Titel

Fußball einmal anders gesehen - Wie erleben Blinde Fußball?

Leseprobe

Urheber
Regina Hillmann

Printbook / Ebook

Verlag
Verlag Kern / Verlag Kern
Bindung
Paperback
Seitenzahl / Dateigröße
176 / keine Angabe
Sprache 
Deutsch
Format
13 x 20 cm / keine Angabe
ISBN / ASIN
978-3-9442-2477-0 / 978-3-9442-2488-6
Preis
€ 14,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / € 11,49

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Fußball kann man hören. Und genau das ist es, was Regina Hillmann und Nina Schweppe dazu veranlasste, den Verein Sehhunde e.V. ins Leben zu rufen. Radioreporter wie Herbert Zimmermann mit seinem berühmten Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor! Bewiesen schon 1954, dass man Fußball auch mit den Ohren genießen kann.

Regina Hillmann beschreibt in diesem Buch, wie blinde Fußballfans das Spiel im Stadion erleben und sorgte mit ihrem Verein dafür, dass schon in über 30 Stadien ein Reportage-Service für blinde und sehbehinderte Fans angeboten wird. Hier ist ihre bewundernswerte Geschichte.

Das Buch wird begleitet mit einem Vorwort von Bundespräsident a.D. Horst Köhler und einem Nachwort von Christoph Daum.

Leseprobe

"Leverkusen hat Anstoß mit Ballack und mit Kießling in
der Mitte. Und da ist das Spiel freigegeben. Leverkusen
spielt zunächst mal hintenrum in die Innenverteidigung
über Ömer Toprak und Friedrich."
Zehn Zuschauer sitzen mit Kopfhörern ausgestattet erwartungsvoll
in Reihe 10 Block H2 in der BayArena in Leverkusen.
Neben ihnen sitzt ein junger Mann, der ununterbrochen
in ein Mikrofon spricht. Es ist Mittwoch, der
23. November 2011, und auf dem Spielfeld läuft das Champions-
League-Spiel zwischen Bayer 04 Leverkusen und
dem FC Chelsea. Wahrscheinlich fragen Sie sich, lieber Leser,
wie viele andere Besucher im Stadion auch: Was bedeutet
das? Was machen die da?
Die BayArena ist eines von mehr als 30 Stadien in Deutschland,
in denen ein spezieller Service für blinde und sehbehinderte
Besucher angeboten wird. Mittels Kopfhörern
erhalten die Nutzer eine speziell auf ihre Bedürfnisse abgestimmte
Reportage. Es stehen in den unterschiedlichen
Stadien zwischen 5 und 30 Plätze zur Verfügung. Die Übertragung
erfolgt meist über Funk. Der Reporter spricht in
ein mit einem Sender verbundenes Mikrofon, während die
Kopfhörer jeweils mit einem Empfänger verbunden sind.
In einigen Stadien, so auch in der BayArena, erfolgt die
Übertragung über eine fest installierte Anlage, bei der das
Mikrofon an ein Mischpult angeschlossen ist und sich an
jedem Platz eine Kopfhörerbuchse befindet. Die Kopfhö10
rer sind natürlich so beschaffen, dass der Zuhörer einerseits
den Reporter, andererseits auch die Stadionatmosphäre hören
kann. Ein Stadionbesuch ohne die dazugehörige Atmosphäre
ist kein echtes Stadionerlebnis.
Die Reportage wird von einem oder zwei sich abwechselnden
Reportern gesprochen. Sie üben dabei eine Art Dolmetscherfunktion
aus, in dem sie das Gesehene in Worte
übersetzen. Sie dürfen sich eine spezielle Spielreportage
für blinde und sehbehinderte Stadionbesucher aber nicht
wie einen Spielkommentar im Fernsehen vorstellen. Ähnlicher
ist eine Blindenreportage da noch einer 90-minütigen
Spielübertragung im Rundfunk. Allerdings gibt es auch hier
gravierende Unterschiede. Aus diesem Grund sind die Blindenreporter
speziell auf ihre Aufgabe vorbereitet.
Ein Blindenreporter hält sich mit seiner Spielbeschreibung
in erster Linie an das Geschehen auf dem Spielfeld. Er ist
stets auf Ballhöhe, schildert jeden Ballkontakt. Dabei ist
sowohl der Name des Spielers als auch der Ort des Geschehens
wichtig. Ein Rundfunkreporter streut Randgeschichten
und Anekdoten in seine Reportage ein, wenn er der Meinung
ist, dass das Spielgeschehen nicht berichtenswert ist.
Ein Blindenreporter bleibt immer am Ball, weil er "übersetzt".
Ein Simultandolmetscher übersetzt auch alles, was
gesagt wird und entscheidet nicht, was er persönlich für
wichtig erachtet und was nicht. Ein Blindenreporter schildert
ein Ballgeschiebe an der Mittellinie genauso wie eine
spannende Szene im Strafraum.
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Nur während Spielunterbrechungen hat der Reporter Zeit,
verbal das Spielfeld zu verlassen und Hintergrundinformationen
und die eine oder andere Geschichte zu erzählen.
Wichtig ist natürlich, dass er zuvor gesagt hat, dass das
Spiel unterbrochen ist. Die Zuhörer haben sonst das Gefühl,
eventuell auf dem Feld etwas zu verpassen. Wenn ein
Reporter das Spielgeschehen verlässt, ist es für den blinden
Stadionbesucher so, als würde man einem Sehenden
die Augen zuhalten. Er ahnt, dass etwas im Spiel passiert,
hört möglicherweise Reaktionen des Publikums, weiß aber
nicht, was gerade geschieht.
Neben der Beschreibung jedes Spielzuges enthält eine
Spezialreportage auch weitere wichtige Informationen zur
Partie wie Spielerwechsel und damit verbundene taktische
Veränderungen. Auch Zwischenergebnisse von anderen
Plätzen, die auf den Videowänden angezeigt werden, finden
zeitnah Erwähnung.
Nach dem Abpfiff ist der Nutzer der Blindenreportage
mindestens genauso gut über das Spiel informiert wie die
sehenden Zuschauer. Er ist in der Lage, mit anderen Fußballfans
über das Gesehene zu diskutieren, ohne dass ihm
Details fehlen.
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2.
Alles begann an einem Abend im März 1990. Wir, das sind
Nina und ich, trafen uns im Töpferraum des Blindenjugendheims
in Hamburg. Wir wohnten dort nicht, weil unsere Eltern
uns nicht mehr haben wollten, sondern weil eine wohnortnahe
integrative Beschulung zu diesem Zeitpunkt noch
die absolute Ausnahme war. Die Tatsache, dass wir dort lebten,
erwies sich in vielerlei Hinsicht als Glücksfall für uns.
Nina ist von Geburt an blind und besuchte die Höhere Handelsschule
am heutigen Bildungszentrum für Blinde und
Sehbehinderte. Ich habe einen kleinen Sehrest von ca. 3 %.
Das bedeutet, dass ich, vereinfacht gesagt, Umrisse sehen
und mit entsprechenden Hilfsmitteln auch Gedrucktes lesen
kann. Zu dieser Zeit besuchte ich das Heinrich-Hertz-
Gymnasium, eine Schule, die sich der Integration blinder
und sehbehinderter Schüler verschrieben hatte.
An jenem folgenschweren Abend trafen wir uns nun also
beim Töpfern und stellten fest, dass wir beide das gleiche
Steckenpferd haben: Fußball.
Nina berichtete noch ganz aufgeregt von einem Interview,
welches sie wenige Tage zuvor gemeinsam mit einer
Freundin mit Christoph Daum, dem damaligen Trainer des
1. FC Köln geführt hatte. Die Idee zu diesem Interview war
den beiden Köln-Fans einige Monate zuvor gekommen.
Es handelte sich aber eher um eine Art Schnapsidee, eine
Anfrage für ein Interview an den Verein zu schicken. Die
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Überraschung war groß, als ein Termin für Anfang März angeboten
wurde. Die beiden Freundinnen hatten nicht damit
gerechnet, dass sie als reine Hobby-Journalisten überhaupt
eine Antwort erhalten würden.
Der entscheidende Brief traf einige Wochen vor dem Termin
ein. Herr Daum lud die beiden ein, sich am Abend vor
dem Rheinderby in Leverkusen im Mannschaftshotel einzufinden.
Dort könne dann vor dem Abendessen ein Interview
von etwa 30 Minuten Länge stattfinden.
An dem bewussten Tag, Anfang März 1990, platzten die
beiden nahezu vor Aufregung. Da sie beide noch Schüler
waren, brauchten sie von ihren Lehrern die Erlaubnis, früher
den Unterricht verlassen zu dürfen. Diese wurde aufgrund
des Briefes von Herrn Daum natürlich gern gegeben.
Mittags ging es dann mit dem Zug Richtung Köln. Nina
startete in Hamburg und ihre Freundin Iris sollte unterwegs
zusteigen. Als der Zug in Osnabrück hielt, war keine Iris
weit und breit zu sehen. Es ertönte schon wieder die Ansage
zum Schließen der Türen, als sie angehetzt kam. Das Lunchpaket,
das Iris' Mutter gepackt hatte, blieb unbeachtet,
denn vor Aufregung konnten beide nichts essen. Natürlich
kamen sie viel zu früh in Köln an. Um der Aufregung einigermaßen
Herr zu werden, gingen sie zu Fuß über die Hohenzollernbrücke
auf das Hotel zu.
Noch immer ein wenig zu früh, betraten sie das Hotel, wo
sie an der Rezeption das Einladungsschreiben vorlegten.
Der Hotelangestellte teilte mit, dass der Mannschaftsbus
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und somit auch Herr Daum noch nicht da seien. Die beiden
dürften sich aber in die Lounge setzen und dort warten.
Sie zögerten, sich zu setzen, denn die Aufregung wurde nun
beinahe übermächtig. Es ist wohl der Traum vieler Fans,
den Spielern oder Verantwortlichen ihres Vereins einmal
nahe sein zu dürfen. Aber die Tatsache, Christoph Daum,
diesen interessanten Menschen, der seit seinem Amtsantritt
polarisierte, endlich zu treffen, erschien ihnen nahezu un

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