Titel

Immer volle Kanne

Leseprobe

Urheber
Joe Emm

Verlag
tredition
Bindung
Paperback
Seitenzahl
280
Sprache
Deutsch
Format
Din A5
ISBN
978-3-8685-0387-6
Preis
€ 16,49 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Deftig-heftig mit einer anständigen Portion Humor und Ironie schildert Joe Emm in seinem im Mai 2009 erschienenen Roman „Immer volle Kanne“ die teils grotesken Abenteuer des Studenten Obermotzer in einem ostwestfälischen Provinzkaff zu Beginn der Achtzigerjahre. Zu dieser Zeit lebt er in einem spießigen Ort namens Ebbinghausen und nimmt es mit dem Studieren nicht so genau. Lieber treibt er sich, statt zur Uni zu gehen, in urigen Kneipen und Spelunken herum. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er recht erfolgreich mit Glücksspiel und Wetten. Bis ihn eines Tages das Glück verlässt……

Obermotzers Erlebnisse werden in einer schonungslos-harten Sprache erzählt und kommen dementsprechend authentisch herüber. „Immer volle Kanne“ ist eine spannende Geschichte über sehr skurrile Typen im Ostwestfalen der beginnenden Achtzigerjahre

Leseprobe

Meine kleine Rückerinnerung beginnt an jenem denkwürdigen Tag des Jahres 1978, als ich mittags in der Pommesbude von Curry-Paul Alwis Ennemann traf. Alwis war ein lebendes Fossil. Er stammte aus jener Zeit, in der Männer noch richtige Kerle waren. Oder besser gesagt, noch sein durften! Ich kann bis heute nicht sagen, ob Alwis sein wirklicher Vorname oder nur ein Spitzname war. Ist aber auch egal. Jedenfalls war Alwis, ein kerniger Mittfünfziger des pyknischen Typs, einer der Originale in „seiner Stadt“. Wobei Stadt natürlich maßlos übertrieben war! Genauer gesagt handelte es sich dabei um ein unbedeutendes Kaff namens Ebbinghausen. Dieses verschlafene Kuhkaff Ebbinghausen, das man nicht unbedingt kennen muss, lag in unmittelbarer Nachbarschaft einer ostwestfälischen Universitätsstadt.

 Ein Kaff in Ostwestfalen! Das bedeutete zu Beginn der achtziger Jahre tiefste und düsterste Provinz. Das war der Rand der Zivilisation. Schlimmer ging es nimmer. Im Rheinland sagen sie ja heute noch: Ostwestfalen, das ist dort, wo man zum Lachen in den Keller geht!

 Alwis Ennemann, Ebbinghausens oberster Sprücheklopfer und selbsternannter „Cheferotiker“, sah wie eine bullige Variante des bekannten Hollywoodregisseurs Mel Brooks aus. Stadtbekannt war er durch seine deftig-kernigen Sprüche geworden, die seiner Meinung nach gleichermaßen Intelligenz wie Lebensweisheiten widerspiegelten. Seine beiden bekanntesten, aber wahrscheinlich nicht auf seinem Mist gewachsenen Sprüche waren: 

„Es kommt der Tag, da will der Hammer schlagen!“  

und 

„Ja, so ist das mit der Liebe, darum heiratet man!“ 

 Aus einem mir unbekannten Grund brachte Alwis den zweiten Spruch am liebsten dann an, wenn er mit wildfremden männlichen Personen auf irgendeiner Kneipentoilette an der so genannten Pissrinne stand. Eindrucksvoller Begleitumstand seines „tiefsinnigen“ Spruchs war immer ein lautes, lustvolles Räuspern wie „ääääääääääh“. Das erinnerte schon verdächtig an die Brunftzeit!

 Auf Kneipentoiletten lief Alwis sowieso (rein spruchtechnisch gesehen) zur Höchstform auf. Als beispielsweise mal jemand die Blase sehr voll hatte und eine ungewöhnlich lange Zeit recht kräftig pinkelte, raunzte ihn Alwis an: „Sach mal, wat ist dat eigentlich für eine Krankheit, die Du da hast? Ist dat ansteckend? Nachher habe ich auch noch die Knarre am eitern! Dann kanze aber wat erleben. Dann steck ich Dir Deine eigenen Klöten in den Hals!“

 Alwis konnte aber auch sehr höflich und hilfsbereit sein. Als einmal minutenlang sehr laute Verdauungsgeräusche aus einer Toilette drangen, klopfte Alwis vorsichtig an die Klotür und fragte fürsorglich: „Ist da drin alles in Ordnung oder benötigen Sie ärztliche Hilfe?“

 Wenn man schon über Alwis Ennemann redet, dann kommt man nicht umhin, seinen überaus brachialen, ruhrpottähnlichen Dialekt und seinen sehr herben, durchtriebenen, aber einzigartigen Charme zu erwähnen. Nicht zu vergessen, seine sehr tiefe, durchdringende Stimme samt seiner dreckigen Art zu lachen. Sein Lebensmotto lautete übrigens „immer volle Kanne“. Und wenn man es ganz genau betrachtet, hatte Alwis sogar noch einen dritten markanten Spruch drauf:  

„Aus Spaß wurde Ernst und jetzt kann er schon laufen!“ 

Alwis erzählte mir an jenem Tag stolz wie Oskar, er wolle sich in der bekannten Fernsehsendung „Wetten dass?“ bewerben. Seine einfallslose, aber artgerechte Wette lautete: „Ich erkenne fünfundzwanzig verschiedene Biersorten am Geschmack!“

 Die anderen Pommesbudengäste kriegten den Wettvorschlag von Alwis ebenfalls mit. Ein vorlauter Wichtigtuer meldete sich daraufhin zu Wort und meinte prahlerisch: „Die Wette ist doch gar nichts, stinklangweilig! Da lockst Du keinen mit hinter dem Ofen hervor! Ich hab da mehr zu bieten! Ich erkenne fünfundzwanzig Weiber aus Ebbinghausen an ihrem Intimgeruch!“ Auf diesen gewagten Spruch gab es ein gewaltiges Echo. Genau genommen war das schon urgewaltig!

 Es wurde sogar handgreiflich, als ein mir unbekannter, glatzköpfiger Scherzkeks zu seinem recht dröge wirkenden Gegenüber sagte: „Deine Alte könnte bei der Wette gar nicht mitmachen! Bei der ist das da unten kein Geruch, sondern Gestank!“ „Du blöder Glatzkopp, Du! Halt bloß Deine Schnauze! Du scheinst da was mit deiner eigenen Alten zu verwechseln. Ich habe schließlich keine Bauerntrine zu Hause wie Du!“, lautete der trockene Konter des drögen Typen. Der Spruch entpuppte sich als Wirkungstreffer und so wurde es richtig urgemütlich. Zwischen den beiden Typen flogen auf einmal gehörig die Fetzen.

 Durch das mutige und entschlossene Eingreifen einiger Gäste gelang es aber recht schnell, die ursprüngliche Ordnung im Laden wiederherzustellen. Und Sprücheklopfer Alwis fragte aufdringlich und bohrend: „Obermotzer, mein lieber Freund und Bäckerbursche, wat meinste zu meiner Wette? Toll, wa? Dat iss doch mal wat! Nicht so langweilig wie dat, wat die sonst da so zeigen!“ Ich sagte nur genervt: „Musst Du selbst wissen, Alwis.“ 

 Apropos Obermotzer. Den Spitznamen bekam ich in der Schule verpasst. Dabei habe ich mich eigentlich noch nie als Motzer gesehen. Ich betrachte mich selbst mehr als den stillen Beobachter und Genießer, der sich an der alltäglichen Situationskomik, den schrillen Charakteren, die überall herumlaufen und den deftigkernigen Sprüchen seiner Mitmenschen ergötzt. Im Laufe der Zeit habe ich auf diese Weise herrliche Anekdoten erlebt und tolle Sprüche gehört.

 Jedenfalls habe ich während meiner öden Schulzeit einem nicht nur in meinen Augen ekelhaften Lehrer spektakulär die Meinung gegeigt, ihn vor vielen Zeugen lächerlich gemacht und wie er meinte, damit seine Autorität untergraben. Dieser „zivile Ungehorsam“ hat mir seinerzeit einigen Respekt bei meinen Mitschülern und eben den netten Titel „Obermotzer“ verschafft. Übrigens war es kein Geringerer als besagter Lehrer selbst, der mich mit dem schönen Titel Obermotzer „geadelt“ hat.

 Um noch etwas zu meiner Person beizusteuern: ich war früher zugegebenermaßen nicht gerade ein Heiliger. Meine strenge Lehrerin hat mich immer als „schlecht Männeken“ tituliert. Sie war eine von diesen (im damaligen Schuldienst häufig anzutreffenden) verhärmten Fräuleintypen, die keinen Mann abbekommen hatten und ihren angestauten Frust an uns armen Schülern austobten.

 Selbst meine Mutter fand keine besseren Worte für mich wie „Du bist keinen Deut besser wie Dein Vater!“ Diese Aussage kann ich aber bis auf den heutigen Tag nicht beurteilen. Denn mein „stolzer Vater“ war ein Adliger von der Sorte „auf und davon“, den ich nie kennen gelernt habe. Mit zarten 22 Jahren erfuhr ich dann von einem Halbbruder. Noch mehr als diese Tatsache überraschte mich jedoch, mit wem ich meinen „geliebten“ Vater teilte! Aber dazu später mehr.

 Nun ja, ich kommentierte gern ungewöhnliche und komische Situationen. Oder besser gesagt, fast alles. Irgendwie mussten diese knochentrockenen Kommentare einen hohen Unterhaltungswert haben, denn es gab etliche Leute (meine Fangemeinde), die sich für meine deftig-herben Sprüche samt meiner persönlichen Meinung interessierten! Deshalb hörte man in bestimmten Kreisen schon mal Fragen wie: „Was hat Obermotzer denn dazu gesagt?“

 Aus diesem Grund wollte sicherlich auch Alwis meine Meinung zu seiner wenig prickelnden Bierwette hören. Ich wollte ihm nicht ins Gesicht sagen, wie blöd ich seine Idee fand und mich irgendwie diplomatisch herauswinden. Aber wie? Und als Alwis gerade grantelte: „Obermotzer, sach wat! Butter bei die Fische, wat iss jetzt mit meine Wette?“, kam die Erlösung laut „Mahlzeit“ sagend in Gestalt von Udo Sander, von allen nur „US“ genannt, die Tür herein. US war Arbeitskollege von Alwis. Beide waren Fahrer beim einzigen Transportunternehmen am Ort. US machte Alwis an: „Alwis, Du alter Schluffen, hau rein! Sieh zu, dass Du deine Brocken zusammenkriegst, wir müssen heute noch in Herford laden!“ So einfach gehen die Dinge manchmal!  

 Um noch mal auf das Motzen zurückzukommen: Ein Motzer braucht eine gute Beobachtungsgabe, was seine Umwelt angeht. Unerbittlich und gnadenlos muss er nicht nur Peinlichkeiten, sondern auch die dem gemeinen Betrachter oft verborgene Komik von an sich bedeutungslosen Lebenssituationen aufdecken. Und selbst nach stundenlangem „Leute beobachten“ und „Kommentieren“ muss ein wirklich guter Lästerer und Stänkerer selbst bei völlig uninteressanten Situationen noch einen passablen Spruch heraushauen können!

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