Titel

Diese und andere Wirklichkeiten

Leseprobe

Urheber
Ina Pulsatilla

Verlag
tredition Verlag
Bindung
Paperback
Seitenzahl
92
Sprache
Deutsch
Format
Din A5
ISBN
978-3-8685-0118-6
Preis
€ 8,49 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Die Kurzgeschichten erzählen von Ereignissen, die manches Mal eine ungewöhnliche Wendung nehmen;
manches Mal wird auch eine Tür in eine andere Wirklichkeit geöffnet. 

Erfindungen,
Erfahrungsreisen,
Zwischenwelten,
Begegnungen mit Geistern,
mysteriöse Phänomene
und sonstige Eskapaden

geben Einblicke in die Seele der Menschen.

Leseprobe

Vivians Reise in die Zwischenwelt 

1. Kapitel:
Zu Hause Vorbei sind die Zeiten, als Vivian sich noch klein und hilflos fühlte, ausgeliefert der Macht ihres Vaters. Seit sie von einer wundersamen Reise zurückkehrte. Obwohl sie danach noch einige Jahre die Füße unter Papas Tisch stellen musste, schaffte sie es endlich, sich selbst zu behaupten. 

Am Tag der ungewöhnlichen Reise hatte sie mal wieder einen Streit mit ihrem Vater. Da es heiß draußen war, trug sie eine kurze Hose, die ursprünglich, bevor sie sie abgeschnitten hatte, eine lange blaue Jeanshose war. 

Als sie so am Frühstückstisch erschien, war seine Begrüßung: Wie siehst du denn aus?
Er schüttelte missbilligend seinen Kopf und wandte sich ihrer Mutter zu. Sie schaut aus wie ein Junge, aber leider ist sie keiner.
Geh dich umziehen! befahl er. Oder willst du wirklich wie ein Bauerntrampel herum rennen? Man muss sich schon genug für dich schämen 

Vivian kämpfte mit den Tränen, denn sie wusste, für ihn wäre es ein Zeichen von Schwäche, wenn sie anfinge zu weinen.
Sie ging in ihr Zimmer zurück und stand nachdenklich vor ihrem Kleiderschrank. Was würde ihm wohl gefallen? Sie wählte eine lange dünne Hose, obwohl sie wusste, dass ihr Vater sie viel lieber in einem Rock oder Kleid gesehen hätte. Aber seine lüsternen Blicke wollte und konnte sie nicht ertragen.
Kaum hatte sie die Hose angezogen kam ihre Mutter herein. Hast du es bald? Papa wird schon ungeduldig! Er ist so gemein zu mir! sagte Vivian in der Hoffnung, ein wenig Trost von ihr zu bekommen. 

Du musst ihn ja auch immer provozieren. Er meint es ja nur gut mit dir, erwiderte sie stattdessen. Wenn sie wüsste, wie gut, dachte Vivian, oder wusste sie es möglicherweise?
Während dem Frühstück meinte ihr Vater: Wie kann man nur so viel Toast mit Marmelade essen wie du, da ist es ja klar, woher du deine Pickel hast. Als nächstes isst du ein Schwarzbrot mit Käse! 

Sie wagte nicht zu widersprechen. Nach dem Frühstück ging sie in ihr Zimmer und schrieb an ihrer Geschichte weiter, die zu ihrem ersten Roman werden sollte. Es ging um ein reiches Mädchen, welches seinen Reichtum gerne gegen Liebe eintauschen wollte. Es war so schön, ihren Erfindungsgeist spielen zu lassen. Zwischendurch kamen ihr aber immer wieder störende Bilder in den Kopf, die sie Schattenbilder nannte, weil sie einen dunklen Schatten auf alles warfen, was sie vorher gedacht hatte. Rätselhafte Bilder, die sie nicht auflösen konnte. Eine Badewanne voll mit Wasser, doch es war rot. Sie stieg aus der Wanne aus und sah Blut an ihren Beinen hinunter laufen. Gleichzeitig überkam sie ein ohnmächtiges Gefühl der Scham und des Ekels. 

Ihr Vater sagte oft, dass sie verrückt sei, zu viel Phantasie hätte. Vielleicht hatte er recht, und sie war wirklich verrückt. Verrückt genug, um am helllichten Tage solche Albträume zu haben.
Sie spürte, dass jemand ganz nah hinter ihr stand und ahnte auch schon, wer es war. Er legte die Hände um ihren Hals und küsste sie in den Nacken. Es kratzte. 

Er sagte liebevoll: Mein süßer Pfirsich, kommst du gleich? Sie versteifte sich. Dann zog er die Hände zurück, und sie atmete auf. Er sagte mit gewohnter Strenge in der Stimme: Wo bist du nur mit deinen Gedanken? Hast du nichts Besseres zu tun, als hier rumzusitzen und dir Schickimicki auszudenken?
Oder redest du wieder mal mit deinen Puppen? Dich will sowieso niemand zur Freundin, so verrückt wie du bist. Hoffentlich landest du nicht irgendwann im Irrenhaus! Und jetzt geh raus an die frische Luft, es ist zu schönes Wetter, um drinnen zu hocken. 

Sie wohnten erst ein halbes Jahr in dem Dorf, in das sie gezogen waren, weil im alten ihr Vater sich alle zu Feinden gemacht hatte.
Vivian hatte noch keine Freunde gefunden in der neuen Umgebung. Sie hatte nur ihre Phantasie, die sie verwendete, um sich nicht so einsam zu fühlen.
Sie gab Gegenständen Namen und sprach mit ihnen. Ihr Fahrrad z.B. war für sie ein Pferd mit dem Namen Elite, auf das sie sich schwingen und fort reiten konnte. 

Nachdem sie dem ermüdenden Machtkampf mit ihrem Vater hilflos weinend aufgab, wollte sie nur noch weg, möglichst weit.
Wieder mal enttuscht, mit dem Gefühl versagt zu haben, trat sie in die Pedale und fuhr einfach drauf los. Sie fuhr und fuhr und strampelte ihre Wut ab.

 

2. Kapitel: Die Frau im Wohnwagen 

Sie radelte durch eine Landschaft von Feldern und Wiesen. Doch dazwischen stand ein Wohnwagen, der in einem hellen Licht erstrahlte. Vivian hielt an und ging auf ihn zu, angezogen von dem einladenden Licht. Sie trat näher heran und betrachtete ihn staunend. Er war bunt bemalt mit märchenhaften Bildern, die alle ineinander verflossen. Sie schienen eine Geschichte zu erzählen. An den Fenstern hingen weiße Gardinen, und sie versuchte durchzuschauen. Sie blickte nur in das helle Licht, welches ihr vorkam wie wärmende Sonne, ohne zu blenden. Plötzlich wurde die Gardine beiseite geschoben und das Fenster geöffnet.
Vivian erschrak zuerst. Zum Vorschein kam eine alte Frau mit blauem Kopftuch. 

"Hast du dich verirrt?" fragte sie freundlich.
"Komm doch herein!" Sie öffnete die Tür, und wie selbstverständlich trat Vivian ein. 

Von innen waren die Wände mit vielen bunten Tüchern behangen. Auf dem Tisch in der Mitte des Wohnwagens stand eine durchsichtige Kugel, von der das helle Licht erstrahlte. Es war die einzige Beleuchtung im Wohnwagen, sie reichte aber aus.
Es war angenehm warm. Vivian fühlte sich auf Anhieb wohl. Es duftete nach süßlichen Räucherstäbchen und Zimt. Zwei gemütlich ausschauende Polstersessel luden zum Sitzen ein.
"Setz dich doch", sagte die Frau.
Vivian setzte sich in einen der Sessel, der äußerst bequem war.
"Trinkst du mit mir einen Kräutertee?" fragte sie.
Vivian nickte, und im Nu stand eine Tasse vor ihr.
Der Kräutertee schmeckte vorzüglich. Auf dem Tisch stand auch eine Schale mit würzig duftenden Zimtsternen.
Die Frau reichte sie ungefragt herber.
"Die habe ich heute gebacken", sagte sie. 

Vivian probierte eins. "Köstlich!" schwärmte sie und nahm sich gleich noch eins.
Die Frau fragte: "Was hast du auf dem Herzen, Vivian?"
Woher wissen Sie meinen Namen? fragte Vivian erstaunt.
Die Frau lächelte, und statt einer Antwort sagte sie: Ich heiße Kassandra.
Vivian dachte: Der Name passt zu ihr.
Vivian passt auch gut zu dir. Weißt du, was dein Name bedeutet?
Nein, erwiderte Vivian und bekam langsam die Vermutung, dass Kassandra wohl Gedanken lesen konnte.
Die Lebendige, erklärte Kassandra. 

Vivian starrte auf die leckeren Kekse und bekam einen solchen Hunger, dass sie am liebsten alle auf einmal aufgefuttert hätte.
"Nimm dir ruhig, ich habe reichlich!" 

Vivian fing an zu erzählen: "Ich bin mit dem Fahrrad umhergefahren und war so in Gedanken, dass ich vom Weg abkam. Er führte hierher zu Ihrem schönen Wohnwagen."
Die alte Frau lächelte. "Es freut mich, dass dir mein Zuhause gefällt. Dass du vom Weg abgekommen bist, wie du sagst, hat sicher auch eine Bedeutung. Manchmal muss man einen anderen Weg nehmen, um an sein Ziel zu gelangen." 

Diese Äußerung verwirrte Vivian ein wenig.
"Eigentlich hatte ich gar kein Ziel. Ich hatte heute wieder mal einen Streit mit meinen Eltern. Sie behandeln mich wie ein kleines Kind und wissen immer alles besser." 

Aus irgendeinem Grund hatte Vivian Vertrauen zu ihr, etwas, was sie vorher gar nicht kannte.
"Ist es denn nicht auch behaglich, sich immer umsorgt zu fühlen, und die Verantwortung für sich nicht übernehmen zu müssen?
Ich glaube aber, ich bin schon alt genug, um ein bisschen mehr selbst entscheiden zu können. Ich bin schließlich schon dreizehn. 

Mit dem Alter hat das sicher nichts zu tun. Es gibt noch viele Erwachsene, die noch immer Kind sind. Weil sie sich selbst verlassen haben, brauchen sie ständig andere, an die sie sich klammern können."
Vivian dachte nach. Da war was dran.
"Vielleicht geht es meinem Vater auch so", sagte sie zögernd, "ich würde so gerne mit meinem Vater auskommen, ihm zeigen, dass ich sehr wohl zu etwas fähig bin, und es auch zu etwas bringen kann. Ich möchte mir auch nicht mehr alles von ihm gefallen lassen...

Sie dachte da besonders an die Berührungen, die immer wie zufällig die Stellen erreichte, an denen es unangenehm war.
Erwartungsvoll schaute Vivian Kassandra an, als könnte diese ihr Problem lösen. Doch Kassandra schwieg und blickte in die Kugel.
"Dort wirst du eine Lösung finden."
"In der Kugel?" fragte Vivian ungläubig. "Wozu ist denn eigentlich die Kugel? Sieht man darin die Wahrheit?" 

Ihre Neugier war nicht mehr zu bremsen.
"So könnte man es auch sagen. Mit dieser Kugel mache ich Erfahrungsreisen."
Erstaunt fragte Vivian: "Wie denn?"

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