Titel

KAISER KARL - historischer Roman um Karl den Großen

Leseprobe

Urheber
Hans Jürgen Ferdinand

Printbook / Ebook

Verlag
Verlag Kern / Verlag Kern
Bindung
Hardcover
Seitenzahl / Dateigröße
884 / keine Angabe
Sprache 
Deutsch
Format
17 x 23,5 cm / keine Angabe
ISBN / ASIN
978-3-9571-6001-0 / 978-3-9571-6021-8
Preis
€ 29,80 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / € 22,35

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Im Mittelpunkt dieses außergewöhnlichen Romans steht Karl der Große als erster großer Visionär und Reformer des Mittelalters. Dabei vermischen sich Reformbemühungen, die der Frankenkönig geschichtlich belegt auf den Weg gebracht hat, mit solchen, die der unendlichen Fantasie des Autors entsprungen sind.

Die Triebfeder zu diesem Roman ist für Hans-Jürgen Ferdinand die Frage gewesen: Hatte Karl die politische Kraft, mit einschneidenden Reformen eine Fränkische Reichsverfassung in Gang zu setzen und damit die Einheit des Fränkischen Reichs dauerhaft festzuschreiben, und wäre es Karl überhaupt möglich gewesen, die im Roman dargestellten Reformen letztlich auch gegen einen weltlichen und geistlichen Adel durchzusetzen? Mit solchen Was-Wäre-Wenn-Fragen darf sich ja ein Romancier zum Glück beschäftigen!

Der Autor nimmt den Leser auch auf abenteuerliche Reisen mit, so zum Beispiel ins reiche Konstantinopel an den opulenten beziehungsweise dekadenten Hof von Kaiserin Irene. Und nicht zuletzt drückt sich in vielen erotischen Zusammenkünften Karls mit seinen unterschiedlichen Gespielinnen die historisch überlieferte sexuelle Affinität Karls des Großen zum weiblichen Geschlecht aus. Entstanden ist ein pralles Sittengemälde über die Zeit König Karls, über seinen unbändigen Aufbruchsgeist und die großen, ewig menschlichen Themen wie Machtbestreben, Intrige, Verrat, Ehebruch, zuweilen auch Inzest oder Mord.

Leseprobe

Die letzten Wochen des Jahres 787 vergingen mit vielerlei Tätigkeiten. König Karl war
schon seit vielen Tagen damit beschäftigt, mit dem später einmal sogenannten Capitular
de villis Anweisungen zu geben, wie seine Krongüter zu bewirtschaften seien. Er wollte
auf diese Weise den materiellen Unterhalt des Hofes und der königlichen Güter dauerhaft
sicherstellen. Abt Wirund vom Kloster Stablo-Malmedy in den Ardennen und zwei Mönche
des Klosters Reichenau am Bodensee, jeder von ihnen ein anerkannter Fachmann im Anbau
landwirtschaftlicher Erzeugnisse als auch in der Tierzucht, waren hinzugezogen worden, um
Karl zu beraten. Sie hatten agrarische Lehrbücher, darunter die der römischen Agrarexperten
Palladius und Columella sowie verschiedene Aufzeichnungen, auch Illustrationen von Pfl anzen
und Tieren mitgebracht. In ihrem Schlepptau führten sie einige erstklassige Schreiber mit sich.
Diese Schreiber beherrschten die Tironischen Noten als Kurzschrift und bereits die sogenannte
karolingische Minuskel als eine neue vereinfachte Schreibweise.
Auch sonst hatte sich in Karls Welt in letzter Zeit viel zugetragen. Durch den Tod seines Onkels
Bernhard, dem Vater seiner Vettern Adalhard und Wala, zu Beginn des Jahres 787 war
Karl mit fast vierzig Jahren nunmehr auch zum Senior der karolingischen Dynastie geworden.
Nur wenige Tage nach Bernhards Tod kam aber schon wieder neues Leben in Karls Familie.
Fastrada, Karls vierte Ehefrau, gebar ihm ein zartes Mädchen, das auf den Namen Hiltrud getauft
wurde.
König Karl war vor etwa einem Jahr im Winter 786/787 zu seinem dritten Romzug aufgebrochen
und hatte das Herzogtum Benevent unter seinem Herzog Arichis zur Unterwerfung, zu
umfangreichen Tributzahlungen und zur Stellung von dreizehn Geiseln, darunter Arichis zweitältesten
Sohn Grimoald, gezwungen. Das hatte zwangsläufi g zu Spannungen mit Konstantinopel
geführt, das das Herzogtum Benevent zu seiner Einfl usssphäre rechnete, was letztlich
die Übergabe von Karls zwölfjähriger Tochter Rotrud als Verlobte des jungen oströmischen
Kaisers Konstantin verhinderte und damit zu guter Letzt auch ein von König Karl geplantes
diplomatisches Band zwischen den beiden christlichen Großreichen vereitelte.
Während Karls Anwesenheit in Rom im Frühjahr des Jahres 787 war auch der einfl ussreiche
Bayernherzog Tassilo, der Neffe Karls, nicht untätig geblieben. Tassilo spürte immer mehr
Karls Begehrlichkeit auf sein wohlhabendes Land und hatte daher Papst Hadrian als Vermittler
für die Unabhängigkeit und Eigenständigkeit des bayerischen Herzogtums zu gewinnen
versucht. Zu diesem Zweck schickte Tassilo etwa zur gleichen Zeit eine Gesandtschaft unter
Führung von Bischof Arno von Salzburg und Abt Hunrich vom Kloster Mondsee nach Rom,
die aber unverrichteter Dinge zurückkehren musste, da sich der Papst den Lockungen und Einfl
üsterungen Tassilos widersetzte und eindeutig auf die Seite Karls geschlagen hatte. Der Papst
mahnte Tassilo vielmehr unter Strafe des Kirchenbanns an, König Karl treue Gefolgschaft zu
leisten. Als sich Tassilo im gleichen Jahr einer Vorladung König Karls nach Worms widersetzte,
marschierte der fränkische König mit drei Heeresgruppen gegen Bayern auf und machte jeden
Widerstand der Bayern unter ihrem Herzog sinnlos.
Karl selbst ritt vor die Tore von Augsburg, jener Stadt, die als Siedlung der keltischen Vindeliker
fünfzehn Jahre vor der Geburt des Herrn von Stiefsöhnen des Kaisers Augustus erobert
worden war. Karl war mit seinen engsten Begleitern sowie den bayerischen Kirchenfürsten
Arno von Salzburg und Hunrich vom Mondsee unterwegs durch die eher karg und ärmlich
wirkenden Gassen der alten Stadt. Arno und Hunrich hatten gemerkt, wie die Macht Tassilos
langsam schwand und daher sehr opportunistisch und frühzeitig einen Schwenk von Tassilo zu
König Karl vollzogen.
"Es heißt, dass die Pläne für die bürgerliche Siedlung, die nach dem Abzug der römischen Legionen
entstand, von Kaiser Augustus selbst entworfen wurden", meinte Abt Hunrich.
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Hans-Jürgen Ferdinand
"Davon sieht man aber nicht mehr viel", entgegnete Karl. Er gab seinem bewährten Ross die
Schenkel und ritt bis zur zerstörten Stadtmauer im Süden.
"Ja, aber auch Tacitus hat die Stadt gelobt, nachdem die Voralpenländer unter Kaiser Claudius
zu einer Provinz zusammengefasst worden waren", fuhr der redselige Abt eifrig fort. "Augusta
Vindelicorum sei die glanzvollste Stadt Rätiens, hat er geschrieben."
Der Frankenkönig war offensichtlich von Hunrichs Lobpreisungen für Augsburg nicht zu begeistern.
"Und unter Kaiser Marc Aurel war bis zum Jahr 179 nach Christus die dritte römische Legion
hier stationiert", versuchte es der Abt zum letzten Mal. Doch genau dieses Argument konnte
Karl viel leichter als die vorangegangenen entkräften.
"Der dritten römischen Legion muss es hier ziemlich langweilig gewesen sein", sagte er und
schmunzelte.
"Wie kommst du darauf?", fragte Abt Hunrich erstaunt.
"Wäre sie sonst siebzig Meilen nach Nordosten gefl ohen, um am Zusammenfl uss von Regen
und Donau aus der Keltensiedlung Radasbona ihre Legionsfestung Casa Regina, also Regensburg
zu gründen?"
"Nein, nein", wehrte der Abt vom Kloster Mondsee ab. Er schwitzte plötzlich unter seiner
dunkelgrauen Kutte.
"Ich will überhaupt nicht mit dir streiten, aber die Römer waren schon hundert Jahre vor der
dritten italischen Legion dort. Die ersten trafen bereits unter Kaiser Vespasian kurz nach der
Gründung Augsburgs in Radasbona ein. Und zur Zeit Kaiser Hadrians sollte bereits eine fünfhundert
Mann starke Kohorte den Donauübergang sichern und die Täler der Flüsse Laaber,
Altmühl, Naab und Regen von Germanen aus dem Norden freihalten."
Karl und seine Begleiter verließen Augsburg und näherten sich wieder dem Heer, das inzwischen
ein Lager auf dem Lechfeld einrichtete.
"Trotzdem blieb der Oberbefehlshaber der dritten römischen Legion in Augsburg", sagte Hunrich,
der immer noch nicht aufgegeben hatte, den König von seiner Darstellung der Vergangenheit
zu überzeugen.
"Verständlich", sagte der König und ging erneut auf das Spiel mit Worten ein. "Der militärische
Oberbefehlshaber war gleichzeitig Statthalter einer römischen Provinz und der gehörte nun mal
in die entsprechende Provinzhauptstadt Regensburg." Die Männer um Karl hatten sich angewöhnt,
abwechselnd an seinen Seiten zu reiten. Jedes Mal, wenn einer von ihnen den Eindruck
hatte, dass Karl eine Weile lang nichts mehr mit ihm bereden wollte, fi el er ein wenig zurück
und machte einem anderen Platz.
Karl und seine Männer waren vielleicht eine Meile geritten, als von Osten her lautes Geschrei
und Kriegshörner ertönten.
Die zweite Heeressäule aus Ostfranken, Thüringern und Sachsen sammelte sich an der Donau
bei dem Ort Pföring. Das dritte Heer unter Karls in Pippin umgetauften Sohn rückte von der
Lombardei aus bis zum bayerischen Bozen vor, überschritt den Brenner und stand jetzt ebenfalls
auf dem Lechfeld.
Auf dem Lechfeld, in dem Karl einen idealen Sammelpunkt für Reichsheere erkannte, vergingen
die folgenden Tage mit Reiterspielen und Waffenübungen wie bei einer gerade erst
beendeten Reichsversammlung. Karl hätte jederzeit weiter nach Regensburg ziehen können,
aber er wollte, dass sein Vetter Tassilo reumütig zu ihm kam: "Er soll hier vor mir niederknien,
öffentlich seine Schuld bekennen und mich um Vergebung bitten!"
"Herzog Tassilo gebärdet sich wie ein König", sagte Angilbert, der an Karls Seite geritten war,
argwöhnisch.
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Karl der Große: Visionär und Reformer
Karl blickte Angilbert prüfend an. Dann nickte er nachdenklich. "Wir müssen klug sein und
dürfen nichts überstürzen, wenn wir die Bayern enger an uns binden wollen", sagte er.
"Die Friesen und die Thüringer, ja selbst die Sachsen sind uns dem Blute nach viel näher als
die Bayern", entgegnete Angilbert.
"Und dabei wissen wir nicht so recht, woher sie kamen, nachdem die Römer Rätien und die
anderen Gebiete zwischen der Donau und den Alpen aufgegeben haben", sagte der König.
"Das weiß man schon", widersprach Angilbert. "Die Bajuwaren stammen aus dem Osten."
"Soll das etwa heißen, dass sie mit Awaren, Hunnen und Bulgaren mehr verwandt sind als mit
uns?", fragte Karl verdutzt. "Das lass bloß keinen hören", lachte der König.
Im selben Augenblick kam Unruhe am Lechufer auf. Der Fluss führte ebenso wenig Wasser
wie die Donau. Nicht einmal die kleinen Holzbrücken waren im Frühjahr erneuert worden, so
wenig Wasser hatte die diesjährige Schneeschmelze gebracht. Der Lärm am Ufer näherte sich,
während zur selben Zeit die Gespräche und Gesänge an den Feuern und Lagerplätzen rundum
verstummten.
Und dann geschah, was niemand mehr für möglich gehalten hatte. Am späten Nachmittag eines
milden Frühsommertages ritt Herzog Tassilo von Bayern mit weniger als dreihundert seiner
bunt gekleideten, voll gerüsteten und gut bewaffneten Krieger und Edlen von Südosten her auf
das Lechfeld. Ein ganzes Reitergeschwader begleitete den bayerischen Herzog. In ihm dienten
die freien bayerischen Heermänner oder landlose bayerische Adelige, die ihr Brot mit dem
Schwert erwarben und zu Pferd für Herzog Tassilo kämpften. Heute trugen die Männer über
den Kettenhemden oder Schuppenpanzer einen bunten Überwurf, die einen in den Farben der
bayerischen Adelsgeschlechter, die anderen mit ihren eigenen Feldzeichen. Bei manchem der
bayerischen Reiter verdeckte das farbige Gewand auch die alten Lederkoller, die nur mit Eisenblech
benäht waren. Alle trugen runde Eisenhelme mit einem Nasenschutz, der in der schon tief
stehenden Sonne blinkte. Die langen, runden oder dreieckigen Schilde auf den Schultern der
Reiter klapperten an den Beschlägen. In der einen Hand hielten die Männer eine riesige Lanze,
die sie auf den Sattelschuh gestützt hatten, das breit bebänderte Schwert hing bei jedem Mann
am Gurt.
Die letzten Meter kam Tassilo dem Frankenkönig nur noch mit kleiner Begleitung entgegen,
während sich seine Anführer und die bayerischen Edlen mit sicherem Abstand zurückhielten.
Schon als Tassilo noch zehn Pferdelängen entfernt war, nahm der bayerische Herzog beide
Hände hoch und zeigte allen die Handfl ächen. Dann griff er seinen Helm, nahm ihn ab und
setzte ihn vor sich auf den Sattelknauf. Unter schleifenden Zügeln schritt sein wertvolles Pferd
weiter auf Karl zu.
König Karl tat so, als würde er ihn überhaupt nicht bemerken. Er ließ die Reiterspiele so lange
weiterführen, bis ihn der Schatten des Bayernherzogs traf.
"Ach, Tassilo", sagte Karl zu seinem Vetter und lächelte, als hätten sie sich kürzlich gesehen.
Der Frankenkönig stand nicht einmal von seinem holzgeschnitzten Sessel auf. Karl hob den
Kopf ein wenig und schob die Unterlippe vor. Die beiden Gleichaltrigen musterten sich dennoch
sehr genau. Tassilo war weder groß noch besonders kräftig, sondern trotz seiner herzoglichen
Ausstattung eher unauffällig. Aber er hatte bis auf die Schulter fallende, weich gewellte
braune Haare, ein offenes, ovales Gesicht mit vollen Lippen, einer schön geformten, etwas
schiefen Nase und lange Wimpern über sanften Augen. Und dann, nach einem wortlos und
nur mit Blicken ausgetragenen Kampf, senkte der Agilolfi nger den Kopf. Er hob seine linke
Hand und ließ sich von den Waffenknechten von seinem Pferd helfen. Sein Seneschall reichte
ihm ebenfalls wortlos Zepter und Schwertgehänge. Tassilo legte nun beides vor Karls Füßen
ins Gras. Rings um die beiden Männer wurde es so still, dass für einige Augenblicke nur noch
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Hans-Jürgen Ferdinand
das leise Schnauben der Pferde, ihr Hufscharren und das Klirren der Metallbeschläge zu hören
war.
Dann kniete Tassilo nieder und murmelte kaum hörbar: "Ich bereue!"
Der König reagierte nicht. Er grüßte seinen Vetter auch nicht und zeigte überdeutlich, dass er
nicht bereit war, den Gruß des Agilolfi ngers anzunehmen.
Tassilo wiederholte, nur wenig lauter: "Ich unterwerfe mich mit meinem Leben und allem, was
ich habe", stieß er mit brüchiger Stimme hervor. "Ich weiß, dass ich erneut gefehlt habe und
stelle mich als dein Vasall unter deinen gnädigen Schutz."
Karl schnaubte nur und schüttelte unbeeindruckt den Kopf. "Es gibt Blutsverwandte", rief er
nun unerwartet laut, "die glauben, dass Drachenblut in ihren Adern fl ießt. Sie glauben, dass
sie unverwundbar sind wie einst Siegfried aus der Nibelungensaga. Aber sie vergessen, dass
Hochmut viel gefährlicher als ein Lindenblatt zwischen Schulterblättern sein kann."
Die meisten der Umstehenden sahen den König verständnislos an. Aber es gab auch andere, die
sehr genau wussten, was Karl meinte.
"Derartige Blutsverwandte treffen sich ständig an ihrer schwächsten Stelle!", fuhr der König
fort. "Denn sie belügen sich selbst, wenn sie Treue schwören und sogleich dabei denken, welchen
Nutzen sie aus ihrer Unterwerfung ziehen können!"
Er stand ruckartig auf und überragte sofort alle anderen, die um ihn herum standen. Stolz und
Härte strahlten aus seinen Augen. Kein milder Herrscher blickte nun über die Köpfe der Versammelten
hinweg.
"Niemand!", rief er so laut, dass ihn Hunderte hören konnten, "niemand soll seine Fahne und
seinen Wimpel vor mir nach dem Winde drehen! Denn wen der Sturm brechen will, das weiß
kein Halm, sondern der Sturm nur allein!"
Er beugte sich vor. "Gib mir dein Zepter!", befahl er Tassilo. "Du brauchst den Herrscherstab
nicht mehr!"
Der kniende Bayernherzog tat, wie ihm befohlen wurde. Karl hob das Bayernzepter hoch über
seinen Kopf, doch noch ehe seine Krieger in Jubel ausbrechen konnten, gab er es schnell und
für die umstehenden Zuschauer vollkommen unerwartet an Tassilo zurück.
"Ich verzeihe dir", sagte der König. "Aber es ist das letzte Mal und nur, weil du zu drei Vierteln
Franke bist! Allerdings verlange ich von dir, dass du zwölf Geiseln stellst, nein dreizehn, denn
deinen Sohn und Mitregenten und Thronfolger Theodo will ich aus reiner Vorsicht lieber in
meiner als in deiner Nähe wissen!"
Tassilo wollte protestieren, doch Karl legte ihm beide Hände auf die Schulter. "Nicht doch, mein
Bayernherzog", fl üsterte der König, "oder soll ich fortan lieber Mönchlein zu dir sagen?"
Tassilo nahm sein Zepter und stand auf. Sein Gesicht war bleich wie Wachs, als er sich zu
seinen Männern umdrehte und eine Geisel nach der anderen bestimmte. Der Frankenkönig sah
in die entsetzten Gesichter der Bajuwaren, die von dieser Maßregelung ihres Herzogs sichtlich
beeindruckt waren. Dann blickte Karl zu den weißen Federwölkchen am klaren blauen Himmel
hinauf. Es war noch immer eigenartig still. Nur in der Ferne klang Lerchenschlag über den
Feldern auf.
Wenige Wochen später hatte König Karl dann noch die Nachricht erhalten, dass unerwartet
Herzog Arichis von Benevent am 26. August des Jahres verstorben und auch sein ältester Sohn
Romuald einen Monat früher in die Ewigkeit vorausgegangen sei. Nach allem, was man an
Karls Hof so hörte, sollte die Herzogwitwe Adalperga, eine der vier Töchter des früheren langobardischen
Königs Desiderius, unterstützt von den Großen ihres Landes, die Regierungsgeschäfte
im Herzogtum Benevent führen.
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Karl der Große: Visionär und Reformer
Als Papst Hadrian versuchte, diese politischen Unruhen für erneute Gebietsansprüche an das
Herzogtum Benevent zu nutzen, schickte König Karl eine fünfköpfi ge Delegation unter Leitung
des Abts Maginarius von St. Denis sofort nach Rom, um die vom Papst erzeugten Wogen
zu glätten. Dann gelangte eine weitere unangenehme Botschaft an den Königshof. Unter Vorsitz
des oströmischen Kaisers Konstantin VI. und seiner Mutter, Kaiserin Irene, aber ohne Mitwirkung
der fränkischen Geistlichkeit, hatte dann das Konzil zu Nicaea am 23. Oktober 787
die Heiligenbildverehrung der Ikonen zugelassen. Karl war hierüber sehr erzürnt und lehnte
diese einseitigen Beschlüsse aus Konstantinopel als einen Affront gegen das Frankenreich und
zudem als Irrlehre ab.
Nach der Disziplinierung des Bayernherzogs Tassilo hatten sich die drei fränkischen Heeresgruppen
aufgelöst. Er schickte die meisten der Grafen und die Männer zurück, die jetzt in den
Dörfern oder auf den Höfen gebraucht wurden.
Das Land war ausgezehrt in den letzten Jahren. Überall fehlten Hände für die Ernten und die
Weinlese. Holz musste für den Winter geschlagen und mühsam an den Häusern aufgestapelt
werden. Die Rutenberge, das waren Vorratseinrichtungen mit höhenverstellbaren Dächern, die
zur Lagerung von Getreide, Holz oder Heu benutzt wurden, mussten winterfest gemacht werden.
Zusätzlich brauchten viele Dächer eine neue Eindeckung. Lehmwände mussten vor dem
Winter ausgebessert werden und auch die Ställe brauchten manchen neuen Balken gegen die
Novemberstürme und die Schneelast, die lange vor Weihnachten erwartet wurde. Während die
Krieger und der Tross in ihre heimatlichen Gefi lde zurückkehrten, suchte König Karl mit seinem
Hofstaat und zwei Hundertschaften seiner gepanzerten Reiter, den kampferprobten Scaras,
die Königspfalz zu Ingelheim auf.
Der fränkische Herrscher Karl besaß noch keinen ständigen Amtssitz, keine ausgewogene
Regierungs- und Verwaltungsbürokratie. Bisher hatte er sein riesiges Reich, wie

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