Titel

Keine Zeit für Drachen - Fanthasiola 1

Leseprobe

Urheber
Ursula Dittmer

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
340
Sprache
Deutsch
Format
Taschenbuch
ISBN
978-3-8391-3900-4
Preis
€ 18,80 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Der wabernde Bodennebel löste sich auf, es wurde unglaublich schnell hell und eine fahle Sonne schien von weit oben durch ein dichtes Blätterdach. Von oben! Mittag? Wie konnte das sein? Hatte ich nicht eben noch die Sonne über dem Nikolausberg untergehen sehen? Wo war ich? Das war nicht das Mainufer in Würzburg ... Ein geheimnisvolles Buch wird dem Würzburger Biologiestudenten Alexander Breskow in die Hände gespielt. Unvermittelt gerät er in eine fremde, mittelalterlich anmutende Welt Fasanthiola. Das erste Wesen, dem er dort begegnet, ist Herkon, ein junger Drache, mit dem er in Gedankensprache kommunizieren kann. Drachen und Menschen haben Xander - wie man ihn in Fasanthiola nennt - bereits erwartet. Er gilt als der Ok na Thun , der Geweissagte. Die Zeit fließt dahin, während Alexander versucht, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Er hat starke Gegenspieler, die ihn nicht nur beseitigen wollen, sondern, wie er, nach sieben Traumbüchern suchen, welche die

 Welten entweder vernichten oder retten können. Und zwischenzeitlich dreht jemand am Rad der Zeit ...Xander lernt, mit Hilfe der Musik eine eigene Magie zu entwickeln. Und er begegnet der faszinierenden Tsambilia, einem mental begabten Mädchen ...

Leseprobe

Fasanthiola 1 - Ausschnitte aus dem 1. Kapitel

 

… Schweißtropfen bahnten sich den Weg über meinen Rücken. Erst dachte ich, das käme von der Aufregung, doch allmählich wurde mir bewusst, wie warm es geworden war. Warm und feucht. Ich schwitzte, weil es warm war, eine völlig natürliche Körperreaktion.

 

Der wabernde Bodennebel löste sich auf, es wurde unglaublich schnell hell und eine fahle Sonne schien von weit oben durch ein dichtes Blätterdach. Von oben! Mittag? Wie konnte das sein? Hatte ich nicht die Sonne über dem Nikolausberg untergehen sehen und war danach in tiefster Nacht wieder zu mir gekommen? Ich taumelte, weil mir plötzlich schwindlig wurde.

 

Wo war ich? Das war nicht das Mainufer in Würzburg. Die Szene verschwamm vor meinen Augen. Mir wurde übel. Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus. Das tat gut, mein Blick wurde wieder klar. Trotzdem verstand ich nicht, was ich sah.

 

Entsetzt registrierte ich um mich herum riesige Bäume und, wie von einer Lautsprecheranlage gesteuert, setzten schlagartig Geräusche ein. Exotische Vögel waren da zu hören und etwas entfernt lautes Rauschen, wie von einem Wasserfall. Als dicht vor mir ein großer bunter Vogel kreischend auf einem der niedrigeren Äste landete, stolperte ich vor Schreck nach hinten und fiel über eine Baumwurzel in einen dichten riesigen Farn. Ich blieb fürs erste keuchend auf dem Rücken liegen und blickte durch wippende Farnwedel nach oben in ein dichtes Blätterwerk.

 

Ich lauschte in mich hinein. Ich schmorte in meinem Anorak, mein Herz holperte und ich spürte ein merkwürdiges Ziehen in Armen und Beinen, so als hätte ich eine Zeitlang krampfhaft die Muskeln angespannt gehabt. Ansonsten schien alles mit mir in Ordnung zu sein. Doch die Panik wich nur langsam von mir.

 

Es ist natürlich ein Traum, beschloss ich, um eine Erklärung bemüht. Ein Traum! Ein unglaublicher Traum, bunt und zumindest auf den ersten Blick wunderschön. Es stellte sich nur die Frage, wann zwischen den Bäumen die ersten Verfolger heran stürmen würden. Ich lachte schrill auf, als mir meine typischen Alpträume in den Sinn kamen, schloss die Augen und sog tief die Luft ein.

 

Es roch nicht nach ‚November-am-Main’: Feuchtes Laub, leichter Geruch nach Öl, Schlamm und Algen aus dem Fluss. Hier unten duftete es nach gesunder Erde, nach Pilzen und eine warme Brise fegte durch die Blätter und trug einen süßen Geruch heran ...

 

 

 

… Der Drache schwebte gemächlich über das Land. Ich taute allmählich wieder auf und hatte Muse, mich umzusehen. Viel gab es nicht zu sehen, denn die Wolken hingen tief zwischen den mächtigen Baumwipfeln. Also bewunderte ich die enorme Spannweite der Schwingen, die sich fast durchsichtig unter mir ausbreiteten. Sie reagierten sensibel auf die Thermik, sodass der Drache selten mit den Flügeln schlug. Anscheinend genügte schon das bisschen Wind, um uns zu tragen.

 

Ich vermied es, direkt nach unten zur Erde zu schauen, die in beträchtlicher Tiefe unter uns vorbei zog. Eingeklemmt zwischen die starken Rückenhöcker fühlte ich mich einigermaßen sicher, was jedoch nicht hieß, dass ich frei von Angst war. Ich war ständig darauf gefasst, dass der Drachen wieder in diese eisige graue Zwischenwelt eintauchen würde. Eine Zwischenwelt war sie wohl, wenn sie dazu diente, die Drachen schnell an andere Orte zu bringen. Eine Zwischenwelt, ein Nichts, ein graues Nichts, das die übrigen Welt zusammenpresste. Durch Druck entsteht Kälte ... Ich schüttelte mich.

 

Als ich mir gerade überlegte, ob mir vom Fliegen schlecht war, aus Hunger oder aus Furcht, zeichnete sich in der Ferne die Silhouette eines einzelnen, mächtigen Tafelberges ab von dem der Drache meinte, er sei unser Ziel. Wir glitten durch staubfeinen Regen darauf zu.

 

Allmählich konnte ich die Flugbewegungen des Drachen besser einschätzen und mein Magen beruhigte sich. Ich spürte die Anwesenheit des Drachen manchmal wie eine zarte Berührung in meinem Geist, so als versichere er sich, dass es mir gut ging.

 

Herkon, er heißt Herkon, kam es mir in den Sinn. Es schaut so aus, als könnte ich mich an ihn gewöhnen ...

 

 … Während ich durch die Finsternis hinter Rufath hertrabte, versuchte ich zum wiederholten Mal, den Sinn in dem zu erkennen, was mir hier wiederfuhr. Ich meine, so etwas liest man in Büchern - ich hatte selber schon eine Menge davon gelesen - aber so etwas passierte nicht wirklich. Es

 

keine Drachen, keine parallelen Welten und keine Bücher in denen nur stand, was man darin lesen wollte. Unwillkürlich drückte ich dieses Buch fester an mich. Ich würde bald Muskelkater bekommen vom ständigen Buch-an-den-Körper drücken. Wann würde ich einmal Ruhe haben um ausführlich darin zu lesen, statt mich immer nur seiner Gegenwart zu versichern?

 

Manchmal fiel durch senkrechte Schächte über unserem Weg etwas diffuses Licht herein, doch es gab wenig mehr zu sehen als Rufaths Schwanzspitze, die sie von einer Seite zur anderen schlug, die manchmal den Felsen berührte. Als der Weg allmählich steil anstieg, wurde es schwieriger, Rufaths Tempo mit zu halten. Wo sie einen Schritt machte, brauchte ich zehn. Schließlich hörte ich ganz auf, ihr hinterher zu rennen. Am Geräusch der Schuppen, die am Felsen schabten hörte ich, dass sie noch vor mir war.

 

Langsam wurde es heller. Ein Ausgang kam in Sicht und kurz darauf trat ich ins Freie. Vor mir breitete sich ein weiteres Felsplateau aus, um einiges größer als das, auf dem wir gelandet waren. Der Regen hatte aufgehört und stellenweise durchbrach die Sonne die Nebelschwaden in der feuchtwarmen Luft. Ein kräftiger Wind trieb den Rest der dunklen Regenwolken vor sich her. Wir befanden uns weit oben, doch hinter uns ragten weitere Felsen hoch, von daher waren wir immer noch nicht an der Spitze des Berges.

 

Direkt vor mir, am Rand zum Abgrund stand Rufath, aufgerichtet auf die Hinterläufe und sicher über zehn Meter hoch. Sie hatte ihre mächtigen Schwingen entfaltet und die unteren, ausgefransten Ränder flatterten leicht im Wind. Plötzlich brach die Sonne durch und im Gegenlicht schillerte die Membran ihrer perlweißen Flügel in allen Regenbogenfarben.

 

In der Höhle unten hatte ich die weiße Drachin für imposant gehalten und mich aufgrund ihrer Größe ein bisschen vor ihr gefürchtet. Hier oben im Sonnenschein war sie zudem atemberaubend schön. Wie bei Herkon umgab auch sie ein feiner farbiger Nebel. Dieses Phänomen und das irisierende Schillern der Schuppen in der Sonne hinterließen in mir einen unauslöschlichen Eindruck. Sie musste in dieser Welt eine Königin sein.

 

Ich spürte eine zarte Berührung in meinem Geist und dann durchströmte mich eine wilde Euphorie. Mochte die ganze Situation noch so verrückt erscheinen - das hier gab ihr einen ganz eigenen Sinn, unabhängig von meiner Welt, meiner bisherigen Vorstellung von dem, was wirklich und real war. Ab hier wollte ich unwiderruflich und mit ganzem Herzen zu dem gehören, was hier passierte. Allein der Anblick von Rufath in diesem Moment war es wert, hier zu sein. Was ließ ich zurück? Meine Einsamkeit, meinen Frust, kaltes Novemberwetter ... Würde ich mein bisheriges Leben, ja sogar meine Musik aufgeben und vergessen wollen? Ja, ich wollte.

 

Es war nie mein Traum gewesen, ein Held zu sein, doch wenn dieser Wahnsinn mir die Rolle eines Helden zugedacht hatte, dann war ich jetzt bereit. Ich fühlte mich in diesem erhabenen Moment zu allem fähig. Ich hoffte plötzlich, dieser Traum möge nie zu Ende gehen.

 

Eine Wolke schob sich vor die Sonne und Rufath ließ sich wieder auf ihre Vorderfüße fallen. Sie drehte langsam den Kopf, bis sie mich sehen konnte. Meine überschwänglichen Gefühle kamen ruckartig wieder in normale Bahnen. Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Was hatte Rufath mit mir gemacht?

 

Steig auf! Wieder gab es die Worte nur in meinem Kopf. Anscheinend sollte ich diesmal auf Rufath fliegen.

 

Doch Herkon hatte etwas anderes beschlossen. Ich spürte seine sehnsüchtige Aufforderung, ohne dass er zu mir sprach. Ich sah ihn an und grinste.

 

Wir fliegen nicht durchs Niefliem und ich schreie nicht, versicherte er mir treuherzig.

 

 Rufath akzeptierte Herkons Wunsch. Sie stieß sich ab und war einen Moment später mit nur einem einzigen Schlag ihrer Flügel meterhoch über dem Boden. Die Spannweite ihrer Flügel verdeckte kurz die Sonne. Sie schien den Aufwind vor dem Berg zu nutzen, denn obwohl sich ihre Flügel kaum bewegten, schraubte sie sich schnell höher.

 

Herkon ließ etwas in meinen Geist träufeln, was ich bei einem Menschen als dezentes Räuspern interpretiert hätte. Ich riss mich widerwillig von Rufaths faszinierendem Anblick los und ging beherzt auf den jungen Drachen zu. Er bemühte sich um langsame Bewegungen und streckte in Zeitlupe seine linke Vorderhand aus, um mir eine Aufstiegshilfe zu geben. Ich war nicht etwa beruhigt, bedankte mich aber für seine Aufmerksamkeit und kletterte auf seinen Rücken.

 

Der kleinere Drache breitete die Schwingen aus und sprang wie seine Mutter einfach in die Luft. Ein starker Aufwind erfasste uns mit ungeheurer Kraft und trieb uns, schneller als es meinem Magen lieb war, weiter nach oben. Wir glitten an den steilen Felswänden entlang hinauf, dem Spiel der Wolken entgegen.

 

Herkon hatte mich zwischen zwei seiner mächtigen Rückendornen eingeklemmt und ich fühlte mich schon wesentlich sicherer als beim ersten Mal. Vermutlich konnte ich mich jetzt darauf verlassen, dass Herkon keine unangekündigten Kapriolen in der Luft vollführen würde. Ich saß geborgen und weich gehalten, fast so bequem wie in einem Ohrensessel. Meine Magennerven entspannten sich. Wir flogen nun gleichmäßig knapp unter den Wolken dahin, die ihre feine Feuchtigkeit auf mein Haar und die Kleider verteilten.

 

Eine bleierne Müdigkeit senkte sich über mich und ich spürte plötzlich Hunger. Nun forderte die unablässige Anspannung der letzten Stunden ihren Tribut. Gegen den Hunger ließ sich im Augenblick nichts tun, gegen die Müdigkeit schon. Ich ließ mich tiefer zwischen die Rückendornen sinken und schloss die Augen. Wie fast immer, wenn ich mich entspannte, strömte Musik in meinen Geist und meine Hände zuckten über eine unsichtbare Tastatur …

 

 

 

… Der Gang begann anzusteigen. Am Ende führte eine Wendeltreppe nach oben. Ich folgte Vitali hinauf. Die Treppe endete in einem kreisrunden, lichtdurchfluteten Saal, nicht sehr groß, vielleicht ein Foyer, denn es gab einige geschlossene Türen. Halbblinde Spiegel an den Wänden, ein umlaufender Fries aus gemalten Blättern und ein – restaurierungsbedürftiges - Deckenfresko ließen erahnen, wie festlich der Raum einmal gewesen sein musste. Nun wirkte er verwahrlost.

 

Durch die großen Rundbogenfenster schien eine strahlende Mittagssonne herein und warf ihr helles Licht in breiten Streifen auf den Parkettboden. Wir befanden uns also auf der anderen Seite des Berges. Hier trübte nicht der Dampf aus den heißen Quelle die Sicht. Draußen breitete sich eine weite Hügellandschaft aus. Ich ging zu einem der Fenster. Blühende Obstbäume soweit das Auge reichte und in der Ferne ein Berg, gekrönt von einer Burg. Mein Herz machte einen Sprung, weil ich plötzlich wusste: Ich war angekommen. Das war der Berg, der im Hintergrund des Projektionsbildes in Rufaths Höhle zu sehen gewesen war.

 

Doch in die Freude über den unverhofften Ausblick mischte sich ein plötzliches Erschrecken: Wo war eigentlich mein Buch? Ich hatte es am Strand liegen lassen! Ich hoffte, den Weg zurück alleine zu finden, als ich ohne ein Wort der Erklärung auf die Treppe zustürzte. Von Vitali hörte ich einen erstaunten Ausruf - hatte ich ihn aus der Fassung bringen können? Ich verschwand im Treppengewölbe. Mit meinem Davonrennen hatte ich vielleicht instinktiv das Richtige getan, denn als ich die letzten Stufen erreicht hatte, bot sich mir im Gang ein erstaunliches Bild. Wo vorher nur das Gas gezischt hatte, war nun unterdrücktes Murmeln zu hören. Im zuvor leeren Gang wimmelte es von Menschen.

 

Es waren Männer in Waffen. Sie trugen Kettenhemden, darüber mit einem Wappen geschmückte Tuniken, Helme, Schwerter und Hellebarden. Ich bremste ab und blieb keuchend auf der untersten Stufe stehen. Da waren sie, die Verfolger aus meinen Alpträumen!

 

Wann hatte ich das Schwert aus seiner Scheide gezogen? Ich hatte keine Zeit, mich darüber zu wundern. hielt das Schwert in der Hand und richtete seine Spitze auf diese Männer. Würde ich es über mich bringen, es zu benutzen?

 

Die Vordersten entdeckten mich sofort, verstummten und sahen unsicher zu mir auf. Es dauerte eine Weile, bis sich mein Erscheinen bis nach hinten durchgesprochen hatte und alle zu mir her starrten. Bald war nur noch das leise Zischen der Gaslampen zu hören und mein keuchender Atem.

 

Anders als in meinen Alpträumen flüchtete ich nicht. Anders als in meinen Alpträumen hatte ich eine Waffe, mit der ich mich wehren konnte. Und anders als in der realen Welt des erklärten Pazifisten Alexander Breskow war ich bereit, mir den Weg durch diesen Gang freizukämpfen, sollte man mich angreifen.

 

Die Zeit schien sich zu dehnen, während ich den Männern gegenüberstand. Erst als ich vorsichtig einen Fuß auf die nächste Stufe unter mir setzte, hoben sie die Waffen. Da fing ich an, mit dem Schwert wild um mich zu hauen, traf dabei die Wand des engen Ganges, eine Lampe und manchmal auch auf den Stahl eines anderen Schwertes. Bei jedem Schlag brüllte ich, um dem Schlag mehr Wucht zu geben. Ich spürte keine Angst, nur unbändige Wut, die vielleicht aus der Verwirrung über all die unerklärlichen Ereignisse geboren war. Ich kann es nicht genau sagen, jedenfalls entwickelte ich in meinem Zorn erstaunliche Kräfte; wusste auch nach einer Weile das Schwert einigermaßen sicher zu gebrauchen.

 

Die Männer wichen langsam zurück. In der Enge des Ganges hatten sie keine Möglichkeit, mich zu mehreren anzugreifen. Vielleicht hielten sie sich auch zurück, weil sie die Anweisung hatten, mich nicht zu verletzen. Jedenfalls hatte ich mich trotz meiner fehlenden Kampferfahrung schon ein gutes Stück weit in den langen Gang hineingekämpft, als mir von hinten ein kräftiger Schlag auf den Schädel versetzt wurde und ich ohnmächtig zusammenbrach ...

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