Titel

Hunnen in Sigmaringen

Leseprobe

Urheber
Marlene Geselle

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
252
Sprache
Deutsch
Format
11,4 x 19 cm
ISBN
978-3-8391-1134-5
Preis
€ 15,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet
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Zu Beginn des Jahres 451 n. Chr. machen sich die alemannische Priesterin Wolfhild, die Bauernkrieger Haetto und Siegbert auf den Weg zur Stammesversammlung nach Sigmaringen. Schon bald zeigt sich, dass das herannahende Heer Attilas, zahlreiche Flüchtlinge und die Winterkälte nicht die einzigen Probleme sind, die gelöst werden müssen. Welche Rolle spielt der römische Kurier Donatius? Wem gehört die Loyalität des Hunnen Ichise?

Leseprobe

Nur noch ein spärlicher Rest Glut fand sich in der improvisierten Feuerstelle, nicht genug, um eine frierende Wanderin durchzuwärmen aber ausreichend, um die Finger für einige Minuten drüberzuhalten. Die Sonne stand noch tief am Spätwinterhimmel. Die Priesterin genoss die aufsteigende Wärme nach ihrem Marsch durch die Dämmerung. Sie ließ ihren Blick prüfend über die Wiese des Laucherttals schweifen. Alles schien ruhig, ein wenig verschlafen sogar. Die Feuerstellen in den Häusern des nahegelegenen Weilers ließen feine Rauchsäulen in den Himmel aufsteigen. Rinder blökten in ihren Ställen.

Bei dem großen Opferfest, das vor einem Jahr hier am Ve, dem Grabhügelfelsen, stattgefunden hatte, wurden Ort und Termin für die nächste Stammesversammlung festgesetzt: auf den heutigen Tag, zur Mittagsstunde an der Donau bei Sigmaringen. Damals war die Welt noch eine andere.

Die abgenagten und niedergetretenen Gräser rund um das Lagerfeuer, von Pferdehufen aus der dünnen Schneedecke herausgescharrt, verrieten den Reiter. Es musste ein Fremder gewesen sein, der hier die Nacht verbracht hatte. Ein Stammeskrieger oder Händler hätte Unterschlupf in einem der Höfe und Weiler des Tals gesucht. Die Priesterin vergewisserte sich, dass man vom Lagerplatz die Rauchfahnen des Weilers erkennen konnte. Das Gastrecht war jedem rätischen Krieger und auch jedem einfachen Bauern heilig. Römer oder gar Hunne? Im Gras fanden sich keinerlei Spuren, nicht einmal Brotkrümel oder winzige Fetzen von Trockenfleisch oder Schuppen von Räucherfisch. Auch von einem provisorisch gebauten Unterschlupf für die kurze Nacht fehlte jede Spur. Wer immer er war, die Vorsicht hatte ihm geboten, durchzuwachen.

Wolfhilds Augen suchten den Himmel ab. Zwei Adler umkreisten einen Hügel, der aus den nebeligen Weiden auftauchte wie eine Insel. Mit ein wenig Einbildungskraft konnte man diesen Felsen wirklich für den Grabhügel eines Riesen halten.

Sie umkreisen einander nicht wie Greifvögel, sondern belauern sich wie Feinde, schoss es ihr durch den Kopf. „Wenn die Könige ihre Reviere verteidigen, müssen sich die Mäuse in den Erdlöchern verkriechen“, raunte sie. „Die neue Welt kann nicht erschaffen werden aus dem Chaos, ohne das alte Erbe zu verbrennen. Nicht einmal die Götter sind ewig, das wusste schon der Einäugige.“

Mit flinken Fingern scharrte sie einige Hände voll Erde zusammen, um die Reste des Feuers zu löschen, auch wenn nur eine geringe Brandgefahr bestand. „Du bist also weder Bauer noch Hirte, Fremder. Welcher Art Feind bist du, ehrlich oder verschlagen?“, murmelte Wolfhild.

Es war Zeit, ihre Wanderung fortzusetzen. Wenn die Sonne am höchsten stand, musste sie die Donau erreicht haben. Dort, an Sigmars Gehöft, wie man den Weiler nach seinem bedeutendsten Bewohner nannte, würden sich heute die rätischen Krieger zur Stammesversammlung treffen. Es ging um viel, wenn auch nicht für sie. Eine Priesterin gab Rat, schlichtete Streit oder befragte die Götter. Was Frühjahr und Sommer für sie bringen würden, war nichts, wofür man die Runen werfen oder den Flug der Vögel beobachten musste. Sie wusste es längst. Sie war zufrieden mit dem, was die Zukunft ihr bringen würde.

Mit wenigen Schritten erreichte sie das Flussufer. Aus ihrer Umhängetasche zog sie einen Lederbeutel und entnahm ihm eine Handvoll Mehl. Zusammen mit einem Stückchen Räucherfleisch aus ihren bescheidenen Vorräten warf sie diese Opfergabe ins Wasser. Sie wandte sich gen Osten, wo sich die aufgehende Sonne hinter einem Nebelschleier versteckte, hob die Hände zum Gebet und flehte: „Ve, der du zusammen mit deinen Brüdern die Welt aus dem Leib des Riesen neu erschaffen hast, stehe uns bei! Leite meine Schritte, erhelle meinen Geist und lass mich eine weise Sprecherin sein im Rat der Krieger.“

Die Adler stoben mit heiserem Gekrächze davon. Der eine flog Richtung Süden, der andere zog nach Osten davon. Es hatte keinen Sieger gegeben, aber auch keinen Besiegten.

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