Titel

Paul Dahlke - Die Biografie

Leseprobe

Urheber
Rüdiger Petersen

Printbook / Ebook

Verlag
Verlag Kern / Verlag Kern
Bindung
Paperback
Seitenzahl / Dateigröße
386 / keine Angabe
Sprache 
Deutsch
Format
15,5 x 21,5 cm / keine Angabe
ISBN / ASIN
978-3-9442-2474-9 / 978-3-9442-2485-5
Preis
€ 26,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / € 19,90

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Paul Dahlke galt von jeher als Charakterschauspieler, glänzte in zahlreichen Rollen am Theater, im Film und in vielen Fernsehproduktionen. Seine Rollen in Das fliegende Klassenzimmer, Drei Männer im Schnee, Die Heiden von Kummerow und die Fernsehserie M S Franziska sind neben vielen anderen Rollen unvergessen. Anhand von Paul Dahlkes unveröffentlichter Aufzeichnungen, Kritiken und Aussagen bekannter Weggefährten wie Margot Hielscher, Bruni Löbel, Christian Wolff, Jochen Schroeder, gelang es dem Autor, das Leben des großen Schauspielers detailliert nachzuzeichnen. Diese Biografie ist die erste über einen der bedeutendsten Darsteller des 20. Jahrhunderts.


Leseprobe

"In Streitz an der Ostsee bin ich geboren. Streitz ist ein Dorf, nein ein
Ort, na, sagen wir ein Fleckchen. In Streitz gibt es ein Gutshaus, eine
Schule, ein paar Häuser "rundherum" und schließlich ein weinumranktes
Lehrerhaus. Dieses Lehrerhaus war mein Vaterhaus. Mein Vater war
damals noch Landlehrer. Wir wurden von einer Gemeinde in die andere
versetzt."2
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gehört Groß-Streitz zum Königreich
Preußen und zählt ganze 127 Einwohner. Heute gehört Groß-Streitz
zu Polen. In diesem pommerschen Dorf wird Paul Victor Ernst Dahlke,
am 12. April 1904, im Tierkreiszeichen Widder an einem Dienstag geboren.
In seinem Buch Heiteres Sternbild charakterisiert und illustriert er den
Widder folgendermaßen3: "mutig", "einfach, oft rauh, .", "... aber lebenbejahend",
"reizbar", "unter Umständen jähzornig", "Willen zur Tat und
zu ihrer Verwirklichung", "Verträgt weder Zwang noch Bevormundung",
"durch Hindernisse zu doppelter Kraftentfaltung getrieben", "großzügig,
stolz und treu", "kann organisieren", "ritterlich", "vergisst aber Unrecht
nicht leicht" und "muss sich vor Übereilung hüten". In manchem Begebenheiten
und Situationen scheint es so, dass Paul Dahlke den Widder par
excellence verkörpert.
Sein Geburtshaus wird er erst später
kennenlernen, denn noch bevor überhaupt
sein Bewusstsein erwacht, siedelt
die Familie in die nahegelegene
Kreisstadt Köslin über. Elfe Gerhart
erinnert sich: "Ich bekam von
einem Freund ein kleines Bild mit
einem Haus und dieses Haus sollte
das Groß-Streitzer Schulhaus sein,
in dem Paul die ersten Jahre seines
Lebens verbracht hatte. Paul durfte
Pommern nach dem Krieg nicht
besuchen, so dass er keine Vorstellung
von seinem Geburtshaus hatte.
Dieses Haus malte ich in mühevoller
Arbeit heimlich ab. Es passierte
nicht selten, dass Paul unerwartet 4) Geburtshaus in Öl
12
nach Hause kam und ich sehr schnell die Malutensilien verstecken musste,
dabei passierte es natürlich hin und wieder, dass ich kleckste. Und da
schimpfte er, dass ich doch ein wenig vorsichtiger sein solle. Zum Geburtstag
schenkte ich ihm dann sein Geburtshaus in Öl."4
5) Paul mit seinen Eltern Anna und Ernst Dahlke,
1912
Vater Ernst Dahlke ist Lehrer und arbeitet nach den täglichen Lehrstunden
an der von ihm herausgebenden Halbmonatsschrift für Schulmusikpflege
oder an den grauen Chorbüchern, die er für alle Klassen der Volksschulen
und höheren Lehranstalten in neuem Satz zusammenstellt5 und unter dem
Titel Das deutsche Lied in den zwanziger Jahren veröffentlicht. Außerdem
komponiert er gelegentlich Volks- und Kinderlieder (Steigt ein Büb13
lein auf den Baum und Es rauscht durch deutsche Wälder, Gedenkt der
Toten, die für Deutschland fielen)6. Mutter Anna kümmert sich um Haus
und Hof und um die Kinder Johannes und Paul.
Im Alter von fünf Jahren zieht Paul mit seinen Eltern nach Köslin. "So
erinnere ich mich, welch erregenden Eindruck es auf mich machte, als ich
im Strandcafé von Groß-Mölln die erste Maus entdeckte und es mir mit
Hilfe von Kuchenkrümeln gelang, sie zum Bleiben zu veranlassen. Als
mein älterer Bruder starb und ich oft mit der Mutter den weiten Weg zum
Friedhof pilgerte, ereignete es sich einmal, dass ich nicht zu bewegen war,
an einem bestimmten Telegraphenmast vorbeizugehen, weil die Drähte im
Winde so unheimlich heulten; so blieb der Mutter nichts weiter übrig, als
umzukehren."7 Sein Bruder Johannes ist 1902 geboren und stirbt im Alter
von vier Jahren an Diphterie.8 Ein weiterer Sohn (Fritz) stirbt im März
1905 einen Tag nach der Geburt.9
"Und in Köslin ist es auch gewesen, wo mich eine taubstumme Frau davor
bewahrte, überfahren zu werden. Ich hatte Schrittmacher einer Postkutsche
gespielt und war immer dicht vor dem Wagen, so nahe, dass das Pferd
mich sanft berührte. Die Taubstumme winkte mir aufgeregt zu, aber ich
kümmerte mich nicht um ihr Gebaren, und da der Kutscher mich kleinen
Knirps da vorn überhaupt nicht bemerkte, hätte ich sehr leicht unter die
Räder kommen können. In einem solchen bedrohlichen Augenblick riss
mich die Frau von der Fahrbahn fort."10
Nach einer weiteren Versetzung des Vaters wird Paul Dahlke in Stargard
eingeschult. "Der Zufall wollte es, dass ich in der untersten Dorfschulklasse
auch Unterricht bei meinem Vater erhielt, was ich keineswegs als Annehmlichkeit
empfand, denn er war streng und zog mir häufig den Hosenboden
stramm. Ich gehörte nämlich keineswegs zu den Muttersöhnchen
und Duckmäusern, sondern war ein wilder Junge, der gern allerlei Streiche
verübte. Da hatte ich beispielsweise eine Armbrust geschenkt bekommen,
mit der ich so manche Fensterscheibe in Trümmern legte. Mitunter bildeten
missliebige Personen das Ziel für meine Bolzen, oder ich zog gleich
von der Schule aus mit Klassenkameraden zum Exerzierplatz, wo wir kriegerische
Spiele vollführten, die sich bis in die späten Nachmittagsstunden
ausdehnten. Das waren alles gute Gründe, um den Unwillen des Vaters zu
erregen.11 Vater hatte ´ne harte Handschrift.12 In der Manöverzeit allerdings
rächte ich mich."13 Zur Kriegsvorbereitung und zur Ausbildung der Soldaten
wurden regelmäßige Manöver abgehalten: "Während der Manöverzeit
14
gab es auch Einquartierung in unserem Hause. Mit den Soldaten, die in
dem Schuppen eines Tischlermeisters untergebracht waren, befreundete
ich mich natürlich sofort an. Besonders begehrt waren die kleinen zwiebackartigen
Brötchen aus der eisernen Ration, die ich gegen einige Zigarren
aus des Vaters Kiste eintauschte."14
Weinschenks Veröffentlichung Unser Weg zum Theater von 1941 hebt
jedes Erlebnis hervor, welches das Militär positiv darstellen, streicht dabei
aber jüdische Weggefährten, wie z.B. seinen Schauspiellehrer Max
Reinhardt. Ob Paul Dahlke darauf einen Einfluss hatte, ist schwer nachzuvollziehen.
In späteren Interviews bezeichnet er sich stets als Reinhardt-
Schüler.
"Nur zwei Menschen gab es, die mein Ungestüm zügeln und mich veranlassen
konnten, für eine Weile still zu sein: Die Mutter, wenn sie zur Laute
griff und sang, und der pensionierte Lokomotivführer in der dritten Etage,
dessen Papagei so herrlich die Militärmärsche zu pfeifen verstand. Dieser
Lokomotivführer hat mir nach 26 Jahren, als ich schon längst Schauspieler
war, geschrieben und unter Hinweis auf ein Kinderbild, das er in einer
Zeitschrift fand, angefragt, ob es sich um seinen kleinen Freund aus Köslin
handle. Ich habe mich herzlich über diese Zeilen gefreut und ihm bestätigt,
dass ich mit jenem Paul Dahlke identisch wäre. Im Sommer ging es zu den
Großeltern nach Grünwald bei Neustettin, und ich erinnere mich noch lebhaft
daran, wie sehr ich den Großvater bewunderte, wenn er ohne Schutz
- nur in der Zeit des Schwarmes trug er eine Gesichtsmaske - an seinen
Bienenstöcken herumhantierte, während ich häufig genug mit schmerzhaften
Stichen heulend ins Haus lief. Imker wollte ich damals werden - aber
wie oft änderten sich die Berufswünsche in diesen Jahren!"15
Ein weiteres Ereignis wird er ebenfalls sein Leben lang nicht vergessen -
die Geburt seines Bruders Georg im Jahre 1912 in Stargard.
"Ich war gerade Sextaner geworden, da erhielt der Vater seine Versetzung
an die Dortmunder Oberrealschule, die ich nun auch besuchte. In Dortmund
schloss ich mich einer Jugendorganisation an, die viele Fußmärsche
mit Zeltlager und Kampfspielen veranstaltete. Diese Gefechte - es gab
auch Schlachten mit Jungen anderer Städte - waren so ganz nach meinem
Sinn und gaben ein wenig Trost dafür, dass man noch zu jung war, um
den Soldatenrock zu tragen. Denn es dauerte nicht lange, da brach der
Weltkrieg aus, und einige Tage später, genau zu dem Zeitpunkt, wo auch
England eingriff, erhielt der Vater seine Einberufung. Ich hatte das Gefühl,
als läge nun das Schicksal der Familie auf meinen jungen Schultern."16
15
Mit der Versetzung des Vaters und der Beförderung zum Studienrat leisteten
sich die Dahlkes ein Abonnement für das Stadttheater.17 Eines Tages
wird die romantische Oper Der Freischütz von Carl Maria von Weber
aufgeführt, da Ernst Dahlke an diesem Abend dienstlich verhindert ist,
darf der zehnjährige Paul ausnahmsweise seine Mutter in die Oper begleiten.
18 Rena Tusch gibt er 20 Jahre später ein Interview, das sie folgendermaßen
in der "Filmwelt" wiedergibt19: "Freischütz, 2. Akt. Unheimlich,
unter Grollen, Blitzen und Tosen tut sich die Wolfsschlucht auf. - Vorn, in
einer der ersten Reihen, hockt ein kaum zehnjähriger Junge. ... Dem Jungen
fallen vor Aufregung fast die Augen aus dem Kopf. Er ist bis an die
äußerste Sesselkante gerutscht. Das heißt: jetzt rückt er langsam wieder
zurück --- Was heult und kracht denn da so grässlich? - Und da gespenstert
doch etwas? - Ein greller Blitzschlag - Der Junge kneift die Augen
ganz fest zusammen, lüpft sie, sacht erst nach einer Weile, erstarrt - Alle
guten Engel! Ein Geist ist erschienen! . "Samiel" - Samiel!" "Vor mir
saß eine sehr statiöse Dame, ich verkroch mich hinter ihrem Rücken wie
in einer Festung und traute mich nicht mehr hochzusehen. Auf dem Nachhauseweg
umklammerte ich meine Mutter mit beiden Händen, hundert
Samiels lösten sich aus jedem Raum, aus jeder dunklen Zimmerecke, und
geisterten wochenlang durch jeden Traum ."
"Nein, angezogen hat mich das ganze Spektakel nicht. Aber beeindruckt

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