Titel

Mozarts Zeitreisen

Leseprobe

Urheber
Rita Hausen

Verlag
Epla
Bindung
Paperback
Seitenzahl
70
Sprache
Deutsch
Format
12 x 19 cm
ISBN
978-3-9255-8072-7
Preis
€ 6,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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In heiteren Episoden wird erzählt, was passieren würde, wenn Mozart sich auf eine Reise in unsere Gegenwart begeben würde. Wie würde er auf Rolltreppen im Kaufhaus, auf CDs mit seiner Musik oder gar auf Flugzeuge reagieren?

Leseprobe

Geburtstag

Ich bin auf dem Weg zu einer Veranstaltung in Heidelberg. Ich halte kurz an der Tankstelle, da meine Tanknadel sich mal wieder

im roten Bereich befindet. Ich gehe zur Kasse, um zu zahlen, leider ist es ziemlich voll und ich muss mich in der Schlange anstellen.

Als ich mich wieder ins Auto setze, erschrecke ich heftig, denn jemand sitzt auf dem Beifahrersitz. Ihr erratet nie, wer. „Also kannst

du auch durch verschlossene Türen?“ „Nein, war offen.“ Er lacht, fummelt an meinen Autoradio rum und fragt: „Weißt du, was für ein

Tag heute ist?“ „Klar doch, ich dachte allerdings, dass du an deinem 250. Geburtstag was Besseres zu tun hättest, als in meinem Auto

Radio zu hören. Herzlichen Glückwunsch, dass du so alt geworden bist, das schaffen nicht viele.“ Er sieht allerdings bezaubernd jung aus.

„Danke, da kam eben schon ein Geburtstagsständchen für mich. Ihr seid wirklich aufmerksam.

“ Ich bin völlig aus dem Häuschen, dass er mich ausgerechnet heute besucht, ich bin nämlich auf dem Weg zu einer Veranstaltung, die

anlässlich seines Geburtstages stattfindet.

„Heute wieder inkognito?“ „Ach nein, heute nicht, sollen mich ruhig alle erkennen. Vielleicht bekomme ich noch mehr Ständchen.“

„Mit Sicherheit – in allen Städten gibt es Veranstaltungen und Konzerte dir zu Ehren. Und nicht nur heute. Wir feiern das ganze

Jahr deinen Geburtstag.

“ Ich sorge dafür, dass Mozart sich anschnallt und fahre auf die Autobahn. Mozart hält sich ängstlich vorne an der Ablage fest.

„Ich dachte, du hast es gern geschwind. Das hört man doch in deiner Musik.“

„Ja, gib nur Gas“, sagt er, sieht aber etwas bleich aus. Ich wundere mich, woher er den Ausdruck „Gas geben“ kennt.

Ich fahre etwas langsamer, ich will ja nicht, dass ihm schlecht wird.

„In welches Konzert willst du? Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe ... Also bis Salzburg fahre ich nicht. Es kommen auch

Sendungen im Fernsehen.“ „Das überlasse ich dir. Da kennst du dich besser aus.

Außerdem hast du doch schon eine bestimmte Richtung eingeschlagen“ Und nach einer kurzen Pause: „Was meinst du mit

Sendungen? Was ist Fernsehen?“ „Das ist ähnlich wie ein Konzert oder Theater, nur dass man das zu Hause mit Hilfe eines

kleinen Kastens, der verdrahtet und verkabelt ist, sehen und hören kann.“

„Aha, wieder ein Kasten. Funktioniert das wie ein Plattenspieler?“

(Den Plattenspieler kennt er von einem seiner früheren Besuche.)

„Nein, das ist eine ganz andere Technik, ist schwierig zu erklären, hierbei werden auch Bilder übermittelt.“ Inzwischen hat er sich ein

wenig an das Tempo auf der Autobahn gewöhnt, wühlt im Handschuhfach rum und findet einige CDs.

„Was sind das für Scheiben? Da steht was von Klavierkonzert, KV 413. Ach, von mir.

Du magst meine Musik immer noch?“ „Aber sicher! Ich bin vernarrt

in den Anfang des 2. Satzes.“ Ich schiebe die CD in den Player.

„Die Scheiben sind kleiner geworden. Keine Schallplatten mehr?“

„Ich habe noch welche. Sogar aus der Bonner Zeit. Du erinnerst dich? Aber diese CDs sind viel praktischer, wie du siehst kann man

sie sogar beim Autofahren kören, sie sind auch besser im Klang. Kein Knistern mehr, keine Nadel zum Abtasten, sondern Laser.“

„O, schon wieder eine eurer Erfindungen, da kommt man ja nicht mehr mit. Dabei habe ich etliche Kurse absolviert unter dem Titel:

'Tipps für eine Reise ins 21. Jahrhundert'. Ich wollte es nicht glauben, als mir dort gesagt wurde, dass ihr mit 160 Kilometer in

der Stunde durch die Gegend reist.“ Ich schaue ihn mitfühlend an: „Ich bin jetzt aber nur 120 km gefahren, extra aus Rücksicht auf

dich.“ „Sehr freundlich von dir.“ Ich bin erleichtert, dass er nicht wissen will, was Laser ist und fahre die Abfahrt nach Heidelberg

raus und kämpfe mich durch den Stadtverkehr. Als wir an einer roten Ampel stehen, mustere ich Mozart eingehend.

„So wird dich aber niemand als das Geburtstagskind erkennen.“

Er ist allzu zeitgemäß gekleidet, er steckt in einem dunklen Anzug mit Krawatte.

Im Heidelberger Stadttheater ist ein Geschiebe und Gedränge, es finden verschiedene Veranstaltungen zeitgleich statt und viele

Schauspieler laufen im „Mozartlook“ durch die Gegend.

„Donnerwetter“, entfährt es Mozart, „da wäre ich ja in meiner Kluft nicht aufgefallen – nicht so wie damals in Bonn.“

Ich wundere mich erneut über seine Ausdrucksweise.

„Schleich dich doch in eine Garderobe und kleide dich standesgemäß!“

Wenig später kommt Mozart als Mozart verkleidet aus der Garderobe.

Er freut sich sehr über all die Würdigungen seines Werkes und die verschiedenen Musikdarbietungen,

aber so wie die Dinge liegen, erkennt ihn natürlich niemand. Ich treffe eine Bekannte, von der ich weiß, dass

sie Mozart sehr verehrt. „Die wird sich freuen“, denke ich und sage zu ihr: „Darf ich dir Mozart vorstellen?“

Mozart macht die Andeutung einer Reverenz.

Sie lacht und sagt: „Sehr originell. Gute Idee, sich heute so anzuziehen. Kommt ihr mit zu dem Vortrag über

den Mozart-Effekt?“

Wir lauschen den Ausführungen des Redners über die Wirkungen von Mozarts Musik auf Ungeborene, hören von

Experimenten, in denen Gedächtnis und räumliches Sehen durch Mozart verbessert wurden, schließlich redet er davon,

dass sogar Ratten und Milchkühe davon profitieren und Weintrauben besser wachsen.

Mozart sieht mich mit großen Augen an, ich muss lachen und verlasse den Saal. Mozart folgt mir und fragt: „Und das ist

ernst gemeint? Kein Spaß? Ihr wollt mich verulken. Dieser allgemeine Beifall zu meiner Musik und Person wollte mir doch

gleich etwas übertrieben und merkwürdig erscheinen.“

„Nein, nein – ich finde es zwar komisch, aber die meinen das ernst. Sie haben auch deine Zähne aufgebohrt, also die von deinem

vermeintlichen Schädel...

“ Mozart verzieht das Gesicht als hätte er Zahnschmerzen.

„Wozu? Ihr habt doch meine Musik. In meinem Totenschädel ist nichts mehr zu finden. Alles, was früher da drin war,

habe ich zu Papier gebracht und euch hinterlassen.“

„Ja, man hat ausgerechnet, dass du sehr fleißig gewesen sein musst, im Schnitt sollst du ca. 2000 Noten pro Tag geschrieben haben.“

„Also, was ihr so alles über mich wisst! Ich habe das nie ausgerechnet.“

 „Vielleicht ist es ein Glück, dass man deine Knochen nicht mehr gefunden hat, wer weiß, was alles damit angestellt würde.

So wird nun jede Falte deiner Seele seziert. So ist das eben, wenn man so berühmt ist. Es gibt Tausende von Büchern –

und nicht nur über deine Musik wird geschrieben. Alle meinen, etwas über deinen Charakter sagen zu können, jeder

meint, er könne sich ein Urteil über dich erlauben. Aber das meiste zeugt von großer Verehrung. Und auch hinter all den etwas

merkwürdigen Theorien steht echtes Interesse. Immerhin ist etwas dran, dass deine Musik große Wirkung auf die Seele hat. Und

heißt es nicht in der Zauberflöte: „Wie stark ist nicht kein Zauberton, weil holde Flöte, durch dein Spielen selbst wilde Tiere

Freude fühlen.“ Du bist so rätselhaft. Das fordert heraus. Aber ich glaube nicht, dass man dein Geheimnis je verstehen wird, trotz der

vielen Vermutungen und Theorien.“ Auf Mozarts Gesicht liegt ein Lächeln, das diese Aussage mehr als bestätigt. Mona Lisa ist nichts dagegen.

„Und je mehr ich dich kennen lerne, um so rätselhafter wirst du mir.“ Wir gehen noch auf einen Wein in die Florinsgasse.

Mozart hat sich wieder umgezogen. Wie immer ist es brechend voll, wir quetschen uns noch zu einer Gesellschaft an einen Tisch.

 „Gibst du eigentlich keine Geburtstagsfeier da oben?“

„Nö, da feiern sie ununterbrochen Auferstehung, so schön das ist – ab und zu brauch ich mal etwas Abwechslung. Und ich hab gehört,

dass hier ordentlich was los sein soll.“

Als wäre das mein Stichwort, stehe ich auf, nehme mein Glas und rufe laut in das Stimmengewirr hinein:

„Lasst uns auf das heutige Geburtstagskind anstoßen.“

Allgemeines Gelächter. Aber die Leute machen mit, stehen ebenfalls auf, erheben das Glas und skandieren im Chor: „Auf das

Geburtstagskind. Auf die nächsten 250 Jahre!“

Mozart bleibt als einziger sitzen und wird daraufhin gefragt, ob er kein Mozartfan sei. Er antwortet verschmitzt: „In gewisser Weise

schon, aber übertreibt es mal nicht.“

Er gibt eine Lokalrunde. Danach ist die Stimmung total ausgelassen. Ich flüstere ihm besorgt zu, ob er überhaupt Geld dabei habe.

„Nö“, sagt er, „kannst du mir was borgen?“

Wundervoll, denke ich, was würden andere nicht alles tun, um eine solche Gelegenheit zu erhalten.

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