Titel

Drei Wege - ein Ziel - Überleben

Leseprobe

Urheber
Barbara Kohout

Verlag
Novum Eco Verlag
Bindung
Paperback
Seitenzahl
320
Sprache
Deutsch
Format
21,5 x 13,5 cm
ISBN
978-3-8525-1801-54
Preis
€ 21,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet
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Maria Theresia, Kaiserin von Österreich, lockt Siedler in ihr Land zwischen Donau und Theis.
 Die Vorfahren der Protagonistin folgen den verlockenden Versprechungen.
Sie trotzen den Unbilden des Wetters, der Reise, Hunger durch Missernten, Seuchen und Krankheiten. Die Überlebenden gelangen zu Wohlstand und Ansehen.
Der erste Weltkrieg mischt die Karten neu. 

Die Welt-Wirtschafts-Krise, neue politische Grenzen. Freunde verschiedener Nationalitäten werden plötzlich zu Feinden erklärt.
Mut, Fleiß und Gottvertrauen verhindern Resignation. Doch der zweite Weltkrieg zwingt sie schließlich doch unter Lebensgefahr den Weg zurück in die alte Heimat anzutreten. 

Sie überleben mit letzter Kraft. Als Flüchtlinge entwurzelt, mittellos und verachtet bedeuten diese traumatischen Erfahrungen, dass sie unter den Einfluss der Heilsversprechungen der Bibelforscher oder Zeugen Jehovas geraten. 

Diese bestimmen ihr zukünftiges Leben. Aber durch alle Epochen beschreibt die Autorin die Rolle der Kirche oder Religion. Zunächst ist diese allein verantwortlich für Bildung und Kultur. Nach der Trennung von Kirche und Staat bleibt der Einfluss auf Ehe und Familie. Dieser wird brüchig durch die Katastrophen des 1. Weltkrieges. Ab diesem Zeitpunkt zeigt es sich immer deutlicher, dass es stets zwei mögliche Entscheidungen gibt... 

Dieser dritte Weg – Überleben mit der Religion – soll ein mahnendes Beispiel sein, wie leicht man Menschen in Ausnahmesituationen – Flüchtlinge, Asylbewerber, Emigranten, Katastrophenopfer und so weiter – durch bloße Versprechungen dazu bringen kann, sich extremen Gruppen an zu schließen

Leseprobe

  Kapitel 1

Die Colonis

Verschlafen schlurft meine Mutter in die Küche. Ihre nackten Füße stecken in Holzpantoffeln, die sie mit Maisstroh ausgefüttert hat damit sie nicht so kalt sind. Das weiße Flanell Nachthemd reicht hinten fast bis auf den Boden. Vorne ist es aber ein ganzes Stück kürzer. Ihr Bauch braucht viel Platz. Es ist erst 5 Uhr morgens und noch völlig dunkel und kalt. Doch prasselt kein Regen mehr an die Scheiben und der Wind hat auch etwas nach gelassen. Sie zündet die Petroleum Lampe an und stellt sie wieder auf das Wandbord, das mein Vater extra für die Lampe gemacht hat. Plötzlich hält sie die Luft an und umfasst mit beiden Händen ihren dicken Bauch. „Nicht morgen“ denkt sie an die Worte, die ihre Mutter gestern Abend beim Abschied sagte. Das Baby soll nicht am 13. geboren werden. Das bringt Unglück, behauptet meine Großmutter. Der leicht ziehende Schmerz dauert nur wenige Sekunden und war schon wieder vorüber. Vielleicht hat er auch nichts zu bedeuten, beruhigt sich meine Mutter. Ich weiß natürlich, dass ich genau an diesem 13. November 1938 geboren werden wollte.

Meine Mutter geht an den Küchenherd und beginnt mit dem Flederwisch - einem Handbesen aus Gänseflügel - das Ofenloch gründlich von der Asche und den Schlacken des Vortrages zu reinigen. Sie zerknüllt etwas Zeitungspapier und legt Kienspäne und Maisstängel darauf. Dann zündet sie das Feuer an. Es brennt und knistert und gibt ihr sofort das Gefühl von Wärme und Wohlbehagen.

Rasch füllt sie noch den Wassertank des Küchenherdes auf und stellt die Milch für das Frühstück in die Mitte der Herdplatte. Damit sie schnell warm wird hat sie den mittleren Ring weggenommen. Der Milchtopf steht jetzt direkt über der Flamme. Es wird nur wenige Augenblicke dauern bis die Milch heiß ist. Schnell bringt Mutti noch die Asche hinaus auf den Komposthaufen.

Während sie Brot, Speck und einiges von dem frisch Geschlachteten für das Frühstück auf den Tisch räumt, gehen ihr die Ereignisse des vergangenen Abends wieder durch den Kopf. Wir waren bei meinen Großeltern zum Nachtmahl. Seit der Hochzeit meiner Eltern gehen wir regelmäßig einmal in der Woche zum „moje“ - wie man bei uns sagt.

Meine Großeltern waren sehr aufgewühlt. Opa hat in seinem Herrensalon mehrere Zeitungen und Wochenblätter ausliegen. Die Kundschaft nützt die Wartezeit gerne um darin zu blättern. Gestern nun war ein Bericht über Ereignisse vom 9. November in einigen Städten des Deutschen Reiches das bedrückende Gesprächsthema. In dieser schrecklichen Nacht hatte man in Berlin, München und anderen großen Städten die Geschäfte von Juden zerstört, geplündert oder angezündet und zehntausende Juden verhaftet.

Die Wochenzeitung „Die Donau“, warnt schon seit Längerer Zeit vor dem immer stärker werdenden Nationalsozialismus. Kunden von meinem Großvater, die Juden sind, äußern sich sehr besorgt darüber, was wohl geschehen wird, wenn diese Ideologie auch andere Länder erfasst. Bei uns konnte man ja bereits den starken Einfluss spüren, der sich in den Aktivitäten des Kulturbundes zeigte. Zeitungen die der Nationalsozialistischen Idee nahe standen, priesen diese Versprechungen.

Meine Mutter seufzte. In was für eine Welt wird unser Kind hineingeboren, dachte sie bei sich. Werden wir ähnliches erleben müssen, wie meine Eltern. Sie haben sich kaum von allem Leid erholt, das ihnen vor gerade mal zwei Jahrzehnten widerfahren ist.

Meine Mutter wird aus ihren Gedanken gerissen, als mein Vater in die Küche kommt. „Guten Morgen mein Herz“ sagt er und umarmt sie. Sie setzen sich an den Küchentisch. Er war noch blitzblank und neu, das letzte Stück, das mein Vater für ihren jungen Hausstand geschreinert hatte. Mutter nimmt den großen Laib Brot, den sie am Vortag gebacken hat. Sie macht mit dem großen Brotmesser drei Kreuze auf die Unterseite und schneidet drei kräftige Scheiben davon ab. Beide lassen sich das Frühstück schmecken. „Wie geht es dir heute?“ fragt mein Vater. „Ich habe wenig geschlafen, aber sonst geht es mir gut. Ich fühle mich wohl“ antwortet meine Mutter. Vater ist zufrieden. „Du sollst aber kein Wasser und Brennholz hereinschleppen. Warte bis deine Schwester kommt und lass dir helfen“ schärft er ihr noch ein. Dann macht er sich auf den Weg zur Arbeit.

Meine Mutter begleitet ihn vor die Haustüre. Sie zieht ihr schwarzes Dreiecktuch fester um ihre Schultern und sieht ihm nach bis sie das Rücklicht seines Fahrrades nur noch ganz schwach durch den Nebel erkennen kann. Plötzlich ist dieses Ziehen wieder in ihrem Leib zu spüren. Einen Moment bereut sie es jetzt, dass sie ihrem Mann vorhin nichts davon gesagt hat. Aber dann schiebt sie ängstliche Zweifel energisch beiseite und macht sich an ihre Hausarbeit.

Ich weiß, dass sie sich richtig entschieden hat. Denn bis zu meiner Geburt werden noch viele Stunden vergehen. Doch vorher will ich meine Familie vorstellen und erzählen wieso ich in dieser kleinen Siedler Kate in der Ersten Kreuzgasse 4 in Stanischitsch geboren werde. Meine Ahnen stammen aus Schwaben, dem Elsas und Ungarn. Wie sich meine Eltern schließlich hier getroffen haben, das ist eine spannende Geschichte und hat direkt mit den politischen Ereignissen in Europa zu tun. Aber ich will lieber der Reihe nach erzählen.

Mein Geburtsort Stanischitsch liegt in der ehemaligen Vojvodina, im so genannten Bajaer Dreieck. Es ist südliches Grenzgebiet zwischen Ungarn und dem heutigen Serbien zwischen Donau und Theiß. Zur damaligen Zeit sagte man: „Im Habsburger Reich geht die Sonne niemals unter.“ Während der vergangenen Jahrhunderte tobten in dieser Region Machtkämpfe und kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Slawen, Türken, Ungarn und Deutschen. Seuchen und Hungersnöte im Gefolge taten ein Übriges um das Land zu entvölkern. Es war die Zeit der Kriege, Feldzüge, Schlachten, Intrigen, des Blutvergießens, religiöser Verfolgungen, Reformation, Gegenreformation, Unduldsamkeit, Verschwendungssucht und Ausschweifung der Feudalherren und Ausbeutung und Unterdrückung der Armen und Leibeigenen.

Als im Jahre 1713 die junge Habsburgerin Maria Theresia zur Thronfolgerin Karls VI ernannt wurde war das ganze Gebiet ein dünn besiedeltes Brachland. Es wurde hauptsächlich als Weideland für die staatlichen Kriegspferde genutzt.

Maria Theresia hatte ehrgeizige Pläne. Sie wollte ihre Besitzungen gewinnbringend verwalten. Dazu brauchte sie tüchtige Bauern für die Besiedelung. Sie musste ihre Staatsgrenzen aber auch gegen feindliche Übergriffe schützen. Dafür brauchte sie tüchtige und zuverlässige junge Männer als Soldaten. Im Vertrag von Belgrad von 1739 konnte Maria Theresia für dieses Gebiet endgültig den Frieden sichern. Es war nun fester Bestandteil der Österreichisch-ungarischen Monarchie. Franz Stephan von Lothringen, Maria Theresias Gemahl, wurde 1745 deutscher Kaiser.

Das Bajaer Dreieck unterstellte die Monarchin der Somborer Militärschranze. Sie bestimmte dass die Amtssprache fortan Deutsch sei.

Am 20. März 1763 erließ Maria Theresia ein Edikt zur Besiedelung dieser Besitzungen in dem sie ihre Absicht erklärt ‚die „ fundi contributionalis“ zu vermehren und Rekruten zu erlangen. Daher sind „deytsche Colonisten katholischen Glaubens“ zu bevorzugen. Gegen „Raitzisches“ (Serbische Einwohner) Volk bestehen Bedenken’.

Solche Anordnungen öffneten aber Tür und Tor zu Willkür, Ausbeutung, Unterdrückung und Diskriminierung der serbischen Siedler, die 1763 bereits begonnen hatten, in Stanischitsch sesshaft zu werden. Es waren Vertriebene aus den Gebieten Barasca und Dantovo. Dort wollten die Ungarn - ehemals Freunde und Verbündete - nun selbst siedeln. Die Serben bauten westlich der Hauptstraße in Stanischitsch ihre Häuser, weil es dort genügend Wasser für ihre Brunnen und Schilfrohr zum Dachdecken gab. Es war ein Moorgebiet mit Wasserläufen und Fischgründen.

Die Serben bauten die ersten Straßen des Ortes. Die „Große Gasse“, die nach der Kreisstadt Sombor führte. Außerdem entstand die „Königin Maria“ Gasse, die „Kleine Gasse“ und die „Serbengasse“.

In der „Großen Gasse“ bauten sie das Gemeindehaus und eine kleine, niedrige Bretterkirche, die mit einem Rohrdach gedeckt war. Neben der Kirche war die Schule. Im Jahr 1768 lebten bereits 88 serbische Familien in Stanischitsch. Es war ein typisches kleines Siedlerdorf mit kleinen Häuschen, deren Wände aus Lehm gestampft waren und die Dächer waren alle mit Schilfrohr gedeckt.

Bereits 1765 hatte Maria Theresia ihren Sohn Franz II. Joseph zum Mitregenten ernannt. Er intensivierte die Bemühungen seiner Mutter die Siedlungspolitik voran zu treiben. Durch eine Reihe von Modernisierungen in der Verwaltung schaffte er Fortschritt und mehr Freiheit. Er schaffte die Leibeigenschaft ab. Er setzte die Unabhängigkeit der Krone von der katholischen Kirche durch. Unter seiner Regentschaft wurden auch Protestanten als Siedler zugelassen. Das löste schließlich eine zweite Welle des Siedlerzustroms aus. Im Verlauf dieser wurden teilweise rein protestantische Ortschaften gegründet. Wie ich später noch erzählen werde, sollte sich das auch auf meine Familie auswirken. Ein großer Fortschritt bedeutete die nominelle Abschaffung der Folter und die Abmilderung der Zensur. Es wurden vermehrt Schulen und Krankenhäuser gebaut. Handel und Gewerbe wurden gefördert und konnten sich frei entfalten.

Doch mit einer Verordnung zog sich die Krone offene Feindschaft des Adels zu. Es wurde die allgemeine Grundsteuerpflicht auch für den Adel eingeführt. Dieser wollte natürlich seine Pfründe nicht preisgeben. Das führte zum Verlust der Krone für Joseph II. Aber die Zeit der Veränderungen war nicht wirklich aufzuhalten.

Die kleine Bretterkirche, der Bratoslawen von Stanischitsch hielt der Feuchtigkeit aus dem sumpfigen Untergrund nicht lange stand. So begannen die Dorfbewohner 1792 mit dem Bau einer neuen, größeren Kirche die 1806 fertig gestellt wurde. Man finanzierte den Bau durch die Erhebung von Kirchensteuer. Jede serbisch-orthodoxe Familie musste 255 Forint jährlich beitragen. Aber niemand beschwerte sich darüber. Die ganze Gemeinde war sehr stolz, dass man das Gotteshaus an dem Schönsten Platz in Stanischitsch erbaut hatte.

Die Menschen identifizierten sich mit ihrem Dorf. Es war ihre neue Heimat. Das Leben verlief wieder gemäß ihren alten Traditionen. Man tat seine Arbeit. Man feierte die Feste des Jahres und der Familie und war glücklich und zufrieden, weil man seine persönlichen Bedürfnisse befriedigen konnte. Das serbische Volk hatte keine Ambitionen nach Reichtum und Vermögen zu streben.

Zunächst beachtete niemand die drohenden, dunklen Wolken am politischen Himmel. Aber die Veränderungen hatten bereits mit der Regentschaft der Habsburgerin ihren Anfang genommen.

In dieser Zeit der Spannungen und sozialen Umbrüchen hörte der Ur-Ur-Ur Großvater meines Großvaters den verlockenden Ruf, der Enge und den

begrenzten Möglichkeiten in der Heimat zu entkommen und in der Ferne ein neues Leben zu beginnen. Er ließ sich anwerben und fand sich bei einem der vorgesehenen Sammelplätze ein. Er kam aus dem schwäbischen und musste entweder nach Ulm oder Regensburg um mit einer der Ulmer Schachteln auf der Donau bis Österreich verschifft zu werden.

Bis die Züge zusammengestellt waren, konnten zermürbende Wochen vergehen. Für Ledige gab es eine Extrahürde, denn man bewilligte den Transport bevorzugt für Verheiratete. Deshalb gab es eine ganze Anzahl Kurzentschlossener, die sich noch in Regensburg trauen ließen.

Bei diesen Paaren war auch ein Scherenschleifer mit Namen Georg Wiesner. Da es für ihn keine besonderen Bewilligungsgründe gab, wollte man ihm die Umsiedlung nicht erlauben. Erst als er mit seiner Frau Katharina den Antrag stellte, bekam er die Siedlungserlaubnis und wurde schließlich in Wien dem Treck nach Tscherwenka zugeteilt weil er protestantischen Glaubens war. Die Umsiedler wurden in insgesamt 3 Schwabenzügen gesammelt und in den Osten des Reiches verbracht.

In Regensburg hat man im Gedenken an die damaligen Emigranten Gedenktafeln in der Nähe der Steinernen Brücke angebracht.

Gedenktafeln für die insgesamt 3 Schwabenzüge mit den Ulmer Schachteln.

Die Inschrift lautet zum Beispiel: „2. Schwabenzug: 1753-73 – unter Maria Theresia. 3. Schwabenzug 1782-87 unter Josef II. Als Folge der Katastrophe des 2. Weltkrieges kam ein Großteil der Donauschwaben als Vertriebene und Aussiedler in das Land ihrer Vorfahren zurück.

Die Reise dauerte mehrere Wochen. Die Menschen waren den Unbilden des Wetters wie Hitze und Regen, der drangvollen Enge auf den Schiffen, der mangelnden Hygiene und dem Mangel an Nahrungsmitteln ausgeliefert. Diese Strapazen schwächten viele. Vor allem Frauen und Kinder litten unter den Verhältnissen. Aber auch die Willkür der Behörden war eine große Belastung. Man musste oft mehrere Wochen warten bis eine Entscheidung getroffen wurde, für welches der verschiedenen Siedlungsgebiete man die Zuteilung erhielt. Mancher, der sich in der Heimat als Aussiedler nach Ungarn abgemeldet hatte, landete in der Ukraine. Damals wurde auch Wiesenberg gegründet und Lemberg wurde die drittgrößte Stadt der Österreich-Ungarischen Monarchie.

Doch mein Vorfahre überstand die Reise und landete schließlich mit einem Tross Gleichgesinnter in dem Dorf Stanischitsch das damals noch Örszállás hieß mit seinen 88 Häusern in denen neugierige, aber nicht unfreundliche Menschen wohnten, deren Sprache und Lebensart sie nicht verstanden.

Inzwischen war es Spätherbst. Für den Bau von winterfesten Häusern war es zu spät. Die Neubürger wurden aus diesem Grund für den ersten Winter in den umliegenden „Hodschags“ - das waren dörfliche Ansiedlungen - bei den Bauern einquartiert. Die Gastgeber bekamen für jeden Übernachtungsgast einen Kreuzer, den so genannten Schlafkreuzer. Je mehr Menschen in einer winzigen Notunterkunft verstaut wurden, desto mehr Kreuzer.

Dieser erste Winter war für viele der Ankömmlinge eine harte Prüfung. Die Unterkünfte waren kalt, feucht, eng und ungesund. Manchen kostete dies das Leben. Andere waren für den Rest ihres vielleicht nur noch kurzen Lebens krank. Vor allem jene, die durch die lange, anstrengende Reise bereits gesundheitlich geschwächt waren. Im ersten Winter gab es gewöhnlich viele Tote zu beklagen. Besonders Mütter und kleine Kinder fielen Infektionskrankheiten wie Lungenentzündung, Keuchhusten, Diphtherie, Masern oder der Ruhr zum Opfer.

Aus den Eintragungen der Matrikelbücher geht hervor, dass in den ersten Jahrzehnten der Ansiedlung die Säuglingssterblichkeit so hoch war, dass es Brauch wurde, wenn ein Kind die ersten Lebensmonate nicht überlebte, dem nächstgeborenen wieder den Namen des verstorbenen zu geben. Es galt der Glaube, Gott hat das tote Kind durch eine neue Geburt zurückgegeben.

Die serbische Bevölkerung hatte nichts dagegen, dass es immer wieder neue Siedler gab. Es war ja genug Land da für alle. Sie kümmerten sich um ihre Viehherden und da man verschiedene Sprachen sprach, gab es kaum Kontakte. Am Abend in den Wirtsstuben gab es oft spöttische Bemerkungen über seltsame Gewohnheiten der Fremden und auch über ihren unermüdlichen Schaffensdrang. Manche bewunderten aber auch den Fleiß und das Geschick der Neubürger.

Viel seltsamer erschien die Tätigkeit der so genannten Landvermesser. Sie zogen monatelang durch die Gemarkungen und machten ihre Aufzeichnungen. Was wollte die Obrigkeit nur mit all diesen Messungen erreichen? Wozu sollten die neuen Kammeralmappen gut sein? Da man keine einleuchtende Erklärung fand, ließ man die Sache einfach auf sich beruhen und kümmerte sich nicht mehr weiter darum.

Sie wussten ja nichts davon, dass Maria Theresia mit dem Erfolg ihrer Aufrufe zur Besiedelung des Gebietes zwischen Donau und Theiß nicht zufrieden war. Nachdem sie ihren Sohn Franz II. Joseph zum Mitregenten eingesetzt hatte, verfügte dieser zunächst die Einrichtung eines Katasteramtes, das mit der Führung der Kammeralmappen betraut wurde und die Voraussetzung dafür schuf, dass das gesamte Gebiet vermessen werden konnte. Jeder Siedler bekam nun seine Landzuteilung mit einer Besitzurkunde, die im Katasteramt registriert war. Seit dieser Zeit gibt es die genauen Aufzeichnungen über die Grundbesitzverhältnisse.

Herr Redl, der den Auftrag zur Landvermessung erhielt, machte seine Arbeit so gründlich und zur Zufriedenheit der kaiserlichen Hoheiten, dass er für seine Verdienste in den Adelsstand erhoben wurde und 1797 für dieses Gebiet zum Verwaltungsbeamten ernannt wurde.

Im Jahre 1800 erhielt Baron Redl von Rottenhausen Stanischitsch und seine Gemarkung als Donat (Geschenk oder Gunsterweisung) übereignet. Mit diesem Grundbesitz waren Pflichten und Lasten verbunden. Neben der Grundsteuer für die Obrigkeit musste der „Patronius“ für die religiösen Belange der Untertanen die Verantwortung übernehmen. Die Seelsorger waren vom „Patronius“ und den „Colonis“ zu unterhalten.

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