Titel

Frischling

Leseprobe

Urheber
Peter Nützi

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
404
Sprache
Deutsch
Format
13,5 x 21,5 cm
ISBN
978-3-8482-0102-0
Preis
€ 25,90, CHF 36,50 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet
www.nutzi.com

Kaufen
Buchhandel
Internetshops

www.bod.de
www.amazon.de
Mitte der neunzehnhundertsechziger Jahre wird der fünfzehnjährige Peer Nickels von seinem autoritären Vater ungefragt in das katholische Internat in Schwyz gesteckt.
Er sollte seines Vaters Jugendtraum verwirklichen und Ingenieur werden.
 Widerwillig fügt sich Peer. Im Kollegium merkt er bald, dass eine Soutane noch keine Nächstenliebe bedeutet
Peer und seine neuen Freunde suchen die Löcher im allumspannenden Kontrollnetz der Patres - und finden diese auch. 

Die kleinen Ausbrüche aus dem Kollegiumsalltag erlauben den Jungs, die erotischen Wünsche ihrer pubertären Sturm- und Drangzeit wenigstens ansatzweise ausleben zu können. Peer lernt seine erste grosse Liebe, Rosalie, kennen. 
Sie gibt ihm die Kraft, welche ihn die Widerwärtigkeiten des Internatlebens ertragen lässt.

Mit seinen Freunden nimmt Peer an einem Baulager in der Normandie teil. 
Bevor die Baulagertruppe jedoch in der Normandie eintrifft, stehen drei Tage Paris auf dem Programm.
Dort machen Peer und zwei seiner Freunde Bekanntschaft mit der Polizei, und sie lernen die französischen Gefängniszellen von innen kennen.

Leseprobe  

»Wir müssen noch Kleider kaufen«, sagt die Mutter mit einem verlegenen Lächeln an diesem sonnigen Montagnachmittag im April 1966 zu ihrem Sohn Peer. 
Dieser verlässt gerade das Schulgebäude beim Baseltor in Solothurn und ist im Begriff, die wenigen Stufen der Eingangstreppe zum Vorplatz hinunter zu steigen. 

Heute ist sein erster Schultag in der dritten Klasse der Bezirksschule. Krampfhaft versucht die Mutter zu verbergen, dass ihr dieser überfallartige Empfang recht peinlich ist.  
»Was, wir müssen noch Kleider kaufen?«, fragt Peer konsterniert und streicht sich mit seinen feingliedrigen Fingern durch das leicht krause, dunkle Haar. 
»Ja, du brauchst noch neue Kleider. Am Samstag kannst du nach Schwyz ins Kollegi. Vater hat dich dort platzieren können.« 
»Wagt der es doch tatsächlich, mich einfach in ein Internat zu stecken«, 
Peer schluckt leer und ringt nach Luft, »ohne mit mir vorher darüber zu reden!« 
Fassungslos muss sich Peer zuerst mal setzen. Damit beginnt für ihn ein neues Leben, wie er sich das nie gewünscht hat, und das ihn oft an den Rand der Verzweiflung bringen wird.  

Doch der Reihe nach. Peer Nickels ist fünfzehn Jahre alt. Ein aufgestellter Bursche, für den das Leben eben erst beginnt. Er ist weder gross, noch auf den ersten Blick besonders kräftig gebaut. Seinem Alter entsprechender, guter Durchschnitt halt. Obwohl, wenn man ihn in seinem modischen, weissen Leibchen ohne Ärmel, aber mit breiten Trägern, so betrachtet, könnte man schon zum Schluss kommen, dass mit ihm in gewissen Situationen wohl nicht gut Kirschen essen ist. 
Seine doch recht muskulösen Oberarme und Schultern lassen darauf schliessen, dass er sich mit Krafttraining fit hält. Dunkle Augen und feine Gesichtszüge unterstreichen seine angenehme Erscheinung. Einzig die Ohren stehen links und rechts leicht ab, was er aber mit seiner vollen Haarpracht gut kaschieren kann. Wenn es nach seinem Willen ginge, hätte er vor ein paar Tagen seine Grafiker-Lehre begonnen. 

Aber sein Vater, der nächsten Monat seinen achtunddreissigsten Geburtstag feiert, ein unbeherrschter Choleriker mit teils rüpelhaften, diktatorischen Gefühlsausbrüchen, wenn es nicht nach seinem Kopf geht, sieht das anders. Dieser kleine, übergewichtige Mann mit den mit Brylcreem nach hinten gebändigten, naturgewellten, schwarzen Haaren, wollte selber in seinen jungen Jahren studieren, konnte aber nicht, da in seiner Familie das Geld knapp war. 
So beschloss er kurzerhand, dass sein Sohn Peer studieren und Ingenieur werden soll. Ohne diesen zu fragen, hat er ihn eigenmächtig an zwei aufeinanderfolgenden Jahren zur Aufnahmeprüfung für die Kantonsschule angemeldet. Peer wollte aber nicht mehr weiter zur Schule gehen, sondern einen Beruf erlernen. Und so ist er bewusst durch beide Aufnahmeprüfungen gerasselt in der Hoffnung, jetzt endlich seine Lehre absolvieren zu dürfen. 

Doch der junge, noch recht naive Peer hat die Rechnung ohne seinen Vater gemacht. Und er müsste es eigentlich besser wissen. Warum sollte sein Vater, der immer alles besser weiss, der keine andere Meinung gelten lässt, der ganz allein bestimmt, was seine Familie zu tun und zu lassen hat, ausgerechnet jetzt Rücksicht nehmen? 
Schon als kleiner Bub hatte ihm Peer jeweils samstags als Handlanger zur Verfügung zu stehen. Und schon damals konnte er ihm nichts recht machen. Immer wieder musste er seine Schimpftiraden über sich ergehen lassen. 
Nicht nur einmal hat sich der kleine Peer in die Hose gemacht, weil er für seinen Vater etwas holen sollte, das aber nicht schnell genug fand, und sein Vater stampfenden Schrittes und laut polternd »Muss man denn alles selber machen« hinter ihm herstürmte, ihn zur Seite schubste und sich des gewünschten Werkzeugs hinten in der dritten Schublade des rechten Schubladenstockes selber behändigte. 
Peer wusste noch nicht einmal, wie dieses Werkzeug hiess. Geschweige denn wie es aussah, oder gar wo es aufbewahrt wurde. 
Diesbezügliche Einwände aber wurden vom Vater jeweils barsch und lieblos mit »Dich kann man zu nichts gebrauchen« weggewischt.
Ein folgenschwerer Satz. Peer bekommt ihn, seit er denken kann, immer wieder an den Kopfgeworfen. 
Der heranwachsende Junge wird von seinem Vater jeder Möglichkeit, Selbstvertrauen aufzubauen, beraubt. Das Verliererimage wurde ihm bereits als kleiner Bub vor Jahren unauslöschlich in die Seele gebrannt. 
Wie ein roter Faden wird sich der Satz »Dich kann man zu nichts gebrauchen« durch Peers Leben ziehen und ihn immer wieder scheitern lassen. 
Er wird schmerzhaft zu lernen und zu akzeptieren haben, von seinem Vater nie ein »Das hast du gut gemacht« zu hören.
So erstaunt es auch nicht, dass Peer auf Geheiss des Vaters nun noch die dritte Bezirksschule absolvieren sollte. 

»Doch nach einem Jahr«, denkt sich Peer, »kann ich dann sicher meine Lehre …« 
»Du brauchst eine Jacke und Hosen. Und dann muss ich unbedingt noch die Stickbuchstaben P und N kaufen, um deine Wäsche kennzeichnen zu können. Das ist obligatorisch im Kollegi. Komm, mach ein bisschen vorwärts«, und die Mutter zieht ihren Sohn liebevoll, aber bestimmt, Richtung Innenstadt. 
Peers Mutter ist eine schlanke, ruhige Frau, im gleichen Alter, wie sein Vater. Ihre halblangen, dunkelblonden Haare hält sie zurückgekämmt mit einem Haarreif zusammen. Doch immer wieder fällt ihr eine widerspenstige Strähne ins Gesicht, die sie dann rasch mit dem Zeigefinger hinter das Ohr klemmt. So lieb und fürsorglich sie auch ist, gegen Peers aufbrausenden Vater kann sie sich nicht durchsetzen. Es sei denn, sie zieht ihre Konsequenzen und verschwindet einfach für ein paar Stunden. Manchmal bis spät in die Nacht. Niemand weiss dann, wo sie ist. Solche Aktionen lösen bei Peer jeweils traumatische Zustände aus. Nicht nur Vaters Anschuldigungen, es sei seine – Peers – Schuld, sondern vor allem der Gedanke, seine Mutter könnte sich etwas antun, reizen Peers Magennerven jeweils bis zum Erbrechen. 
Und mit jedem Mal stürzt bei ihm ein weiteres Stückchen der bereits sehr kleinen, heilen Welt in sich zusammen. 

»Aber Kollegi? Was Kollegi? Ihr habt mir nie etwas von einem Kollegi gesagt. Ich will doch jetzt nicht plötzlich in ein Internat«, braust Peer auf. 
Mit einem Mal spürt er die warme Brise, die mit seinem Haar spielt, nicht mehr. 
Das fröhliche Vogelgezwitscher aus dem gegenüberliegenden Stadtpark ist in weite Ferne gerückt. Eine eiserne Hand scheint sein Herz zu umspannen, und düstere Wolken legen sich schwer wie Blei auf seine Gedanken. 
»Nein. In ein Internat gehe ich auf keinen Fall!« 
»Schau doch mal Junge, wir meinen es doch nur gut mit dir.« 
»Eher bringe ich mich um.« 
»Was sagst du denn da! Du wirst neue Freunde finden, und es wird dir gefallen.« 
»Das sagst gerade du. Du warst doch selber in Freiburg in einem Internat und es hat dir überhaupt nicht gefallen.« 

Doch die Mutter, mit ihren Gedanken bereits beim Einkaufen, meint nur: »Vater hat schon alles geregelt. Das Schulgeld für das erste Jahr ist auch schon bezahlt. Und dass du's grad weisst – billig ist das nicht! Und sowieso, das ist das Beste für deine Zukunft. Du könntest ruhig etwas dankbar sein!« 
»Ja, und meine Kollegen? Und meine Freundin? Dann sehe ich die ja nicht mehr. Nein, ich will nicht in dieses Internat«, erwidert Peer trotzig. 
Und dann kommt der obligate Satz, der ihn blitzartig mundtot macht, und den er immer dann zu hören bekommt, wenn er sich, seiner keimenden Persönlichkeit bewusst werdend, gegen die Bevormundungen seiner Mutter zaghaft zu wehren versucht: 
»Wenn du jetzt nicht aufhörst, sag ich's dem Vater!« 
Die Mutter weiss ganz genau um die Angst ihres Sohnes vor seinem Vater. Und mit diesem Satz ist jegliche Diskussion unverzüglich beendet. Was sie aber nicht weiss ist, dass das Herz ihres Jungen bei diesen drohenden Worten jedes Mal zu rasen beginnt, als wolle es aus der Brust springen, dass ihrem Bub der Schreck in die Glieder fährt, und er weiche Knie bekommt. So sehr fürchtet er sich vor den Wutausbrüchen seines Vaters. Zu diesem Zeitpunkt ist Peer noch nicht klar, dass ihn diese Angstzustände ein Leben lang begleiten und sich bei jedem noch so kleinen Konflikt unvermittelt und lähmend manifestieren werden. Er ist verzweifelt. Einmal mehr bestimmt sein Vater über ihn, entscheidet über seine Zukunft, sein Leben. 
Ohne ihn zu fragen. Ohne auf seine Wünsche und Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Wie damals bei den sturen Anmeldungen zur Kantonsschulprüfung. Und erneut kann er sich nicht wehren. Muss die Entscheidung seines Vaters einfach akzeptieren. Peer hadert mit seinem Schicksal und sucht krampfhaft nach Lösungen, um nicht nach Schwyz ins Internat gehen zu müssen.
»Ich haue einfach ab«, denkt er. »Irgendwohin. 
Nur weg. Diesen Internatsdrill brauche ich nicht. Fünf Jahre eingesperrt. Oder noch länger. Nicht mit mir. Soll er seine verpfuschten Jugendträume anderswie realisieren, aber nicht auf meinem Buckel. Ein Vater sei er?! Ein Egoist ist er!« 
Äusserlich lässt sich Peer nichts anmerken. Er hat gelernt zu kuschen, den Mund zu halten, um verbale Hiebe seines Vaters nicht unnötig heraufzubeschwören. Innerlich aber kocht er. Nicht wegen des charakterlosen Verhaltens seines Erzeugers, da hat er sich längst dran gewöhnt, sondern weil er sich bewusst ist, dass er selber so etwas, wie einfach abhauen, nie durchziehen könnte, und sein Vater offensichtlich recht hat, in ihm nur den Versager zu sehen. 
Zu allem Überfluss hört er dann auch noch die Worte seiner Mutter 
»Da ermöglicht man dir ein Studium, und jetzt reklamierst du noch. Was ist bloss mit euch Jungen los?!«, die er ab heute immer wieder zu hören bekommen wird, wenn er irgendetwas Negatives zum Internat sagt. 
Zutiefst verletzt und völlig überrumpelt schickt sich Peer in das Unabwendbare. Er hat keine andere Wahl. Das mit dem neu begonnen dritten Bezirksschuljahr ist natürlich nach diesem ersten Schultag auch bereits wieder vorbei. Obwohl Peer alles versucht, um das kommende Unheil »Kollegi« irgendwie noch abzuwenden, kommt der Samstag der Abreise unaufhaltsam näher. Er muss seine Koffer packen und sich entscheiden, was er denn überhaupt mitnehmen will. Doch auch hier, wie könnte es anders sein, hat Peer nicht all zu grosse Möglichkeiten. 
Sein Vater weiss genau, was es zum Studium braucht, und was somit eingepackt wird. Sicher mal kein kleines Kofferradio! Das lenkt nur vom Lernen ab … 

Am Freitagabend verabschiedet sich Peer von Marianne, seinem Mädchen, das ab und zu in der Nachbarschaft zu Besuch ist. Das geht nicht ganz ohne Tränen. Erst kürzlich haben sich die zierliche, blonde Tochter eines Bauunternehmers und Peer ihre aufkeimende Liebe gestanden. 
Fest aneinander gekuschelt sitzen sie im fahlen Mondschein auf ihrer gut im Schilf des nahen Dorfbaches versteckten kleinen Bank. In der Ferne ruft eine Kirchturmglocke mit zehn Schlägen die fortschreitende Nacht in Erinnerung. Sonst ist nur das ab und zu durch einen tiefen Seufzer der beiden unterbrochene, melancholische Plätschern des Baches zu hören. 
Leiser Nieselregen durchnässt langsam ihre Kleider. Es ist, als weine der Himmel mit ihnen. Weltuntergangsstimmung! Die beiden Frischverliebten versprechen sich, einander zu schreiben und aufeinander zu warten. Doch in ihren Herzen wissen wohl beide, dass ihre junge Liebe die bevorstehende, lange Trennung wahrscheinlich nicht überstehen wird. Und sie sollten damit Recht behalten. 



Peer zieht sich am Nachmittag an den Dorfbach oberhalb des »Narrendreiecks« zurück. Alleine – Alfredo und Thomas wollen lieber mit ein paar anderen Jungs Fussball spielen. Sie haben dafür bereits gestern den Rasenplatz reserviert. Träumen, nachdenken und dabei auf einer der vielen Beton-Bachverbauungen sonnenbaden. Vielleicht ein bisschen lesen. Oder einfach nur die Seele baumeln lassen. So will Peer den heutigen Sonntagnachmittag hier am Bach verbringen. Doch die Sturm- und Drangzeit der Pubertät holt ihn auch hier ein. 

Kaum hat er »Le Petit Prince« von Antoine de Saint-Exupéry aufgeschlagen, lassen sich auf der nächsten Bachverbauung Richtung Dorf auch schon zwei Schönheiten nieder. Beide wasserstoffblond und stark, aber nicht unvorteilhaft geschminkt. Und ihr Kokettieren lässt keine Zweifel offen – die wollen hier und heute etwas erleben! 
»Müssen Coiffeusen oder so was Ähnliches sein«, denkt Peer, denn Frisur und Make-up scheinen wirklich von professioneller Hand gerichtet zu sein. 
Peer gibt sich demonstrativ uninteressiert und blättert geschäftig in seinem »Petit Prince«. Er lässt die beiden aber keine Sekunde aus den Augen. Mit aufgesetzter Sonnenbrille ist das auch problemlos möglich, ohne aufzufallen. Ab und zu hebt er den Kopf, dreht ihn leicht zur Seite und erweckt so den Eindruck, als schaue er irgendwohin, nur nicht zu den beiden jungen Damen. Doch in den Augenwinkeln hat er sie jeder Zeit voll im Visier. Und was er sieht, gefällt ihm sehr gut! 

Langsam und betont lasziv beginnen sich die beiden Girls zu entblättern. Immer wieder schauen sie zu Peer hoch. Sie scheinen ganz genau zu wissen, dass dieser sie beobachtet. Nach und nach fallen Bluse, Unterleibchen, Jupe und Unterrock. Und plötzlich stehen sie da! Schlank, langbeinig und beide nur noch mit einem knappen, roten Bikini und hellen Strümpfen bekleidet. Natürlich fehlt auch der obligate Strumpfhalter nicht. Reich bestickt und rosafarben hebt er sich vom dunkelroten Bikiniunterteil ab. 

»Was für scharfe Katzen«, denkt Peer, und als sich die beiden aufreizend ihrer Strümpfe und des Strumpfhalters entledigen, zieht er unbewusst seine Beine leicht an, um die Beule in der Badehose so gut wie möglich zu verbergen. 
Doch nicht nur die Beule macht ihm zu schaffen. Da ist noch der dunkle Fleck des Lusttropfens auf seiner Hose. Zu Peers Ärger wird dieser mit zunehmender Dauer der Erektion immer grösser.
»Bis das Zeug wieder trocken ist«, murmelt er vor sich hin. 
»Aber ich habe ja Zeit.« 
Je mehr Peer die beiden jungen Damen beobachtet, desto sehnlicher wünscht er sich Rosalie herbei. Seine Dauererektion beginnt ihn schon langsam zu schmerzen. Rosalie würde da sofort Abhilfe schaffen, ist sich Peer sicher. Doch Rosalie ist nicht da, und der Druck zwischen seinen Beinen will einfach nicht abnehmen. Zu allem Unglück schicken sich die beiden Dorfschönheiten auch noch an, Peer einen Besuch abzustatten. 
»Scheisse! Was mach ich nun?«, schiesst es ihm durch den Kopf, als er die beiden auf sich zukommen sieht. 
»Da gibt's nur eins: Auf den Bauch!« 
Wie der Blitz dreht sich Peer um und schafft es gerade noch, seine Erektion bäuchlings zu verstrecken, bevor die beiden jungen Damen vor ihm stehen. Nun liegt er da, und die Glut des heissen Betons der Bachverbauung dringt durch das Frottiertuch an seinen eh schon überstrapazierten Penis. Dabei bräuchte dieser jetzt dringend eine Abkühlung! 
»Das geht nicht gut! Da passiert gleich ein Unglück«, denkt Peer nervös. 
Doch dann beruhigt er sich wieder: »Kein Problem. Ich liege ja auf dem Bauch. Und was da zwischen Bauch und Bachverbauung ab geht, kann niemand sehen.« 
Wenn er sich da nur nicht täuscht …! Peer blättert immer noch nervös in der Novelle von Saint-Exupéry, als die beiden Girls bei ihm ankommen. 
»Hallo! Dürfen wir uns zu dir setzen?«, hört Peer die melodiöse Stimme der Schönen mit den grösseren Brüsten wie aus weiter Ferne an sein Ohr dringen. 
Er hat im Moment nur Augen für die beiden Oberweiten, die da vor seinem Gesicht behutsam hin und her schwingen. Und er kann sich nur schwer von diesen perfekten Kurven losreissen. 
»Entschuldige Rosalie«, denkt er beschämt, »doch das hat nichts zu bedeuten. 
Wenn aber der liebe Gott so was Schönes gemacht hat, dann muss man einfach hinschauen dürfen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. 
»Ja sicher! Setzt euch«, lädt Peer nach seiner kurzen, gedanklichen Abwesenheit die beiden Besucherinnen ein. 
Diese setzen sich mit züchtig zur Seite angewinkelten Beinen neben der Bachverbauung ins Grass. Peer muss sich zwingen, nicht ständig auf ihre Brüste zu starren. Das fällt ihm ungemein schwer. Umso mehr, da er aus Anstandsgründen seine Sonnenbrille zur Seite gelegt hat. 
»Ich heisse Peer. Wie heisst ihr denn?«, versucht Peer die Konversation in Gang zu bringen. 
»Ich bin die Yvonne«, antwortet die mit den grösseren Brüsten mit einem Touch Erotik in der Stimme. 
»Und isch eisse Lucie«, haucht die andere mit umwerfendem, französischem Akzent. »Et comme je vois, tu parle aussi français.« 
»Oh«, erwidert Peer etwas verlegen. »Weil ich ›Le Petit Prince‹ lese, heisst das noch lange nicht, dass ich auch Französisch sprechen kann.« 
»Abör, wenn du nischt kann spreschen Fransösisch, du nischt kann lesen ›Le Petit Prince‹«. 
»Nun ja. Etwas Französisch kann ich schon. Schulfranzösisch halt. Aber du sprichst besser Deutsch als ich Französisch«, und Peer muss sich zurückhalten, um nicht einen zotigen Witz über das andere »Französisch« zu machen. 

Doch Lucie, eine echte Französin eben, kennt da keine Berührungsängste: 
»Abör, isch denke schon, du kannst sehr gut in Fransösisch«, und mit einem entwaffnenden Lächeln, das Mona Lisa in nichts nachsteht, lässt sie keine Zweifel offen, was sie in diesem Zusammenhang unter »Französisch« versteht. 
»Luuuciiie«, mahnt Yvonne, mehr gespielt, als ernst, und wirft Peer gleichzeitig einen feurigen Blick zu. 
Erotik pur liegt in der Luft! 
»Oh, oh«, denkt Peer, »jetzt wird's gefährlich. Jetzt sollte Alfredo da sein.« 
Aber Alfredo ist nicht da, und Peer muss alleine mit dieser »sexplosiven« Situation zu Recht kommen. Zu allem Unglück setzen sich Yvonne und Lucie nun auch noch aufrecht hin und ziehen ihre Knie gegen die Brust. Ihre Füsse jedoch stellen sie, wie zufällig, nicht ganz zusammen und gewähren Peer so einen unmissverständlichen Blick auf ihre Schamgegend, wohl wissend, dass dort das eine oder andere Schamhaar vorwitzig unter dem Bikinihöschen hervorblitzt. Natürlich weiss Peer sofort, dass das Absicht ist. Und er braucht jetzt schnellstens eine Abkühlung! 

 

Diesen Sonntag hat die Abteilung Don Bosco erweiterten Ausgang. Das hat den Vorteil, dass die Restaurants im erweiterten Ausgangsrayon nicht mit Studenten überfüllt sind, da sich die durstigen Kehlen auf eine grössere Anzahl Gaststätten verteilen. Peer und seine Freunde benützen die Gelegenheit und machen sich auf den Weg nach Rickenbach, ins Restaurant Schützenhaus. 
Normalerweise ein Fussmarsch von rund zwanzig Minuten. Doch über Nacht ist der erste Schnee gefallen. Beinahe einen halben Meter misst die weisse Pracht, die das ganze Tal wie Zuckerwatte überzieht. Die meisten kleinen Strässchen und Abkürzungen sind noch nicht vom Schnee befreit, und so dauert es auch etwas länger, bis die Jungs das »Schützenhaus« erreichen. 
Der Lohn für die Strapazen ist dann jedoch eine studentenfreie Gaststube. 

»Ist Fränzi nicht da?«, will Alfredo von der Bedienung, einer Schabracke mittleren Alters, wissen, die sich anschickt, die Bestellung aufzunehmen. 
Fränzi ist die Serviertochter des Hauses und normalerweise sonntags immer anwesend. 
»Nein, Fränzi ist nicht da. Hat heute frei«, haucht die Schabracke lasziv mit rauchiger Stimme, bückt sich dabei zu Alfredo runter und schaut ihm tief in die Augen. 
Dieser schreckt unweigerlich leicht zurück und stottert etwas verlegen: »A-aha, da-danke.« 
»Was war denn das?«, flüstert Alfredo leise, nachdem die Bedienung den Tresen erreicht hat und ausser Hörweite ist. 
»Frau? Oder Mann? Oder beides?« 
Die Jungs stecken ihre Köpfe zusammen und kichern verlegen. 
»Das ist ein Mann«, meint Thomas. 
»Das ist doch eine Frau. Die raucht einfach ein bisschen zu viel«, ist Peer überzeugt. 
»¡Caramba hombres! Die hat Titten, so gross wie Melonen und in der Hose einen, der ist länger als unsere drei zusammen«, entgegnet Alfredo ungläubig und mit grossen Augen. In diesem Moment kommt die Bedienung zurück, von den Jungs unauffällig – jedenfalls meinen die das – aber genau beobachtet. 

Doch sie können nichts Aussergewöhnliches feststellen. 
Der Gang: Weiblich. 
Die Gestik: Auch weiblich. 
Und trotzdem scheint es ihnen, als stimme hier etwas nicht. Am Tisch angekommen, stellt die gewöhnungsbedürftige Bedienung die bestellten drei »Appenzeller« hin und versucht mit den Jungs ins Gespräch zu kommen. 
»Ich bin die Moni. Mir gehört dieser Laden hier seit kurzem«, beginnt sie ihre Flirt-Attacke mit bereits bekannter, rauchiger Stimme. 
»Ihr dürft mir ›Du‹ sagen, wenn ihr mir verratet, wie ihr heisst.« 
Ziemlich überrascht ob der Anmache stellen sich die Jungs vor. 
»Ich bin der Peer.« »Ich der Thomas.« 
»Und ich heisse Alfredo.« 
»Ah, schön! Ihr seid alle drei unverschämt attraktive Boys«, gurrt Moni übertrieben erotisch. 
»Ich stehe auf eure tollen Bodies.« 
Die Jungs schlucken leer und gehen unweigerlich etwas auf Distanz, was Moni nicht verborgen bleibt. 
»Ach Jungs, ich tu euch doch nichts«, winkt sie leicht konsterniert ab. 
»Vor mir braucht ihr doch keine Angst zu haben!« 
»Nein, nein«, versucht Peer die Situation zu entschärfen. 
»Wir haben absolut nichts gegen dich. Aber ehrlich gesagt, und bitte versteh das jetzt nicht falsch, du bist halt für hiesige Verhältnisse schon etwas gewöhnungsbedürftig.« 

Damit hat Peer den richtigen Ton getroffen. Positiv unterstützt durch die immer wieder auf dem Tisch stehenden »Appenzeller«, mittlerweile jeweils bereits doppelte, wird die zu Beginn etwas harzige Konversation immer unbeschwerter. 

Moni öffnet ihr Herz und erzählt den Jungs die Geschichte ihrer Geschlechtsumwandlung. Was die drei Freunde lediglich vermutet haben, bestätigt ihnen Moni jetzt: 
»Ja, ich war früher ein Mann! So, nun wisst ihr's!« 
Die bis jetzt in sexuellen Dingen immer sehr aufgeklärt wirkenden Jungs sind plötzlich doch etwas sprachlos. Nur davon zu reden, oder einer betroffenen Person gegenüber zu sitzen, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe! 
»Nun habt ihr ein Problem mit mir! Ich sehe es doch! Das finde ich gar nicht schön«, zickt Moni und verwirft die Hände in übertriebener Tuntenmanier. 
»Nein! Haben wir nicht«, versucht Thomas krampfhaft sich trotz unzähliger »Appenzeller« und schwerer Zunge noch einigermassen klar auszudrücken. 
Alfredo denkt wieder mal praktisch und fragt, nicht minder zungenschwer: »Aber der da unten«, und er zeigt mit seinem Daumen zwischen seine Beine, »ist der – schnipp-schnapp – weg?« 
Moni muss lachen: »Nein, der ist noch da, und der bleibt auch da. Alles andere ist mir zu riskant.« 
Damit wäre auch das geklärt! Peer, ebenfalls ziemlich betrunken, schaut auf die Uhr und meint, vergeblich um eine klare Aussprache bemüht, etwas, das so ähnlich tönt wie: »Jungs, es ist Zeit aufzubrechen.« 
»Ja! Brechen«, lallt Alfredo und macht sich torkelnd auf zur Tür. 
Moni schnappt sich Alfredos Jacke und kann sie ihm gerade noch anziehen, bevor er draussen vor der Tür Kopf vorüber in den Schnee fällt. Ebenfalls Peer und Thomas werden von Moni fürsorglich eingekleidet und vor die Tür begleitet. Irgendwie erreichen die drei Freunde das Kollegium rechtzeitig und wieder einigermassen hergestellt. 

Wollte aber jemand wissen, wo sie waren, könnte er, wie bei einer Schnitzeljagd, lediglich der hinterlassenen Spur folgen. Allerdings wurden hier nicht Papierschnitzel ausgelegt, sondern abwechslungsweise Kotz- und Pinkelflecken im Schnee hinterlassen. In der Nacht fällt erneut Schnee und deckt die gestrige »Kampfspur« der drei Jungs lautlos zu. Die Felder und Wege zeigen sich am nächsten Morgen wieder jungfräulich und friedlich. Und wieder einmal mehr schwören sich Peer, Alfredo und Thomas morgens beim Aufstehen: Nie mehr Alkohol! 

zurück