Titel

JOTUNHEIMEN
Wandern in der Heimat der Riesen

Leseprobe

Urheber
Klaus Heyne

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
136
Sprache
Deutsch
Format
21 x 15 cm
ISBN
978-3-8391-3648-5
Preis
€ 10,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet
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Jotunheimen, die Heimat der Riesen, ist kein jahrhundertealter Name für diese einzigartige Gebirgsregion in Norwegen. 
Der Name Jotunheimen wurde erst im späten 19. Jahrhundert geprägt von dem Dichter Aasmund O. Vinje, der dabei von der nordischen Mythologie und der wilden Landschaft inspiriert wurde. 

In der Tat versammeln sich hier auf relativ kleinem Raum die höchsten Berge Nordeuropas überhaupt, von denen der Glittertind der bekannteste sein dürfte. Jotunheimen ist der höchste Teil der Skanden und liegt zwischen dem Sognefjord im Westen und Valdres im Osten. Das Gebiet umfasst insgesamt eine Fläche von rund 3.500 km², wovon ca. 1.200 km² auf den darin befindlichen Nationalpark Jotunheimen entfallen. In diesem Gebiet habe ich mit Dagi, Eva und Rolf eine Gebirgswanderung mit einer Wegstrecke von etwa 180 km unternommen. 
Der Rundkurs begann in Eidsbugarden am See Tyin, führte über Memurubu, Besseggen, Gjendesheim vorbei an Glittertind und Spiterstulen und schließlich durchs Fleskedalen zurück zum Ausgangspunkt.Der harte letzte Winter und der spät einsetzende Sommer sorgten für reichlich Schnee und Eis im Juli 1987, was der 18 Tage währenden Trekking-Tour schon eine pikante Note gab. 

Die tagebuchartigen Aufzeichnungen aus der Sicht eines der Protagonisten sollen dem Leser ein vergnügliches Bild der Ereignisse vermitteln

Leseprobe

Donnerstag, 9.7.87 

Neunte Etappe: Russvatnet - Glitterheim

Schnee!! 

Ich bin total überrascht als ich das Zelt öffne. Und es rieselt noch immer weiß und leise. Ein neuerlicher Hauch von Winter hat sich in Gestalt einer weißen Haut über das Land gelegt. Ich brauche einige Sekunden, um das zu erfassen, was da vor sich geht. Wir haben doch Sommer! Meinen Kameraden geht es nicht anders. Die weiße Pracht ist zwar eine unerwartete Überraschung, aber es ist keine böse. Wir haben unseren Spaß an dem vom Zeltdach abrutschenden Schnee und an dieser ungewohnten Situation überhaupt. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Schneefall nicht von langer Dauer ist. Nicht, dass man bei Schneefall nicht wandern könnte, doch wäre die Sicht stark beeinträchtigt. 

Mit dem Schnee ist ein feuchtes, kaltes Klima gekommen, das die Lebensgeister nur langsam erwachen lässt. Erst in der heimeligen Wärme des Frühstückszeltes tauen wir richtig auf. Nicht anders erging es dem ohnehin nassen Schnee, der durch während des Frühstücks einsetzenden Nieselregen nahezu spurlos beseitigt wurde. Bei unserem Aufbruch erinnern nur noch ganz wenige kleine weiße Flecken in der Landschaft von der heutigen Morgenüberraschung. 

Wir bewegen uns zunächst sehr nah am Ufer des Russvatn entlang. Der Pfad ist in relativ weichen Boden getreten und recht angenehm zu gehen. Kurz bevor wir Tjörnholodden, ein von zahlreichen Nebenläufen des Tjörnholaa zerfasertes Ufergebiet des Russvatn erreichen, schwenken wir in Richtung NordNordWest vom See ab. Dabei nähern wir uns in sehr spitzem Winkel dem Tjörnholaa, der aus den Höhen des Tjörnholet hinab donnert. Allmählich ansteigende 140 Höhenmeter über nach und nach schwindende Vegetation führen uns an eine Hängebrücke über den Tjörnholaa. Der Fluss braust durch einen scharfen Einschnitt ins Tal abwärts, wühlt sich unter ein Schneefeld hindurch, bis er seine Wucht in den zahlreichen Armen des Tjörnholodden verliert. 

Am jenseitigen Ufer angelangt, setzt urplötzlich ein Schauer heftigen Schneeregens ein. Fluchtartig retten wir uns unter die bewährte grüne Plastikplane. So hocken wir direkt an der Weggabelung, die den Weg nach Glitterheim in die Alternativen entweder via Tjörnholet oder um den Vestre Hestlaegerhö teilt. 

Unter der Plane rücken wir eng zusammen, um möglichst viel Wärme zu konservieren . Doch der kalte Wind kühlt zielstrebig aus und bald wird es so ungemütlich unter dem provisorischen Schutzdach, dass wir weiterziehen. Auf ca. 3 km suchen wir unseren Weg über immer spärlicher bewachsenes Geröll ziemlich genau in Westrichtung. Dann schwenken wir nach NordNordWest ab. 

Mehr und mehr Findlinge säumen den Weg, die die Eintönigkeit der grauverhangenen Gerölllandschaft unterbrechen. Ihr Windschatten ist oft willkommene Einladung, eine Pause einzulegen. Das denken auch diese beiden Burschen, die mit den Regenponchos über ihren Rucksäcken aussehen wie Mönche mit gravierenden Rückenschäden. Dicke Qualmwolken strömen aus ihren Mündern und bei näherem Hinsehen entpuppen sich die kurzen Stöcke in ihren Händen als dicke Zigarren. Sie grüßen freundlich und winken lachend mit ihren „Stinkelingern“ herüber. 

Obwohl die Erde schon vollgesogen ist wie ein Schwamm, ballen sich die grauen Wolken mehr und mehr zusammen. Entgegen unseren Erwartungen wird das Wasser bald in anhaltender Ergiebigkeit vom Himmel fallen. Als es tatsächlich wieder anfängt zu regnen, haben wir fast den Vestre Hestlaegerhö erreicht, der uns seine schneebedeckte Südseite als Hindernis in den Weg stellt. Sie ist glatt wie eine jungfräuliche Skipiste - bis auf die knietiefe Rinne, die sich auf direktem Weg nach oben in den Schnee gefressen hat. Wir sind nicht die einzigen Wanderer, die sich diese gut 100 Höhenmeter hinauf quälen. Ohne sich umzusehen weiß Rolf ganz genau, wer einige Meter hinter ihm unter röchelndem Husten versucht, den Aufstieg zu teeren. Die beiden „Mönche“ bleiben immer häufiger stehen und bald haben wir sie ganz aus den Ohren verloren. Der Wind pfeift um die Höhe, treibt die feinen Regentropfen wie Nadeln unter die Haut der entblößten Arme und Gesichter. Nebel umschließt den Gipfel wie ein riesiger

 Wattebausch. Fast übergangslos treten wir von weichem, pappigem Schnee hinüber in das Reich der rutschigen Steine, die sich nass glänzend wie ein Meer feuchter Hundenasen vor uns ausbreiten. Diese Nordseite des Vestre Hestlaegerhö führt weniger steil abwärts als die eben erklommene Schneeseite. Der kalte Wind macht meine Arme etwa so sensibel als wären sie in Beton gegossen. Aber ich verspüre keinen Drang, auf diesen glatten Steinen, auf denen Rolf schon zweimal ausgerutscht ist, großartige Ankleidemanöver durchzuführen. So begeben wir uns in lockerer Formation langsam, aber stetig, abwärts. Als die Hütten von Glitterheim in Sichtweite geraten, glauben wir uns dem Ziel schon nahe. 

Doch weit gefehlt! Wir schleichen zu den Hütten wie die Katze um den heißen Brei, weil der Veo ausgerechnet hier so viel Platz zum Fließen benötigt. Während diverse seiner Ausuferungen umgangen werden müssen, kann Dagi es einmal unter Aufbringung akrobatischer Fähigkeiten vermeiden, nach einem Ausrutscher einen nassen Hosenboden zu bekommen. 

Wir tauchen in den Windschatten der Hütten, glücklich, endlich die Schuhe von den müden Füßen und die feuchten Hemden von den ausgekühlten Körpern reißen zu können. Gegenüber dem Haupthaus sind in einem Nebengebäude einige Schlafräume und - was für uns wichtig ist - ein Trockenraum untergebracht. Nachdem wir den ersten ‘big pot of coffee’ hinuntergestürzt haben, versuchen Rolf und ich in dem winzigen Trockenraum, der schon fast bis an seine Kapazitätsgrenze gefüllt ist, Platz für unsere Sachen zu finden. Dann schlagen wir in direkter Nachbarschaft des Haupthauses die Zelte auf. 

Im Laufe des Nachmittags laufen auch unsere beiden ‘Zigarillos’ ein, die nachdem Absetzen ihrer Rucksäcke nichts Eiligeres zu tun haben, als unverzüglich je eine ihrer privaten Kleinfeuerungsanlagen in Betrieb zu nehmen. 

Der heiße Kaffee, die warme Dusche und anschließend die entspannende Lektüre alter Jahrbücher des DNT haben mir gutgetan. Das Wetter heute war so angenehm wie Zahnschmerzen, die man ohne griffbereiten Alkohol ertragen muß, und ich bin froh, dass ich den Schlafsack endlich mit meinem ermatteten Körper bevölkern kann.

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