Titel

Fräulein Engel

Leseprobe

Urheber
Maryanne Becker

Verlag
Grenzecho Verlag, Eupen/Belgien
Bindung
Paperback
Seitenzahl
264
Sprache
Deutsch
Format
12,5 x 20,5 cm
ISBN
978-3-8671-2054-8
Preis
€ 15,- (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet
www.maryanne-becker.de

Kaufen
Buchhandel
Internetshops

www.grenzecho.be
www.amazon.de

Eine Dienstreise führt die Psychoanalytikerin Thresje nach mehr als fünf Jahrzehnten in die Nähe ihres ostbelgischen Heimatortes. Sie erinnert sich ihrer Nachbarin aus Kindertagen und beschließt, ihr einen Besuch abzustatten. Hier erfährt sie die Geschichte der Odyssee, die Angéle über Gestapohaft, Zwangseinsätze als Krankenschwestern in Lazaretten an die Ostfront und schließlich in den sibirischen Gulag geführt hat.

Leseprobe

»Nun stand diese junge Frau vor der Haustür, sie war also von der Straße her gekommen. Lediglich das braune Lederköfferchen ließ vermuten, dass sie auf Reisen war, denn in ihrem schicken blauen Kostüm und mit den hochhackigen Schuhe erweckte sie eher den Eindruck, als sei sie zu einem Kaffeeklatsch unterwegs. Nichts ahnend bat ich sie herein und hörte mir ihr Anliegen an.

In letzter Minute habe sie eine Schiffspassage nach Amerika erhalten, während ihr Verlobter die Ausreise nach Palästina angetreten habe. Zwei Mal sei ihre Periode ausgeblieben, nun habe sie, das Ticket schon in der Tasche, einen Arzt aufgesucht, der die Schwangerschaft festgestellt habe, erzählte sie. In diesem Zustand die Reise anzutreten hielt sie für unmöglich, ganz davon abgesehen, dass es ihr unvorstellbar erschien, allein in einem fremden Land ein Kind aufzuziehen. Mein Vater sei doch Arzt, er könne ihr bestimmt helfen. Offensichtlich war sie davon ausgegangen, dass mein Vater hier praktizierte – und sie aus der delikaten Situation befreien würde. Ich konnte mir allerdings nicht vorstellen, dass Vater so etwas tun würde. Abtreibung stand unter Strafe. Dass Schwangerschaftsabbrüche bei Jüdinnen in Nazideutschland erlaubt waren, wusste ich damals nicht.

Die junge Frau beschwor die schrecklichsten Visionen herauf. Im Nachhinein erscheint es mir, als habe sie hellseherische Fähigkeiten gehabt, denn sie befürchtete schon damals, all diejenigen Juden, die

nicht rechtzeitig ausreisten, würden umgebracht oder auf eine einsame Insel verbannt.

›Du musst mir helfen! Als Krankenschwester könntest du doch …‹, flehte sie mich an.

Kannst du dir vorstellen, wie ich mich fühlte? Tausend Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Ich war ausgebildet zum Helfen, Leben zu erhalten war meine Berufung, nicht zu zerstören. Neben den moralischen Bedenken stand die Angst, ohne ärztliche Hilfe einen derartigen Eingriff vorzunehmen. Dass Frauen bei Abtreibungen starben, hörte man ja immer wieder. Während Mutter im Nebenzimmer schlief, rief ich Vater in der Klinik an. Ich erzählte ihm von dem Besuch der jungen Frau und hoffte, er würde meine Worte richtig interpretieren. Ja, ich hoffte, er würde mir raten, die Frau wegzuschicken.

›Du wirst die richtige Entscheidung treffen‹, sagte Vater und ergänzte: ›Das Richtige kommt mitunter in der Maske des Falschen daher, denn die Menschen neigen dazu, dem Bösen ihre Aufmerksamkeit zu widmen.‹

Der Schlüssel zum Medikamentenschrank, wo ich Äther, Schmerzmittel und Instrumente vorfände, liege unter der Schreibtischauflage. Vater ging also davon aus, dass ich den Eingriff vornehmen würde.

Ich musste die Frau aus ihrer Lage befreien, das Falsche wäre in diesem Fall richtig. So hatte ich Vater verstanden. Und es musste schnell gehen, denn am nächsten Morgen hatte ich Dienst im Krankenhaus.

Bevor ich ihr die Äthermaske überstülpte, fragte ich sie nach ihrem vollständigen Namen und der Adresse der Eltern. Sie schüttelte den Kopf und sagte: ›Nein! Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß.‹ Dieselbe Antwort bekam ich auf meine Frage, wer ihr meine Adresse genannt habe.  

zurück