Titel

Pforten: Geschichten zwischen Fakt und Fiktion

Leseprobe

Urheber
Anne-G. Werres

Printbook / Ebook

Verlag
Create Space Indenpendent Publishing Platform / ---
Bindung
Paperback
Seitenzahl / Dateigröße
140 / --- KB
Sprache 
Deutsch
Format
12,7 x 20,3 cm / ---
ISBN / ASIN
978-1-4953-3102-2 / ---
Preis
€ 6,47 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / € ---

Internet
www.annewerres.npage.de

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Pforten
zwischen Fakt und Fiktion

Pforten - Sie sind geöffnet oder verschlossen. Sie ermöglichen uns den Eintritt in vertraute oder unbekannte Gefilde, versetzen uns in fremde Welten oder mitten ins Zentrum unserer Selbst.
Sie sind Chance und Fluch zugleich, öffnen uns zukunftsträchtige Wege, oder solche, die wir besser nie beschritten hätten.

Pforten - sie öffnen den Blick für neue, ungeahnte Perspektiven. Führen die Helden an ihre eigenen Grenzen und darüber hinaus. Lassen uns Leser eintauchen in eine fremde und zugleich vertraute Welt. Denn Handlungen und Gedankengänge, die uns zunächst irreal erscheinen mögen, entspringen nicht selten auch den Tiefen unserer eigenen Seele.


Leseprobe

Auszug aus der ersten Geschichte "Gesang der Sterne"

Da waren sie wieder, ganz deutlich, diese merkwürdigen sonoren Stimmen. Besonders stark drangen sie zu ihr in sternklaren Nächten, wenn tagsüber der lähmende Polarwind geweht und abends die Nordlichter ihre bunten Bilder auf den nachtblauen Samt des isländischen Himmels gemalt hatten.
Die Stimmen - zunächst nur ein zartes Wispern und Raunen - umhüllten Stella sanft. Sie sickerten durch jede noch so kleine Pore in ihr Inneres, um schließlich mit brachialer Gewalt durch ihre Adern zu schießen. So wurde der Chor zu einem mächtigen Strom, der unaufhaltsam seinen Weg selbst durch die engste Kapillare fand, um Stellas Körper bis in den allerletzten Winkel in Besitz zu nehmen.
Dann stürzte sie ans Fenster, riss beide Flügel auf und streifte die pulvernde Hitze der Heizung ab wie einen kratzenden Pyjama. Umspült von Ferne und Frische entledigte sie sich ihrer Kleider, die ihr - besonders in Momenten wie diesem - als unnötiger Ballast erschienen. Nackt und frei streckte sie, wie im Gebet, die Arme zum nachtschwarzen Himmel empor.

Noch nie waren die Stimmen so stark gewesen wie an jenem Abend, der auf den Skemmstur dagurinn, den kürzesten Tag des Jahres, folgte.
Mit der klaren Nachtluft sog Stella die unergründlichen Tiefen und Geheimnisse des Universums ein, dessen Teil sie als Menschenkind auf ihrem kleinen Planeten Erde war. Oder wenigstens zu sein glaubte.
Mit jeder kühlen Welle arktischer Polarwinde, die an ihren nackten Körper schwappte, wurde das geheimnisvolle Flüstern und Wispern um sie herum stärker. Ein Raunen, hohl und tief, umspülte ihre Ohren, die von der klirrenden Kälte wie durch einen unsichtbaren Reif an ihren Schädel gepresst wurden.
Stella schenkte dem Gefühl erster Erfrierungserscheinungen keinerlei Beachtung. Wie unter einem Bann dehnte sie ihre hochgewachsene, schlanke Gestalt aus dem Fenster, weiter, immer weiter, bis der stechende Schmerz, den das steinerne Sims ihrem blanken Leib zufügte, ihr schließlich Einhalt gebot. Sie kauerte sich auf den steinernen Vorsprung zwischen Himmel und Erde, unentschlossen, die unendliche Weite von Thors luftigem Reich direkt vor ihrer Nase, die staubige Hitze der kleinen Dachgeschosswohnung im nackten Rücken.
Hver anskotinn! Verdammt! Sie hätte es fast getan. Getan? Was? So ganz genau hätte sie es nicht mal benennen können. Sie wusste nur, dass dieser verdammte Schmerz sie zurückgehalten hat. Zurück in dieser beschränkten, unzureichenden Welt, die ihr leider Gottes auferlegt war.
Leise fluchend strich sie sich mit der Hand über die feuerroten brennenden Striemen, die die scharfen Kanten des Fensterbrettes auf ihrem flachen Bauch hinterlassen hatten.
Als ob sie das heftige Pochen lindern wollten, troffen die Stimmen nun süß und klebrig wie Akazienhonig auf sie herab:

"Musst unversehrt sein, makellos, rein,
wie der Sterne heller Silberschein.
Schöne der Nacht, Licht im Weltenraum,
dein Erdenleben - nichts als ein Traum!

Hell schimmerndes Haar, Alabasterhaut,
bald am Firmament man dich schaut."

Als der Schmerz langsam wich, wurde aus dem säuselnden Sing¬sang, der mit jeder Note, jedem Wort an Intensität gewann, ein leidenschaftliches, nicht enden wollendes Lied. Schmeichelnde, sich fortwährend wiederholende Passagen glasierten schließlich so lange das Zentrum ihres rationalen Denkens, bis irgendwann auch der letzte klare Gedanke tief in den Windungen ihres Gehirnes haften blieb.
Hoch über Stella, im samtschwarzen Himmel Islands, hoben die Sterne - hell erleuchtete Tore zu anderen Welten - zu einem mächtigen Gesang an. Stella war plötzlich so frei, so unsagbar leicht. Sie war nichts als ein hohles, irdenes Gefäß. Ein großer Krug, in dem starke Vibrationen Klang erzeugten, der schließlich in Stellas pulsierender Mitte zu einem gewaltigen Choral an¬schwoll.
Endlich wusste sie, was zu tun war. Das Lied, neu und doch so wundersam vertraut, handelte davon! Wieso begriff sie das erst jetzt?
Unbeirrt zog sie sich auf das schmale Fenstersims. Mit der Sicherheit eines Schlafwandlers passierte sie die Absturzsicherung, löste die schmalen Finger von dem eiskalten Metall und entzog ihren nackten Füßen den letzten Halt.
Ferne. Ewigkeit. Unendlichkeit. Mit zum Fliegen ausgebreiteten Armen tauchte Stella ein in das blau-schwarze Meer der sternklaren Nacht.

Helge stand fassungslos auf der Schwelle ihres gemein¬samen Schlafzimmers. Das doppelflügelige Fenster, das in den engen Innenhof zeigte, stand sperrangelweit offen. Auf dem Boden lagen zahlreiche weiße Kleidungsstücke verstreut.
Weiß - die einzige "Farbe", die er während seiner merk¬würdigen Liebesbeziehung zu Stella jemals an ihr gesehen hatte.
Als er aus seiner Schockstarre erwacht war und das Uhrwerk in seinem Kopf sich langsam wieder zu drehen begonnen hatte, stürzte er ans Fenster - nichts! Dem Himmel sei Dank! Pechschwarz und friedlich lag der schlafende Hof mehrere Stockwerke unter ihm. Kein zerschlagener weißer Körper, der im funkelnden Schein der Sterne auf dem dunklen Pflaster leuchtete. Kein schauriger Klagelaut, der sich einer gepeinigten Kehle entrang. Absolut keine einzige Spur von Stella. Nur ihre Kleider .

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