Titel

Oben bleiben - oder wonach streben wir?

Leseprobe

Urheber
Michael Hubel

Printbook / Ebook

Verlag
BoD / ---
Bindung
Paperback
Seitenzahl / Dateigröße
144 / --- KB
Sprache 
Deutsch
Format
12 x 19 cm / ---
ISBN / ASIN
978-3-7322-5298-5 / ---
Preis
€ 8,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / € ---

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Zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Adolf, der Geschäftsmann und Familienvater. Lukas, ein Abenteurer und Freigeist.
Von Kindheit an verfolgen die beiden gegensätzliche Träume und bleiben ihren Idealen bis ins Alter treu.
Erst als sie ihre Ziele verwirklicht glauben, kreuzen sich ihre Wege. Die Konfrontation mit dem Gegenpart wirft eine Existenzfrage auf, die jeden Menschen beschäftigt:

Wonach streben wir?

Wer seine Antwort nicht aus philosophischen Theorien oder psychologischen Analysen ableiten will, kann die Erkenntnissuche mit diesem Kurzroman beginnen.


Leseprobe

Mittenwald: Dienstag, 12. Juni 2007

Einsam wandert ein Mann durch die Nacht. Nur der Mondschein begleitet ihn. Das Licht erhellt den Staub, welchen die Bergstiefel aufwirbeln. Bei jedem Schritt knirschen Kieselsteine unter den Schuhsohlen, die sich wie Druckplatten in den Erdboden stanzen. Der Wanderer eilt nicht. Er setzt seine Schritte mit Bedacht. Und doch kommt er zügig voran, weil er den Pfad kennt und sein Ziel. Der Mann folgt Schotterserpentinen, die ins Gebirge hinaufführen. Je höher er steigt, desto spärlicher sprießt die Vegetation: erst Nadelwald, dann Latschen, schließlich schlängelt sich der Pfad durchs Geröll. Über dem Weg thront eine Wand. Steil und mächtig erhebt sich der Fels, dessen Spitzen wie Gabelzinken in den Sternenhimmel ragen.
Um den Wandersmann herum nichts als Stille. Die Bergnacht verschluckt jedes Geräusch. Der Wanderer passt sich der Lautlosigkeit an. Niemand hört ihn nahen. Nicht einmal die Bergdohlen, die beim kleinsten Laut auffliegen, weckt er aus dem Schlaf. Ohne Mühe gleitet der Mann den Steig hinauf. Er folgt einem Automatismus, schlägt den Weg ein, den er tausendmal gegangen ist: Vom Dorf bergauf zur Karwendelspitze; vorm Gipfel wird er den Hauptweg verlassen, ein Stück unterhalb des Grates klettern, von wo er in das Seitental zu seinem Heim absteigt. Dorthin, wo nur er hinstapft. Kaum einer verirrt sich in die Gegend. Mal ein Ausflügler, der vom Pfad abkommt. Oder einer, der die Hauptwege meidet. Einer auf der Suche nach Naturidylle. Wenige wählen diese Abgeschiedenheit. Im Sommer ein paar. Im Winter keiner.
Also einsiedelt der Wandersmann auf einer Alm, wo ihn die Stille durch den Alltag begleitet. So viel Zeit hat er mit der Ruhe verbracht, dass er ihr zuhört, wie andere der Musik lauschen. Wenn man ihr Aufmerksamkeit schenkt, beginnt die Stille Geschichten zu erzählen. Sie schüttet Weisheiten und Ideen mit dem Füllhorn aus.
Seine Alm kredenzt dem Einsiedler, was er zum Leben braucht. Für Milch, Eier und Wolle hält er sich Nutztiere. Kühe, Hennen und Schafe hält er paarweise, weil sie - anders als er selbst - am Alleinsein leiden. Ans Schlachten denkt er bei seinen Viechern nicht. Fleisch liefert der Jäger, alle Monate ein Stück Wild. Den Rehrücken verarbeitet der Almbewohner zu Hartwürsten. Wildschweinschinken räuchert im Kamin. Beilagen gedeihen vor der Almhütte: Karotten, Bohnen, Feldsalat. Was er im Kühlen lagern kann, taugt dem Mann. Im Wald sammelt er Pilze, Kräuter und Gewürze. Beerensträucher wuchern allerorten. Und am Talboden brachen Streuobstbäume, aus deren Früchten der Einsiedler Most und Saft presst. Sein Brot backt er selbst. Halbjährlich muss er sich Mehl besorgen. Die Notwendigkeit macht Müller und Jäger zu den Einzigen, die der Almbewohner regelmäßig, wenn auch selten sieht. Seine Selbstversorgung kapselt den Einzelgänger ab. Über Wochen trifft er keine Menschenseele und vergisst, dass
 es ein Dorf und Leute in der Nähe gibt.
Immer dann, wenn er mit der Gesellschaft abgeschlossen hat, taucht Lisbeth auf. Der Einsiedler erwartet sie nicht, wenn sie an die Hüttentür klopft. Das Geräusch durchschneidet die Stille und überrascht den Almbewohner. Er muss sich besinnen, was das Klopfen bedeutet. So selten kommt es vor. Als hörte er den Laut zum ersten Mal, erschrickt Lukas und weiß nicht, was zu tun ist. Ehe er sich berappelt, öffnet sich die Tür und Lisbeth tritt ein. Ihr Haar zerzaust vom Wind, die Wangen gerötet, erschöpft sieht sie aus. Die Wanderung über den Berg entkräftet die Frau. Sie leidet, weil sich der Geliebte versteckt und sie ihm hinterherlaufen muss. Doch hinter seiner Nachlässigkeit steckt keine Absicht. Sobald sie Lukas gegenübersteht, vergisst Lisbeth die Vorhaltungen. Ihr Rüffel macht der Sehnsucht Platz. Worte werden durch Küsse ersetzt. Lisbeth muss nichts fragen, Lukas nicht antworten.
Ihre Beziehung negiert viele Konventionen. Das Ungewöhnliche rührt von Lukas her. Zwischen den Begegnungen blendet er Lisbeth aus. Dabei empfindet er Zuneigung zu der Frau. Die Zweisamkeit schenkt ihm Glück. Doch wenn ihn Lisbeth besucht, währt das Hochgefühl nicht lange. Nur Stunden, manchmal Tage. Die Nähe erdrückt Lukas. Ihn dürstet nach Alleinsein. Er drängt darauf, dass Lisbeth ihn verlässt. Aber sie denkt nicht daran, von seiner Seite zu weichen. Zu gerne teilt sie Bett und Alltag mit ihm. Sie tankt Energie vom Gefährten, labt sich an seiner Gelassenheit, auch wenn diese mit den Stunden zerrinnt.
Nach zwei, drei Tagen läuft die Zeit ab, die Lukas einen Menschen erträgt. Er will der Zweisamkeit entfliehen: raus an die Luft, rauf auf den Berg! Dort will er allein sein, sich in Gedanken verkriechen. Seine Unruhe kann Lukas nicht mehr verbergen. Wenn dieser Punkt erreicht ist, begreift die Geliebte. Lisbeth spielt die Tapfere und verkneift sich Tränen. Sie zieht von dannen und schwafelt vom Wiedersehen, obwohl Lukas beim Abschied nichts fernerliegt.
Nicht Lisbeth ist das Problem. Lukas hält keine Beziehung aus. Bindung schnürt ihm die Atemluft ab. Er will selbst über sich bestimmen. Deshalb harmonieren seine Gegenbesuche im Dorf. Wenn er bei Lisbeth vorbeischaut, ist Lukas Herr der Zeit. Er kann kommen und gehen, wann er will. Sobald er zur Tür eintritt, strahlt die Frau vor Glück. Sein Besuch beweist ihr, dass Lukas sie nicht vergessen hat. Lisbeth belohnt ihn für die Liebesbezeugung. Sie schenkt ihm alle Hingabe, mit der eine Frau aufwarten kann. So auch heute: Den ganzen Nachmittag haben die beiden in den Betten gewühlt. Sie haben geschmust und erzählt, bis Lukas eingenickert ist.
Ausgerechnet er, der Energie versprüht, der Schlaf zum Träumen aber nicht zum Ausruhen braucht, schlummerte wie ein Kind in den Armen einer Frau. Doch Lukas kann sich die Schwäche verzeihen. Der Siebzigjährige weiß um sein Alter, auch wenn er sich wie vierzig fühlt - das Alter, indem Lisbeth ist. Die junge Frau macht ihm den Hof. Dabei könnte sie seine Tochter sein.
Der Gedanke an eine Tochter belustigt Lukas. Er muss lachen und schüttelt den Kopf. Sich einen Sprössling vorzustellen, wertet der Alte als Anzeichen von Senilität. Eine Familie zu gründen und Nachkommen zu zeugen, hat er immer ausgeschlossen. Lukas hat sein Leben alleine verbracht. Ihm würden Kinder im Bauch liegen wie Steine einem Märchenwolf, der in den Brunnen stürzt.
Wie dieser Märchenwolf fühlte sich Lukas auch, als er am Abend neben Lisbeth aus dem Liebesschlummer erwachte. Weil es schon dunkelte, wollte sie ihn nicht ziehen lassen. Zu gefährlich sei der Weg in der Nacht. Sie schob das Argument vor und räkelte sich verführerisch im Bettzeug, um den Geliebten zum Bleiben zu bewegen. Das Angebot reizte Lukas. Und trotzdem scheute er sich, im Dorf zu übernachten. Wie ein Wolf den Wald jeder Hundehütte vorzieht, drängte Lukas heim auf den Berg. Er kleidete sich an und begab sich auf den Nachhauseweg, den er jetzt immer höher steigt. Eine Serpentine nach der anderen legt er im Zickzack zurück, klettert Grat und Himmel entgegen. Jeder Schritt bringt ihn dem Gipfel näher und damit seinem Heim. Mit jedem Meter entfernt sich Lukas vom Tal. Die Sicht aufs Dorf verschwimmt, und ebenso reißt mit den Lebensjahren Lukas' Verbindung zu den Mitmenschen ab. Lisbeth ist der Seidenfaden, der den Bezug aufrecht erhält. Einzig die Begierde nach ihr führt Lukas noch
 zu den Menschen. Doch auch dieses Verlangen ist am Versiegen. Sein Eros verabschiedet sich ins Greisenalter. Lukas bemerkt den Potenzverlust, fürchtet dessen Endstadium aber nicht. Im Gegenteil, er knüpft Hoffnungen daran. Schließlich ist die Sexualität das letzte Band, das Lukas an die Menschheit koppelt. Sobald sie abstirbt, hat er sein Lebensziel erreicht: Dann ist Lukas vollends frei.
Auf seiner Alm lebt er die Freiheit schon. Dort stört ihn keiner, wenn er Bücher liest und Gedanken ordnet. Es gibt niemanden, den Lukas braucht, und nichts, was ihm fehlt. Ein Brunnen versorgt ihn im Sommer mit Wasser, im Winter tut es der Schnee. Lukas kühlt sich im See und wärmt sich am Feuer. Das Heizholz schenkt ihm der Wald. Lukas kümmert sich um seine Viecher, und sie sich um ihn.
Die meisten würden Lukas' Almdasein einsam nennen. Und in der Einsamkeit verkümmert der Mensch. Da man aber alles von zwei Seiten betrachten kann, vertritt Lukas die Gegenposition. Ihn bereichert das Alleinsein. Niemand lenkt ihn ab. Sich selbst widmet er alle Zeit. Und da er sich selbst am nächsten steht, beglückt ihn die Almabgeschiedenheit.
Lukas freut sich auf seine Einsiedelei, als er durch die Bergnacht wandert. Bisher begleitete ihn der Mondschein. Nun braut sich ein Unwetter zusammen. Wolkenungetüme ziehen überm Gebirgskamm auf. Sie schieben sich vor die Sterne und bleichen den schwarzblauen Himmel mit Aschetönen. Blitze vergilben das Wolkengrau. Donner grollt heran, die Luft riecht nach Regen. Böen fegen den Hang hinab, drücken Tannenzweige wie Getreideähren zu Boden.
Die Schöpfung beugt sich dem Weltuntergang. Nur Lukas stemmt sich gegen den Sturm. Ohne das Tempo zu verlangsamen, marschiert er dem Gipfel entgegen. Er schreitet voran, als würde kein Gewitter toben. Regentropfen prallen an ihm ab, der Wind pfeift durch ihn hindurch. Blitze tanzen über seinem Haupt, und der Donner trommelt Marschmusik ins Ohr. Ein Unwetter kann Lukas nicht stoppen. Widrigkeiten fordern ihn heraus, steigern seine Zuversicht.
Von oben leuchtet schon das Karwendelhaus den Weg. Lukas sichtet den Grat, wo er auf der Gegenseite absteigen wird. Schritt um Schritt, Serpentine um Serpentine rückt er näher. Bei jedem Blitz schimmert der Schotter unter seinen Füßen. Jeden Stein, weiß und nass, kann Lukas erkennen. Und als ob er kein Kieselchen verpassen wollte, schaut er weder links noch rechts, sondern stur auf den Pfad.
Der nächste Lichtstrahl blitzt heller als alle zuvor. Doch obwohl Lukas' Blick am Boden haftet, fallen ihm dieses Mal keine Steine auf. Stattdessen erspäht er ein Hindernis, das den Pfad versperrt. Nach Sekundenbruchteilen herrscht wieder Dunkelheit. Lukas rätselt, worum es sich beim schwarzen Gegenstand handeln mag. Er vermutet einen Körper, eine tote Gämse vielleicht. Lukas tritt heran. Er bückt sich nach dem Torso zu seinen Füßen, streckt die Hand aus und erschrickt. Seine Finger ertasten eine Jacke, vielmehr einen Menschen darin. Die Person rührt sich nicht. Sie ist ohne Bewusstsein. Wenn nicht gar tot!

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