Titel

Dunkler Pfeifer

Leseprobe

Urheber
Marco Bergmann

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
124
Sprache
Deutsch
Format
k.A.
ISBN
978-3-8391-0104-9
Preis
€ 7,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet
www.marco-bergmann.de.tl

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Dunkler Pfeifer - Die bisher ungeschriebene Lebensgeschichte des "Rattenfängers von Hameln" 

Wer kennt nicht die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln?

Diese Sage gehört zu den beliebtesten Deutschlands und ist in vielen Ländern der Welt bekannt. 

Doch wer war der Fremde, der im Jahre 1284 Hameln von den Ratten befreite?

Was brachte diesen Menschen dazu die Hamelner Kinder zu entführen, nachdem man ihm den versprochenen Lohn für die Vertreibung der Ratten verwehrte?

Wie war das Leben des Rattenfängers und was geschah mit den Kindern? 

Dieses Buch erzählt nicht nur die Geschichte des Rattenfängers von Hameln, sondern erzählt die gesamte Lebensgeschichte dieser berühmten und nicht umsonst gefürchteten Sagengestalt.

Leseprobe

Auch wenn ich eher für Fachbücher über die Voodooreligion bekannt bin: Als Hamelner Autor ist es ja in gewisser Weise meine „Pflicht“ auch mal ein Buch mit Bezug auf meine Heimatstadt zu schreiben. Was wäre da nicht naheliegender, als die Geschichte des Rattenfängers? Diese Geschichte faszinierte mich als Kind schon sehr. Denn es ist eine tragische und düstere Geschichte voller Gier, Geiz und Rachegedanken. Wie dunkel muss das Leben des Rattenfängers gewesen sein, damit er es über das Herz bringen konnte, die Hamelner Kinder zu entführen? Und was geschah eigentlich mit den Kindern? Führten sie mit dem Rattenfänger ein schönes Leben in einem fernen Paradies (so wie es aus manchen Kinderbüchern zu entnehmen ist) oder war ihr Schicksal doch um einiges tragischer? Gedankengänge die mich schon als Kind beschäftigten. Dieses Buch soll die Geschichte des Rattenfängers passend zu ihrem 725. Jubiläum neu erzählen. Was war der Rattenfänger für ein Mensch? Wo kam er her? Wie war sein Leben? Wie sein Tod? Fragen, die ich
mit diesem Buch beantworten möchte. Eins kann ich an dieser Stelle schon verraten: Die hier beschriebene (Lebens-)Geschichte des Rattenfängers von Hameln ist alles andere als ein harmloses Kindermärchen!

Marco Bergmann (im Jahre 2009) 

Kapitel 1 – Die Geburt 

„Zu früh! Es ist zu früh!“ Meine Worte hallten durch das geöffnete Fenster hinaus in die Nacht. Der Vollmond schien direkt auf mein Bett. Im Mondlicht glänzte die schweißnasse Stirn von Pater Sterrenberg. „Es geht nicht anders, meine Liebe.“, sagte er zu mir mit einem bedrückten Unterton in der Stimme, „Wir müssen es jetzt holen, ansonsten wird es auch für Sie gefährlich.“ Womit hatte ich das nur verdient? Dieses Kind in mir dürfte gar nicht existieren. Es wurde ja auch gottlos gezeugt. Sieben Monaten zuvor ging ich in einer ebenso kalten Nacht des Jahres 1241 durch die Gassen unserer Heimatstadt Paderborn. Erst kürzlich wurde dieser Name als Stadtname festgelegt. Mir gefiel dieser Name sehr gut. In Gedanken versunken bemerkte ich nicht die dunkle Gestalt, die mich im Abstand einiger Schritte verfolgte. Die Straßen waren leer, was zu dieser späten Stunde auch kein Wunder war. Eigentlich hätte ich mit meinen 17 Jahren um diese Zeit gar nicht außer Haus sein dürfen. Doch zuhause war es einfach zu langweilig.

Meine Eltern wollten mich immer behüten und beschützen. Niemals durfte ich frei sein. Niemals die Dinge tun, dich ich tun wollte. Heute weiß ich, wie dumm ich damals war. Ich befand mich auf dem Heimweg und hatte es ziemlich eilig. Meine Eltern durften mein Verschwinden nämlich nicht bemerken. Das gäbe nur wieder unnötig Aufregung. Daher nahm ich wie üblich jede mögliche Abkürzung durch dunkle Seitengassen und Mauerritzen. Dies nutzte mein Verfolger allerdings schamlos aus. Er holte schnellen Schrittes auf und als ich ihn bemerkte, war es bereits zu spät. Er drückte mich gegen die feuchte Wand eines Hauses und hauchte mit einem fürchterlichen Mundgeruch in mein Gesicht: „Na, Kleine? So spät noch unterwegs? Du musst aufpassen! In solchen Gassen lungert Abschaum, der jungen Damen wie dir nicht gut tun würde. Lass mich dir zeigen wie man mit einer jungen Frau umgehen sollte.“ Mit diesen Worten stieß er mich zu Boden, zog seinen Gürtel aus und lies seine Hose herunter. Vor Entsetzen gelähmt kauerte ich mich auf den modrigen Boden, als mir auch schon die Kleider vom Leib gerissen wurden. Ich versuchte mich zu wehren, doch die Schmerzen die der Gürtel meines Peinigers in meinem Gesicht hinterlies, waren zuviel für mich. Ich konnte nicht mehr und musste diese grausame Demütigung über mich ergehen lassen. Die Schmerzen dieser lieblosen Vereinigung von Mann und Frau würden mir bis an mein Lebensende in Erinnerung bleiben. Als mein Peiniger endlich fertig war, lies er mich nackt in der scheußlichen Gasse zurück. Wie lange ich dort kauerte vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Ich weiß nur noch, dass es anfing zu regnen und dass ich irgendwann in der Lage war meine nassen Kleider anzuziehen, um mich auf den Heimweg zu machen. Zuhause hatte man meine Abwesenheit zum Glück nicht bemerkt. Ich ging auf mein Zimmer und legte mich in mein Bett. Ich starrte in die Leere und bekam die grausigen Bilder nicht mehr aus meinem Kopf. Es kam mir so vor, als hätte ich das ganze Ereignis nicht am eigenen Leib erlebt. Was geschehen war durfte niemals jemand erfahren. Doch die Veränderungen die mein Körper nach dieser Nacht machte waren leider eindeutig und ließen sich nicht lange verbergen: Ich war schwanger! Meine Eltern fragten mich mehrfach, wie es dazu kam, doch ich war nicht dazu imstande ihnen die Wahrheit zu sagen. Das Verhältnis zu meinen Eltern zerrüttete von Tag zu Tag. Sie konnten mir nicht verzeihen und hätten mich vermutlich auf die Straße geworfen, wenn mein Onkel sich meiner nicht angenommen hätte. Er kümmerte sich liebevoll um mich, doch auch ihm konnte ich die Wahrheit nicht sagen. Niemand wusste von meiner Vergewaltigung. Nicht einmal Pater Sterrenberg der mir nun bei meiner Niederkunft beistand. Mein Onkel erkrankte in der letzten Woche schwer, weshalb ich sein Haus verlassen musste und bei Pater Sterrenberg zum Schutze des Kindes und auch zum Wohle meiner eigenen Gesundheit eine Unterkunft fand. Dass das Kind so plötzlich das Licht der Welt erblicken wollte, hatte jedoch keiner von uns erwartet. „Sie müssen gleichmäßig atmen, meine Liebe.“, sprach Pater Sterrenberg mit gezwungen ruhiger Stimme. Sieben Monate waren viel zu früh, das wusste selbst ich. „Vater, wie stehen die Chancen dass das Kind gesund sein wird?“, fragte ich. „Ich mache mir ehrlich gesagt viel mehr Sorgen um Ihre Gesundheit. Das Kind wird mit ziemlicher Sicherheit die Geburt nicht überleben. Wichtig ist, dass Sie durchhalten und stark sind.“ Seine Worten weckten in mir eine gutbekannte Form von Angst. Mein Leben war in Gefahr! Das Leben des Kindes war mir – Gott möge mir verzeihen – egal. Denn es war ein ungewolltes Kind, gezeugt durch Schmerz und Sünde. Es hatte sein Leben nicht verdient. Es durfte einfach nicht sein. Doch diese Gedanken waren nicht von Dauer, denn schon wieder durchströmte mich ein fürchterlicher Schmerz. Das Kind war stark, soviel stand fest. Die Geburt dauerte sehr lange und die Schmerzen waren schier unerträglich. Doch bald hörte ich Pater Sterrenberg rufen: „Ich sehe es! Da kommt der Kopf! Sie müssen weiter pressen, meine Liebe!“
Und das tat ich auch. Ich presste und presste und endlich spürte ich, wie das Kind meinen Körper verließ. Stille..Pater Sterrenberg stand mit dem Rücken zu mir. Ich konnte nicht sehen, was er mit dem Kind tat. Es war mir auch völlig egal. Ich war am Leben, das genügte mir. Sollte er den kleinen Dämon von mir aus behalten und zu seinem Schöpfer schicken. Ich erwartete nur noch die Verkündung meines grausigen Verdachts. Doch was ich als nächstes hörte, lies mir das Blut in den Adern gefrieren. Das Kind fing an zu schreien. Pater Sterrenberg drehte sich um und hielt ein schreiendes in Tücher gewickeltes Knäuel im Arm. „Es ist ein Junge!“, verkündete er stolz, kam zu mir und legte mir das Knäuel auf die Brust. Ich konnte es nicht fassen. Dieses Kind lebte. Zwei Monate zu früh und es lebte? Es musste eine sehr starke Persönlichkeit haben. Ich konnte meine Neugier nicht mehr verleugnen und wagte einen Blick unter die Tücher. Und da sah es – nein ER – mich mit klaren blauen Augen an. Er war so hübsch.

Dieser Junge war das hübscheste Kind, das ich je gesehen hatte. Er hatte meine blauen Augen und meine blonden Haare. Keinerlei Ähnlichkeit zu seinem Monster von Vater. In diesem Augenblick überkam es mich und ich brach in Tränen aus. „Danke Vater. Ich bin so froh, dass er am Leben ist.“ Pater Sterrenberg antwortete: „Er braucht noch einen Namen.“ Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ich hätte nie erwartet, dass mein Kind die Geburt überleben würde. Als ich meine Gefühle wieder halbwegs unter Kontrolle hatte antwortete ich: „Andreas! Er soll den Namen Andreas tragen.“ „Dann soll es so sein.“, erwiderte Pater Sterrenberg und taufte meinen Sohn auf den Namen „Andreas“. Zwei Wochen später, Andreas und ich befanden uns noch immer in der Obhut von Pater Sterrenberg, ereilte mich eine schreckliche Nachricht. Mein Onkel – der einzige Mensch, bei dem ich Zuflucht gefunden hatte – hatte den Kampf gegen seine schwere Krankheit verloren. Ein neues Leben hatte begonnen; ein altes Leben war genommen. Die Trauer über diesen Verlust hielt mich sehr lange davon ab mir mein eigenes Leben aufzubauen. Außerdem musste ich mich um Andreas kümmern. Pater Sterrenberg bot mir an, Andreas und mich bei sich aufzunehmen, sofern ich mich um den Haushalt kümmern und der Junge ihn in einigen Jahren als Ministrant helfen würde. Ich war einverstanden. Andreas wuchs und wuchs. Er war bei seiner Geburt nicht so klein und schwach wie ich es erwartet hatte. Auch wenn er zwei Monate zu früh das Licht der Welt erblickte, er machte den Eindruck als wären die sieben Monate in meinem Leib genug Zeit für ihn gewesen. Es war ein Wunder, dass er mein Leben so bereichern konnte. Ich pflegte ihn so liebevoll wie ich nur konnte. Ab und zu kam die Erinnerung an die Gedanken, die ich am Tage seiner Geburt, genau genommen die gesamte Schwangerschaft über hatte, in mir hoch. Ich verdrängte die ganze Zeit über das neue Leben in mir und wünschte mir bis zu dem Augenblick, als ich in seine Augen sah, dass der Teufel persönlich dieses Kind holen würde. Doch diese dunkle Zeiten waren vorbei. Ich liebte Andreas und vergaß schnell die Umstände seiner Zeugung. Jedenfalls dachte ich dies bis zu einem Zwischenfall zwei Jahre nach seiner Geburt...

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