Titel

Grenzlandfrau

Leseprobe

Urheber
Maryanne Becker

Verlag
Grenzecho Verlag, Eupen/Belgien
Bindung
Paperback
Seitenzahl
176
Sprache
Deutsch
Format
12,5 x 20,5 cm
ISBN
978-3-8671-2040-1
Preis
€ 15,- (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Wenige Tage vor Ende des Ersten Weltkriegs wird Jacki in einem kleinen Dorf westlich von Aachen geboren. Im Zuge des Versailler Vertrags fällt das Gebiet Eupen-Malmedy an Belgien. Nun steht Jackys Elternhaus unmittelbar an der belgisch-deutschen Grenze. Die Familie wird belgisch, lebt im Grenzland. 1940 werden die belgischen Ostkantone von Deutschland annnektiert und Jul - Jackis Mann - wird als Soldat zur Wehrmacht eingezogen.

Nach der Befreiung Belgiens verläuft die Grenze zu Deutschland wieder vor Jackis Haus. Durch die Fäden des Schicksals mit den Familien Lammers und Meulen verknüpft, steht Jacki vor neuen Herausforderungen, die sie an die Grenze geltender Moralvorstellungen führen.


Leseprobe

Ab Ende 1946 hatte sich mir eine neue Einnahmequelle aufgetan: der Kaffeeschmuggel. Vom Hörensagen wusste ich, dass einige Leute angefangen hatten, Kaffee über die grüne Grenze nach Deutschland zu schmuggeln.

Ich war mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Spätschicht, als mich ein Bauer aus der Nachbarschaft zu sich heranwinkte. »Hast du Interesse, dir ein bisschen Geld zu verdienen?«, fragte er mich. »Es ist nämlich so, die Deutschen haben die Nase voll vom Muckefuck, die wollen richtigen Kaffee trinken.»

Ich kannte mich mit der Kaffeegeschichte nicht aus und sagte: »Dann können sie sich doch richtigen Kaffee kaufen«.

»Das können sie nicht, denn in Deutschland wird auf Kaffee eine hohe Steuer erhoben, das kann kein Mensch bezahlen. Sie wollen Kaffee aus Belgien und bezahlen immerhin das Doppelte von dem, was er hier kostet«, klärte er mich auf.

»Ich habe da gewisse Kontakte nach Eupen. Du fährst doch ohnehin jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit, da könntest du doch ein paar Pfund Kaffee mitbringen.«

»Wie soll das denn gehen? Es wird doch überall kontrolliert«, antwortete ich vorsichtig. Schließlich konnte ich nicht wissen, ob der Bauer ein Zuträger des Zolls war und mir eine Falle stellen wollte.

»Ganz einfach, du machst es so, wie es alle machen.«

»Alle? Wer macht das denn und vor allem wie?«

Die Heimfahrten mit untergepacktem Kaffee waren mir schon zur Gewohnheit geworden, ich fühlte mich meiner Sache sicher. Ob ich vor lauter Routine unvorsichtig geworden war oder ob ich ein Zufallsopfer war, wusste ich nicht. Ich wurde überfallen. Ich befand mich gerade an einer Stelle, wo weit und breit kein Haus stand, als plötzlich eine Gestalt aus dem Straßengraben sprang und vor mein Fahrrad trat. Ich musste scharf bremsen, sonst wären wir zusammengestoßen. »Kaffee raus!«, schrie der Kerl und riss mir Pullover und Hemd hoch, öffnete fix den Knoten des Strumpfes und nahm mir den ganzen Kaffee weg. Ich war starr vor Schrecken! Zitternd setzte ich meine Fahrt ohne Kaffee fort. Das war nicht nur ein herber finanzieller Verlust, sondern die Tatsache, dass ich ganz offensichtlich von einem der organisierten Wegelagerer überfallen worden war, machte mir Angst.

An Aufhören war nicht zu denken, denn ich musste den geraubten Kaffee ersetzen. Fortan fuhr ich nur noch mit der Luftpumpe in der Hand und war entschlossen, jedem, der sich mir nähern würde, diese ›Waffe‹ um die Ohren zu schlagen.

Natürlich kam es immer wieder zu Zollkontrollen, vor denen ich dank meiner guten Kontakte meist rechtzeitig gewarnt wurde. Den Überfall hatte ich schon fast vergessen, aber ich war auf der Hut. Eines Abends erwischte es mich doch. Ein Zöllner hielt mich unterwegs an.

»Du hast wohl gut gelebt im Krieg«, sprach er mich an und wies hämisch grinsend auf meinen beachtlichen Bauchumfang.

Mit hoch erhobener Luftpumpe flüsterte ich: »Wenn Sie einen Schritt näher kommen, schlage ich zu.«

»Los, her mit dem Kaffee», polterte er aus sicherer Entfernung.

»Wagen Sie nicht, mich anzufassen«, schrie ich, hievte meinen Hintern auf den Sattel und radelte davon. Der Fluchtreflex hatte jeden rationalen Gedanken verdrängt. Mir war bekannt, dass schon auf Schmuggler geschossen worden war, in der Eifel und auch im Aachener Grenzgebiet hatte es sogar Tote gegeben.

Schweißgebadet kam ich nach Hause, riss mir den Kaffeestrumpf vom Leib und schwor mir, nie wieder etwas unterzupacken. Allerdings konnte ich nicht so einfach aufhören.


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