Titel

Notizen eines Reisenden

Leseprobe

Urheber
Lars Zühlsdorff

Verlag
MV-Verlag
Bindung
Paperback
Seitenzahl
194
Sprache
Deutsch
Format
12,3 x 19 cm
ISBN
978-3-9373-1245-3
Preis
€ 13,80 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Das Buch schildert kleine und grosse Ereignisse während vieler Reisen durch die Welt. Es entstand über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg.

Leseprobe

Massif Central, Frankreich, Oktober 1999
Auf der Durchreise
Die steile Straße verschwimmt vor uns im Regen. Das unerbittliche Trommeln schwerer Tropfen auf dem Wagendach überdeckt das gleichmütige Quietschen der Scheibenwischer und die unfrohen Bemerkungen der Fahrerin über die hiesigen Niederschlagsmengen. Mit dem Ärmel wische ich mir ein Guckloch in die beschlagene Seitenscheibe. Außer dem Dunst, der tief zwischen den Bäumen hängt, ist nicht viel zu sehen. Dabei kann das Zentralmassiv so schön sein, wenn das Wetter mitspielt.
Wir erreichen die Passhöhe, die wegen des dichten Waldes und der Wolken keinerlei Aussicht bietet. Dafür stehen hier zwei seltsame Schilder direkt an der Straße. Das eine deutet nach rechts, obwohl es hier nicht einmal einen Holzweg gibt, auf den man abbiegen könnte. "Atlantique" ist darauf zu lesen. Das andere zeigt in die entgegengesetzte Richtung und ist mit "Méditerranée" beschriftet. Eine kleine Hinweistafel informiert darüber, dass wir uns gerade auf einer wichtigen Wasserscheide befinden. Ich verwerfe rasch den Gedanken, mich dort draußen aufweichen zu lassen, nur um zu sehen, ob das Wasser wirklich in unterschiedliche Richtungen abfließt.
Während wir auf rissigem Asphalt wieder dem nächsten Tal entgegenholpern, lehne ich mich entspannt im Sitz zurück. Die Geräusche des Regens wirken einschläfernd. Doch irgendwie lässt mich der Gedanke an die Wasserscheide nicht los.
"He, Du", sage ich im Geiste zu einem fetten Wassertropfen, der ein wenig traurig über die Scheibe rutscht. "Für euch muss das doch ziemlich spannend sein. Ich meine, wenn ihr runterfallt, wisst ihr ja schließlich noch nicht, ob es anschließend in Richtung Atlantik oder Mittelmeer weitergeht."
Der Tropfen scheint seine Rutschpartie ein wenig zu verlangsamen.
"Spannend?" Er wirkt ein wenig betrübt. "Wie man es nimmt. Es ist nicht immer lustig."
Ich zucke leicht zusammen. Da die Frage eher rhetorisch gestellt war, überrascht mich die Antwort durchaus.
"Wieso?" frage ich daher unsicher. "Kann es euch nicht völlig egal sein, wohin die Reise geht?"
"Du hast ja keine Ahnung", sagt er verstimmt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich ihn beleidigt habe. "Wir Tropfen haben alle unsere ganz persönlichen Vorlieben und Erfahrungen. Und natürlich Gefühle. Ihr Menschen werdet das wohl niemals begreifen."
"Gefühle?" frage ich skeptisch. Bis eben dachte ich, wir reden über Regenwasser.
Er hat inzwischen den Rand der Scheibe erreicht und schmiegt sich geschickt in die Gummidichtung, um nicht weiter abzurutschen. Obwohl er ein wenig verschnupft wirkt, scheint er einer kleinen Diskussion nicht abgeneigt zu sein.
"Das ist mal wieder typisch", mein er mit einem vorwurfsvollen Unterton. "Ihr nehmt uns wohl nicht einmal ernst, wenn wir zu Würfeln gefroren eure Getränke kühlen. Noch dazu seid ihr ständig am nörgeln, ob wir nun feinen Nebel bilden oder einen klassischen Wolkenbruch. Dabei gehorchen wir einfach nur den Gesetzen der Physik, ob es uns Spaß macht oder nicht."
"Aus einer Wolke zu fallen macht also keinen Spaß?" frage ich neugierig.
"Am Anfang überhaupt nicht. Meistens treibt dich der Wind einen Hang hinauf, bis es kalt und ungemütlich wird, und wenn du dann nicht rechtzeitig abspringst, kann es sein, dass du kristallisierst. Das ist dann wirklich unangenehm."
"Das kann ich nachvollziehen", sage ich mit dem Gedanken an klamme Finger im Winter. "Aber irgendwo muss das Fliegen doch auch sein Gutes haben?"
"Schon", gibt er unumwunden zu, "in einer Wolke über der Welt zu schweben hat durchaus seinen Reiz, und der folgende Sturzflug gibt dir den echten Kick! Auf der anderen Seite hängt alles davon ab, wo du runterkommst. Ich hoffe immer, ich knalle nicht mitten in eine Stadt. Industriegebiete machen mich ziemlich sauer, und über schmutzigen Asphalt in einen Abfluss zu rutschen, ist alles andere als romantisch. In der Kanalisation trifft man meistens ziemlich verkommene Typen, die stinken und reichlich giftig sein können, wenn man ihnen zu nahe kommt. Nein, das Abwasser ist keine Gesellschaft für mich, da bevorzuge ich eher die freie Natur mit möglichst viel Wald. Dort tropft man dann bequem von Blatt zu Blatt dem Boden entgegen, was die Verletzungsgefahr bei der Landung erheblich verringert. Und wenn man schnell genug versickert, kann man es meistens sogar vermeiden, im Darmtrakt der heimischen Fauna zu enden. Man quetscht sich statt dessen abenteuerlich durch Poren und Risse und hat dabei gute Chancen, auf ein paar Kollegen zu stoßen. Gemeinsam macht man eine Quelle auf, begibt sich zum nächsten Fluss, und zur Erholung geht es dann für ein paar Tage ans Meer."
"Aber dann", so wage ich vorsichtig einzuwenden, "kann dir doch gar nichts Besseres passieren als genau hier zu landen. Hier gibt es Wald ohne Ende, und egal in welche Richtung es dich verschlägt, du landest entweder am Mittelmeer oder am Atlantik!"
Der Tropfen scheint sich etwas zusammenzuziehen, was wohl mit einer Zunahme seiner Oberflächenspannung zusammenhängt.
"Schlechte Erinnerungen", murmelt er verzagt. "Ich war nämlich schon einmal in dieser Gegend. Aber da erging es mir leider nicht so gut."
Er blickt mich zögernd an, und ich nicke ihm zu, um ihn zum Fortfahren zu ermuntern.
"Wir regneten damals in einer kleineren Gruppe, was den Vorteil hatte, dass man die anderen ein wenig kennen lernen konnte. Eine meiner Begleiterinnen hatte eine wunderbar glatte Haut und einen liebenswert exzentrischen Mineralstoffgehalt. Wir freundeten uns sofort an und begannen schon nach wenigen Metern im freien Fall unsere gemeinsame Zukunft zu planen. Die Gegend schien uns ideal für einen guten Anfang zu sein. Sanfte Hügel, fröhliche Rinnsale und einige abenteuerliche, aber nicht zu hohe Wasserfälle. Voller Vorfreude kuschelte sie sich eng an mich, und in diesen Sekunden kurz vor der Landung war ich ein wirklich glücklicher Regentropfen."
"Und was ist dann mit euch passiert?"
"Leider überhaupt nichts. Wir landeten sicher, keine zwei Zentimeter voneinander entfernt. Doch dann rutschte sie unaufhaltsam von mir fort. Ich sah noch einen kurzen Lichtreflex auf ihrer herrlich glatten Haut, bevor sie endgültig hinter einer Erdkrume verschwunden war. Auf dem Weg nach Nizza wahrscheinlich, während ich mit Macht in Richtung Atlantik gezogen wurde. Anfangs wäre ich fast vor Wut verdampft. Aber die Enttäuschung in der Zeit danach war dann fast noch schlimmer."
Einen Moment lang schweigen wir beide, denn irgendwie gibt es zu dieser Geschichte nicht mehr viel zu sagen. Dennoch scheint nun der Moment gekommen zu sein, in dem ich ihm ein wenig Hoffnung machen sollte.
"Vielleicht ...", setze ich an, doch er unterbricht mich, als habe er nur auf einen solchen Versuch gewartet.
"Nein, ich werde sie nicht wieder sehen. Das ist viel zu unwahrscheinlich. Sie kann überall sein, in jedem Eisberg, in jedem Goldfischglas und in jeder Wolke, die vorüberzieht. Vielleicht ist sie irgendwo zu Brackwasser geworden. Oder man hat sie in der Tiefe eingeschlossen und ein Porenfluid aus ihr gemacht. Bis sie da wieder rauskommt, können schon ein paar Millionen Jahre vergehen, und dann ist sie auch nicht mehr die Frischeste." Er scheint bei dem Gedanken daran zu schaudern.
Diesmal dauert das Schweigen etwas länger. Bevor ich dann den Faden wieder aufnehmen kann, rumpelt der Wagen durch ein besonders tiefes Schlagloch, und mein Kopf bumst unsanft gegen das Seitenfenster. Die Fahrerin zwinkert mir zu.
"Gut geschlafen?"
Ich nicke etwas benommen. Klar habe ich geschlafen. Das ist besser zu erklären, als warum ich gerade Mitleid mit einem Wesen aus zwei Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff habe. Ich blicke durch die Scheibe hinaus in den noch immer nicht nachlassenden Regen. Irgendwo dort draußen sickert mein Freund gerade neuen Abenteuern entgegen. Und wir? Wir Kohlenstoffverbindungen rollen gemeinsam weiter in Richtung Mittelmeer.

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