Warum geriet seine Freundin plötzlich so in Rage? 

»Ich lebe auch schon wie eine Deutsche in meinem eigenen Land!«, fuhr sie fort. »Ich lebe in den Tag hinein, ohne mich um meine Familie zu kümmern. Ich denke nur an mich und übernehme für nichts Verantwortung. Ich bin eine schlechte Tochter!« 

»Was erzählst du denn da? Deine eigenen Eltern und deine Brüder sind es doch, die dir ständig Ärger bereiten. Sie sind es doch, die deine Unterstützung gar nicht annehmen wollen.« Robert verstand überhaupt nicht, warum er jetzt für die Probleme in Nias Familie der Sündenbock sein sollte. 

»Du verstehst nicht!«, schrie sie ihn an. Eine Träne kullerte ihre Wange herunter. 

»Nia, du machst dir doch was vor! Überleg doch mal...« Mitten in Roberts Satz hinein ging die Tür auf. Einer der thailändischen Gäste steckte seinen Kopf hindurch. Nia schrie wütend einige Sätze in einem für Robert unverständlichen, thailändischen Dialekt und warf ein Küchenmesser in Richtung der Tür. Das Messer blieb sirrend im Holzrahmen stecken. Erschrocken zog der Thailänder seinen Kopf zurück und schlug die Tür krachend zu. Robert sah seine Freundin fassungslos an. »Du hättest ihn töten können!«, sagte er vorwurfsvoll. 

Nia liefen nun die Tränen in Strömen aus den Augen. Ohne ein weiteres Wort zu sagen band sie sich die Schürze ab, hängte sie an den dafür vorgesehenen Haken neben der Kochstelle und verließ die Küche durch die Tür zur Seitenstraße. 

Nach kurzem Zögern ging Robert in das Restaurant zurück. Die Thailänder waren aufgestanden und sammelten ihre Zigarettenpackungen, Feuerzeuge und Jacken ein. Ohne einen Gedanken an die Zeche zu verschwenden und ohne ein Wort an den Gastwirt zu richten, verließen sie das Restaurant genauso unerwartet, wie sie es vorher betreten hatten. 

Die übrigen Gäste hatten diesen merkwürdigen Auftritt, der ja nur knapp eine viertel Stunde gedauert hatte, mit Verwunderung verfolgt. Nun sahen sie Robert mit betretener Miene neben dem Tresen stehen und den unbekannten Thailändern hinterher sehen. 

»Gibt´s ein Problem?«, fragte Dirk, aber Robert schüttelte stumm den Kopf. 

Daeng sah ebenfalls zu dem Wirt herüber. Zu Dirk gewand sagte er leise: »Das sind die Brüder von Nia. Die beiden machen überall Ärger.«  

Nias Familie war eigentlich ziemlich arm. Sie hatten eine kleine Farm in Baan Rak, aber der Vater trank seit vielen Jahren zu viel Alkohol. Die Farm brachte nicht genug ein, um die Familie zu ernähren und so hatten sie ein paar Jahre zuvor ihre Tochter Nia einer Arbeitsvermittlerin mitgeschickt, die ihr angeblich einen Job in einem Hotel vermitteln konnte. Man hatte von dem Mädchen dann lange Zeit nicht mehr gehört. Danach ging es der Familie jedoch langsam wirtschaftlich wieder etwas besser. Von dem Geld, welches Nia ihrer Familie geschickt hatte, wurde zunächst ein Büffel und diverse Dinge, die für die Farm benötigt wurden, angeschafft. Einige Monate später hatten die beiden Brüder plötzlich neue Motorräder und bald danach der Vater einen gebrauchten Isuzu Pick-up. Der Familie ging es immer besser und die Brüder wurden langsam zu arroganten Angebern und Schlägern. Sie sammelten eine merkwürdige Clique von Tagedieben um sich herum. Einige von denen fielen durch Schlägereien, Überfälle, Erpressungen und ähnliche Dinge auf und ein paar von ihnen saßen bald sogar wegen solcher Delikte im Gefängnis. Robert kannte diese Geschichte aus verschiedenen Quellen andeutungsweise, doch hatte er dabei noch nicht einmal eine Vorstellung davon, was Nia wirklich alles in den sechs oder sieben Jahren hatte durchmachen müssen. 

Dirk sah Robert mitleidvoll an. Er ahnte, was in dessen Gedanken vor sich ging. 

»Alles okay?«, fragte er noch einmal. Robert nickte stumm. 

Dirk wandte seinen Blick ab und schaute gedankenverloren in sein fast leeres Bierglas. Er dachte daran, was für Probleme er mit seiner eigenen Familie hatte, und wie sich seine Illusionen mehr und mehr verflüchtigt hatten, seit damals, als er seine Frau in Pattaya kennen gelernt hatte. Wann immer er, wenn auch nur andeutungsweise, nach ihrem Vorleben gefragt hatte, bekam er nur sehr ausweichende Antworten, verbunden mit Wutausbrüchen, zu hören. Das Thema war Tabu, seine Fantasie reichte jedoch sehr wohl dafür aus, sich in etwa vorzustellen, was sie vor seiner Zeit für ein Leben geführt hatte. Man muss schließlich schon blind durch Orte wie Pattaya oder Phuket laufen, um nicht zu erkennen, welch ein Dasein die Mädchen dort führten. Und genau das war es ja schließlich auch, weshalb die meisten Ausländer diese Orte aufsuchten. Nur wenn sich ein Tourist dann in eines der Barmädchen verliebte - und das war eigentlich an der Tagesordnung - dann wollte er dieser Tatsache auf keinen Fall ins Auge sehen. Sein Mädchen war selbstverständlich ganz anders als die anderen und sein Mädchen liebte ihn natürlich um seiner selbst willen und nicht wegen des schnöden Mammon!  

Robert kam zu den beiden herüber und setzte sich mit an den Tisch. 

»Mi panhaa mai?«, fragte ihn Daeng. 

»Warte einen Moment«, antwortete Robert. Er stand wieder auf, holte eine Flasche Sang Som, einen Kübel voller Eiswürfel, Gläser und Cola und stellte alles auf den Tisch zu den beiden Männern. 

»Nicht für mich«, wehrte Dirk ab. »Ich müsste schon längst weg sein. Ich fliege morgen nach Deutschland und muss spätestens um zehn Uhr am Don Müang sein.« 

Dirk stand auf, verabschiedete sich von den anderen und knatterte mit seiner Honda in die Nacht hinein. 

»Du trinkst zu viel!«, sagte Daeng zu Robert, als sich beide wieder gesetzt hatten.

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