Titel

NANINA
Die Nebel der Apokalypse


Leseprobe

Urheber
Jenni Flieg

Verlag
MV-Verlag
Bindung
Paperback
Seitenzahl
446
Sprache
Deutsch
Format
Taschenbuch
ISBN
978-3-8658-2644-2
Preis
€ 20,80 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet
www.nanina-roman.de

Kaufen
Buchhandel
Internetshops

www.mv-verlag.de
www.amazon.de

Nahezu Tausend Jahre sind nach der verheerenden Apokalypse der Menschheit vergangen. Die Gesellschaft ist stabil, nahezu frei von Gewalttätigkeit und Aggression, sie kommt nun ohne den Beitrag des männlichen Geschlechtes zur Reproduktion aus.

Auf einer Inselgruppe im Atlantik, abgeschirmt von der übrigen Zivilisation wird an einer Wildcard der Evolution, an einer höchst unwahrscheinlichen Wendung in der Entwicklung der Menschen gearbeitet.

Ist diese Forschung auch willkommen oder gefährdet sie die Stabilität der gesamten monogeschlechtlichen Menschheit?

Nanina, die in einem einsamen Blockhaus mit zwei anderen Kindern isoliert aufwächst, könnte es erfahren. Sie gehrt zu einem geheimen Genpool, der endgültig aufgelöst und vernichtet werden soll. Doch es gibt mehrere Interessenten für die aus den genetischen Experimenten entstandenen Kinder.

Leseprobe

- Apokalypse -

Tomas lebte allein und war jetzt 54 Jahre alt. Früher nannte man dieses Alter die Besten Jahre. Wenn er Mitte Vierzig noch etwas zum Dickwerden neigte, so hatte sich dieses Problem durch seine Nahrungsumstellung als Jäger und Sammler erübrigt. Selbst seine Körperbehaarung wucherte jetzt ungebremst an vielen Stellen seines Körpers bis auf den Kopfbereich. Dort oben war es schon sehr licht geworden und stellte jetzt eine Öffnung für höhere geistige Einfälle dar, wie er mit Selbstironie vorm Spiegel feststellte. Als er noch in seiner Dauerverlobung mit Christine war, hatte er sogar angefangen, seinen Körper, bis auf den Kopf natürlich, in teils quälenden Prozeduren zu enthaaren. Wer wollte damals schon wie ein behaarter Affe aussehen? Wenn schon die Entwicklung aus dem Tierreich heraus so langsam erfolgte, musste man halt etwas künstlich nachhelfen.

Tomas war jetzt sogar absolut allein und hauste in den Resten eines Dorfes, das in einem lokalen Religionskrieg nur wenig zerstört wurde. Das lag wohl daran, dass es nur eine Zufahrtsstraße gab, die im Straßendorf wie eine lang gezogene Schleife wirkte. Man fuhr auf der rechten Seite des Dorfes bis zum Ende und auf der linken Seite wieder zurück. Auch von umherziehenden Banden blieb es weitgehend verschont. Man hatte das Dorf einfach nicht gefunden.

Allerdings waren die meisten Häuser durch die vermehrt und heftiger auftretenden Stürme der letzten Jahre zerstört oder von den Bewohnern bei ihrem nicht immer freiwilligen Auszug angebrannt worden. Tomas fand aber immer noch genug Dachziegel und ähnliches, womit er sein Haus immer wieder reparieren konnte.

Das alte Bauernhaus, in dem Tomas jetzt lebte, wurde zuletzt von seinem Onkel Joachim bewohnt, dessen Frau in die Stadt gezogen war. Dieser Onkel war ein Schwarzseher gewesen und hatte aus diesem Grunde in dem alten Haus alles Mögliche an Vorräten gebunkert. Von Dauerseifen angefangen bis zu nahezu ewig haltbaren Lebensmitteln. Selbst eine Luft- und Wasseraufbereitung sowie eine Wasserzisterne fehlten nicht. Obwohl beide wahrscheinlich nicht für den Ernstfall geeignet waren. Zumindest grobe Verunreinigungen des Wassers konnten sie wenigstens filtern.

Tomas erinnerte sich noch an die Zeit seiner Besuche, die jährlich einmal stattfanden. Jedes Mal, wenn er kam, hatte der Onkel eine andere Hiobsbotschaft. Einmal brach das Finanzsystem im nächsten halben Jahr zusammen. Worauf er die dringende Auflage bekam, doch sein Geld in Gold und Silber umzuschichten.

Nachdem das Welt-Finanzsystem weiter so wurschtelte wie bisher und Papiergeld in unvorstellbaren Mengen aufhäufte, zeigte ihm sein Onkel im nächsten Jahr seine Vorräte an Seife, Nägeln und Brettern. Ein großer Kanister Petroleum nebst den Kochern und Lampen, die es verwenden sollten, standen in einem Nebenraum seines Kellers. Ein Notstromaggregat und ein paar Solarpaneele warteten ebenfalls darauf, benutzt zu werden.

In einem anderen Jahr war das Wasser dran, das zum Rohstoff Nummer 1 wurde und um das bald Kriege geführt werden würden. Er installierte zwei große Behälter, um das Regenwasser zu speichern.

Im letzten Jahr riss er die Jasminsträucher, den Phlox, die Lilien und alles andere, was unter der Rubrik Zierpflanzen in seinem Garten stand, heraus und pflanzte Zucchini, Kartoffeln, Getreide, sogar Mais und Sonnenblumen an. Er wollte sich eine Samenbank der Nutzpflanzen anlegen, um im Notfall mit selbst gezogenen Lebensmitteln zu überleben.

Nichts von alledem traf ein, wenigsten solange sein Onkel noch lebte.

Seine Frau hielt von alledem nichts, sie hatte sich in der Stadt eine kleine Wohnung gesucht und genoss die Zerstreuungen und Unterhaltungen der kommunikativen Art. Vorträge, ihre favorisierte Zerstreuung, fanden immer irgendwo statt und wurden auch von immer mehr Frauen besucht. Frau konnte dort Freundinnen treffen: Ach, wie schön dich auch hier zutreffen begann dann der Austausch über die bis zum letzten Vortrag zurückliegenden aufregenden fraulichen Neuigkeiten. Falls doch mal ein Mann mit war, wartete er meist draußen oder in der Garderobe verzweifelt auf das Auftauchen seiner Gattin. Und dann gab es ja noch die Einkaufstouren mit den vielen Kaffees in der Fußgängerzone.

Als sein Onkel Joachim beim Winterfestmachen eines Olivenbäumchens, das in einem von Jahr zu Jahr größer werdenden Kübel wohnte, sich schwer verhoben hatte, lud er Tomas ein und bat ihn, das Haus zu übernehmen. Er war damals 76 Jahre alt. Seine eigenen Kinder waren alle im Ausland und hatten ihre eigenen Vorstellungen von ihrer Lebensgestaltung.

Tomas, ich übergebe dir das Haus zur Verwaltung mit unbegrenztem Nutzungsrecht, hatte er damals gesagt, du kannst vielleicht damit was anfangen. Ich werde auch in die Stadt ziehen. Meine Zeit ist hier zu Ende wie überhaupt.

Tomas hatte damals den Eindruck, dass der Onkel von seinem Leben, zumindest von seinen letzten Jahren, enttäuscht war, weil er so auf eine Weltkrise und einen totalen Zusammenbruch gewartet hatte und nichts von dem zu seinen Lebzeiten eintraf. Tomas war bis zu seiner Dauerarbeitslosigkeit Ingenieur in einem kleinen Betrieb für Haushaltsgerte gewesen und hatte dort in einem Labor elektronische Schaltungen für Wäschetrockner und Kaffeemaschinen entwickelt, bis diese Arbeit dem international operierenden Konzern zu teuer wurde.

Onkel Joachim hatte ihm auch seinen Computer überlassen. Auf ihm waren Internetrecherchen gelistet, die für jedes Jahr geordnet Prognosen und Ankündigungen der großen Katastrophen enthielten.

Das Internet war Vergangenheit. Strom gab es schon länger keinen mehr. Das Notstromaggregat hatte kein Benzin und die Kerzen wurden knapp. Die Suche nach einem zurückgelassenen und noch bewohnten Bienenstock in einer der benachbarten Wüstungen war bisher erfolglos geblieben. Es ging auch ohne Bienenwachs und Honig. Sonne und Mond begannen langsam ihre Macht auf Tomas auszudehnen. Sie bestimmten zunehmend seinen Tagesablauf.

Es war immer Mitte bis Ende Oktober, wenn Tomas seinen Onkel besuchen kam. Die Nächte waren schon empfindlich kalt, die Tage strahlten meist vor Sonnenschein und blauem Himmel. Das alte Haus war an der Südseite mit wildem Wein ganz zugewachsen, der jetzt seine vergängliche Schönheit in allen Schattierungen von Grün über Gelb bis Rot zeigte. Auf der Rückseite musste der Efeu in Grenzen gehalten werden, damit er nicht über das Dach hinauswuchs. Tomas fand das immer wieder romantisch, zumindest für die Woche, die er bei seinem Onkel verbrachte. Onkel Achim dagegen war geteilter Meinung. Für ihn war es auch ein Paradies von Spinnen, die dann im Winter gern ins Haus kamen. Und morgens weckten ihn im Sommer manchmal streitende Vögel, die ebenfalls ihr Quartier im Weinlaub hatten.

Selbst mit den im Laub auf Wespen lauernden Hornissen hatte er schon nachts unter seiner Bettdecke Bekanntschaft gemacht. Das arme Tier war zum Fenster herein gekommen und hatte sich verirrt. Seine Frau, die da noch nicht in die Stadt gezogen war, fing die Hornisse in einem Glas, während Onkel Achim in die Küche hinunter rannte, um zu sehen, was dieser geträumte Fall in einen Brennnesselhaufen mit seinem Oberschenkel zu tun hatte. Die Hornisse, die bis zum nächsten Tag im Glas überlebte, wurde dann wieder freigelassen. Seine Frau war eine Tierschützerin.

Bei einem seiner letzten Besuche konfrontierte er Onkel Achim mit seiner Überzeugung von den geheimen Plänen, eine Weltregierung zu errichten.

Sie tranken roten Bordeaux, im Eichenfass ausgebaut. Darauf legte sein Onkel Wert, wenn er auch sonst kein Weinkenner war. Er hatte davon einen guten Vorrat in seinem Keller sogenannte Kummertropfen, wie er sich ausdrückte.

Onkel Achim, begann Tomas nach einem genüsslichen Schluck aus einem funkelnden Kristallglas, glaubst du wirklich, diese ganzen Katastrophenszenarien seien nicht gewollt? Die wollen uns doch damit nur in die Versklavung des Kollektivismus treiben.

Sie hatten zuvor gerade die neusten Maßnahmen zu Krisenbewältigung besprochen: einen Tiefkeller mit starker Eisenbetonbewehrung.

Onkel Achim holte erst mal Luft, Versklavung und Kollektivismus waren nicht in seinem alltäglichen Wortschatz.

Wollte Tomas seine ganze Katastrophenphilosophie ad acta führen? Nein!

Ah, ja, wer denn, die Illuminati oder vielleicht Skull and Bones oder gar die Bilderberger oder wer noch? Die Freimaurer?, antwortete sein Onkel belustigt, das hatten wir schon, das Internet ist voll von Verschwörungstheorien. Hier zählen Fakten, einfach Fakten wie die Klimaerwärmung, die Umweltverschmutzung, die nicht mehr rückzahlbaren Schuldenberge der Regierungen, die sinkenden Rohstoffvorräte, der Terrorismus willst du das leugnen?

Nein, will ich nicht, entgegnete Tomas, obwohl die Erde in ihrer Geschichte schon einige Katastrophen überstanden hat, kann man bestimmte Tendenzen nicht übersehen, darin gebe ich dir recht. Manches ist aber sicher übertrieben. Denk mal an die Anfänge der Umweltschutzbewegung.

Ja sicher, es gab schon eine gewisse Hysterie, musste Joachim zugeben. Die Bevölkerung wurde damals emotional so aufgeschaukelt, dass es dann an ein Wunder grenzte, als trotz der katastrophalen Luftverschmutzung doch in jedem Frühjahr die Bäume wieder grün wurden, sogar an den Straßenrändern.

Onkel Joachim schenkte Tomas und sich die Gläser voll. Er liebte diese Gespräche, die immer auch Streitgespräche waren und manchmal sehr heftig geführt wurden. Solche Gespräche waren ihm immer eine Herausforderung gewesen, so wie ein persönlicher Wettkampf, ja manchmal auch wie ein Duell auf Leben und Tod. Wenn er dagegen an seine Frau dachte, die immer alles gleich persönlich nahm, waren diese Wortgefechte mit Tomas für ihn immer noch erfrischend und bestätigten ihm seine noch vorhandene geistige Vitalität. In jedem Streit und wenn er noch so sachlich war, hörte seine Frau einen gereizten Unterton, wo keiner beabsichtigt war und konterte mit unsachlichen, persönlichen Verächtlichmachungen und Liebesentzug.

Frauen waren halt so, ungeeignet fr ein ritterliches Turnier. Es hatte lange in seinem Leben gedauert, bis er das begriff.

Vielleicht braucht der Mensch immer eine Aufgabe, die einen größeren Charakter hat als nur satt zu essen, führte Tomas das Gespräch weiter, Kriege, zum Beispiel, waren immer geeignet, ein Volk hinter einen Führer zu scharen. Kriege rechtfertigten immer Gewalt gegen die anderen und erzeugten Kadavergehorsam bei den eigenen Untergebenen und Versklavung bei den Besiegten. Warum soll das jetzt anders sein?

Ganz einfach, weil Kriege nicht mehr gehen!, konterte der Onkel, Kriege will keiner mehr, seit die Frauen sich stärker in der Gesellschaft engagieren.

Will keiner mehr offiziell, da gebe ich dir recht. Aber insgeheim, Tomas zog die Augenbrauen hoch, haben sie noch keinen Ersatz gefunden, er rückte sich in seinem Sessel zurecht und zog ein Bein hoch, um sein Kinn auf sein Knie zu stützen.

Was waren sie doch für Schwarzseher, sein Onkel wartete auf einen Finanz-Umwelt-Kollaps und er auf einen Krieg. Was würde ihnen dieses Welttheater denn liefern? Sie taten so, als säßen sie in der ersten Reihe, dabei säßen sie doch mitten auf der Bühne.

Doch, behauptete der Onkel, doch, Sport und Spiele, bedienen die primitive Gier nach Kampf und Blut.

Tomas konterte: Triviale Gameshows, Freizeitspaß und Pornografie sind kein Ersatz, die sind nicht blutrünstig genug, das mag sein. Allein die Aussicht und geile Hoffnung, dass bei einem Fußballspiel Verletzungen und - wie befriedigend - Knochenbrüche zu erwarten sind, treibt die Fans in die Stadien.

Von Boxkämpfen und Autorennen will ich gar nicht erst anfangen. Oder schau dir an, wie genüsslich langsam die Gaffer an einem Autobahnunfall vorbeifahren.

Der Onkel trank lieber ohne Widerspruch zu erheben seinen Wein. Tomas fuhr fort: Achim, was ist das aber gegen einen Krieg. Das ist doch nicht vergleichbar. Die Faszination von Blut und Gewalt kann doch nur durch einen Krieg befriedigt werden. Was ist da schon ein Schlag ins Gesicht oder gar der Tod eines Wettkämpfers. Sport ist nur eine Vorbedingung, Sport kann einen Krieg vorbereiten, ohne Sport gäbe es vielleicht gar keine Kriege. Die ersten Olympischen Spiele in Griechenland waren nichts anderes als Kriegsübungen. Da helfen auch keine Ethikakrobaten, die daraus humanistische Tugenden machen wollen.

Aber eines ist Sport und all die anderen psychischen Sublimationen nicht: ein Ersatz für einen Krieg.

In einem Krieg kommen Frauen und Kinder in großer Zahl um. Materieller Besitz, Häuser, Werkstätten gehen kaputt. Und das alles schafft Arbeit und beruhigt das Volk, das sich jetzt zum Aufbau aus Ruinen hinter seine Führer schart. Und wenn alles wieder stabil aufgebaut ist, geht es halt von Neuem los.

Die Flasche war leer und Onkel Achim ging ohne eine Antwort in die Küche. Heute kam er nicht mit einer zweiten zurück, sondern nur mit dem üblichen Holzbrett voll kleiner Käsewürfel aus einem würzigen Bergkäse. Der war natürlich ökologisch, wobei sich Tomas immer fragte, was daran so besonders ökologisch sein sollte, wenn die Kühe das Gras von den Bergen abfressen.

Mein Onkel wird alt, dachte Tomas damals. Jetzt war er selbst ein Stück älter und sein Onkel tot. Es hatte die kleinen und größeren Kriege gegeben. Die beiden Achsen des Bösen hatten sich zerfleischt und ihre religiös zu nennenden Kreuzzüge hatten die menschliche Spezies dezimiert.

Die Weltregierung war gekommen, nur nicht in der Form, wie sie von den Kreuzrittern geplant worden war. Das unermessliche Leid, mit dem viele Bevölkerungen und Länder nicht mehr fertig wurden, sollte die finale Katastrophe sein und vor allem auch bleiben. Damit sich so etwas nie mehr wiederholen konnte, gab es nur einen Ausweg: das Verlassen der Bi-Geschlechtlichkeit der Menschheit auf ihrem weiteren Weg der Evolution.

Die Männer waren in den Kriegen stärker dezimiert worden als die Frauen und ein immer größer werdender Teil der Männer hatte eingesehen, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Die Apokalypse hatte die Weltbevölkerung so drastisch reduziert, dass sich der verbliebene Teil vorerst in die klimatisch günstige und wenig kontaminierte Region um das Mittelmeer zurückgezogen hatte. Andere Erdteile waren auf Jahrhunderte nicht mehr für Menschen bewohnbar.

Die Vernunft zugunsten des weiteren Erhaltes der Menschheit siegte auch bei den meisten Männern. Widerstände dagegen gab es. Diese arteten zu terroristischen Aktionen aus und wurden auch mit allen Mitteln bekämpft. Dann traten endlich die ersehnte Ruhe und der Frieden ein.

Eine Charta der Menschheit wurde für alle Völker verbindlich von einer zentralen Versammlung angenommen.

Es sah aus wie eine Revolution der Frauen, als es in der Folge zu einer Zerschlagung der Großindustrie, des Welthandels- und Finanz-Systems kam.

Doch der entscheidende Punkt für diesen Schritt der Menschheit war die biotechnische Möglichkeit der Halbierung des Chromosomensatzes, sodass aus zwei Eizellen ein neuer, genetisch gemischter Embryo entstehen konnte. Männliche Kinder waren überflüssig und das große Problem der Gegenwart, der Mann, war nur noch ein zeitliches und technisches.

Diese Art der Fortpflanzung war stabiler und anpassungsfähiger als das archaische Vehikel über die männlichen Samenzellen, wenn auch die technische Umsetzung immer noch große Probleme bereitete.

Vor der Apokalypse war die Machtablösung des Patriarchates nicht immer auf das volle Verständnis der Männer gestoßen. Es musste schon manchmal etwas nachgeholfen werden. Eine dieser nicht immer ganz ehrlichen Methoden war Das Abschießen von führenden Männern, indem untergeordnete Frauen zum geeigneten Zeitpunkt sexuelle Belästigung anklagten. Selbst der mächtigste Präsident war davor nicht mehr sicher und es war für die Betroffenen das Ende ihrer Karriere.

Eine beliebte Methode war der Fahrstuhltrick: Eine Frau beobachtete den Fahrstuhl, und wenn ein Mann allein einstieg, gesellte sich im nächsten Stock eine Komplizin dazu, während die erste die Treppen hinauflief und Zeuge wurde, wie sich die Frau vor sexuellen Übergriffen gewehrt hatte. Männer begannen, das Treppensteigen als etwas Sportliches zu begreifen.

In Spielfilmen, Krimiserien, TV-Gerichtsverhandlungen traten Männer nur noch als Bedrohung oder als Trottel auf. Waren sie das nicht auch und es wurde bisher noch nie bemerkt? Makellose weibliche Kommissarinnen versetzten die Männerwelt in Angst und Schrecken.

So veränderte sich das Führungspotenzial weltweit zugunsten der Frauen. Die Einführung der Charta der Menschheit konnte nach den verheerenden Kriegen friedlich von stattengehen.

Tomas war damals bei Einführung der Charta 38 Jahre alt und lebte schon zurückgezogen und allein in dem alten Bauernhaus, seine Lebensgefährtin hatte ihn vor 5 Jahren mit ihren zwei Töchtern verlassen. Die Verbitterung darüber war er nicht mehr losgeworden. Er hatte sich versteckt und man hatte ihn auch nicht gefunden.

In dem ehemaligen Dorf wohnte niemand mehr außer ihm. Radioaktiv war es leicht kontaminiert, sodass schon aus diesem Grund niemand von den neuen Menschen in dieser Gegend mehr leben wollte. Die Geburten wurden kontrolliert und die wenigen Menschen lebten in südlicheren Gegenden.

Tomas fragte sich manchmal belustigt, was ihn denn noch am Leben hielt. Als freiwillige Sterilisationswellen den Rest der Männerwelt heimsuchten, berührte es ihn schon nicht mehr, ja er wusste es nicht einmal. Er brauchte nicht zur Sterilisation überredet werden, da die übrige Welt ihn nicht mehr wahrnahm. Er wartete auf eine Krankheit oder ein anderes Ende seiner Existenz. Irgendwie stellte er bei sich einen gewissen Ehrgeiz fest, der vielleicht vergleichbar ist mit der Motivation eines Marathonläufers, sich unbedingt im Ziel sehen zu wollen. Das Ziel war für ihn, den Tod als ein großes, überwältigendes Schlafbedürfnis zu erleben.

Die Tage verbrachte er in seinem kleinen Garten und im Wald auf der Jagd. Der Tierbestand war immer zahlreicher geworden und leider auch der Bestand an Mäusen in seinem Haus. Er war sehr froh, als ihm vor Jahren eine Katze zugelaufen war, die er auch durch kleine Leckerbissen halten konnte. Katzen mögen halt die gewisse Bequemlichkeit, die eine Symbiose mit einem Menschen so mit sich bringt.

Der Rest des Katzenvolkes dieser Gegend verwilderte im Laufe der Zeit in den Ruinen der alten Häuser. Er bedauerte nur, dass er keine Milch fär seine Katze hatte.

Als er an einem der letzten milden Herbsttage mit einem Beil das zuvor gesägte Holz spaltete, tauchten zwei Männer oder waren es Frauen? am Waldrand auf. Der Wald war in den letzten Jahren schon weit auf sein Haus vorangeschritten, sodass er sie erst sehr spät bemerkte.

Schnell lief er ins Haus. Sie hatten ihn allerdings schon bemerkt. In der oberen Etage riss er die Jagd-Armbrust von der Wand, dazu noch eine kleine Vogelarmbrust, die mit einer Hand bedient werden konnte, spannte beide und legte die rasierklingenscharfen Jagdbolzen auf.

Was wollten die?

Deckung suchend schlichen sich die zwei ans Haus.

Haben die eine Schusswaffe?, dachte Tomas und kalter Schweiß lief ihm den Rücken hinab.

Sie hatten Tomas tatsächlich in eine ungünstige Schussposition gebracht. Um zielen zu können, hätte er sich aus dem Fenster mit seiner sperrigen Armbrust lehnen müssen. Für die Vogelarmbrust war die Entfernung zu groß.

Die beiden schienen miteinander zu diskutieren und dann wurden sie lauter. An den gedämpften Stimmen konnte Tomas hören, dass es Männer sein mussten.

Die streiten, stellte Tomas fest. Vor Jahren hatte er immer Glück gehabt und war verschont worden von umherziehenden Horden plündernder jugendlicher Männer. Das frühere Dorf war schon immer sehr abgelegen gewesen.

Dann rief plötzlich einer der Männer: Wir brauchen Hilfe. Wir haben keine Waffen! Kannst du uns helfen, wir haben dich gesehen.

Es klang sehr verzweifelt. Gehörte das zu ihrem Trick? Tomas war sich nicht sicher und schwieg.

Die beiden redeten wieder hinter ihrer Deckung, dann meldete sich wieder die gleiche Stimme: Wir brauchen Medikamente kannst du uns helfen?

Kommt vor und die Hände hoch!, befahl Tomas wie aus einem Reflex heraus und wollte es gleich wieder zurücknehmen.

Die beiden traten mit erhobenen Händen hinter der Steinmauer hervor. Der eine brachte seinen rechten Arm nicht ganz hoch, er war verbunden.

Wir brauchen dringend Antibiotika. Er hat den Wundbrand im Arm.

Tomas musterte die beiden. Der eine war schon älter und etwas kleiner, mit grauweißen Haaren, der andere mit dem verbundenen Arm vielleicht Anfang 40, seine Haare hingen ihm in ungepflegten Strähnen links und rechts am Kopf herab. Die Kleidung war abgerissen und beide sahen mit ihren langen Bärten so verhungert aus, wie zwei Pilger auf dem Weg durch die Wüste nach Mekka.

Wer seid ihr? Woher kommt ihr?

Der Ältere ging nicht auf die Frage ein, er schien verzweifelt zu sein.

Stöhnend meldete sich der Jüngere, er ließ seine Arme fallen und seine Frage klang wie die ultimativ letzte: Kannst du mir helfen?

In Tomas arbeitete sein Gehirn auf Hochtouren. War es gefährlich, sich auf die beiden einzulassen? Brauchten die wirklich Hilfe oder wollte sie ihn reinlegen? Selbst wenn sie ihn reinlegten, war das nicht auch irgendwie egal? Wie hoch war das Risiko für ihn? Offensichtlich gingen auch die beiden ein hohes Risiko ein.

Er sah sich die beiden noch mal an.

Zeig mir deinen Arm!

Der Jüngere wickelte ihn aus und Tomas konnte sich von der Realität des Endstadiums dieses Körperteils überzeugen.

Ich komme runter. Tomas legte seine Armbrust ab, verschloss zur Vorsicht das Zimmer und ging nach unten. Die beiden Männer waren Vater und Sohn, die gleich ihm irgendwo in einem alten Haus gelebt hatten, wie sie ihm kurz mitteilten.

Der Arm war nicht mehr zu retten. Es musste sofort etwas getan werden. Tomas erinnerte sich an einen Film, der sehr realistische Szenen aus dem 18. Jahrhundert enthielt, und schlug vor, den Arm sofort abzusägen. Die beiden hatten keine Wahl.

Tomas fand noch ein paar wenige Penizillin-Tabletten.

Bert, sein Vater, hielt Kevin fest, der ein paar Schmerztabletten geschluckt hatte und einen Holzknebel in den Mund bekam.

Tomas band den Oberarm kurz unter der Schulter fest ab und begann zu sägen. Auf dem Herd stand heißes Sonnenblumenöl bereit.

Bert hielt fast die ganze Zeit die Augen geschlossen. Nur Kevin stöhnte und drohte immer bewusstlos zu werden. Die Geräusche der Säge, als sie den Knochen erreichte, ließen Kevin stöhnend in Ohnmacht fallen. Bert richtete ihn sofort wieder auf und spritzte kaltes Wasser ins Gesicht.

Tomas staunte über sich, noch nie hatte er so etwas getan. Er war sich bewusst, dass sein geringes Wissen für Kevin tödlich sein konnte. Aber welche Rolle spielte der Tod überhaupt noch? Warum versuchten sie zu überleben? Wann war der kritische Punkt erreicht und der Überlebenstrieb schlug plötzlich in den Todestrieb um? Warum war dieser Punkt nicht schon längst erreicht?

Tomas handelte aus dem Motiv der Hoffnungslosigkeit heraus, die immer einen letzten Versuch sinnvoll machte, denn eine hundertprozentige Wahrscheinlichkeit für irgendetwas war selten, auch im Angesicht des Todes.

Tomas goss etwas von dem siedend heißen Öl über die Wunde und mit Nadel und einem Faden nähte er grob die Haut über dem Knochenstummel zusammen.

Kevin bekam die erste Penizillin-Tablette, deren Verfallsdatum schon Jahre zurücklag.

Nach drei Tagen war Kevin über den Berg und sein Armstummel begann zu verheilen.

Tomas ging jetzt mit Bert auf die Jagd und fand es ganz gut, nicht mehr allein zu sein. Wenn er jetzt Stimmen hörte, dann war es entweder Bert oder Kevin und nicht die seines einsamen Gehirns. Die beiden versuchten sich nützlich zu machen. Tomas erfuhr, dass sie in ihrer Behausung aufgespürt worden waren und resozialisiert werden sollten. Sie konnten sich nur durch die Flucht retten, verloren dabei aber ihre selbst gebauten Jagdwaffen und Kevin bekam die Schussverletzung in den Arm.

Warum sind die beiden genau so hirnverbrannt wie ich, dachte Tomas, und tauschen dieses elende Leben nicht gegen das geruhsame und statistisch längere Leben eines Eunuchen in der neuen menschlichen Gesellschaft? Was war das schon für ein irrationaler Stolz, als Mann, als vielleicht einer der letzten Männer hier irgendwo in der Wildnis zu verrecken?

Die Wildnis bot nur noch wenig Komfort. Die Nahrungsmittelreserven waren schon lange zu Ende, die täglichen Mahlzeiten bestanden aus Kraut, Getreideschrot, Rüben und Wildfleisch, dazu noch einige Abwechselungen aus dem Garten, zumindest in der wärmeren Jahreszeit.

Bald werden wir noch die Felle gerben müssen, dachte Tomas, als er die letzten Kleidungsreserven seines Onkels an Bert und Kevin verteilte.

Kevin besorgte so gut er konnte mit seinem verbliebenen Arm die Küche und war immer missmutig, wenn die anderen beiden zur Jagd gingen.

Im Keller waren noch ein paar Flaschen, die zu besonderen Anlässen weiter dezimiert wurden. Ein solcher Anlass war die gelungene Operation von Kevins Wundbrand. Es gab noch genug Apfelbäume und aus den von den Dreien gesammelten Äpfeln reifte ein Wein in alten bauchigen Glasbottichen.

Der Apfelwein wurde auch dringend notwendig, um wenigstens am Abend etwas Entspannung zu bringen. Die Stimmung zwischen Bert und Kevin verschlechterte sich von Tag zu Tag. Kevin, Anfang seiner Midlifecrisis, wollte nicht begreifen, dass sein jetziges Leben schon der Endzustand sein sollte. Er faselte davon, eine Frau zu rauben und in der Wildnis weiter nordwärts eine Familie zu gründen. Bert erklärte ihn daraufhin für verrückt. Obwohl er auch Enkel gern gesehen hätte. Bert hielt sich immer für kinderlieb, selbst in einer Zeit noch, als es mehr Tier- als Kinderliebhaber gab und Kinder bei allem störten, bei der Karriere, beim Urlaub und in der Freizeit. Die Forderungen nach Ganztagsbetreuung der Brut fand immer mehr Gehör bei den Politikern der damaligen Zeit und wurde bald flächendeckend in den westlichen Industrienationen eingeführt.

Dann wieder machte Kevin seinen Vater verantwortlich, dass er jetzt als Krüppel, wie er sich selbst bezeichnete, hier elendig zugrunde gehen würde. Bert heulte still vor sich hin und dachte immer mehr an Suizid. Tomas musste öfter eingreifen und beschwichtigen. Als er einmal vom Holzholen aus dem Schuppen zurückkam, musste er Kevin davon abhalten, mit dem Messer auf Bert loszugehen.

Der Winter kam jetzt immer sehr schnell anfangs November. Das Klima hatte sich nach dem vorausgegangenen dramatisch exponentiellen Anstieg der Meeresoberfläche innerhalb von zehn Jahren dann stabilisiert. Die verheerenden Stürme waren deutlich weniger geworden und die Winter behielten ihre anhaltend niedrigen Temperaturen bis zum Frühling.

Die menschlichen Dramen in den vielen küstennahen Großstdten und tiefer gelegenen Landschaften hatte Tomas nur noch am Rande, wie aus sehr weiter Ferne, mitbekommen. Das weltweite System der Kommunikation war gleichzeitig mit dieser Katastrophe zusammengebrochen.

Die Jagd bei tiefem Dauerfrost und einer Schneedecke von einem halben Meter war schwer und jeden Tag mussten die Fallen abgelaufen werden. Kraut und Rüben hätten zwar Tomas über den Winter gebracht aber nicht noch Bert und Kevin. Was blieb, war das Fleisch der Wildtiere und das war im Winter nicht im Überfluss vorhanden. Das Harz der Bäume und Brombeerblätter dienten als kärgliche Beigabe. Der Apfelwein spendete abends etwas Trost, aber auch der musste bald rationiert werden.

Weihnachten, dieses uralte Fest der Hoffnung auf das Ende des Winters, kam heran. Tomas hatte in den zurückliegenden Jahren immer einen kleinen Vorrat an Haselnüssen, getrockneten Äpfeln und Birnen mit grob zerriebenen Roggenkörnern zu einem Fladen geformt und gebacken. So war es auch diesmal. Kerzen gab es nicht mehr. Das Solarpaneel seines Onkels funktionierte noch, nur waren die Beleuchtungsmittel, sogar die wenigen LEDs kaputt. Was übrig blieb, war der ständig rußende und rauchende Kienspan.

Mit viel Mühe hatte Bert eine offene Feuerstelle mit einem funktionierenden Rauchabzug in einem Zimmer im Erdgeschoss eingerichtet. Dort traf man sich jetzt in den letzten Tagen vor dem Weihnachtsfest bei einem Glas des Apfelweins, der so langsam seine Alkoholprozente steigerte.

Bert war 65 Jahre und manchmal stiegen Erinnerungen in ihm hoch, die eigenartige Bilder produzierten. Er sah sich wieder am Computer sitzen und durch Wälder, Schluchten und verlassene alte Tempel streifen, auf der Jagd nach dem Fleisch von seltsamen Tieren und ständig auf der Hut vor Trollen oder Skeletten mit Schwertern, die aus Höhlen plötzlich hervorkamen und sich ohne Vorwarnung auf ihn stürzten. Er machte sich nicht viel aus den Krimis, die seine Frau fast jeden Abend im Fernsehen sah, da ging er lieber als einsamer Jäger los und erfüllte die Aufträge der Magier oder des Königs in seiner fantastischen Cyberwelt. Das Spielen am Computer war ein Ausgleich für ihn gewesen. Aus Faulheit, wie er es selbst immer nannte, hatte er den Beruf eines Schreiners erlernt, war wegen der geringen Bezahlung aber ausgestiegen und versuchte sich seitdem mit Reparaturen und Unterstützungen für Frauen, die Probleme mit dem Computer hatten, über Wasser zu halten. Die Frau und Mutter war Bert und Kevin und ihrem gemeinsamen Computerwahn davongelaufen, als Kevin gerade mal 13 Jahre war.

Welche Ironie des Schicksals, dachte Bert, wenn man dies alles in der bitteren Realität noch erleben muss, was doch als Spiel so faszinierend war. War es vielleicht das, dieses ewige den einsamen Jäger spielen der Männer, das diese Katastrophe über die Menschen gebracht hatte?

Nein, meinte dazu Tomas in einem ihrer Abendgespräche, wenn es mal nicht um die alltäglichen Probleme des Essens ging, es war dieses trügerische < Immer weiter so wie bisher>, das es in Wirklichkeit nie geben kann. Irgendwann siegt die Trägheit und dringend notwendige Veränderungen werden ausgeblendet. Man will das Bestehende nur noch ein wenig verbessern, damit es noch angenehmer wird.

Ja, ist das so falsch, warf Kevin ein, mein Traum von der Zukunft sah ganz anders aus. Roboter, mit denen man spielen, die man vielleicht auch lieben konnte, virtuelle Realitäten, die den ultimativ emotionalen Kick bringen würden. Medizinische und technische Lösungen für alle körperlichen oder geistigen Unzulänglichkeiten und Gebrechen. Ein Leben, das wenigstens 150 Jahre dauert. In einem angenehm guten Klima leben mit Baden im Meer, Klettern in den Bergen und Fischen in den Flüssen. Daneben noch Unterhaltung, Spaß und anspruchsvolle Kunst vielleicht, wer will. Eine ethisch saubere Sklavenhaltergesellschaft, die unsauberen Dinge erledigen die Roboter, das wäre mein Traum gewesen.

Kevin hatte eine Zeit lang in einer Softwarefirma als Programmierer gearbeitet, allerdings nur immer irgendwelche Datenbanken reorganisiert oder neu angelegt.

Tomas grinste ihn an: Wenigsten kannst du jetzt fischen gehen, soviel du willst.

Was soll da nicht gehen?, nahm Bert das Thema wieder auf. Wir haben diesen Traum verspielt, so einfach ist das. Wir haben nur geträumt und nichts wirklich dafür getan. Wir haben immer bessere Panzer entwickelt, Jagdflugzeuge, Raketen, Sprengköpfe und dazu immer bessere Computer, die noch genauer und vernichtender die Waffen lenken konnten. Und wie du gesehen hast, war nichts umsonst entwickelt. Alles kam zum Einsatz stellte Bert resignierend fest.

Wäre ich nicht so ein Feigling, dachte er hinzu, so hätte ich mir schon lange die Kugel gegeben.

Würde ich an einen Gott glauben, dann wären wir Männer dafür bestraft worden. Dann wüsste ich wenigstens, wieso das nukleare Finale uns Männern das Ende brachte. Aber waren die Frauen denn nicht auch an der ganzen Misere wenigsten etwas mit Schuld? Tomas schaute Bert fragend an.

Ja sicher waren sie das, sie mussten ja auch darunter leiden.

Wo war der kritische Punkt, Kevin verfolgte immer noch seinen Traum des Robotersklavenhalters, wo war die entscheidende Weiche, die uns in eine andere Zukunft gelenkt hätte?

Ratlosigkeit. Keiner der Drei hatte noch die Kraft, über diesen Punkt nachzudenken.

Die nächsten Tage verfolgte Kevin wieder seine Idee, eine Frau zu rauben und in der Wildnis unterzutauchen. Er wandte sich an Tomas, der Anfang 50 war, und hoffte bei ihm Verständnis zu finden. Bert lief die Fallen ab und war nicht im Haus.

Kannst du mir helfen, zu einer Frau zu kommen? Tomas verdrehte die Augen nach oben. Er hatte dieses Thema schon lange abgelegt.

Ich meine es ernst!

Wie musste Kevin verzweifelt sein, dachte Tomas, dass er mit einem Arm das versuchen wollte, was er im Vollbesitz seiner Kräfte nicht schaffen würde.

Wozu brauchst du mich, als Onkel oder Taufpaten oder?

Ich werde hier noch wahnsinnig, wenn ich wie ihr nur noch auf den Tod warten soll. Das ist so sinnlos.

Mag sein, dass es sinnlos ist. Was du vorhast, ist aber unmöglich. Wenn du schon nach etwas Sinnvollem suchst, dann nicht nach einer Frau. Kapier es doch: Die Frauen brauchen keine Männer mehr, die sehen uns als so etwas an wie eine Mischung aus Tier und Mensch. Menschsein heißt jetzt Frausein. Er vermied es, auf den fehlenden Arm zu deuten und zu sagen. Du bist ein Krüppel, kapier das!

Was haben die Männer nicht alles gemacht, um von diesem Makel des Tierischen loszukommen, erinnerte sich Tomas, und alles war umsonst. Sie haben sich in die Kinderbetreuung geschickt, haben es akzeptiert, dass Frau nicht dauernd Sex will, haben das gemeinsame Einkaufen in Modebudiken mit stoischer Ruhe über sich ergehen lassen. Selbst an ermüdend lange Sexvorspiele haben sie sich widerwillig gewöhnt.

Kevin schien nichts zu hören. Es muss doch noch andere Männer geben, die so eine Idee haben. Vielleicht finde ich die und die haben ein Dorf gegründet oder schon mehrere.

Pass auf, versuchte Tomas das Spiel mitzuspielen, ich helfe dir. Aber nicht jetzt. Wir warten, bis es Frühling wird. Nach einer kleinen Pause fügte er noch hinzu: Wir brauchen alte Landkarten, dann suchen wir die Gegend systematisch in Richtung Norden ab.

Damit konnte er Kevin beruhigen.

Bert kam von den Fallen mit einem Fuchs zurück, dem sie schon länger nachstellten. Wenn Fuchsfleisch auch keiner mochte, ihnen blieb keine andere Wahl mehr. Noch beim Ausziehen der einzigen, noch einigermaßen benutzbaren Stiefel begann er zu berichten: Als ich am kleinen Auerberg war, bin ich die letzten paar Meter bis zur Kuppe hochgestiegen, weil ich ein Motorengeräusch hörte.

Kevin und Tomas schauten erschrocken auf.

Ja, es war ein Motorengeräusch. Im Süden konnte ich nahe am Horizont zwei Hubschrauber sehen, die in östliche Richtung flogen.

Und weiter?, wollte Tomas wissen.

Nichts weiter, es sah nicht so aus, als ob sie etwas suchten. Außerdem waren es zwei.

Kevin dachte sofort an ihre Verfolgung. Es war ihnen ein Rätsel, wie sie vor nunmehr einem halben Jahr gefunden wurden. Plötzlich waren bewaffnete Reiterinnen aufgetaucht als Kevin Holz hackte und Bert einen Hasen ausweidete. Sie hatten sich in einer alten Wassermühle wohnlich eingerichtet. Der Vorbesitzer hatte sogar eine kleine Turbine installiert, die für die ersten Jahre ein den Umständen entsprechend komfortables Leben ermöglichte. Selbst in strengen Wintern konnten sie mit täglichem Enteisen des Zulaufs noch Strom gewinnen, der zum Heizen ausreichte. Später dann nahmen allerdings die Reparaturen überhand und es fehlte ihnen eine Drehmaschine, um Ersatzteile herstellen zu können. So waren auch sie immer stärker vom Holz abhängig geworden.

Die drei Polizistinnen, so stellten sie sich vor, baten um eine Unterredung und Bert führte sie ins Haus. Eine der zwei, mit leichten Maschinenpistolen bewaffneten Frauen, inspizierte die an der Wand hängenden Jagdbögen und Pfeile. Die dritte trug ein Scharfschützengewehr. Kevin setzte einen Brombeertee an.

Höflich erkundigten sie sich nach den Umständen des Lebens in der Wildnis und ob sie die Einzigen seien, die hier lebten. Bert gab bereitwillig Auskunft, ihm war nicht bekannt, dass in der Umgebung noch irgendjemand wohnte. Auf ihren Jagdstreifzügen trafen die beiden niemand mehr.

Nach diesem höflichen Geplauder wurde es bald ernster. Die Patrouillenführerin erklärte ihnen, dass es nach den neuen Gesetzen nicht mehr erlaubt ist, ein Leben zu führen, das keiner Gemeinschaft angeschlossen ist. Die neuen regionalen Gemeinschaften, sie vermied es, Staaten zu sagen, seien jetzt in einer Weltgemeinschaft zusammengeschlossen und hätten die entsprechenden Gesetze erlassen. Jeder Mensch habe wieder genau definierte Rechte und Pflichten. Alle die, welche noch nicht einer Gemeinschaft angehrten, hätten die Pflicht, sich registrieren zu lassen. Das sei auch mit dem Recht verbunden, dass sie innerhalb einer solchen Gemeinschaft leben und arbeiten könnten. Natürlich sorgt sich die Gesellschaft auch im Krankheitsfalle um ihre Mitglieder.

Wie sieht das konkret aus?, wollte Bert wissen, bekommen wir jetzt einen Ausweis und müssen Steuern zahlen?

Nein, war die kategorische Antwort, es gibt nur einen Chip, der unter die Haut gebracht wird und der Wohnsitz muss in einer genehmigten Siedlung sein.

Und wer finanziert den Staat?

Es gibt keinen Staat, was die Menschen haben wollen, müssen sie selbst tun und das tun sie in Gemeinschaften. Jeder arbeitet nach seinen Fähigkeiten und bekommt nach seinen Bedürfnissen.

Und wer legt fest, was diese Bedürfnisse sind?, wollte Kevin wissen, es klang ihm irgendwie zu sozialutopisch. Das konnte doch nicht lange funktionieren. Was war denn die Garantie dafür, dass die Bedürfnisse nicht die Oberhand gewannen?

Das erfahrt ihr dann genau, wenn wir euch nach Selena gebracht haben. Dahin reiten wir jetzt, es ist ein weiter Weg und wir müssen noch vor der Dunkelheit am Sammelpunkt sein.

Wie habt ihr uns denn gefunden?, wollte Kevin noch wissen, erhielt aber keine Antwort mehr.

Beide erhielten noch auf ihre Bitte hin die Erlaubnis, ein paar persönliche Dinge aus dem Obergeschoss zu holen. Eine der Frauen ging mit.

Bert und Kevin hatten noch einen Fluchtplan aus der Zeit, als noch Banden von halbwüchsigen jungen Männern durch die Gegend streiften.

Mit aller Kraft versuchte Kevin, seine Faust in ihrer Magengrube zu landen. Sie konterte rechtzeitig aber Bert gelang es, sie über den Tisch zu stoßen. Sie verschwanden aus dem Raum durch eine Tür hinter dem Vorhang, hasteten über einen dunklen Bodenraum zu einer Luke. Von dort sprangen sie auf das Dach des Holzschuppens und von da auf eine Wiese. Schräg zum Haus und jeder in eine andere Richtung, versuchten sie das Unterholz des an dieser Seite des Hauses besonders nahe liegenden Waldes zu erreichen.

Sie hörten hinter sich noch Schreie und das Hämmern einer Maschinenpistole. Gerade als Kevin die ersten Zweige des Unterholzes ins Gesicht bekam, spürte er einen stechenden Schmerz im rechten Unterarm und hörte einen einzelnen Schuss. Er war weiter gerannt, ohne sich umzusehen. Der Fluchtweg berücksichtigte auch, dass sie mit Pferden und Hunden verfolgt werden konnten. So lief er streckenweise einen Bach entlang, bog im Wasser in ein kleines Rinnsal ein und hastete dann wieder einen sandigen Hang hinauf.

Drei Stunden später traf er sich mit seinem Vater am Ufer eines alten Wasserloches, das sehr weit vor ihrer Zeit ein Steinbruch gewesen war und sehr versteckt lag.

Jetzt erst sah Kevin seinen Arm genauer an. Der Schuss hatte kurz unterhalb des Ellbogens die Knochen des Unterarms zersplittert. Während der Flucht hatte er versucht, das Bluten zu stoppen. Mit den Zähnen und der noch brauchbaren Hand hatte er einen Ärmel des T-Shirts zum Abbinden verwendet.

Bert mühte sich, einen Verband anzulegen, was ihm so leidlich gelang.

Gegen Abend konnte sie noch den Feuerschein ihres brennenden Hauses von der Ferne sehen.

Drei Tage lang schlugen sie sich nach Norden durch. Das wenige Harz der Bäume, essbare Blätter und, wenn sie Glück hatten, ein paar Würmer, die sie unter maroder Baumrinde fanden, musste ihnen als Nahrung dienen. Sie wussten, dass dort weiter nördlich eine Gegend kommen musste, die sich schon zu normalen Zeiten langsam entvölkerte. Fehlende Arbeitsplätze hatten nur noch alte Leute zurückgelassen, die natürlicherweise mit der Zeit immer weniger wurden.

Dann entdeckten sie eine feine Rauchfahne und beschlossen unter allen Umständen, auch wenn sie wieder in die Hände einer Polizeipatrouille geraten sollten, diesen Punkt anzusteuern. Der Arm schmerzte und verfärbte sich bereits. Es war ihre letzte Hoffnung. Die drei Wüstungen, die sie auf ihrem Weg fanden, waren alle sehr gründlich zerstört und es hätte zu lange gedauert, in den Ruinen noch einen Keller zu finden, der Nahrungsmittel hatte.

So fanden sie Tomas.

Die nächsten Tage spielten die Hubschrauber und die Spekulationen darüber, was sie denn hier in dieser verlassenen Gegend gemacht hatten, eine wichtige Rolle. Sie hatten jahrelang kein Flugzeug gehrt oder gesehen. Es gab keine Kondensstreifen mehr am Himmel. Kevin war der Meinung, dass sie wieder angefangen haben zu suchen, nach solchen Männern, wie sie es waren, die vielleicht schon Dörfer gegründet hatten, mit Kindern. Und vor seinem inneren Auge sah er kleine Jungen über eine Wiese einem Ball hinterher rennen.

Zum Feuer versuchten sie, ganz trockenes Holz zu nehmen, das wenig Rauch abgab.

Tomas, der sich noch ein wenig mit Elektronik auskannte, suchte überall im Haus nach Draht und elektronischen Resten in alten Geräten, die in der Scheune auf einem Haufen lagen und von ihm im Laufe der Zeit zusammengetragen wurden. Es waren alles digitale Schaltungen, die entweder funktionierten oder weggeworfen werden konnten. Eine Reparatur gab es schon Jahrzehnte vorher nicht mehr.

Drei Tage versuchte er, mit einem verbliebenen Solarpaneel drei kaputten Radios und einem Wecker mit Radio etwas Leben einzuhauchen. Mehr als ein Rauschen hörte er nicht und er wusste nicht, ob es nur die Lautsprecher waren oder ob er überhaupt keine Frequenzen empfangen konnte.

Kurz vor Weihnachten hatte der Schnee bereits eine Höhe von fast einem halben Meter erreicht, und wenn es nicht mehr viel schneien würde, bliebe die Höhe bis Ende Mrz erhalten. Tauwetter, das es vor Jahrzehnten in dieser Gegend immer zu Weihnachten gegeben hatte und das die Weihnachtsstimmung, auf die jede Werbung setzte, trübte, gab es nicht mehr. Der Golfstrom war schon vor dem schnellen Meerwasseranstieg versiegt und hatte in den noch weiter nödrlich liegenden Gebieten zu einer Klimaflucht geführt.

Die Stimmung der Drei wurde immer depressiver und es gab noch öfter Streit. Sobald Bert nicht in der Nähe war, fing Kevin wieder mit seinem Plan an, eine Familie zu gründen. Er hatte wohl mal eine Freundin gehabt und erinnerte sich noch daran. Eine Lebensgemeinschaft konnte er aber damals nicht eingehen, da er nach seinem Berufsabschluss keine Arbeit und keinen Verdienst fand und notgedrungen zu seinem Vater ziehen musste.

Tomas ging das auf die Nerven, bis er Kevin Schläge androhte, wenn er nicht bis zum Frühjahr damit warten konnte.

Dann wieder dachte Tomas: Es ist ja nur noch Kevin, der einen Sinn findet in dieser elenden Existenz. Bert lebt vielleicht noch wegen seines Sohnes. Und ich, fragte er sich, habe ich Angst vor dem Sterben? Ist das nicht zu wenig, um weiter zu leben?

Er ging in den Tiefkeller und inspizierte die verbliebenen Reste an Vorräten. In einer Holzkiste lagen noch ein paar Flaschen Rotwein, die eine Lagerfähigkeit von mindestens zehn Jahren hatten.

Die sind trotzdem noch trinkbar, dachte Tomas, was zehn Jahre hält, hält auch noch mal zehn Jahre.

Thunfisch in Blechdosen mit längst abgelaufener garantierter Haltbarkeit. Zwei Gläser mit sauren Gurken, die irgendwie immer wieder vergessen wurden, mit nach oben zu bringen.

Dann war da noch die zugemauerte und verputzte Wandnische, von der Bert und Kevin nichts wussten. Er hatte sie angelegt, als noch die Gefahr von Plünderungen bestand. Ein paar Gold- und Silbermünzen enthielt sie hinter der dünnen Ziegel- und Mörtelschicht, ein gut mit Wachs imprägniertes und in Öllappen eingewickeltes Schweizermesser, ein größeres Brennglas zum Feuermachen, Angelhaken, selbst hergestellte Pfeilspitzen aus Edelstahl und in einer kleinen silbernen Pillendose waren 20 Gramm Natrium-Pentobarbital, das letzte sanfte Schlafmittel, das ihn in einer ausweglosen Situation möglichst ohne große Schmerzen töten würde.

Der Vorraum zu seinem Bunker, wie er den Tiefkeller auch noch nannte, war voll mit Gebrauchsgegenständen, die er nicht mehr gebrauchen konnte, weil sie entweder kaputt und nicht mehr repariert werden konnten oder weil einfach, wie bei dem Campinggaskocher, das Gas fehlte. Nur zum Wegwerfen des Gerümpels konnte er sich noch nicht entscheiden.

Das, was früher einmal die Weihnachtszeit gewesen war, rückte immer näher. Alle drei hatten beschlossen, sich Mühe zu geben, dass sie diese Zeit ohne großen Stress verbringen wollten. Tomas hatte sich innerlich von seinen letzten Flaschen Rotwein bereits verabschiedet, er würde sie spätestens zum Jahreswechsel opfern. Irgendwie mussten sie im kommenden Jahr mit etwas Neuem beginnen und wenn es die Suche nach anderen versprengten Männern war. Selbst Bert war jetzt der Meinung, dass sie etwas unternehmen mussten, er würde Kevin helfen, eine Frau zu finden, zu rauben und mit ihnen in die Wildnis gehen.

Tomas glaubte, dass sie mehr Erfolg haben würden, wenn sie weiter nördlich oder östlich nach anderen Männern suchen würden, als aus dem Süden eine Frau zu rauben.

Schließlich kamen sie auf die Idee, Weihnachten und Silvester zusammenzulegen und zur Sonnenwende zu feiern. Was sollten auch die alten Feste und der alte Kalender, für einen Neuanfang mussten auch neue Feste und ein neuer Kalender her. Da sie sowieso nur noch von der Natur abhängig waren, sollten die Himmelslichter ihnen die Zeit anzeigen.

Im Haus suchten sie nach alten Kleidungsstücken, versuchten sie zu reparieren. Aus Resten nähten sie Rucksäcke. Aus gut trockenem Eschenholz sägten, schnitzten und schmirgelten sie drei neue Jagdbögen. Tomas kümmerte sich um die Herstellung neuer Bolzen für die beiden Armbrüste und fertigte zusammen mit Bert Pfeile mit eisernen Spitzen für die Bögen.

Die Reparatur alter Schuhe wurde in Angriff genommen und Listen mit noch zu fertigenden Ausrüstungsgegenständen wurden geschrieben.

Alle waren so mit den verschiedenen Arbeiten beschäftigt, dass sie fast ihre neue Sonnenwendfeier vergessen hätten.

So, heute ist Schluss mit der Arbeit, verkündete Tomas am 21. Dezember gegen Mittag, heute um Mitternacht feiern wir den Beginn eines neuen Jahres.

Er teilte die anderen ein: Bert, du sorgst dich um den Raum, lass dir was einfallen. Ich will aber keine Weihnachtskugeln und anderen Kitsch irgendwo sehen. Kevin, wir beide werden uns um Essen und Trinken kümmern, das wird wohl die Hauptsache werden.

Bert brummte vor sich hin, verschwand dann aber im nahen Wald um Reisig zu holen.

Kevin versuchte sich im Herstellen von Fladenbrot, dass er mit Restbeständen aus getrockneten Äpfeln und Sonnenblumenkernen anreicherte. Er war nicht davon überzeugt, dass es besser schmecken würde als das fade Zeug, das sie davor schon immer essen mussten.

Tomas überlegte, ob sie den Wein vielleicht strecken sollten, doch dazu war er wohl zu schade. Er machte eine Flasche auf und erwartete Essig zu trinken aber es war immer noch guter Bordeaux. Dann machte er sich an den Festtagsbraten, der aus Rehfleisch bestand, das sie noch ausreichend in ihrer jetzt immer frostigen Vorratskammer hatten. Zusammen mit schlierigem, selbst gepressten Öl und ein paar getrockneten Kräutern kam es in einen Topf auf den einfachen Steinherd in der Küche. Salz war ein großes Problem ihrer Küche, es fehlte Tomas schon ein paar Jahre. Sein Onkel hatte nie an eine so lange Zeit des Überlebens gedacht und viel zu wenig in seinem Vorrat gehalten.

Der Abend rückte heran und Bert legte viel Holz in den Kamin, an diesem Abend wollten sie nicht frieren.

Aus dem Wald hatte er frisches, grünes Fichtenreisig geholt, zu viel für die Ausschmückung ihres Kaminraums, so schlug er vor, den Rest draußen zu verbrennen, um auch ein äußeres Symbol zu schaffen für ihren Neubeginn. Tomas und Kevin waren einverstanden.

Die sternklare und eisigkalte Nacht kam, im Südosten stieg das Sternbild des Orion über den Horizont, der Mond ging im Westen unter. In dem alten Bauernhaus saßen Tomas, Kevin und Bert am Feuer, tranken tiefroten Bordeaux und aßen Rehbraten zum krümeligen Fladenbrot.

Sie sprachen davon, was ihnen das Neue Jahr bringen würde an Abenteuern, an neuen Herausforderungen. Und irgendwie wirkten sie glücklich, vielleicht war es auch nur der Wein, der eine so dringend notwendige Entspannung brachte, dass sie sogar anfingen, alte Lieder zu singen. So gegen Mitternacht, den genauen Zeitpunkt kannten sie schon nicht mehr, brannten sie den Reisighaufen draußen an und rochen den Duft des frischen Fichtenrauches. Die Kälte trieb sie aber bald wieder rein. Drinnen wurde frisches Holz aufgelegt, der Wein und das Feuer im Kamin ließen jeden von ihnen heitere Geschichten aus seiner Vergangenheit erzählen.

Kevin glaubte mal ganz flüchtig, ein Geräusch gehrt zu haben. Er fragte die anderen, ob sie auch was gehört hatten.

Du hörst vielleicht die Muse, die mitfeiern wollen, beruhigte ihn Tomas, hier, trinken wir noch ein letztes Glas für heute.

Kevin vergaß es, vielleicht wollte er dieses ferne Motorengeräusch gar nicht hören, nicht in so einem Moment.

Drei Tage später wäre dieses Motorengeräusch wieder nach Mitternacht zu hören gewesen, nur diesmal schliefen alle schon ihren Tiefschlaf.

Einen Morgen danach gab es für die Drei nicht.

Ein Helikopter landete am nächsten Tag auf einer Lichtung in der Nähe. Drei bewaffnete Polizistinnen untersuchten die rauchenden Trümmer des Hauses nebst der Umgebung und verschwanden dann so schnell wieder, wie sie gekommen waren.

Tausend Jahre sind nach der verheerenden Apokalypse der Menschheit vergangen, als die Haupthandlung beginnt. Die Gesellschaft ist stabil, nahezu frei von Gewalttätigkeit und Aggression, sie kommt nun ohne den Beitrag des männlichen Geschlechtes zur Reproduktion aus.

Auf einer Inselgruppe im Atlantik, abgeschirmt von der übrigen Zivilisation wird an einer Wildcard der Evolution, an einer höchst unwahrscheinlichen Wendung in der Entwicklung der Menschen, die nur noch als weibliche Variante existieren, gearbeitet.

Ist diese Forschung auch willkommen oder gefährdet sie die Stabilität der gesamten Menschheit?

Nanina, die in einem einsamen Blockhaus mit zwei anderen Kindern isoliert aufwächst, könnte es erfahren. Sie gehört zu einem Genpool, der aufgelöst und vernichtet werden soll. Doch es gibt mehrere Interessenten für die aus den genetischen Experimenten entstandenen männlichen Kinder.

zurück