Titel

Ozeanaugen

Leseprobe

Urheber
Sofie Capasso

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
284
Sprache
Deutsch
Format
13,5 x 21,5 cm
ISBN
978-3-8423-6262-8
Preis
€ 16,50 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Als Luna nach dem Tod ihres Vaters ihre Heimatstadt Frankfurt verlässt und mit ihrer Familie an die Nordsee zieht, ist sie am Boden zerstört. Sie ahnt noch nicht, dass ihr dort der französische Austauschschüler Nikanor begegnen wird. Der unnahbare Fremde mit den faszinierenden Augen zieht sie schnell in seinen Bann. Doch was hat er zu verbergen? Warum entzieht er sich ihr zuerst, obwohl er ebenfalls Gefühle für sie zu haben scheint? Was haben ihre seltsamen Träume damit zu tun? Luna ist fest entschlossen, hinter sein Geheimnis zu kommen und stößt auf eine Wahrheit, die ihre Liebe in große Gefahr bringt…


Leseprobe

Langsam spazierte Luna am Strand entlang. Es dämmerte und war, bis auf das leise Rauschen der Wellen, ganz ruhig. Sie spürte den leichten Wind auf ihrer Haut und schmeckte die salzige Luft. Nur ganz wenige Menschen tummelten sich noch am Strand. Es war Ende April und die ersten warmen Tage hatten schon viele hierher gelockt. Aber nun wurde es dunkel und es leerte sich. Luna begrüßte das, denn sie wollte allein sein.

Vor einer Woche, in den Osterferien, war sie mit Ihrer Mutter und ihren zwei kleinen Brüdern von Frankfurt hierher gezogen.

Sechs traurige Monate musste sie nun schon auf ihren Vater verzichten, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Beim Gedanken daran wurde ihr kalt. Überhaupt fühlte sich ihr Herz seit dem Tod ihres Vaters eisig an.

In Frankfurt hatte die Familie alles an den Vater erinnert und ihre Mutter hatte der Schmerz gelähmt. Um wieder leben zu können, hatte sie ein Jobangebot als Köchin in einem Hotel in St. Peter-Ording an der Nordsee angenommen. In dieser völlig anderen Atmosphäre hatten ihre Mutter – und auch sie selbst - die Hoffnung, wieder aufatmen zu können.

Luna war dieser Schritt sehr schwer gefallen. Sie hatte die ganzen 16 Jahre ihres Lebens in Frankfurt verbracht, hatte Freunde dort, die sie nun zurücklassen musste. Vor allem ihre beste Freundin Marie vermisste sie sehr.

Traurig ließ sie sich in den Sand sinken. Die Nordsee hatte sich zurück gezogen, es war Ebbe. Ihr Blick schweifte zum Horizont, der Mond war schon zu sehen.

Unweigerlich musste sie wieder an ihren Vater denken, dessen Familie aus Italien stammte und der ihr den Namen Luna, Mond, gegeben hatte. Sie vermisste ihn so sehr. Würde dieser Schmerz irgendwann aufhören? Es tat ihr weh zu sehen, wie ihre Mutter kämpfte. Wie sie versuchte, für die Kinder tapfer zu sein. Ihre Augen aber sprachen eine eindeutige Sprache.

Ihre beiden Brüder Enio und Fabiano waren Zwillinge und erst fünf Jahre alt. Die beiden hatten in den letzten Monaten ebenfalls viel von ihrer Fröhlichkeit verloren. Sie war froh, dass sie hier einen sehr schönen Kindergarten gefunden hatten, in dem die sie sich sicher wohl fühlen würden.

Luna bewunderte das Abendrot, das es so schön wohl nur an der See gab, das aber auch unweigerlich kühle Luft mit sich brachte. Sie sah auf die Uhr. Es war bereits halb acht und sie beschloss, nach Hause zu gehen, bevor ihre Mutter sich Sorgen machte.

Morgen war ihr erster Schultag an der neuen Schule. Sie schauderte bei dem Gedanken an die vielen Leute, für die sie „die Neue“, das Thema Nummer eins des Tages sein würde.

Ihr war so gar nicht danach, neue Leute kennen zu lernen. Aber sie war fest entschlossen, sich hier ein neues Leben aufbauen. In den letzten Monaten war sie erwachsen geworden. Sie fühlte sich mitverantwortlich für ihre kleinen Brüder und wollte auch für ihre Mutter stark sein und sich alle Mühe geben. Bloß nicht schwach sein. Sie konnte den sorgenvollen Blick ihrer Mutter nicht mehr ertragen. Sie hatte so viel Hoffnung in diesen Neuanfang gesetzt, Luna wollte sie auf keinen Fall enttäuschen.

Also stand sie auf und ging zurück zur Straße, an der sie ihr Fahrrad abgestellt hatte. Der Strand war wirklich endlos. Unter anderen Umständen hätte ihr das sicherlich gut gefallen.

Luna stieg auf ihr Fahrrad und fuhr in die Richtung des Bauernhofs, auf dem sie mit ihre Mutter einen kleinen Reetdach-Bungalow gemietet hatte.

 

Das schrille Summen des Weckers weckte Luna unsanft aus einem wirren Traum, den sie jedoch nicht festhalten konnte.

Es war halb sieben, in einer Stunde würde der Unterricht an ihrer neuen Schule, einem Gymnasium, anfangen. Eigentlich sollte sie wohl aufgeregt sein, aber Luna empfand nichts dergleichen.

Sie ging ins Bad und sah in den Spiegel. Sie war blass und hatte dunkle Augenringe. In den letzten Monaten hatte sie stark abgenommen, das Essen wollte ihr nicht mehr recht schmecken. Sie sah ihrem Vater sehr ähnlich, hatte die selben, rehbraunen Augen und die selben dunkelbraunen Locken. Früher mochte man sie für eine rassige Südländerin gehalten haben, jetzt wirkte sie nur noch blass und unscheinbar.

Luna wusch sich das Gesicht und band ihre Locken zu einem Zopf zusammen. Sie schlüpfte in Jeans und Sweatshirt, nahm ihre Tasche und ging die Treppe hinunter. Ihre Mutter war bereits wach, die Jungen schliefen noch.

„Guten Morgen mein Schatz“, sagte ihre Mutter freundlich und lächelte sie an. „Möchtest du noch einen Tee mit mir trinken? Es tut mir leid dass ich dich an deinem ersten Tag nicht begleiten kann“, plapperte sie, eindeutig aufgeregter als Luna selbst.

„Ich habe dir ein Frühstück zusammengestellt, du musst langsam mal wieder anfangen, etwas zu essen“, sagte sie sorgenvoll und reichte ihr einen gut gefüllten Stoffbeutel.

„Guten Morgen Mama“, sagte Luna, „Danke... und mach dir keine Sorgen, ich schaff das schon.“

„Ja, ich weiß, Du bist eben meine Große.“ Wehmut schwang in ihrer Stimme mit, und sie stellte zwei Tassen Tee auf den Küchentisch.

Luna setzte sich und nahm ihre Tasse.

 „Wo warst Du denn gestern Abend noch?“, wollte ihre Mutter wissen.

„Nur kurz am Strand.“

„Sei bitte vorsichtig, wenn es dunkel wird, so allein am Strand.“

„Na klar, Mama“, sagte Luna und stand auf. „Ich muss jetzt los“. Sie drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange.

„Okay Liebes, dann viel Spaß, ich bin nachher zu Hause, wenn du kommst.“

Luna ging zur Tür und trat hinaus in die kühle Morgenluft.

Der kleine Bungalow, den sie gemietet hatten, stand etwas abseits auf dem Bauernhof. Er hatte vorher einige Jahre als Ferienhaus gedient, das die Besitzer des Bauernhofes an Feriengäste vermietet hatten. Die Schule war etwas weiter weg,

im Ort, so entschloss sich Luna mit dem Fahrrad zu fahren.

In der Schule angekommen ging sie als erstes ins Sekretariat um sich zu melden. Hier wurde sie wenig später von ihrer neuen Klassenlehrerin abgeholt.

„Hallo, Luna, mein Name ist Huber“ sagte diese freundlich und reichte ihr die Hand. „Komm mit, ich zeige dir deine neue Klasse. Wir haben noch einen neuen Schüler, er ist allerdings nur diesen Sommer als Austauschschüler hier und wartet bereits am Klassenraum. So...hier habe ich deinen Stundenplan. Deine erste Stunde heute ist Deutsch“, sagte Frau Huber und Luna ging hinter ihr her.

Am Klassenraum angekommen sah sie einige Schüler, die sich nach ihr umdrehten und sie neugierig musterten – war ja klar. Etwas abseits sah sie einen Jungen, der ihr den Rücken zugedreht hatte. Er hatte dunkles, etwas längeres Haar und sehr breite Schultern. Frau Huber ging auf ihn zu und tippte ihm auf die Schulter. Der Junge drehte sich um und Luna blieb für einen Moment das Herz stehen. Tiefblaue Augen blickten sie an, schauten aber sofort wieder weg. Luna brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, denn sie hatte noch nie solche Augen gesehen. Für einen Moment hatte sie das Gefühl gehabt in die Tiefen eines Ozeans zu schauen und darin zu versinken.

Als sie sich wieder gefangen hatte, stellte sie etwas erschrocken fest, dass alle anderen Schüler bereits in den Klassenraum gegangen waren. Frau Huber stand noch an der Tür und wartete mit fragendem Blick auf sie. Sie ging schnell hinein und blieb neben ihrer Lehrerin stehen. Auch der geheimnisvolle Junge stand dort, blickte sie aber nicht an.

Alle anderen Schüler saßen schon auf ihren Plätzen und 20 neugierige Augenpaare waren erneut auf sie gerichtet.

Die Lehrerin ging an die Tafel. „Guten Morgen“ sagte sie zur Klasse. „Ich hoffe ihr hattet alle angenehme Ferientage. Wir haben zwei neue Mitschüler. Luna, Nikanor, ihr könnt euch ja selbst kurz vorstellen“.

Der Junge mit den Ozeanaugen trat vor und sagte mit glockenklarer Stimme und einem leichten, französischen Akzent:„ Guten Morgen. Mein Name ist Nikanor und ich komme aus Lacanau in Südfrankreich. Ich werde bis zu den Sommerferien als Austauschschüler hier zur Schule gehen, um mein Deutsch zu verbessern. Ich bin bei Gasteltern untergebracht, deren Sohn auf ein Internat in meiner Heimat geht.“ Obwohl das alles ziemlich einstudiert klang, bekam Luna Gänsehaut bei dieser Stimme und erschrak, als sie bemerkte, dass sie nun dran war und alle sie erwartungsvoll ansahen.

„Ähm, Hallo, ich bin Luna Moreno. Meine Familie und ich sind von Frankfurt hierher gezogen“, sagte sie schüchtern.

„Gut ihr beiden, dort hinten ist noch ein Tisch frei, setzt euch bitte“ sagte Frau Huber und wies auf einen Tisch in der letzten Reihe.

Mit weichen Knien ging Luna voran. Was war nur los, dass dieser Junge sie so aus der Fassung brachte? Sie setzte sich und sah starr geradeaus. Nikanor setzte sich neben sie und würdigte sie ebenfalls keines Blickes.

Die Stunde verging und Luna war verkrampft. Ab und zu drehten sich ein paar Schüler neugierig zu ihnen um.

Es läutete, aber Luna war sich nicht sicher, ob sie das gut finden sollte. Es war ihr zwar unangenehm so verkrampft neben Nikanor zu sitzen, aber sie kannte hier auch niemanden. Nikanor erhob sich neben ihr und ging zur Tür hinaus. Luna erhob sich ebenfalls und als sie an der Tür angekommen war stellte sich ihr ein blondes Mädchen in den Weg.

„Hallo Luna, ich bin Jenny. Ich bin die Klassensprecherin hier. Soll ich dich ein bisschen herumführen?“

„Hm, ja, gern“, antwortete Luna verlegen, aber auch erleichtert, dass jemand den ersten Schritt gemacht hatte und sie angesprochen hatte.

„Okay, wir haben als nächstes Bio, ich zeige dir, wo der Raum ist. In der großen Pause zeige ich dir dann die ganze Schule.“

„In Ordnung“, entgegnete Luna.

„Du bist also aus Frankfurt hierher gezogen?“

„Ja.“

„Das ist sicher eine Umstellung für dich.“

„Schon ein bisschen, ja.“

„Warum seid ihr denn hierher gezogen?“

„Na ja, mein Vater ist vor einem halben Jahr gestorben und meine Mutter hat hier ein gutes Jobangebot bekommen“, sagte Luna tonlos.

„Oh,- das tut mir leid...“ Sie lächelte unsicher.

„Kein Problem, kannst du ja nicht wissen“, Luna lächelte zurück.

„So, da sind wir.“ Luna und Jenny stellten ihre Taschen vor dem Raum ab. Ein anderes Mädchen mit kurzen, roten Haaren gesellte sich zu Ihnen.

„Hi, ich bin Tessa.“

„Hallo.“

„Gefällt es dir hier in St. Peter-Ording?“, fragte Tessa.

„Na ja, ehrlich gesagt, habe ich noch nicht so viel gesehen.“

„Wenn du möchtest, können wir uns mal nach der Schule treffen und dann zeigen wir dir den Ort.“

„Ja, gern – das klingt prima!“

Plötzlich kam Nikanor um die Ecke.

„Der Neue hat was, oder?“, sagte Jenny.

„Aber irgendwie ist er ein bisschen seltsam“

„Die Augen sind auf jeden Fall der Hammer“, erwiderte Tessa verträumt.

„Sein Name ist auch interessant, klingt irgendwie gar nicht französisch, finde ich“, bemerkte Jenny.

Nikanor blieb ein paar Meter entfernt stehen und lehnte sich an die Wand.

Ein großer, blonder, schlaksiger Junge ging auf ihn zu.

Die beiden unterhielten sich kurz. Nikanor wirkte freundlich distanziert. Luna konnte einfach nicht anders, als ihn anzustarren. Er musste das gemerkt haben, denn er sah kurz mit seinen Ozeanaugen zu ihr hinüber und Luna stockte abermals der Atem. Schnell sah sie beschämt in die andere Richtung. Was musste er wohl denken, wenn sie ihn so anglotzte.

Ein dicker, glatzköpfiger, Mann kam um die Ecke.

„Das ist unser Bio-Lehrer, Herr Schneider“, sagte Jenny flüsternd.

Herr Schneider schloss die Tür auf und sah sich um, bis er Luna entdeckte. „Guten Morgen, Sie müssen Luna sein“, sagte er zu ihr.

„Mein Name ist Schneider. Ah, und Sie sind sicher Nikanor.“ Nikanor hatte sich neben sie gestellt. Ihre Arme berührten sich leicht und Luna bekam eine Gänsehaut.

Ein freundliches „Guten Morgen“ kam glockenklar aus Nikanors Mund. Unglaublich, diese Stimme, dachte Luna.

Sie betraten den Raum und Luna wartete ab, bis die meisten Schüler sich gesetzt hatten.

„Luna, Du kannst dich zu uns setzen, hier ist noch ein Platz frei“, rief Tessa, die bereits an einer Tischgruppe am Fenster Platz genommen hatte. Dankbar nahm Luna das Angebot an und setzte sich zu Jenny und Tessa.

Nikanor setzte sich an einen freien Tisch gegenüber dem Lehrerpult. Er saß nun genau in Lunas Blickrichtung und sie ertappte sich dabei, dass sie sich freute, ihn „fast unauffällig“ beobachten zu können.

Dieser Junge faszinierte sie und seit Monaten war sie das erste Mal abgelenkt von den traurigen Gedanken an ihren Vater. Dies empfand sie als angenehm und gleichzeitig beunruhigend.

Der Schultag ging vorbei, ohne dass Luna noch einmal neben Nikanor sitzen musste. Oder sollte sie sagen: durfte?

Jenny und Tessa waren sehr nett, zeigten ihr alles und erzählten ihr, was sie wissen musste.

Nikanor blieb unnahbar. Ein Junge aus der Klasse, sein Name war David, hatte versucht sich seiner anzunehmen und ihm alles zu zeigen. Man sah die beiden in den Pausen gemeinsam. Nikanor wirkte freundlich, aber immer distanziert. Manchmal trafen sich ihre Blicke kurz und das war Luna unangenehm, obwohl es ihr gleichzeitig wohlige Schauer durch den Körper trieb. Sie kam sich blöd vor, ihn so anzustarren, aber sie konnte einfach nicht anders.

Jenny und Tessa schienen Nikanor ebenfalls interessant zu finden.

Auf dem Heimweg von der Schule dachte Luna die ganze Zeit darüber nach. Sie hatte nicht genau gesehen, wohin Nikanor gegangen war und niemand wusste, wo er wohnte und wer seine Gasteltern waren.

Als Luna die Tür des kleinen Bungalows aufschloss, steckte sofort ihre Mutter den Kopf aus der Küchentür.

„Hallo Schatz! Erzähl, wie war dein erster Tag?“

„Luna, Luna!“, ihre beiden Brüder kamen ebenfalls herbei geflitzt und sprangen an ihr hoch.

„Hey, langsam ihr zwei Wilden“ sagte Luna und musste ein bisschen lachen.

„Nanu, du hast ja ganz rote Wangen“, bemerkte ihre Mutter erstaunt. „Jetzt erzähl mal, wie ist die neue Schule?“

„Lass mich doch erst einmal nach Hause kommen“, sagte Luna, zog sich ihre Jacke aus und setzte sich an den bereits gedeckten Tisch.

Ihre Mutter stellte den Topf mit dampfendem Eintopf auf den Tisch und die Zwillinge setzten sich ebenfalls.

„Ich war nicht die einzige Neue“, begann Luna zu erzählen. “Es gibt noch einen Austauschschüler aus Frankreich, der bis zu den Sommerferien bleibt. Er heißt Nikanor.“

„Aha, ist das also der Grund für die roten Wangen?“, fragte ihre Mutter amüsiert.

„Was? Quatsch! Das ist ein komischer Kerl, irgendwie total unnahbar und arrogant“, sagte Luna schnell und fühlte sich ertappt. Ihre Wangen wurden nur noch roter.

Ihre Mutter grinste nur und setzte sich ebenfalls. Luna hatte erstaunlicherweise Appetit.

Nach dem Essen ging sie in ihr Zimmer und warf sich aufs Bett. Es war ein komisches Gefühl in ihrer Magengegend. Sie war unglaublich aufgeregt und konnte nur noch an Nikanor und seine Ozean-Augen denken.

Es war schön, mal wieder abgelenkt zu sein. Aber es war ihr auch unangenehm. Sie wusste nicht genau, was diese Gefühle zu bedeuten hatten. Sie war schon des öfteren verliebt gewesen, zumindest hatte sie das gedacht, aber das war anders. War das verliebt sein?

Sie ging an ihr Zimmerfenster und sah hinaus. In der Ferne konnte sie das Wasser erahnen. Sie dachte an ihre neuen Klassenkameradinnen Jenny und Tessa. Die beiden schienen echt nett zu sein. Sie hatte ihnen erzählt, wo sie wohnt und die Mädels wollten sie einmal besuchen.

Vielleicht würde es hier in St. Peter Ording ja doch gar nicht so schlecht werden. Vielleicht war es wirklich die richtige Entscheidung gewesen, Frankfurt hinter sich zu lassen und hier neu anzufangen, ohne dass einen ständig überall alles an Papa erinnert. Papa würde es sicher auch gut finden, wenn es uns wieder besser geht, dachte Luna. Er war selbst immer so ein fröhlicher, lebenslustiger Mensch gewesen.

Papa... ich vermisse dich Papa... dachte Luna. Der Schmerz den diese Gedanken auslösten war noch da, aber sie hatte gelernt, damit umzugehen.

Die Klingel und das Rufen ihrer Mutter rissen sie aus ihren Gedanken. „Luna, Du hast Besuch“, kam es von der Haustür. Luna öffnete langsam ihre Zimmertür, und da stand Tessa in der Tür und grinste. „Hey, wir treffen uns mit ein paar Leuten in der Strandbar und ich dachte, du hast vielleicht Lust mitzukommen?“

Luna überlegte kurz. War ihr das für heute schon zu viel des Guten? Sie fühlte sich zwar schon etwas wohler, aber sie musste sich daran noch gewöhnen.

„Sei mir nicht böse Tessa, aber heute noch nicht“, sagte sie.

„Okay, wie Du meinst, dann eben beim nächsten Mal“, sagte Tessa, „bis morgen in der Schule.“

„Hey, warum bist Du nicht mit gegangen?“, fragte ihre Mutter, als sie die Tür geschlossen hatte.

„Ich bin müde und muss Hausaufgaben machen und außerdem habe ich noch nicht alle Kisten ausgepackt“, entgegnete Luna schnell und ging wieder in ihr Zimmer.

Sie setzte sich an ihre Hausaufgaben und erledigte sie schnell.

Dann schloss sie ihre Musikanlage an und legte ihre Lieblings CD von Robbie Williams ein. Sie hatte sie lange nicht gehört. Mit Musik ging das Auspacken der Kisten einfacher und sie begann eine Kiste mit Büchern in das Bücherregal zu räumen. Nachdem die Kiste leer war, sah Luna auf die Uhr.

Es war halb fünf. Sie sah aus dem Fenster, es war ein sonniger Tag. Kurzentschlossen zog sie sich ihre Sneakers und eine Sweatjacke an und ging zur Haustür.

„Mama, ich geh jetzt doch noch einmal raus“, rief sie ihrer Mutter zu, die mit ihren beiden Brüdern im Wohnzimmer saß und Memory spielte.

„In Ordnung, aber sei zum Abendessen wieder da“, rief ihre Mutter zurück.

Luna nahm wieder den Weg zum Strand, den sie am Tag zuvor auch gefahren war. Es war wieder reger Betrieb.

Sie setzte sich etwas abseits in den Sand und sah übers Wasser.

Nicht weit entfernt, sah sie einen Pfahlbau und sie überlegte,

ob das wohl die Strandbar war von der Tessa gesprochen hatte.

Ihre Gedanken schweiften unwillkürlich wieder zu Nikanor.

Sollte sie versuchen mit ihm in Kontakt zu kommen? Sie hatten ein paar mal Blickkontakt gehabt, aber sie hatte die Blicke nicht deuten können. Es war kein Lächeln auf seinem Gesicht gewesen.

Lunas Blick schweifte über den Strand. Es leerte sich. Etwas entfernt sah sie jemanden am Wasser stehen. Als sie etwas genauer hin sah, machte sich ein heftiges Kribbeln in ihrem Magen bemerkbar. Es war Nikanor, der da stand. Es wehte ein milder Wind, der sein Haar verwehte. Er sah übers Wasser und wirkte sehr abwesend. Er war dunkel gekleidet, in dunklen Jeans und schwarzem Shirt und sah unglaublich gut aus.

Luna konnte nicht anders, sie musste ihn beobachten. Er war so anders als alle sechzehnjährigen Jungen, die sie kannte. Er wirkte viel reifer. Die meisten Jungen in dem Alter waren „möchte gern coole“ Halbstarke. Nikanor dagegen wirkte ernst und besonnen. Als wüsste er jetzt schon genau, wie sein Leben laufen sollte.

Worüber er wohl nachdachte, dort drüben, so allein am Strand? Dieser Junge war so geheimnisvoll, sie würde so gern mehr über ihn erfahren. Diese paar Stunden in der Schule, die sie ihn jetzt erst kannte, wenn man das schon so nennen konnte, hatten sie beeindruckt.

Sie beobachtete ihn noch eine Weile, bis er plötzlich seinen Kopf in ihre Richtung drehte. Obwohl er ein ganzes Stück entfernt war, konnte sie die blauen Ozeanaugen erkennen, die sie nun direkt ansahen.

Der Blick fesselte sie, und plötzlich wirkte es, als ob sein Gesicht immer näher käme. Sie war wie hypnotisiert, bis Nikanor sich plötzlich wegdrehte und in die andere Richtung davon ging. Luna atmete schnell und sah der Gestalt nach, die immer kleiner wurde. Ihr Herz raste und sie verspürte ein unglaubliches Glücksgefühl. Sie war wie im Rausch, als sie plötzlich eine bekannte Stimme wieder zurück in die Realität holte.

„Hey Luna, alles okay?“ Es war Jenny.

„Ich hab dich von der Terrasse der Strandbar aus gesehen“, sagte sie und zeigte zu dem Pfahlbau hinüber. „Geht es dir gut?“

„Ja, alles okay“, erwiderte Luna und lächelte etwas verlegen.

Sie fühlte sich ertappt.

„Möchtest Du allein sein oder darf ich mich kurz zu dir setzen?“

„Setz dich ruhig.“

„Gefällt es dir hier?“, fragte Jenny.

„Ich weiß nicht, ehrlich gesagt, ist in den letzten Tagen seit meiner Ankunft hier eher alles an mir vorbei gegangen.“

„Es ist wegen deines Vater, stimmt’s?

Luna schluckte. „Ja.“

„Das tut mir wirklich leid“, erwiderte Jenny.

Sie schwiegen eine Weile und sahen über das Wasser.

„Möchtest Du nicht doch noch kurz mit hoch kommen? Wir sind eine ganze Clique und alle echt nett. Tessa hat schon von dir erzählt und die Jungs sind gespannt darauf, dich kennen zu lernen“, sagte Jenny mit einem Grinsen. „Vielleicht lenkt dich das ein bisschen ab.“

Luna sah Jenny an. Sie war wirklich nett, obwohl sie sich erst ein paar Stunden kannten, war sie ihr irgendwie schon vertraut.

Aber Jungs kennen lernen, danach war ihr gerade so gar nicht.

Wenn allerdings Nikanor dabei wäre...energisch schob sie den Gedanken beiseite! Sie wollte sie sich ihre neue Freundin nicht gleich vergraulen, schließlich wollte sie ja Anschluss finden. Also entschloss sie sich mit zu gehen.

Einen kurzen Moment lang bekam ihr Herz einen Stich als sie an Marie dachte, ihre beste Freundin in Frankfurt am Main.

„Na gut, aber nach Verkuppeln ist mir ehrlich gesagt gar nicht zumute“, sagte Luna zögernd.

„Nein, keine Angst“, sagte Jenny, die mittlerweile aufgestanden war, und hielt ihr die Hand hin. Luna nahm Jennys Hand und stand ebenfalls auf. Sie liefen nebeneinander in Richtung Strandbar, die über einen langen Steg zu erreichen war, damit man sie zu jeder Ebbe- und Flutzeit gut erreichen konnte.

Luna hatte mal gehört, dass die „Nordlichter“, wie man die Norddeutschen nannte, eher kühle Persönlichkeiten sein sollten, aber das konnte sie bisher nicht bestätigen.

Sie gingen die lange Treppe hinauf und betraten die Terrasse der Strandbar. Hier oben ging der Wind etwas stärker, aber es war immer noch angenehm mild. In einer Ecke, an einem runden Tisch, saßen sechs Personen. Luna erkannte Tessa sofort, die zwischen zwei Jungs saß. Außerdem befanden sich am Tisch noch zwei Mädels und ein weiterer Junge.

Als Tessa sie erblickte stand sie auf.

„Hey Luna, schön dass du doch noch mit her gekommen bist!“, sagte sie fröhlich.

„Setz dich zu uns, das sind Dennis und Lasse, Tina, Jule und Tim“, stellte sie die anderen fünf vor.

Die Jungs lächelten alle sehr freundlich, die Mädels sahen nicht ganz so begeistert aus.

Jenny ging wieder zu ihrem freien Stuhl und zog noch einen Stuhl vom freien Nachbartisch neben ihren. Luna ging zu dem leeren Platz und setzte sich zwischen Jenny und den Jungen, der ihr als Lasse vorgestellt worden war. Lasse sah sie freundlich an und fragte: „Möchtest du etwas trinken?“

Luna fiel ein, dass sie ihren Geldbeutel nicht mit hatte und antwortete: „Nein, danke.“

Die Clique stimmte wieder in ihre Unterhaltung ein und Luna hörte zu und hatte Zeit, jeden etwas genauer zu betrachten.

Der Junge links neben Tessa, Dennis, war groß, blond und blauäugig. Er war durchaus hübsch, nur etwas dünn. Tim war klein und sehr breit, er machte sicher Krafttraining. Er war dunkelhaarig und hatte grün-braune Augen. Er war gar nicht Lunas Geschmack, aber sie konnte sich vorstellen, dass er trotzdem viele Verehrerinnen hatte, da er eine sehr sympathische Ausstrahlung hatte. Er wirkte außerdem älter.

Tina war klein, blond gelockt und sehr zierlich. Sie hatte ein Püppchen-Gesicht, wirkte aber etwas arrogant. Jule war etwas kräftiger und hatte langes, schwarzes Haar. Ihr Gesicht war hübsch, sie hatte volle Lippen und sehr lange Wimpern. Und dann war da noch Lasse. Er saß neben Luna, deshalb konnte sie ihn nicht so anschauen, aber sie mochte seine Stimme. Er war sehr groß und breit, aber nicht so muskulös wie Tim. Er hatte braunes Haar, das etwas verwuschelt war. Lunas erster Eindruck sagte ihr, dass er der Typ Teddybär war und das machte ihn noch sympathischer. Er musste auch schon älter sein, denn er spielte mit einem Autoschlüssel in seinen Händen. Nach ein paar Minuten sah Luna auf die Uhr und erschrak, es war schon halb sieben, sie musste nach Hause! Sie stand abrupt auf.

„Sorry, ich muss heim, meine Mutter wartet mit dem Abendessen“, sagte sie.

„Schade, dann bis morgen“, sagte Tessa

„Ja, bis morgen“, sagte Jenny. Lasse lächelte sie an und sagte: „War nett dich kennen gelernt zu haben, vielleicht trifft man sich ja jetzt öfter mal.“

„Ja, mal sehen, bestimmt“, sagte Luna ein bisschen verlegen. Sie winkte noch einmal in die Runde und ging dann in Richtung Treppe. Sie stieg auf ihr Fahrrad und radelte los.

Sie musste sich jetzt echt beeilen! Unterwegs dachte sie an die Clique. Eigentlich waren alle echt nett, wenn auch Jule und Tina etwas skeptisch geguckt hatten.

Lasse war ihr besonders sympathisch und Jenny und Tessa sowieso. Vielleicht könnte sie ja tatsächlich ab und zu mal etwas mit der Clique unternehmen, das würde es sicher einfacher machen, sich hier einzuleben.

Zu Hause angekommen schloss sie die Tür auf. Ihre Mutter und die Jungs saßen schon am Tisch.

„Luna, Mensch, ich habe mir schon Sorgen gemacht“, sagte ihre Mutter erleichtert.

„Sorry Mama, ich habe am Strand noch die beiden Mädels aus meiner Klasse getroffen, die mich heute Mittag mitnehmen wollten. Sie waren mit ihrer Clique da und ich habe mich noch einen Moment dazu gesetzt und nicht auf die Uhr geschaut.“

„Ach so, naja dann, freut mich, dass du jetzt schon so schnell Freunde gefunden hast. übrigens, Marie hat angerufen.“

„Marie, echt? Dann muss ich sie gleich nach dem Essen zurück rufen.“

Luna aß ein bisschen was, half ihrer Mutter den Tisch abzuräumen und schnappte sich dann das Telefon, um Marie anzurufen. Es tat gut, die Stimme ihrer Freundin zu hören, aber es schmerzte auch. Auch Marie war traurig und vermisste Luna. Und mit Marie zu sprechen und zu hören was zu Hause alles so los war, rief wieder Heimweh in ihr Herz. Sie war hier in St. Peter Ording nicht einfach im Urlaub oder nur vorübergehend, nein, das war jetzt ihr neues Zuhause. Zwar hatte sie in der Nähe von Frankfurt noch Verwandte, wie zum Beispiel ihre Oma und ihre Tante, aber so oft würde sie die wohl nicht besuchen, weil der Kontakt nicht der Beste war.

Nach dem Telefonat mit Marie half sie ihrer Mutter die Zwillinge bettfertig zu machen. Die beiden hatten morgen ihren ersten Tag in der Kita und in zwei Tagen würde ihre Mama ihren neuen Job anfangen. Nachdem sie den beiden eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hatte, ging sie ins Bad und ließ sich Badewasser ein. Sie musste jetzt einfach ihren Gedanken nachhängen und das konnte sie am besten in der Badewanne.

Sie hatte auf dem Stundenplan gesehen, dass sie morgen einige Stunden in ihrem Klassenraum Unterricht hatten, was bedeutete, dass sie neben Nikanor sitzen würde. Der Gedanke daran verursachte ein nervöses Kribbeln in ihrem Bauch.

Nach dem Bad ging Luna ins Bett. Sie war müde und schlief schnell ein.

 

Sie träumte einen wirren Traum, in dem ihr ständig Nikanor begegnete und sie mit seinen Ozeanaugen ansah.

Sie sah so tief in seine Augen, dass sie hinein gezogen wurde und sich plötzlich unter Wasser befand. Eine Unterwasserwelt mit bunten Fischen, Quallen, ja sogar Delfine sah sie.

Erstaunlicher weise konnte sie im Wasser atmen. Plötzlich war Nikanor neben ihr. Irgendetwas war anders an ihm, seine Haut schimmerte grünlich. Er bewegte sich im Wasser sehr geschmeidig, als ob er das ständig tun würde. Er sah sie an, aber sagte nichts und in dem Moment, als er von ihr weg schwamm und sie ihn ganz sehen konnte...

 

…schrillte der Wecker.

 

 

 

 

Kennenlernen

 

Auf dem Weg zur Schule wurde Luna immer nervöser. Sie hatte sich heute morgen etwas mehr Zeit für ihr Äußeres genommen. Ihr seltsamer Traum beschäftigte sie noch. So etwas hatte sie noch nie geträumt, was ihr Unterbewusstsein wohl damit sagen wollte?

Sie stellte ihr Fahrrad ab und ging langsam zum Haupteingang. Ein paar Schüler befanden sind schon auf den Schulhof, aber es war noch recht früh. Plötzlich steigerte sich ihre Aufregung abrupt und sie bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut. Sie hatte das Gefühl, intensiv beobachtet zu werden und bevor ihr klar war, was gerade mit ihr passierte, lief Nikanor an ihr vorbei. Er drehte seinen Kopf zur Seite und sah sie kurz an, wieder direkt in die Augen „Guten Morgen“ hauchte es ihr glockenklar entgegen und Lunas Herz blieb für einen Moment stehen. Der Hauch eines Lächelns war auf seinem Gesicht zu erkennen, bevor er weiter Richtung Haupteingang ging.

BANG, Luna wurde ganz schwindelig und sie schnappte nach Luft. Die Auswirkungen dieses Lächelns auf ihren Körper waren heftig. Ein Schwarm Schmetterlinge fegte durch ihren Magen. Einen kurzen Moment schwankte sie als sie zwei Hände von hinten an den Schultern packten. „Hey Luna, alles klar? Geht’s dir gut?“, fragte Tessa besorgt.

„Was, äh, ja, alles okay, mir war nur gerade etwas schwindelig... ich sollte wohl mal etwas essen.“

„Das glaube ich auch, du bist kreidebleich“, bemerkte Tessa erschrocken.

Luna sammelte sich langsam wieder. Tessa hielt ihr ein Traubenzucker hin „Hier, vielleicht hilft das ein bisschen.“ „Danke“, Luna sah zum Eingang hin, aber Nikanor war längst hinein gegangen.

„Komm, lass uns rein gehen“, schlug Tessa vor. Langsam schlenderten sie zum Eingang. Tessa erzählte Luna, was sie gestern noch gemacht hatte, aber Luna konnte sich nicht auf das Gespräch konzentrieren. Sie war viel zu nervös. Die Ausstrahlung, die Nikanor auf sie hatte, war noch schlimmer als gestern. Wie sollte das gut gehen, wenn sie jetzt neben ihm sitzen sollte?

Sie konnte ja nicht mitten im Unterricht einfach in Ohnmacht fallen. Was war das nur, das sie so aus der Fassung brachte?

Sie überlegte krampfhaft, was sie jetzt tun sollte. Vielleicht waren die Auswirkungen auch nur so heftig, wenn er ihr unerwartet begegnete. Vielleicht war es nicht so schlimm, wenn sie sich seelisch und moralisch auf das Zusammentreffen vorbereitete. Luna atmete tief ein. Das war ja lächerlich – natürlich konnte sie neben einem Jungen sitzen, ohne in Ohnmacht zu fallen!

Noch ein paar Meter, hinter der nächsten Ecke befand sich ihr Klassenraum. Tessa erzählte immer noch, aber Luna hatte nur die Hälfte mitbekommen. Sie liefen um die Ecke und sie sah Nikanor sofort. Es kribbelte gleich wieder wie verrück in ihrem Bauch und sie musste sich zusammenreißen, aber es gelang ihr gut.

Jenny stand auch schon am Klassenraum und schien Nikanor ebenfalls zu beobachten. Als sie die beiden bemerkte, kam sie auf sie zu.

„Hey, guten Morgen“, sagte sie fröhlich.

„Luna, Mensch, du hast gestern bei den Jungs einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, sagte Jenny mit einem Grinsen.

„Das hab ich ihr auch schon erzählt“, bemerkte Tessa und Luna stellte peinlich berührt fest, dass sie das gar nicht mitbekommen hatte.

„Sagt mal, dieser Nikanor, der ist schon irgendwie seltsam oder? Der hat so eine krasse Ausstrahlung... ich finde auch er wirkt überhaupt nicht als wäre er sechzehn“, sagte Jenny.

„Stimmt schon, er wirkt auch ziemlich unnahbar. Wer weiß, was mit dem los ist, ich bleib da lieber bei meinem Tim“, bemerkte Tessa.

Luna sagte nichts. Sie musste Nikanor anschauen. Er trug heute eine dunkle Jeans und weiße Sneakers und einen grauen, eng anliegenden Pullover. Er war sehr gut gebaut und hatte unheimlich breite Schultern. Seine Haare waren heute etwas zurück gegelt, gestern waren sie ihm mehr ins Gesicht gefallen.

Jetzt konnte man seine Ozeanaugen noch besser sehen.

„Wow, Luna, ich glaube, da steht jemand auf Nikanor“, kicherte Jenny in Tessas Richtung.

„Was? Nein, Quatsch. Ich finde ihn nur interessant“, flüsterte Luna verlegen.

„Ist auch besser so. Erstens bleibt er nur bis zu den Sommerferien und zweitens, wer weiß, was mit dem nicht stimmt“, bemerkte Jenny.

Luna wollte gerne das Thema wechseln.

„Tessa, bist du mit Tim zusammen?“, fragte sie deshalb.

„Nein, leider nicht, ich wäre es gern“, antwortete Tessa.

„Ach, hör bloß auf, das ist ein Drama. Die beiden stehen gegenseitig auf sich, aber keiner traut sich so richtig“, sagte Jenny.

Im nächsten Moment kam Frau Huber um die Ecke.

Lunas Aufregung wuchs wieder, denn jetzt würde sie gleich neben Nikanor sitzen müssen. Also noch einmal tief durch atmen, dachte sie sich.

„Guten Morgen“ sagte Frau Huber und schloss die Tür auf.

Ohne noch einmal zu Nikanor zu schauen, ging Luna in den Klassenraum auf ihren Platz. Als sie saß, kam Nikanor auf sie zu. Ruhig bleiben, dachte sie. Er bewegte sich sehr elegant.

An ihrem Tisch angekommen setzte er sich neben sie.

Sein Arm berührte ihren. Luna bemerkte, dass er sehr gut roch,

nach irgendetwas, dass sie noch nie gerochen hatte.

Es stand Geografie auf dem Stundenplan und Frau Huber teilte große Atlanten aus, in die immer zwei gemeinsam schauen mussten. So also auch Luna und Nikanor. Nikanor nahm den Atlas entgegen, legte ihn auf den Tisch und klappte ihn auf.

„Ist das okay so?“, fragte er plötzlich mit seinem französischen Akzent.

„Ähm, ja, klar“, antwortete Luna.

Ihre Blicke trafen sich. Wieder dieser Schwarm Schmetterlinge.

Aber sie konnte den Blick nicht abwenden, und Nikanor tat es auch nicht. Etwas Trauriges war in seinem Gesicht, aber seine Augen glitzerten und strahlten sie an. Luna hatte noch nie solche Augen gesehen, sie waren einfach nicht von dieser Welt.

„Luna, Nikanor, habt ihr auch mitbekommen, was ich gesagt habe?“ Ertönte die Stimme von Frau Huber. Luna zuckte zusammen. Nikanor drehte seinen Kopf weg, schaute zu Frau Huber und sagte ruhig mit seinem unwiderstehlichen Akzent

„Nein, Entschuldigung“.

Luna hatte Gänsehaut. Dieser Blick, er hatte nicht weggesehen. Ob er sie mochte? Sie atmete tief ein. Ihre Arme berührten sich wieder und sie konnte ihn riechen. Sie widerstand dem Impuls, sich einfach an ihn zu lehnen. Um sich abzulenken, sah sie zu Tessa und Jenny hinüber, die sich neugierig umgedreht hatten.

Jenny grinste und Tessa sah etwas misstrauisch aus.

Die Stunde ging irgendwie herum, ohne dass Luna sich wirklich auf den Unterricht konzentrieren konnte. Mit dem Klingeln stand Nikanor auf und ging zur Tür, ohne sich umzusehen.

Luna sah ihm nach. Na ja, sie hatte sich doch ganz gut geschlagen, sie war immerhin nicht umgekippt oder hatte gestottert.

Sie stand auf und ging ebenfalls zur Tür, wo Jenny und Tessa warteten. „Hey, was war denn das? Sag bloß, du hast ernsthaft mit unserem Mystery-Man geflirtet?“, witzelte Jenny und Tessa bemerkte etwas misstrauisch „Ich weiß nicht, sei vorsichtig bei dem – ganz geheuer ist er mir nicht...“

Luna wollte jetzt nicht darüber sprechen, deshalb sagte sie einfach gar nichts. Es stand jetzt Chemie auf dem Stundenplan, was in einem Hörsaal stattfand und die Mädchen gingen gemeinsam dorthin. Auf dem Weg kamen ihnen Tina und Jule entgegen. Die Mädels begrüßten sich herzlich und auch Luna wurde nett begrüßt.

„Jule und ich wollen heute Mittag in die Dünentherme fahren. Habt ihr nicht Lust mitzukommen? Ich will die Jungs auch noch fragen“, sagte Jule.

„Ich komm gern mit, ich hab heute Nachmittag noch nix vor“, bemerkte Jenny und Tessa nickte ebenfalls. „Klar, das wird bestimmt lustig und ein bisschen wellnessen ist immer gut.“

„Und was ist mit dir, Luna?“, fragte Jule, „kommst du auch mit?“

„Ich weiß nicht, ich muss erst mit meiner Mutter sprechen. Die Jungs haben heute ihren ersten richtigen Kita-Tag und ab morgen fängt sie ihren neuen Job an. Kann sein, dass sie heute noch meine Hilfe braucht, wir sind noch nicht richtig fertig mit dem Auspacken.“

„Wann wollt ihr denn los?“, fragte Tessa.

„Ich hatte so an fünfzehn Uhr gedacht, nach den Hausaufgaben.“

„Okay, treffen wir uns bei mir? Luna, du wohnst quasi auf dem Weg. Wir kommen einfach bei dir vorbei gefahren, und sammeln dich ein, wenn es klappt.“

„Ja, ist gut.“

„Okay, wir müssen jetzt weiter zu Geschichte, bis heute Nachmittag“, sagte Jule.

„Alles klar, bis dann“ sagte Jenny und die drei setzten ihren Weg zum Chemiesaal fort.

In Chemie saß Luna nicht neben Nikanor, sie saß neben Jenny am Gang. Nikanor saß neben David.

Nach der Stunde ging es zum Sportunterricht. Luna war nicht unsportlich, allerdings hasste sie Ballspiele und war darin auch gänzlich untalentiert. Sie dachte etwas beunruhigt daran, dass sie sich ziemlich blamieren könnte, wenn ein Ballspiel auf dem Programm stand. Und ja, es war Völkerball angesagt.

Luna überlegte noch schnell, wie sie sich drücken könnte, aber ihr fiel nichts ein so auf die Schnelle. Sie sah Nikanor am Rand stehen und sich mit David unterhalten. Er wirkte etwas aufgeschlossener. Aber sollte er sie jemals vielleicht doch interessant gefunden haben, dann hatte sich das sicherlich erledigt, wenn er sie Völkerball spielen gesehen hatte.

Luna seufzte deprimiert.

Es wurden Mannschaften ausgewählt und Luna kam mit Tessa in eine Mannschaft. Jenny war in der Mannschaft in der auch Nikanor war. Das Spiel war ein Fiasko, zumindest empfand Luna es so, sie schämte sich fürchterlich. Kurz vor Schluss passierte es dann, sie bekam den Ball an den Kopf.

PENG, er knallte an ihre Schläfe und Luna sah nur noch Sternchen.

Als sie ein paar Sekunden später zu sich kam, sah sie in erschrockene Gesichter. Erst noch etwas verschwommen, aber als sie die faszinierenden Ozeanaugen von Nikanor sah, war sie schlagartig wieder hellwach. Nikanor war über sie gebeugt und plötzlich merkte sie, dass ihr Kopf in seinem Schoß lag.

Ihr wurde heiß und kalt und schwindelig, was aber wohl eher nicht von dem Ball an ihrem Kopf kam. Ihr war schlecht, das war zu viel.

„Luna, hey, alles klar?“ Sie sah in Jennys bestürztes Gesicht.

Ihr Sportlehrer Herr Hauser, ein smarter Referendar, saß neben ihr und sah sie ebenfalls besorgt an.

„Luna, Sie haben den Ball ganz schön hart an die Schläfe bekommen. Wie geht es Ihnen?“ fragte er.

„Mir ist schlecht“, stammelte Luna.

„Es tut mir so leid“, hörte sie die Stimme von Lukas, der ihr den Ball an den Kopf geworfen hatte.

„Schon okay, bin ja selbst schuld“, murmelte sie.

„Können Sie aufstehen?“, fragte Herr Hauser.

„Ich weiß nicht, mir ist so schlecht.“

„Ich helfe dir, ich trage dich ins Sekretariat“, ertönte auf einmal die Glockenstimme von Nikanor.

Wow, war ihr schlecht. Und sie schämte sich so. Als Nikanor sie unter den Armen hoch zog und sie tatsächlich hoch hob, war es vorbei, ihr wurde schwarz vor Augen. Sie hörte noch Jennys und Tessas Stimmen, die riefen: „Wir kommen mit“, aber dann war sie weg.

Ein paar Minuten später kam sie auf der Liege im Sekretariat wieder zu sich. Nikanor stand noch da und Jenny und Tessa ebenfalls. Außerdem war da noch eine Dame, die ihr gerade den Puls fühlte.

„Mensch Luna, da bist du ja wieder, wir haben schon Angst gehabt“, sagte Tessa besorgt.

„Gleich kommt erst einmal ein Krankenwagen und fährt Sie zur Beobachtung ins Krankenhaus. Sie haben bestimmt eine Gehirnerschütterung“, sagte die Dame.

„Nein, bitte nicht, ich bin okay, ich muss nicht ins Krankenhaus“, sagte Luna und wollte von der Liege aufstehen.

Keine gute Idee, denn alles drehte sich und ihr wurde so übel, dass sie würgen musste. Schnell drückte die Dame sie wieder auf die Liege zurück.

„Ich habe Ihre Mutter informiert, sie wird auch gleich hier sein.“

Oh nein, dachte Luna. Aber viel mehr denken konnte sie nicht mehr, denn die Übelkeit übermannte sie so sehr, dass sie sich tatsächlich übergeben musste. Gott sei Dank hatte die Dame das wohl kommen sehen, denn sie hielt ihr gerade noch rechtzeitig eine Schüssel hin. Nachdem sie ihr Frühstück von sich gegeben hatte, lehnte Luna sich wieder zurück und schämte sich fürchterlich.

Nikanor war plötzlich nicht mehr da. Wann war er gegangen? Oh Gott, kein Wunder, wer will schon freiwillig kotzende Mädchen sehen. Tessa musste ihren suchenden Blick bemerkt haben, denn sie sagte: „Nikanor ist gegangen. Ich glaube, er hat sich jetzt fehl am Platz gefühlt.“

Kurze Zeit später traf gleichzeitig mit dem Krankenwagen auch Lunas Mutter ein. Sie fuhr mit Luna ins Krankenhaus, wo man sie zur Beobachtung eine Nacht da behalten wollte, weil sie tatsächlich eine leichte Gehirnerschütterung hatte. 

 

 

 

 

 

Geständnis

 

Als Luna auf ihr Zimmer gebracht worden war, fuhr ihre Mutter nach Hause, um ihr ein paar Sachen zu holen. Luna streckte ihre noch immer verkrampften Glieder in dem eher unbequemen Bett aus. Sie war allerdings so erledigt, dass ihr jede Schlafgelegenheit recht war – innerhalb weniger Minuten, schlief sie tief und fest...

 

Im Traum sah sie wieder Nikanor. Sie wurde wieder von seinen

unbeschreiblich schönen Augen hypnotisiert, und fiel ins Wasser. Sie sah erneut die bunte Unterwasserwelt. Sie war allein, aber sie spürte, dass Nikanor in ihrer Nähe war. Sie spürte etwas Warmes an ihrem Rücken, aber es machte ihr keine Angst – im Gegenteil – sie fühlte sich sicher und geborgen. Sie sah Delfine, die mit einander spielten und der Anblick war unglaublich schön. Ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit und Glück erfasste sie. Sie spürte zwei Arme, die sie umfassten und eine muskulöse Brust, die sich an ihren Rücken presste und sie wusste, dass es Nikanor war. Sie hatte nicht die geringste Angst, denn sie konnte wieder problemlos unter Wasser atmen.

Sie sah an sich herunter und sah, dass sie nackt war. Trotzdem fühlte sie sich keineswegs unwohl. Sie blickte auf zwei muskulöse Arme, die sich unter ihren Brüsten kreuzten. Die Haut der Arme schimmerte grünlich. Sie sah auf ihre Beine und Füße, wie sie sich im Wasser bewegten. Dann spürte sie etwas Glattes an ihren Oberschenkeln. Sie sah, wie sich etwas zwischen ihren Beinen hindurch schlängelte. Sie versuchte zu erkennen was es war, es erinnerte sie an...

 

Luna riss die Augen auf. Ihr Atem ging stoßweise. Sie war erschrocken, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, weshalb. Der Traum war wunderschön gewesen, sie hatte sich leicht, frei, und beschützt gefühlt und sie war Nikanor ganz nah gewesen, auch wenn sie ihn nicht wirklich gesehen hatte. Doch da war etwas gewesen am Schluss, sie versuchte sich zu erinnern, aber es gelang ihr nicht. Langsam beruhigte sich ihr Atem. Sie sah sich um, aber sie war immer noch allein in ihrem Krankenzimmer.

Sie setzte sich auf, ihr Kopf hämmerte unangenehm. Was hatte das nur auf sich, mit diesen Träumen von Nikanor. Es war so real, sie konnte das Wasser spüren und fühlen wie es zwischen ihren Fingern hindurch floss. Sie hatte noch nie so intensiv geträumt. Luna lehnte sich zurück, und sah aus dem Fenster. Es war wieder ein schöner Tag. Da ging die Tür zu ihrem Krankenzimmer auf, und ihre Mutter kam mit den Zwillingen herein. Sie hatte eine Reisetasche dabei.

„Hallo Schatz“, sagte sie und sie Jungs rannten zu ihr ans Bett. Enio kletterte sofort hinauf und umarmte Luna: „Was hast du denn gemacht, Luni, dass du ins Krankenhaus musst?“, fragte der kleine Kerl und sah sie mit seinen großen Augen an.

„Ach Eni, ich habe mal wieder versucht, Ball zu spielen, und du weißt doch, wie gut ich das kann“, sagte Luna mit einem Lächeln.

Fabiano kletterte jetzt auch aufs Bett und kuschelte sich an Luna. „Musst du lange hier bleiben?“

„Nein, morgen oder übermorgen darf ich wieder nach Hause.“

„Aber wer liest uns denn dann heute Abend aus dem Piratenbuch vor?“, fragte Fabiano besorgt.

„Das muss dann wohl Mama heute übernehmen“, sagte Luna liebevoll und strich dem jüngeren der beiden Zwillinge über die Wange. Sie liebte ihre beiden Brüder so sehr.

Nun kam auch ihre Mutter ans Bett. Sie sah besorgt aus, und Luna seufzte innerlich. Das Letzte, was sie ihrer Mutter bescheren wollte, waren noch mehr Sorgen!

„Es tut mir leid Mama, ich bin halt ein Tollpatsch, wenn es um Ballspiele geht. Es geht mir aber schon besser, die Kopfschmerzen sind erträglich, mach dir nicht solche Sorgen“, sagte sie und lächelte ihre Mutter an – in der Hoffnung, dass es nicht zu verkrampft wirkte.

„Entschuldige dich nicht, es war schließlich ein Unfall. Es ist nur, ich habe morgen meinen ersten Tag im neuen Job, und jetzt liegst du im Krankenhaus. Gott sei Dank muss ich morgen vormittags arbeiten, sodass ich die Jungs dann selbst abholen kann. Wir kommen dich dann gleich besuchen“, winkte ihre Mutter stirnrunzelnd ab und strich dabei Enio durch das Haar.

„Apropos, wie war denn euer Tag in der Kita?“ Fragte Luna interessiert.

„Oh, prima, die haben ganz tolle Spielsachen und Turngeräte, und die anderen Kinder waren auch nett“, sagte Fabiano eifrig.

„Das freut mich sehr, ihr zwei“, bemerkte Luna erleichtert und zog ihre beiden Brüder an sich. Die beiden schlangen ihre Arme um ihre große Schwester, und vergruben ihre kleinen Gesichter in ihren Locken. Luna wurde warm ums Herz.

„So ihr zwei, eure Schwester braucht jetzt Ruhe, damit sie ganz schnell wieder gesund wird. Wir fahren jetzt nach Hause“, sagte ihre Mutter.

Luna ließ ihre Brüder los. Ihr Kopf hämmerte wieder und obwohl sie nicht gerne allein sein wollte, schien ihr das trotzdem das Beste.

„Wir kommen dann morgen Nachmittag wieder. Ruh dich aus bis dahin. Ich will dich schnell wieder zu Hause haben“, sagte Katharina Moreno und küsste ihre Tochter auf die Stirn.

Die drei verließen das Zimmer, und Luna lehnte sich seufzend zurück. Sie schloss die Augen und hing ihren Gedanken nach, als plötzlich wieder die Tür auf ging und eine Krankenschwester herein kam.

„Hallo Luna, mein Name ist Schwester Karla, ich komme, um deinen Blutdruck zu messen“, sagte sie freundlich. „Wie fühlst du dich denn?“

„Schon besser, die Übelkeit ist fast weg, nur die Kopfschmerzen sind noch da“, sagte Luna.

Schwester Karla maß ihren Blutdruck und auch Fieber und notierte alles im Krankenblatt. Dann ging sie kurz hinaus um wenig später mit einer Kanne Tee wieder zu kommen.

„Der Doktor wird nachher auch noch einmal nach dir sehen. Wenn du auf die Toilette musst, dann klingele bitte nach mir, nicht dass dir schwindelig wird und du fällst“, sagte sie noch freundlich und verließ dann das Zimmer.

Es war inzwischen später Nachmittag. Luna langweilte sich. Sie hatte einen Fernseher im Zimmer, aber ihre Kopfschmerzen hielten sie davon ab, ihn anzuschalten. So blieb ihr nichts anderes übrig, als sich zurück zu lehnen und wieder ihren Gedanken nachzuhängen.

Sie dämmerte gerade so vor sich hin, als wieder die Tür auf ging und Tessa und Jenny im Zimmer standen.

„Hey Luna, wie geht es dir?“, fragte Tessa.

„Wenn die Kopfschmerzen nicht wären, ginge es mir gut“, sagte Luna. „Was macht ihr denn hier, ich dachte ihr wolltet in die Dünentherme?“, fragte sie verwundert.

„Das haben wir verschoben, bis du wieder fit bist“, sagte Jenny.

„Wir haben dir was zum Lesen mitgebracht, ist doch sicher total langweilig hier“, sagte Tessa.

„Cool, danke. Da habe ich mir heute ja einen schönen Einstand in den Sportunterricht geliefert“, sagte Luna, „ganz schön peinlich war das!“

„Na ja, du kannst ja nix dafür, dass Lukas dir den Ball so an den Kopf knallt“, sagte Jenny, „aber Nikanor war echt cool! Wie er dich da ins Sekretariat getragen hat, als würdest du nichts wiegen! Mann, hat der Kerl eine Kraft! Und er sah richtig besorgt aus“, sagte sie mit einem Grinsen.

„Habt ihr ihn noch mal gesehen?“, fragte Luna neugierig.

„Ja, wir sind dann ja wieder zurück zur Turnhalle gegangen, und da war er auch. Er hat uns auch noch mal nach dir gefragt, und wirkte echt besorgt. Ich glaube er mag dich. Ich weiß jetzt auch bei welcher Gastfamilie er wohnt, bei einer Familie namens Meyer. Die wohnen außerhalb und haben einen dreizehnjährigen Sohn, der auf ein Internat in Südfrankreich geht. Das hat mir David erzählt. Er findet Nikanor nett, aber sehr verschlossen und man muss ihm alles aus der Nase ziehen“, bemerkte Jenny.

Luna bekam wieder Herzklopfen: Er mochte sie!

Tessa grinste: „Sieh mal einer an, da kann jemand ja wieder strahlen, trotz der Kopfschmerzen.“

Die Mädchen blieben noch eine Weile und unterhielten sich. Dann verabschiedeten sie sich, und Luna war wieder allein.

Ihre Kopfschmerzen wurden besser und um sich ein wenig von den Gedanken an Nikanor abzulenken, schaltete sie den Fernseher an und ließ sich von einer Vorabend-Soap berieseln.

Das Abendessen kam irgendwann, und danach blätterte Luna noch etwas in den Zeitschriften, die ihr Jenny und Tessa mitgebracht hatten, bis sie müde wurde und einschlief.

Sie träumte wieder von Nikanor, allerdings diesmal nicht von der Unterwasserwelt. Es war ein Wirrwarr aus Bildern, die mit ihrem Sportunfall zusammenhingen und in denen immer wieder Nikanors besorgtes Gesicht auftauchte.

Als sie morgens um fünf Uhr erwachte, fühlte sie sich gerädert von diesem Traum und hatte immer noch Kopfschmerzen. Sie verbrachte die Zeit bis zum Frühstück und der Visite damit, sich durch das Fenster den Sonnenaufgang anzusehen. Bei der Visite sagte ihr der Arzt, dass sie am nächsten Tag nach Hause dürfte. Am Montag könnte sie dann wieder in die Schule. Es würde also noch ganze drei Tage dauern, bis sie Nikanor endlich wieder sah, dachte sie.

Am Nachmittag kam, wie versprochen, ihre Mutter mit den Jungen vorbei. Die beiden Kleinen hatten tolle Bilder gemalt, und ihre Mutter erzählte von ihrem ersten Arbeitstag. Sie wirkte euphorisch und erzählte von den netten Kollegen und dass alles gut gelaufen war. Luna freute sich sehr über diese positiven Entwicklungen.

Als ihre Familie gegangen war, las sie noch ein bisschen in einer Zeitschrift. Ihre Kopfschmerzen wurden wieder etwas stärker, also lehnte sie sich zurück, schloss die Augen, und döste ein wenig.

Nach einer Weile hörte sie, wie sich die Zimmertür öffnete.

Ihre Augen waren noch geschlossen, doch plötzlich überfiel sie eine bekannte Aufregung. Ohne ihn zu sehen, war ihr schlagartig klar, dass Nikanor in ihrem Zimmer stand.

Ihr Herz schlug bis zum Hals, und sie versuchte sich zu sammeln, bevor sie die Augen öffnete. Sie drehte ihren Kopf in Richtung Tür und schlug die Augen auf. Da stand er, und sah sie an. Das Blau seiner Ozeanaugen strahlte, aber sein Blick war gequält.

Er trug Jeans und ein lässiges Hemd und hatte die Hände in den Hosentaschen. Seine Haare waren etwas zerzaust, was einfach umwerfend aussah. So stand er da und sah sie einfach nur an.

Und sie lag in ihrem Bett, zitternd vor Aufregung und starrte zurück. Eine halbe Ewigkeit sahen sie sich an.

Lunas Aufregung verebbte langsam und verwandelte sich in ein wunderbar warmes Gefühl in ihrem Körper. Sie empfand Wohlbehagen und Geborgenheit. Plötzlich ging Nikanor ein paar Schritte auf sie zu, langsam, bis er an ihrem Bett angekommen war. Er war groß und sah nun auf sie herunter.

Jetzt war er so nah, Luna wollte ihn anfassen, aber sie widerstand dem Impuls. Sie atmete tief seinen wunderbaren Geruch ein.

„Ich sollte nicht hier sein“, sagte er mit seiner klaren, warmen Stimme, und dem leichten, französischen Akzent.

„Warum nicht?“, fragte Luna und hielt seinem Blick stand.

„Weil es falsch ist, weil ich nicht gut für dich bin“.

„Ich verstehe nicht“, flüsterte Luna, „wer bist du?“

„Das kann ich dir nicht sagen.“

„Warum nicht?“

„Du würdest es nicht verstehen“, gab er einsilbig zurück.

„Und warum bist du dann hier?“, fragte sie trotzig.

„Ich konnte nicht anders“, gab er zu.

„Das verstehe ich nicht“, erwiderte Luna frustriert.

„Ich weiß“, flüsterte diesmal Nikanor.

Er setze sich langsam auf die Kante ihres Bettes.

„Es tut mir leid, Luna.“

Seine Augen bannten sie erneut. „Was tut dir leid?“, fragte sie verwirrt.

„Etwas ist mit uns passiert, etwas was nicht sein darf. Ich empfinde etwas, das sehr stark ist, wenn ich in deiner Nähe bin. Ich habe so etwas noch nie zuvor empfunden, aber ich weiß, dass es nicht sein darf. Wir beide dürfen nicht befreundet sein.“

Luna verstand überhaupt nichts. Sie sah ihn nur an, versank in seinen Augen. Er mochte sie also auch... warum sollte das nicht sein dürfen? Was redete er da?

„Was redest du da?“, gab sie ihre Gedanken verzweifelt preis.

„Ich wünschte, ich könnte es dir erklären, aber das geht nicht. Ich werde noch bis zu den Sommerferien hier sein, und dann werde ich für immer aus deinem Leben verschwinden. Bis dahin müssen wir unseren Kontakt auf das Nötigste beschränken. Wir dürfen diese Gefühle nicht zulassen, hörst du?“

Seine Stimme wurde eindringlicher, fordernder. Sein Gesichtstausdruck war ernst. Luna konnte nichts sagen. Ihre Gefühle fuhren Achterbahn, sie konnte nicht klar denken.

Plötzlich ging die Zimmertür auf und eine Schwester kam mit dem Abendessen herein.

„Ich muss jetzt gehen“, flüsterte Nikanor. Er nahm für einen kurzen Moment ihre Hand in seine und drückte sie, dann drehte er sich um und verließ mit schnellen Schritten den Raum.

Luna blieb wie paralysiert sitzen und starrte ihm nach. Die Schwester sagte irgendetwas zu ihr und stellte das Tablett auf den Tisch, aber Luna nahm das kaum wahr. Schließlich ging die Schwester wieder hinaus und ließ sie allein.

Luna brauchte eine Weile, um wieder ganz bei sich zu sein.

Ihre Kopfschmerzen waren wie weggeblasen, und sie fühlte sich topfit. Glücklicherweise durfte sie voraussichtlich am nächsten Morgen, nach der Visíte, nach Hause.

Ihre Gefühlswelt war in Aufruhr. Sie war berauscht von der Tatsache, dass Nikanor sie auch mochte. Die Tatsache, dass er sie trotzdem abgewiesen hatte, stellte sie trotzig hinten an!

Luna verbrachte eine schlaflose letzte Nacht im Krankenhaus, in der sie ständig darüber nachdachte, was sie von Nikanors Besuch halten sollte. Als langsam die Sonne wieder auf ging, wandelte sich ihre Euphorie in Bedrücktheit.

Ihr wurde langsam klar, was Nikanors Worte bedeuteten.

Denn auch wenn er ihr zu verstehen gegeben hatte, dass er etwas für sie empfand, so hatte er ihr auch klar gemacht, dass ihre Zuneigung aus unerfindlichen Gründen keine Zukunft hatte. Seine Stimme und sein Blick waren bestimmt gewesen, auch wenn seine Augen sie gequält angesehen hatten.

Aber so einfach würde sie nicht aufgeben, sie musste heraus finden, was der Grund war, beschloss sie voller Tatendrang.

Am Vormittag nach der Visite wurde Luna entlassen.

Ihre Mutter holte sie ab und brachte sie nach Hause, um danach gleich weiter zur Arbeit zu fahren.

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