Titel

Ellin

Leseprobe

Urheber
Christine Millmann

Printbook / Ebook

Verlag
Drachenmond-Verlag / Drachenmond-Verlag
Bindung
Paperback
Seitenzahl / Dateigröße
390 / keine Angabe
Sprache 
Deutsch
Format
15 x 21 cm / keine Angabe
ISBN / ASIN
978-3-9319-89838-5 / keine Angabe
Preis
€ 14,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / € 9,90

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Seit Ellin als Einzige aus ihrer Familie einen räuberischen Überfall überlebt hat, muss sie ihren Lebensunterhalt als Leibdienerin des grausamen Lord Wolfhards bestreiten. Als Ellin sich ihm verweigert, prügelt er sie beinahe zu Tode.

Getrieben von einem unbändigen Überlebenswillen gelingt ihr die Flucht in die Wildnis, wo sie auf Kylian und seine Gefährten trifft, die sie aufnehmen und gesund pflegen. Doch ihre Retter sind mehr, als sie vorgeben zu sein, und auch Ellin hütet ein Geheimnis, das nur Lord Wolfhard kennt und das sie alle in Gefahr bringt.


Leseprobe

1

Der greise Mann stöhnte leise, während Ellin eine scharfriechende Kräutersalbe auf seinen Schultern verteilte. Josts Stimme war brüchig, vom Alter gezeichnet, genau wie sein Leib. Mit dem verkrümmten Rücken und dem zerfurchten, wettergegerbten Gesicht erinnerte er Ellin an einen morschen Baum, der splitterte und zerfiel, bis nichts mehr von ihm übrig blieb als ein faulender Stumpf.
Bis auf Josts Stöhnen und dem Regen, der schon seit Tagen unablässig gegen das Fenster trommelte, war es still in der Kammer. Von Zeit zu Zeit drang ein eisiger Hauch durch die Mauerritzen, fuhr in das Feuer und blies winzige Funken an die Decke, die dann als Ascheflocken auf den Steinboden rieselten.
Ellin warf einen prüfenden Blick hinaus. Der Himmel war düster und grau. Wolkenberge türmten sich über dem Hammerfels und verdunkelten die Sonnen. Die Zeit des Langen Regens begann früh in diesem Sternenlauf. Viel zu früh.
"Aah", Josts Schmerzenslaut schreckte sie aus ihren Gedanken.
"Verzeihung, ich war unachtsam", sagte sie und rieb vorsichtig über sein gerötetes Schultergelenk. Während des Langen Regens würde der alte Mann nicht der Einzige bleiben, der in ihre Kammer kam, um sich heilende Salben auf schmerzende und entzündete Glieder reiben oder einen Trunk gegen andauernde Müdigkeit, Halsweh oder Husten verabreichen zu lassen. Schon jetzt hatte Heiler Mathýs alle Hände voll zu tun und bat sie immer wieder um Hilfe.
Mit einem Seufzen beendete sie die Behandlung und wischte ihre Hände an einem sauberen Leintuch ab. "Ich bin fertig, Jost. Das sollte dir eine Weile Linderung verschaffen."
Der alte Mann straffte sich und quälte sich von dem Schemel. Sie griff unter seine Armbeuge, um ihn zu stützen.
"Ich danke dir." Er ächzte laut, während er langsam auf die dürren Beine kam. "Meine Glieder wollen einfach nicht mehr so, wie ich es will."
Ellin schenkte ihm ein Lächeln. "Wenn es schlimmer wird, dann geh zu Heiler Mathýs, er wird dir einen Trunk gegen die Schmerzen geben, damit du ruhen kannst."
Jost schüttelte den Kopf. "Ach Ellin, meine Tage sind gezählt. Ich möchte sie trotz meiner Schmerzen lieber im Wachen verbringen."
Ellin nickte verständnisvoll und führte ihn aus der Kammer. Anschließend wusch sie ihre Hände in der flachen Schale, um sie von dem Geruch der Salbe zu befreien. Ein weiterer Blick aus dem schmalen Fenster zeigte ihr, dass das Zwielicht des Tages langsam von der nächtlichen Schwärze verschlungen wurde. Höchste Zeit, in die Gemächer ihres Herrn zu eilen und ihre Arbeit zu verrichten, bevor sie die Rute zu spüren bekommen würde. Ihr Herr, Lord Wolfhard, war ein hartherziger und unerbittlicher Mann. Weder duldete er Fehler noch Schwäche und ahndete diese mit an Grausamkeit grenzender Strenge. Doch in letzter Zeit hatte sich zu dem Knoten in ihrem Bauch, der immer dann entstand, wenn es an der Zeit war, in Lord Wolfhards Gemächer zu gehen, auch eine unangenehme Beklommenheit gesellt. Vor wenigen Tagen erst hatte er sie mit der flachen Hand geschlagen anstatt mit der Rute, was höchst merkwürdig war. Normalerweise ließ sich ein herrschaftlicher Mann nicht dazu herab, das Gesinde mit der
 Hand zu strafen. Zudem beobachtete er sie bei allem, was sie tat. Selbst wenn sie ihm den Rücken zukehrte, spürte sie seine Blicke, die ihr in jeden Winkel der Kammer zu folgen schienen und ihr kalte Schauer über den Rücken jagten. Natürlich war sie weder einfältig noch naiv. Sie wusste genau, was zwischen Mann und Frau geschah. Und sie wusste auch, dass Lord Wolfhard keine Gefährtin hatte, sondern mit mannigfaltigen Liebschaften vorlieb nahm. Fast schien es so, als hätte er gar kein Interesse daran, eine Gefährtin zu wählen, als gefiele es ihm, sein Bett immer wieder mit einer anderen Frau zu teilen.
Ellin hatte nie erlebt, wie es war, wenn ein Mann eine Frau begehrte, doch die Art wie Lord Wolfhard sie musterte, wie eine edle Stute oder einen saftigen Braten, vermittelte ihr eine ziemlich genaue Vorstellung davon.
Eilig zog sie den braunen Kittel, das grob gewebte Hemd und die Strümpfe aus, und warf sich eines der cremefarbenen, knöchellangen Dienstkleider über. Gewissenhaft schnürte sie den bestickten Gürtel und die Bänder am Ausschnitt zu und glättete den Rock mit ihren Händen, denn auch fleckige oder nachlässig angezogene Kleidung erzürnte Lord Wolfhard.
Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel aus poliertem Vanadium zeigte ihr, dass sich eine vorwitzige Strähne aus dem Haarknoten gelöst hatte. Vorsichtig steckte sie die dunkelbraune Locke im Nacken fest und schlüpfte in den Gang hinaus. Ein feuchtkalter Luftzug ließ sie frösteln und sie beeilte sich, den düsteren Korridor so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Selbst bei schönem Wetter gelang es den Sonnen nur selten, die Kammern und Gänge der Felsenfestung zu wärmen und während der Zeit des Langen Regens nie.
Nervös nestelte sie an ihrem Gürtel herum. Der Knoten in ihrem Bauch schien heute besonders groß und eine unerklärliche, innere Unruhe hatte sie erfasst. Die Wachen vor Lord Wolfhards Tür blickten ihr grinsend entgegen. Wie immer hofften sie auf ein Lächeln oder ein freundliches Wort. Doch Ellin mochte es nicht, angestarrt zu werden und so huschte sie gesenkten Hauptes an den Männern vorbei, öffnete die schwere Holztür zu den Gemächern ihres Herrn und schlüpfte hinein. Sie fand sich in einer geräumigen, von Fackeln erhellten Kammer wieder, von der aus zwei weitere Türen jeweils in das Schlafgemach und in die Wohnstatt führten. Den Vorraum schmückte eine große Tischplatte, die auf den ausgestopften Beinen eines Bisotts ruhte. Die stämmigen Beine waren mit breiten Hufen und einem kurzen, schwarzen Fell versehen und verströmten noch immer den Geruch nach modrigem Laub. Anhand der unzähligen Trophäen an der Wand und den ausgestopften Tieren, war unschwer zu erkennen, dass Lord Wolfhard,
 wenn er nicht gerade Krieg führte, ein leidenschaftlicher Jäger war.
Beim Anblick der leblosen Kreaturen schauderte Ellin. Anfänglich hatten sie die entseelten Augen der Tiere bis in ihre kindlichen Träume verfolgt, hatten sie angeklagt mit ihrem jenseitigen Blick und ihr ewige Rache für ihren sinnlosen Tod geschworen. Doch mittlerweile erinnerte sie nur der immer wiederkehrende Schauder an ihre Abscheu.
Ihr Blick fiel in das Schlafgemach. Ein wärmendes Feuer prasselte im Kamin neben der Bettstatt. Lord Wolfhard saß auf einer gepolsterten Bank und blickte ihr entgegen. Einst war er ein Mann ganz nach vecktanischem Ideal gewesen: groß, rotbärtig, mit kräftigen Gliedern. Doch mittlerweile zogen sich graue Strähnen durch seinen Bart, die geröteten Augen wurden von tiefen Falten umrahmt und ein praller Wanst, das untrügliche Zeichen für Trunksucht und Völlerei, wölbte sich über seinen Gürtel. Der eigentümliche Ausdruck in seinem Gesicht, eine Mischung aus Selbstgefälligkeit und etwas, was sie nicht zu bestimmen vermochte, verstärkte ihre Beklommenheit. Überrascht stellte sie fest, dass er nur einen einfachen, Fell besetzten Überwurf trug. Die Luft um ihn herum flimmerte und schien sich auszudehnen, wie ein aufgeblähter Kadaver. Für einen Augenblick glaubte sie sogar, einen schwarzgrünen Schatten wahrzunehmen, der ihn wie eine zweite Haut umgab und aus seinem Inneren zu kommen schien. Wie
 eine vibrierende Mauer baute er sich vor ihr auf. Erschrocken hielt Ellin inne und blinzelte. Der Schatten war verschwunden.
"Da bist du ja endlich", brummte Lord Wolfhard.
Sie deutete eine Verbeugung an und machte sich daran, Wasser aus einer großen Kanne in die Waschschüssel zu gießen. Seine Blicke folgten ihr und trotz der Wärme, die das Feuer im Kamin verströmte, fröstelte sie.
"Wäre es nicht völlig ausreichend, wenn ich mich nackt in den Regen stelle? Dann müsstest du nicht diese schwere Kanne heben", sagte er plötzlich und grinste breit.
Dann mach es doch selbst, du aufgeblasener Kerl, dachte Ellin. Am liebsten hätte sie sich die Hand vor den Mund geschlagen wegen dieses ungehörigen Gedankens.
"Mein Herr könnte sich erkälten", sagte sie eifrig.
"Hältst du mich etwa für ein verweichlichtes Weib?", fragte er lauernd.
Ihr Herz begann zu pochen. Warum ließ er sie nicht einfach ihre Arbeit verrichten und beobachtete sie schweigend, wie er es sonst immer tat? Bei dieser Plänkelei konnte sie nur verlieren.
"Verzeiht, mein Herr. Ihr seid alles andere als verweichlicht, Eure Siege und Trophäen zeugen von Eurem Mut und Eurer Stärke, doch Eure Männer und das Gesinde bedürfen Eurer Führung. Ein kranker Lord gäbe Anlass zur Besorgnis. Nicht wenige wurden in letzter Zeit vom Röchelhusten dahingerafft. Der bringt den stärksten Mann zu Fall."
Lord Wolfhard lachte laut und klopfte sich auf die Schenkel. Ellin fuhr unter dem tiefen, dröhnenden Klang zusammen.
"Du findest immer die richtigen Worte, Ellin. Anscheinend habe ich dich gut gelehrt." Er starrte sie mit eigentümlicher Miene an und sie musste dem Impuls widerstehen, ihre Arme um sich zu schlingen, um ihre Rundungen zu verbergen. Lange Zeit war ihr Leib kindlich geblieben, hatte erst einen Sternenlauf zuvor angefangen, weibliche Formen zu bilden.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, winkte er sie zu sich heran. "Komm her!"
Gesenkten Hauptes stellte sie sich vor ihm hin. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus und sie musste den Drang niederkämpfen, zurückzuweichen. Er stützte die Hände auf die Oberschenkel, beugte sich vor und musterte sie eingehend. Obwohl er sie nicht berührte, fühlte sie sich missbraucht von diesem gierigen Blick, der wie klebriger Saft an ihrem Leib hing.
"Du hast dich verändert", stellte er fest.
Ellin hielt den Kopf gesenkt und schwieg.
"Aus dem mageren, unscheinbaren Geschöpf ist eine wohlgeformte Frau geworden", fuhr er fort. "Wie viele Sternenläufe hast du schon erlebt?"
"Siebzehn", wisperte sie.
Lord Wolfhard zog überrascht die Augenbrauen hoch. "Siebzehn? Da ist es ja an der Zeit, einen Gefährten zu wählen."
Sie zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht, Herr."
Nachdem, was sie bisher von den an einen Mann gebundenen Frauen gehört hatte, verspürte sie keinen Drang nach einem Gefährten.
"Du weißt es nicht? Spürst du nicht das Verlangen in dir?" Seine fleischige Zunge schob sich zwischen die Zähne und leckte an seiner Unterlippe. "Bist du denn noch unberührt?"
Schamesröte brannte auf ihren Wangen. Innerlich verfluchte sie den Tag, als ihr Körper beschlossen hatte, seine Kindlichkeit zu verlieren, gleichzeitig weckte sein unziemliches Gebaren ihren Zorn. Wie konnte er sich anmaßen, sie derart vertrauliche Dinge zu fragen? Dinge, die sie nicht einmal mit Affra besprechen würde, geschweige denn mit Lord Wolfhard.
Er streckte die schwieligen Hände aus und zog sie näher zu sich heran. "Sieh mich an!"
Ellin zwang sich, die Augenlider zu heben und seinen Blick zu erwidern.
"Du hast die Augen deiner Mutter", stellte er fest. "Blau wie eine Lobeliablume mit langen, dunklen Wimpern. Augen wie diese können das Blut eines jeden Mannes in Wallung bringen, weißt du das?"
Schnell senkte sie den Blick und ballte die Hände zu Fäusten. Weder wollte sie das Blut eines Mannes in Wallung bringen, noch in einem solch demütigenden Moment an ihre Mutter erinnert werden. Woher kannte Lord Wolfhard überhaupt die Augen ihrer Mutter?
"Warum zierst du dich? Antworte mir!" Seine Hände verweilten an ihrer Taille, die fast gänzlich in seinen Pranken verschwand. Die Hitze seiner Haut brannte sich durch den Stoff ihres Gewandes, versengte sie wie glühende Eisen. Ellin schüttelte den Kopf, ihr Leib fühlte sich plötzlich taub an und fremd. Sie wusste, was er von ihr wollte. Oh ja. Und wenn kein Wunder geschah, würde er es auch bekommen.
Ein leises Grunzen entstieg seiner Kehle, seine Lippen verzogen sich zu einem selbstzufriedenen Grinsen.
"Weißt du Ellin, der Lange Regen ist für einen Mann eine Zeit des Müßiggangs und der Langeweile. Eine Zeit, die er gerne mit einer fügsamen Geliebten an seiner Seite verbringt, die ihn trocken hält und warm."
Seine Hände wanderten über ihre Hüften bis hinunter zu ihrem Gesäß. Sie zitterte am ganzen Leib.
"Bitte nicht", wisperte sie.
Lord Wolfhard ignorierte ihr Flehen, umfasste stattdessen ihr Hinterteil und knetete es derb. Wieder zog er sie näher, sodass sie nun zwischen seinen kräftigen Schenkeln stand. Sein Umhang klaffte auseinander und offenbarte Dinge, die sie lieber nicht gesehen hätte. Schnell wandte sie den Blick ab. "Bitte, Lord Wolfhard, bitte lasst mich gehen. Ich muss die Schuhe bürsten und Eure Bettstatt richten."
"Das hat keine Eile", murmelte er, während er eine Hand zu ihrer Brust hinaufschob. Ein erschreckter Laut entfuhr ihr, als er sie umfasste und drückte, wie um zu prüfen, ob die Ware auch seinen Vorstellungen entsprach.
"Du hast die Rundungen genau an den richtigen Stellen", stellte er zufrieden fest.
Abscheu und Zorn kochten in Ellin hoch. Sie war doch keine Prasifrau, die er betatschen durfte, wann immer ihm danach war. Ohne nachzudenken, befreite sie sich aus seinem Griff und wich zurück. Zornig blitzte sie ihn an. "Nehmt Eure Finger von mir!"
Einen winzigen Augenblick lang schien er überrascht, dann verengten sich seine Augen. "Du wagst es, dich mir zu widersetzen?"
Sie schluckte trocken. Ihr Zorn wich einer schrecklichen Erkenntnis. Sie hatte sich ihrem Herrn verweigert. Lord Wolfhard duldete keine Widerrede, schon gar nicht von einer Dienerin.
"Komm her!", knurrte er. Seine Stimme ließ keinen Zweifel an der Wut, die in ihm brodelte.
Ellin schüttelte den Kopf, zögerlich, langsam, wohl wissend, dass ihre Weigerung eine Strafe unbekannten Ausmaßes nach sich ziehen würde. Sie starrte ihn an wie ein verängstigtes Tier, konnte nicht wegsehen, gefangen von seinem kaltherzigen Blick.
"Ich bin nur eine einfache Dienerin, mein Herr, und fürchte mich vor dem, was Männer begehren", wisperte sie.
Mit einer Schnelligkeit, die sie seinem massigen Leib kaum zugetraut hätte, sprang Lord Wolfhard auf und schlug ihr mit solcher Wucht ins Gesicht, dass ihr Kopf zur Seite flog. Sein Siegelring riss ihre Haut auf und hinterließ einen blutigen Striemen, der sich über die gesamte Länge ihrer Wange zog. Der unerwartete Schmerz trieb Tränen in ihre Augen.
"Du verfluchtes Weib, wie kannst du es wagen, mich abzuweisen?", brüllte er.
Spucketropfen flogen in ihr Gesicht. Ellin sank auf die Knie. "Verzeiht, mein Herr. Bitte, ich kann das nicht."
Er griff in ihre Haare und zerrte sie auf die Füße. Sein gerötetes Gesicht näherte sich dem ihren, so nah, dass sie einander fast berührten. "Du . kannst . das . nicht?", fragte er lauernd. "Wie kann das sein? Jedes Weib kann ihrem Herrn dienlich sein, dafür seid ihr ja schließlich geschaffen."
Mit einem Knurren ließ er sich auf die Bank fallen und zerrte sie bäuchlings auf seinen Schoß.
"Ich werde dich lehren, deinem Herrn zu gehorchen, Dienerin", sagte er kalt. Seine Gier nach ihrem Leib war verflogen und der Lust auf Bestrafung gewichen.
Ellin war von Sinnen vor Angst, ihr Herz schlug so schnell als wäre sie den steilen Weg zur Felsenfestung hinaufgerannt. Sie wusste, was jetzt kam und versuchte, sich gegen das Unvermeidliche zu wappnen. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er die Rute hinter der Bank hervorholte, und flehte die Götter an, ihr beizustehen. Schon sauste der biegsame Stab auf ihr Gesäß hinab, durchschnitt den feinen Stoff des Gewandes und bohrte sich in ihr Fleisch. Ellin schrie auf. Ein scharfer Schmerz zischte durch ihren Körper.
Angefeuert von ihren Tränen schlug Lord Wolfhard erneut zu, klatschte die Rute wieder und wieder auf ihren sich windenden Leib. Selbst als sie von seinen Knien rutschte und auf den Boden fiel, drosch er rücksichtslos weiter auf sie ein. Das Schlafgemach verschwamm vor ihren Augen, sein Keuchen und das Zischen der Rute war alles, was sie noch hörte. Ihr Leib stand in Flammen, schien nur noch aus Schmerz zu bestehen.
Um seinen Schlägen so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten, rollte sie sich zusammen und schützte ihr Gesicht mit den Armen. Hatte sie anfänglich noch geweint und ihn angefleht, sie zu verschonen, so drang mittlerweile nur noch ein Wimmern aus ihrer Kehle. Es schien ihr, als wollte er sie zu Tode prügeln. Etwas in ihr sehnte sich fast danach. Was hielt sie noch in diesem Leben? Alle, die sie einst geliebt hatte, waren tot, gemordet von einer Horde Gesetzloser. Warum sollte sie ihrer Familie nicht folgen, wo es doch nur dem Zufall zu verdanken gewesen war, dass sie überhaupt noch lebte?
Ihr Geist verließ ihren gefolterten Leib, verkroch sich an einen Ort irgendwo zwischen Lord Wolfhards Schlafgemach und den Gerstknollenfeldern ihrer Heimat. Irgendwann lag sie halb bewusstlos auf dem Teppich und wartete auf den Tod, während ihr das Blut über den Rücken rann. Das Zischen der Rute erstarb. Eine Faust packte sie am Ausschnitt ihres Kleides und zerrte sie auf die Füße. Ihre Beine knickten weg, wollten ihren Köpper nicht tragen. Lord Wolfhards Gesicht war nur noch eine verschwommene Scheibe, die vor ihren Augen tanzte, ihre Sinne drohten zu entgleiten.
"Das soll dir eine Lehre sein", hörte sie ihn sagen.
Er atmete schwer, wie nach einer großen Anstrengung. "Geh in deine Kammer. Ich werde dir den Heiler schicken, um deine Wunden zu verbinden. In fünf Nächten erwarte ich dich und dann bist du besser bereit! Falls nicht, werde ich dich von den Klippen werfen lassen."
Mit einer verächtlichen Bewegung stieß er sie von sich. Ellin stolperte rückwärts und stürzte. Wie aus weiter Ferne hörte sie, dass Lord Wolfhard jemanden herbeirief. Schritte näherten sich und wieder die Stimme ihres Herrn.
»Bring sie in ihre Kammer!«
Starke Hände schoben sich unter ihre Arme und halfen ihr auf, führten sie mit sanftem Druck aus Lord Wolfhards Gemächern. Unter glühenden Schmerzen stolperte sie den Korridor entlang. Das Gewand hing in Fetzen von ihrem Leib und entblößte mehr als es verbarg.
»Warum hast du dich ihm widersetzt, Mädchen?«, fragte eine mitleidige Stimme, die sie als einen der Wachmänner vor Lords Wolfhards Tür erkannte. Sie war zu schwach für eine Erwiderung. Die Welt erschien ihr wie ein feuriger Strom, der sie auf seinem kochenden Brodem trug.
Fast wäre sie zusammengesackt, als der Wachmann sie für einen Augenblick losließ, um die Tür zu ihrer Kammer zu öffnen. Doch im letzten Moment verhinderte er den Fall und schob sie zu ihrer Schlafstatt. Bäuchlings sank sie auf die Kissen. Die Bewusstlosigkeit griff nach ihr, hüllte ihre Sinne in gnädige Dunkelheit.

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