Titel

Flucht aus dem wilden Syrien

Leseprobe

Urheber
Emin Liebscher

Printbook / Ebook

Verlag
Verlag Kern / Verlag Kern
Bindung
Paperback
Seitenzahl / Dateigröße
208 / keine Angabe
Sprache 
Deutsch
Format
13,5 x 20 cm / keine Angabe
ISBN / ASIN
978-3-9442-2473-2 / 978-3-9442-2484-8
Preis
€ 15,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / € 11,90

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Piroz, der siebzehnjährige Kurde aus Syrien, hat gerade sein Abitur in der Fachrichtung Naturwissenschaften bestanden. Er begibt sich nach Damaskus, um an der Universität in Mezzeh französische Literatur zu studieren. Aufgrund seines Status als staatenloser Kurde und Ausländer der Provinz Al-Hassaka und dem von Geheimdienst unterstellten Verdacht, zu politischen Aktivitäten zu neigen, wird ihm das Studium verweigert. Durch seinen Komplizen Messoud lernt Piroz Beshir kennen, der ihm eine Möglichkeit zum Studium an der arabischen Universität in Beirut anbietet. Piroz ergreift die Chance und riskiert die illegale Reise in den Libanon. Dort herrscht Bürgerkrieg und jedes Gebiet wird von Milizen kontrolliert. Piroz stellt schnell fest, dass er belogen und betrogen wurde. Es bleibt ihm nichts anders übrig, als sich der neuen Situation anzupassen, aber mit dem Ziel, wieder ganz schnell nach Syrien zurückzukehren. Er wird in ein Trainingslager irgendwo im Osten Libanons
 gebracht, das zu einer kurdischen Bewegung gehört, die sich Harakat E Ssaeiqa (Brusk) nennt und die eng mit dem syrischen Außengeheimdienst und der sozialistisch-nationalen syrischen Partei im Libanon zusammenarbeitet, junge Kurden rekrutiert und dafür Geld kassiert. So vergehen etwa drei sehr lange und ereignisreiche Monate, bis ihm die Rückkehr nach Syrien irgendwie doch gelingt. In Syrien beginnt Piroz seine Flucht wieder von vorne zu planen, aber diesmal in Richtung Europa.


Leseprobe

Damaskus 1990
Als ich das erste Mal Arrak, Raki trank, war ich gerade
mal 18 Jahre alt. Dies geschah in einer Gegend von Damaskus,
Ruken Al Din, jener Gegend, die seit Jahrzehnten
überwiegend von Kurden bewohnt wird.
Ich folgte der Einladung eines Bekannten, um einige
oppositionelle Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft
und dem kulturellen Milieu kennenlernen zu können.
Wir waren eine Gruppe von Männern unterschiedlichen
Alters und ich war wohl der jüngste von ihnen. Ich hatte
vor Kurzem mein Abitur in der Fachrichtung Naturwissenschaften
mit einer durchschnittlichen Note bestanden
und dann die Reise ins Innere Syriens angetreten,
um das Land zu erforschen. Aus der Perspektive eines
jungen Mannes meines Alters, gierig nach Neuem und
mit dem Ziel, ein Studium der französischen Literatur
an der literarischen Fakultät in Mezzeh in Damaskus zu
beginnen.
Meine Vorliebe für die französische Sprache begann
schon früh, während der ersten Jahre meiner Schülerzeit
und ab dem siebten Schuljahr, als das erste Jahr am
Gymnasium anfing, hatte ich das Glück Französisch zu
lernen. (Damals konnte man in Syrien ab dem Gymnasium
entweder Englisch oder Französisch als Fremdsprache
wählen oder gewählt bekommen.). Mittlerweile
werden Fremdsprachen schon in der Grundschule un6
terrichtet und dadurch bekommt man den Eindruck,
dass sich zumindest auf dem Bildungsweg etwas getan
hat.
Mit dem gewählt bekommen meine ich, dass das Schulkomitee
(bestehend aus dem Schuldirektor, der Schulaufsicht
und einem Bezirksmitglied der regierenden
Baath-Partei und mit der Anwesenheit von jemandem
aus dem politischen Geheimdienstapparat) nach Lust
und Laune entscheidet, welcher Schüler, welche Fremdsprache
erlernen soll. Es ist nicht so wie in demokratischen
Ländern, wie bei uns in Deutschland oder in
anderen Ländern in Europa, dass man die Schüler nach
deren Talent und ihrer Leistung fördert oder sogar nach
Absprache mit den Eltern und den Schülern selbst.
Die Freude war so groß, dass ich oft nach Mezzeh fuhr,
um die Universität von außen einerseits zu beobachten
und anderseits, um einen Bekannten zu treffen, um
möglichst viele Informationen zu sammeln bzw. alles
zu erfahren. Die Immatrikulationszeit für das Studium
war auf eineinhalb Monate befristet. Ich ging mit
meinem Bruder, der damals in Damaskus arbeitete,
zur Uni um mich zu immatrikulieren. Als ich Wochen
später erfuhr, dass ich gar nicht zugelassen wurde, war
meine Freude dahin, waren meine Träume zerstört. Ich
war wütend, ich schlug um mich, schrie und zerbrach
Gegenstände, die in dem Zimmer waren. Gegen Abend
kamen mein Bruder Munis und seine Mitbewohner von
der Arbeit zurück und fanden das Zimmer zertrümmert.
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Er merkte, dass mit mir was nicht stimmte und vermutete,
dass es mit dem Studium zusammenhing.
Seit Monaten hatte ich ihn immer wieder mit meinem
Französisch genervt, mit Sätzen wie "Oui Monsieur,
je veux apprendre le français, je parle bien français"
und ich hatte mich schon immer daran erinnert, wie
mein Französischlehrer im neunten Schuljahr aus einem
französischen Roman (Les Misérables von Victor
Hugo), wenn ich mich recht erinnere, den Satz "Vite,
mon chien, suis ce lui et tue le" sprach. (Folge ihm,
mein Hund und töte ihn).
Munis war ein lieber, junger Mann, hatte schon mit
vierzehn Jahren heiraten müssen und er verließ die
Schule, um meinem Vater beim Erwirtschaften des Einkommens
zu helfen. Wir waren eine kurdische Familie
mit zehn Geschwistern und wir waren arm. Es ist wohl
in allen armen Familien üblich (zumindest in armen
Ländern wie Syrien), dass das älteste der Kinder sehr
früh die Verantwortung übernehmen muss, um mit dem
Vater für die Familie zu sorgen. Seitdem war Munis
häufig in Damaskus arbeiten.
Er kam zu mir und versuchte mich aufzumuntern, mich
zu beruhigen und mir wieder Mut zuzusprechen. Er
fragte: "Was ist los?"
Ich konnte nicht richtig antworten und blieb still.
Dann sagte er: "Du bist nicht angenommen worden,
oder?"
Ich schwieg weiter.
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Dann hörte ich, wie er sagte: "Lass uns morgen hinfahren
und fragen, warum du abgelehnt worden bist."
Ich sagte, das würde nichts bringen.
"Vielleicht hast du nicht die ausreichenden Noten dafür
bekommen!", entgegnete er.
"Hör mal, ich hab 27 von 30 Punkten in dem Fach erreicht."
"Hast du dich informiert was für einen Numerus clausus
du brauchst?", fragte er.
"Ja, mindestens 25."
"Hmm ." Er grübelte eine Weile, dann sagte er: "Wir
werden es bald wissen."
Die Nacht war sehr lang und schmerzlich, ich konnte
nicht schlafen. Mir gingen tausend Gedanken durch
den Kopf. Morgens gegen drei Uhr stand ich auf und
ging hinaus. Ich ging um den Block herum und fing an
zu laufen, konnte aber nicht mal eine Viertelstunde am
Stück laufen. Ich war sportlich eine Niete und hatte keine
Kondition. Es war das erste Mal, dass ich über Sport
nachdachte, vorher hatte ich nichts dafür getan. Ich
kam verschwitzt und erschöpft zurück und legte mich
ins Bett. Das Bett war eigentlich kein Bett, verdiente es
nicht mal "Bett" genannt zu werden. Es war eine dünne
Schaumstoff-Matratze ohne Kern und eine Decke. Morgens
taten mir alle Knochen weh.
Khalil (einer der drei Mitbewohner meines Bruders)
sprach mich an, ob ich in der Nacht Selbstgespräche geführt
hätte.

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