Titel

Erinnerung an Morgen

Leseprobe

Urheber
Alexandra Wirth

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
80
Sprache
Deutsch
Format
Din A5
ISBN
978-3-8370-7859-2
Preis
€ 9,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Ein Besuch im Morgen, das Heute im Reisegepäck.

Wir beobachten den bedauernswerten Herrn H., der sozusagen der Geist des Gestern, des Heute und des Morgen ist, erfahren warum die Welt im Jahr 2048 nur scheinbar friedlich ist, schütteln den Kopf über gedankenloses Forschertum. Wir zittern mit dem Journalisten Peter, der von den freundlichen Aliens Übles befürchtet, entdecken mit Selma, was sie eigentlich schon immer wusste und bewundern den aufrechten Johannes für seinen hartnäckigen Widerstand gegen die Gepflogenheiten seiner modernen Welt. Mit den Weltenwanderern beobachten wir die letzten Menschen in freier Wildbahn, mit Lilli entsetzen wir uns über eine moderne Medizin, die aus Menschen allzu brave Bürger macht. Doktor Linnemann erklärt uns, warum man Reisen in der Zeit wieder eingestellt hat, während Ki eine auf unserem Planeten gefangene außerirdische Seele ist. Zu guter Letzt dürfen wir uns mit Thomas, Svenja und Tim freuen, die durch außerordentliche Geschehnisse den Weg zurück in ihr Familienglück finden.

12 Sci-Fi Kurzgeschichten, die mit den Möglichkeiten des Morgen spielen und dabei das Heute nie vollständig aus dem Blick verlieren.


Leseprobe


Leblos

Missmutig strich sich Hartmann eine Strähne seines langsam ergrauenden Haares aus der Stirn und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel über dem Waschbecken.

"Sie scheinen ja gar nicht zu altern, mein lieber Herr Hartmann." hatte Kroth, der mit den übrigen Geschäftspartnern draußen am Tisch auf ihn wartete, vor einer halben Stunde bemerkt. Was ein Kompliment hatte sein sollen, trieb Hartmann vor den Spiegel der Herrentoilette des Restaurants. Im letzten halben Jahr hatte er derartige Bemerkungen ein wenig zu oft gehört.

Erneut prüfte Hartmann die Fältchen um die Augen und wieder machte ihn das Ergebnis dieser Prüfung nicht eben ruhiger. Es schien, als sei wieder einmal der Moment gekommen, alles, was ihm vertraut geworden war, zu verlassen. Hartmann, obwohl er engen zwischenmenschlichen Beziehungen so konsequent aus dem Weg ging, dass er selbst manchmal Mühe hatte, sich an seinen Vornamen zu erinnern, bedauerte das. Dennoch, das Risiko, dass man sein Geheimnis entdeckte, war zu groß.

Das Grau in seinen Haaren, ebenso wie die Fältchen und Falten in seinem Gesicht, waren das Resultat diverser kleiner Hilfsmittel, derer er sich bediente, um einen Alterungsprozess vorzutäuschen. In Wirklichkeit war er in den zwanzig Jahren, die er in seinem derzeitigen Umfeld verbracht hatte, nicht einen Tag gealtert. Ebenso wenig die rund 600 Jahre davor. Hartmann erinnerte sich an die Zeit zurück, als er bemerkt hatte, dass er anders war als andere Männer.

Er hatte damals als Kaufmann ein recht zufriedenes Leben gelebt, in bescheidenem Wohlstand, mit einer Frau an seiner Seite und Kindern. Zunächst hatte man ihn gesegnet genannt, weil er so gar nicht zu altern schien, aber als seine Jugend mit den Jahren allzu unnatürlich wurde, hatte es böse Zungen gegeben, die ihn mit dem Teufel im Bunde wähnten. Er hatte eines Nachts fliehen müssen. Die Kinder, mittlerweile schon erwachsen, und seine Frau, eine zu diesem Zeitpunkt bereits grauhaarige Matrone, hatte er zurück gelassen.

Von diesem Tag an begann für ihn ein Leben ohne Menschen, die ihm näher kommen  konnten. Er mied Freundschaften  und die wenigen Male, die er sich in eine Frau verliebte, hatte er seine Gefühle unterdrückt und den Wohnort gewechselt. Zu seinen Kaufmannszeiten war er ein gläubiger Mann gewesen und hatte Gott gedankt, dass er ihn so reich bedacht hatte mit Gesundheit und Wohlstand. Nach seiner Flucht hatte er Gott angeklagt und verflucht. Seinen Glauben verlor er mehr und mehr. Übrig blieb die tief in ihm verwurzelte Überzeugung, dass es einen Sinn für seine Absonderlichkeit geben müsse und dass es Teil eines ihm verborgenen Planes war. Das hinderte ihn daran, seinem freund- und freudlosen Leben ein Ende zu machen. Es musste einfach einen Sinn geben!

Die Tür des Waschraums öffnete sich und Kroth, der eben noch sein jugendliches Aussehen bewundert hatte, trat ein.

"Nun, Hartmann, sie haben es doch gar nicht nötig, ihre Falten im Spiegel zu begutachten. Nicht bei ihrer jugendlichen Ausstrahlung!" Er klopfte ihm auf die Schulter. "Verraten sie mir ihr Geheimnis und ich schwöre ihnen, wir werden es auf dem Kosmetikmarkt zu einem Renner machen."

Gekünstelt stimmte Hartmann in Kroths Lachen ein und begleitete den Geschäftspartner zurück an den Tisch, um den Abend zu einem möglichst raschen Abschluss zu bringen.

Eine Stunde später, wieder in seinem Appartement, begann er sein Verschwinden vorzubereiten. Er packte die Koffer, legte Spuren, die Neugierige zu der Vermutung bringen würden, dass er den plötzlichen Entschluss gefasst habe, auszusteigen. Mit den Jahrhunderten hatte er Routine in diesen Dingen entwickelt.

Telefonisch bestellte er ein Taxi. Um die Wartezeit zu überbrücken, blätterte er in einem der Fotoalben, in denen er die Leben seiner Nachkommen dokumentierte. Er hatte es sich in all den Jahrhunderten nicht nehmen lassen, sie im Auge zu behalten und er besaß neben den Fotoalben auch Filmaufnahmen. Ein Beobachter war er, ein Chronist der Leben anderer.

Ein Hupen vor der Tür. Das Taxi war da. Er packte das Album in eine seiner Taschen und verließ, ohne sich umzudrehen, die Wohnung, die so viele Jahre die seine gewesen war. Er sehnte sich nach Leben oder wenigstens dem Tod, nach irgend etwas, das mehr war als diese ewige Flucht und das Warten auf einen Sinn.

Im Vorübergehen warf er seine Visitenkarten in die Mülltonne. Kurz hielt er inne und fischte eine der blassblauen Karten wieder heraus. "Martin" sagte er zu sich selbst "stimmt, Martin war der Vorname..."
Mit einem Schulterzucken schnippte er die Karte wieder zu den anderen und setzte seinen Weg zum Taxi fort.

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