Titel

Flüchtige Nähe

Leseprobe

Urheber
Peter Kislig

Printbook / Ebook

Verlag
Verlag Kern / Verlag Kern
Bindung
Hardcover
Seitenzahl / Dateigröße
140 / keine Angabe
Sprache 
Deutsch
Format
12,5 x 18 cm / keine Angabe
ISBN / ASIN
978-3-9394-7825-6 / 978-3-9394-7825-6
Preis
€ 17,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / € 13,49

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Aus dunklen, unbekannten Tiefen kämpfte sich durch dichte Schwaden, zuerst zaghaft sich erhebend, dann alle Fesseln zerreissend, ein jubelndes «Sie kommt, sie kommt» in schwindelerregende Höhen, bis eine verborgene Gegenseite das Hochgefühl mit schweren Seilen wieder in die Tiefe zog.

"Flüchtige Nähe" ist eine der sechs wunderbaren Erzählungen des Schweizer Autors Peter Kislig, die eigentlich viel mehr als nur Geschichten sind. Die flüssige, wunderbare Sprache des Autors lässt den Wunsch, weiter zu lesen, sehr deutlich werden. Man fühlt sich in die Geschichten hineingezogen und vermag es kaum, aus ihrem Bann zu entfliehen. Mit weichen, klugen Worten schreibt der Autor über flüchtige Begegnungen, die Schwäche der Menschen, die Empfindsamkeit der Seele und über die Erkenntnis, dass in jedem Menschen etwas Einzigartiges verborgen ist.

Ein Buch, das in die Seele dringt und zum Nachdenken anregt..


Leseprobe

Der Barpianist
Ein verhangener Herbsttag lag über Salzburg, als der
Zug langsam in den Bahnhof einfuhr. Auf der Taxifahrt
ins Hotel zogen hinter den glänzenden Scheiben
pastellfarbene Häuserreihen vorbei. Die zielstrebigen
Leute, die ihrer Arbeit nachgingen oder mit Einkäufen
beschäftigt waren, machten mir bewusst, dass ich für ein
paar Tage von diesen Alltagsfesseln befreit sein würde.
Beim Gedanken, keinem Bekannten zu begegnen, von
keinem störenden Handy erreicht zu werden, im Müßiggang
zwischen unbekannten Menschen durch eine
fremde Stadt zu streifen und einladende Kneipen und
Restaurants ausfi ndig zu machen, durchströmte mich ein
tiefes Wohlbehagen.
Am Abend besuchte ich ein Dinnerkonzert im Stiftskeller
St. Peter. Zwischen den Gängen unterhielten historisch
gekleidete Musiker und Sänger das wohlgelaunte Publikum
mit Ausschnitten aus Mozartopern.
Zurück im Hotel legte mir mein Verstand nahe, nach
Reise, Konzert und üppigem Mahl, schlafenzugehen. Als
ich aber die Krawatte nur zögerlich auszog, wurde klar,
dass die Vernunft verloren hatte und ich noch die Bar
aufsuchen würde.
Gründe gab es genug. Wenn wir mehrere Tage im selben
Hotel verbringen, fühlen wir uns ein wenig zu Hause.
Der Portier beim Eingang, die Leute an der Réception
grüßen uns Gäste nach kurzer Zeit mit einem vertrauten
Der Barpianist
Flüchtige Nähe 2
Lächeln wie alte Bekannte. Allein aus diesem Grunde ist
es verständlich, dass wir nach und nach die öffentlichen
Räume unserer Herberge erkunden wollen. In der Bar,
der intimsten Lokalität des Hotels, entscheidet sich oft,
ob wir uns wohlfühlen oder Fremde auf der Durchreise
bleiben.
Sachte fl oss das Klavierspiel des Pianisten durch die breiten
offenen Doppeltüren in die Empfangshalle. Beim
Betreten der Bar blieb ich für einen Moment stehen. Auf
der linken Seite stand die langgezogene Bar, davor drei
kleine Tische mit behaglich wirkenden Ledersesseln.
Rechts saß der Pianist hinter dem Klavier, umrahmt von
großzügigen Sofas und Fauteuils.
Ich setzte mich an den ersten Tisch und hatte damit freie
Sicht auf das Geschehen an der Bar und auf den Pianisten.
An der Theke saß eine attraktive, junge blonde Frau in
einem smaragdgrünen, tief ausgeschnittenen Kleid und
schäkerte mit dem südländisch aussehenden Barmann.
Sie beugte sich vor, sodass sich ihre Köpfe beinahe
berührten. Aus Wortfetzen konnte ich entnehmen, dass sie
sich ärgerlich und abschätzig über eine Person äußerte.
Als sie während des Gesprächs zuerst mit einer schnellen
Kopfbewegung, dann mit der Hand fast verächtlich zur
linken Seite wies, fi el mir erst auf, dass vor dem freien
Stuhl neben ihr, ein volles Weinglas stand. Nun war ich
neugierig, wer da kommen würde ...
An einem Tisch vergnügten sich drei Italiener, die laut
parlierten und viel lachten. Links von mir, in der Ecke
Der Barpianist
3 Flüchtige Nähe
saß ein verliebtes junges Paar, das nur Augen für sich
selbst hatte, Händchen hielt und in einen tiefen Dialog
verstrickt war.
Der Barpianist, der sehr gut spielte und mich beim
Eintreten routinemäßig mit einem auf das Nötigste
beschränkten Nicken begrüßt hatte, legte eine Pause ein
und holte sich an der Bar ein kleines Bier, ohne nach
links oder rechts zu schauen. Seine Kleider waren etwas
zu groß geschnitten für den hageren Körper. Er mochte
um die Sechzig sein. Die wildwüchsigen dichten Haare
und die buschigen Brauen hätten eigentlich auf einen
aktiven, willensstarken Menschen schließen lassen,
wäre da nicht dieser seltsam resignierte Blick gewesen,
der gar nicht zu seinem Äusseren passen wollte. Aber
auch der leicht gebeugte Körper und der schleppende
Gang deuteten darauf hin, dass er vom Schicksal nicht
gerade mit Samthandschuhen angefasst worden war.
Seine Erscheinung wirkte mit Ausnahme der schwarz
glänzenden Schuhe fremd in dem spiegelbesetzten Raum.
Als er sich wieder ans Klavier setzte und abwesend
zu spielen begann, wurde mir plötzlich klar, was
der üblichen Barharmonie widersprach. Durch die
Verschlossenheit des Pianisten fehlte das Lockere, die
Zwanglosigkeit. Er spielte, als wäre er allein im Raum,
als würde er nur für sich selbst spielen. Barpianisten aber
brauchen den Blickkontakt mit den Gästen, wie Pfl anzen
das Waser. Sein erloschener Blick schaute niemanden an.
Die müden Augen schweiften ohne Pause vom Klavier
über altrosafarbene Tapeten und Vorhänge hin und her,
wie Zierfi sche, die im Aquarium auf engem Raum ruhig
Der Barpianist
Flüchtige Nähe 4
hin- und herschwimmen, ohne jemals den Eindruck zu
erwecken, aus dieser kleinen Welt ausbrechen zu wollen.
Eine leise Wehmut überkam mich, als mir bewusst
wurde, dass die Zeiten endgültig vorbei sind, als die
Barpianisten jedem Eintretenden in die Augen schauten,
als alle Stammgäste mit ihnen befreundet sein wollten
und ihnen mehr offeriert wurde, als sie trinken konnten.
Ich erinnerte mich an ein dunkles Lokal in Bern. Der
Pianist war der Mittelpunkt einer immer vollbesetzten
Bar. Es gab noch keine Handys, durch die ihre Träger
bis in die intimsten Winkel verfolgt und erreicht werden
konnten. So verlief jeder Abend, ohne dass jemand
von außen gestört wurde, wie ein kleines Fest, an
dem man nur allzu gerne die Zeit vergaß. Der Pianist
spielte die Lieblingslieder der Stammgäste, erfüllte die
Wünsche der Zwischenrufer, erhöhte den Rhythmus
bei Neueintretenden, nickte ihnen wohlwollend zu und
machte seine Faxen, damit die Spender nicht sahen, wie
die offerierten, aber nur halbleer getrunkenen Gläser
vom Kellner diskret hinter das Buffet getragen wurden.
Ich glaube, dass damals ein Barpianist, der während des
Spiels alles übersah, über das Privatleben und die Affären
der Stammgäste bestens Bescheid wusste.
Ich winkte dem Barmann, als er sich von der Frau in Grün
löste, um den Italienern eine neue Runde zu bringen.
«Ja, bitte?», fragte er.

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