Titel

Der LeiterwagenXaverl

Leseprobe

Urheber
Alfred Franz Dworak

Printbook / Ebook

Verlag
Create Space / KDP
Bindung
Paperback
Seitenzahl / Dateigröße
144 / 434 KB
Sprache 
Deutsch
Format
15,9 x 22,9 cm / Mobi Kindle Edition
ISBN / ASIN
978-1-4776-5258-9 / B008BRA1K8
Preis
€ 7,99 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / € 2,99

Internet
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Nur wer stark ist, kann in den Bergen überleben. 1918, kurz nach Ende des 1. Weltkriegs, wiegt diese Wahrheit noch schwerer als jetzt. Denn Armut und Hunger setzen der Bevölkerung in den bayerischen Alpen stark zu. 
Xaverl, der in diese Zeit hineingeboren wird, ist alles andere als stark. Er kommt mit einer schweren Form der Glasknochenkrankheit zur Welt. 

Vom verbitterten Vater abgelehnt, unterrichtet die Mutter den hochintelligenten Sohn, um ihn auf die kommende Zeit vorzubereiten. 
Als die Mutter 1933 stirbt, hatte sie vorausgeplant und ihm eine Heimstatt im Pfarrhaus des Dorfes besorgt. Doch so nett die Bewohner des Pfarrhofes auch zu ihm sind, vom Rest der Dorfbevölkerung wird er nie akzeptiert. 

Diese Tatsache und das langsame Einsickern nationalsozialistischen Gedankenguts in das Dorf erschweren Xaverls Leben immer mehr, bis er schließlich in einer Nacht-und Nebelaktion fliehen muss …

Leseprobe

Prolog


Es ist der 25. November des Jahres 1918, vierzehn Tage nach Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages im Wald von Compiègne, der das Ende des 1. Weltkriegs besiegelt. Die Nachwirkungen dieses Albtraums, der Europa und den Rest der Welt erschüttert, sind auch in dem kleinen Bergdorf Penting, circa siebzig Kilometer südlich von München, deutlich zu spüren. Armut und Arbeitslosigkeit grassieren im Oberland. 
Ob nun Monarchie oder Räterepublik, das ist den Bewohnern der Koidlalm, unweit oberhalb des kleinen Dorfes Penting gelegen, ziemlich egal, denn Hunger überschattet beide Systeme. 
Vier Kinder sind beim Koidlbauern durchzufüttern, das Fünfte bereits unterwegs. Doch das kann der kleine Almbauernhof mit seinen zwei Milchkühen und zehn Ziegen kaum erwirtschaften. Ackerbau ist auf den kargen Bergwiesen unmöglich, Schnee liegt in dieser Lage von Mitte November bis Ende April. Zwar nennen die Bewohner der Koidlalm etwas Bergwald ihr Eigen, doch wie sollen sie die Bäume aus den Steillagen wegtransportieren, wenn ihnen das einzige Pferd kurz vor Kriegsende weg annektiert wurde. 


1 - Die Geburt - 1918


„Heuer ist der Winter früh dran“, denkt sich Hanni, die hochschwangere Koidlbäuerin, „es hat bereits über einen halben Meter geschneit.“ 
Und draußen stürmt es weiter. Hanni Ramsl richtet ihren Blick vom Fenster wieder zurück auf den Topf Wassersuppe, der auf dem Herd für das karge Abendessen köchelt. Die Haustür öffnet sich knarzend, herein kommt ihr ältester Sohn Toni, wortlos, aber über und über mit Neuschnee bedeckt. Er klopft seine Schuhe ab und stapelt das Holz neben dem Ofen, öffnet die Ofentür, schirrt die verbrannte Asche in den Schuber und legt ein paar Scheite nach.
 „Hast du die Tiere versorgt?“ 
Toni nickt. Hanni ist stolz auf ihren Ältesten, muss er doch mit seinen dreizehn Jahren das Tagwerk eines erwachsenen Mannes verrichten, seit ihr Mann Gustl das wenige Geld auch noch vertrinkt.
 „Was hat der Krieg nur aus den Menschen gemacht?“, ist ihr letzter klarer Gedanke. Toni hört in seinem Rücken plötzlich ein klackendes Geräusch. Er dreht sich um, sieht den Kochlöffel in hohen Bogen durch die Luft fliegen und auf dem Steinboden landen. Gleichzeitig strauchelt die Mutter, greift sich an den Bauch, stöhnt vor Schmerz auf. Toni lässt das Scheit in seiner Hand fallen, macht einen Riesensatz und zieht seine Mutter vom kalten Steinboden hoch. Doch sie sackt zurück, kann aus eigner Kraft nicht mehr stehen. 
„Hol die Hebamme, sofort“, schreit sie Toni mit krampfender Stimme an. 
Toni bemerkt die Lache auf dem Boden, die die geplatzte Fruchtblase hinterlassen hat und die ihr langer Rock verdeckt hatte. 
„Nele“, schreit Toni, „die Mutter, schnell“! 
„Ja, komm schon!“ 
Türen schlagen, Holzschuhe klappern durchs Haus. Die Tür zur Wohnstube wird aufgerissen, Nele stürmt rein. 
„Mutter! … Komm Toni, bringen wir sie in die Kammer“.

Zur gleichen Zeit grölen in der rauchgeschwängerten Gaststube beim Postwirt in Penting einige Bauern und Handwerker. Der Schmid und Gustl Ramsl sitzen mit am Stammtisch. Gustl Ramsl wie so oft, fuchtelt wichtigtuend mit den Armen. Die betagte Hebamme kommt aus der Küche in die Gaststube und ordert einen Schnaps. Sie gratuliert dem Wirt zu seiner Tochter: 
„Freibier für alle“, brüllt der Postwirt stolz und überschwänglich in die Runde. 
Die Bedienung zapft die Maßkrüge voll mit dunklem Fassbier. Der Wirt verteilt die Krüge an den Tischen. Plötzlich geht die Tür auf, Toni Ramsl kommt herein. Er klopft sich den Schnee aus der Kleidung, rennt auf die Hebamme zu.
„Die Mutter … das Kind kommt“. 
Die Hebamme kippt sich den Schnaps in einem Zug runter. 
„Danke Wirt, aber ich muss los“. 
Toni geht zu seinem Vater an den Stammtisch.
„Komm mit, die Mutter braucht dich“. 
Doch der Vater macht keine Anstalten aufzustehen. Er pöbelt seinen Sohn nur an: 
„Einen anderen Ton, wenn du mit gestandenen Männern redest“. 
Die Männer am Tisch halten einen Moment inne. Doch dann bringt die Bedienung jedem der Stammtisch-Brüder auf Geheiß des Wirtes zwei Handwürste und ein Stück Brot. Die hungrigen Gäste schlingen gierig die Würste runter, die Geschichte mit Toni ist bald vergessen.

Hanni Ramsl liegt in den Wehen. Nele versucht sie mit der linken Hand festzuhalten, doch es gelingt ihr nicht, denn die Mutter krümmt sich vor Schmerzen. Mit der anderen Hand legt Nele ihr schnell einen kalten Lappen auf die Stirn. Endlich eine Wehenpause. Doch Hanni Ramsl gibt sich selbst keine Rast. Sie rattert ein Bittgebet zur Heiligen Muttergottes, die Perlen des Rosenkranzes in den Händen abzählend:
 „Maria-bitt-für-uns, Maria-bitt-für-uns“. 
Plötzlich unterbricht sie ihr Gebet. 
„Nele, wo bleibt die Hebamme?“
Nele weiß, dass Toni und die Hebamme schon längst wieder da sein müssten. Der Weg ins Dorf dauert einfach nur eine Viertelstunde. Aber jetzt ist schon eine dreiviertel Stunde vergangen, seit Toni nach Penting losgegangen war. Nele wechselt den warmen Lappen, die Stirn der Mutter ist heiß, etwas stimmt nicht. Sie beruhigt ihre Mutter mit einer Notlüge:
„Toni ist doch erst eine halbe Stunde weg, die werden jeden Moment da sein“. 
Notlügen, das ist sie gewohnt, denn der Vater lässt sich nur so in Schach halten. Nele reißt sich zusammen, damit die Mutter nichts von ihrer Besorgnis spürt. 

Der Schneesturm lässt zwar immer mehr nach, aber der Schnee ist mittlerweile über einen Meter hoch. Toni steuert den Pferdeschlitten, den die Hebamme vom Postwirt geliehen bekam. Doch plötzlich hängt der Schlitten fest, Toni knallt mit der Peitsche. Das Pferd müht sich ab, sein Fell ist trotz der Kälte schweißgetränkt. Aber nichts rührt sich.
„Mist, wir müssen zu Fuß weiter!“ 
Er fordert die Hebamme zum Aussteigen auf. Die alte Frau kommt dem nach, nimmt sich ihre Tasche, steigt ab und versinkt sofort bis über die Hüfte im Neuschnee:
„Gottseidank habe ich unterm Rock eine Männerhose an! “
Toni spannt das Pferd aus, nimmt die Laterne und lässt das Tier ohne Schlitten zu Fuß weitergehen. Langsam spurt das Pferd den Weg zur Koidlalm. Toni und die Hebamme folgen mühsam dem Tritt des Tieres.

Neles kleine Geschwister, Beni (acht), Vroni (fünf) und Zenzi (drei) starren aus dem Fenster. Plötzlich sehen die Kleinen ein Licht, kurz darauf die Silhouetten eines Pferdes und zweier Menschen auftauchen. Beni hüpft von der Bank, rennt aus der Küche und schreit die Treppe hoch, dass der Toni und die Hebamme angekommen seien. Die Tür geht auf, Toni und die Hebamme treten ein. 
„Wo habt ihr sie?“ 
Vroni nimmt die Hebamme an der Hand. 
„Oben in der Kammer“, antwortet Vroni. 
„Mitdommen“, kauderwelscht Zenzi und zieht am Rock der Hebamme. Die Hebamme lächelt, ordert heißes Wasser und Laken. 
„Das hat die Nele schon vorbereitet“, ruft Beni. 
Die Hebamme lobt die Kinder und steigt die steile Treppe hoch zur Kammer. 

Der stolze Postwirt hält seine Tochter vor den Gästen in die Luft. Die Anwesenden trinken Prost auf die Kleine. 
„Wie soll die Büchse denn heißen“, grölt der Schmid. 
Allgemeines Gelächter brandet auf. 
„Marie! Wie unsere Muttergottes.“ 
Der Wirt geht mit dem Baby zum Tisch, dorthin, wo Gustl Ramsl sitzt.
„Gustl, komm geh heim zu deiner Frau.“ 
Gustl blickt ihn belämmert an. Er ist bereits in einem Stadium des Rausches, in dem er nicht mehr so aggressiv ist. Grunzend willigt er ein, steht auf, geht zur Garderobe, zieht seinen Mantel an und verlässt das Lokal.

Eine neue Wehe wirft Hanni Ramsl im Bett umher, sie hat starke Schmerzen. Die Hebamme ist ratlos. Obwohl der Kopf des Säuglings schon zu sehen und der Muttermund weit genug geöffnet ist, schafft es das Kind nicht durch den Geburtskanal. 

Gustl Ramsl stapft wankend durch den hohen Schnee den Weg zum Koidlhof hinauf. Die Wolkendecke ist mancherorts aufgerissen, der Mond lugt hervor, die Sterne blitzen durch. Gustl schaut zum Himmel hinauf und ruft: 
„Ich habe das alles nicht gewollt, den Hof, die Frau, die vielen Kinder. Was ist nur aus mir geworden?“

Trotz der Kälte im ungeheizten Schlafzimmer tropft der Hebamme vor Anstrengung der Schweiß von der Stirn. Endlich bekommt sie das Köpfchen zu fassen. Die Mutter schreit, wie sie in ihrem Leben noch nie geschrien hat. Als wolle sie das kleine Bündel Leben auf die raue Realität des Kriegsjahrs 1918 vorbereiten. Die Hebamme schüttelt ungläubig den Kopf. Das Kind ist zu klein, der Rücken krumm gewachsen, ein Bein verdreht. 
„Na, na, na, er atmet nicht!“ 
Sie gibt dem Jungen einen Klaps auf den Rücken, doch die Atmung setzt nicht ein. Hanni Ramsl will ihren Sohn unbedingt sehen: 
“Zeig ihn mir endlich!“ 
Die Hebamme hält ihn ihr hoch. Hanni Ramsl lässt einen Stoßseufzer los: 
„Muttergottes, lass meinen Buben leben!“ 
In diesem Moment beginnt der Junge leise zu schreien. Hanni zerspringt fast das Herz vor Freude. Die Hebamme bekreuzigt sich: 
„Das grenzt ja an ein Wunder!“ 
Hanni küsst ihren Rosenkranz und haucht: 
„Danke Muttergottes!“
Die Hebamme legt den Jungen auf die Brust der Mutter. Erschöpft bleibt das Baby liegen, Wärme und Liebe der Mutter einsaugend. Drunten fällt krachend die Tür ins Schloss und Benis freudige Stimme kündigt den Vater an:
„Der Papa!“
Schwere Schritte stolpern die Treppe hoch. Die Tür geht auf, Gustl Ramsl wankt herein: 
„Bin zurück! Beim Wirt haben sie eine Büchse (Mädchen) gekriegt.“ 
Die Hebamme knurrt ihn ärgerlich an: 
„Jetzt mach.“ 
So nebenbei fragt er nach Hannis Befinden: 
„Und bei dir?“ 
Hannis Blick senkt sich liebevoll auf das kleine Bündel Leben, das sich nackt auf ihrer Brust von der Strapaze der Geburt erholt. Gustls Augen folgen Hannis Blick. Abschätzig betrachtet er seinen Sohn, sein einziger Kommentar: 
„Ein Krüppel“. 
Hanni bricht in Tränen aus, die Hebamme packt den Bauer am Arm und wirft ihn mit einem ...
„Du herzloser Kerl“ aus dem Zimmer. 
Erst schüttelt sich Gustl wie ein geschlagener Hund, geht dann kommentarlos die Treppe hinunter. Unten angekommen, betritt er die Stube. Dort warten verängstigt seine Kinder. Bis auf Beni, der freudig auf ihn zuläuft. 
„Warum schaut ihr Mädel so blöd? Bringt mir lieber ein Bier.“ 
Toni hält die Mädchen zurück. Mutig entgegnet er seinem Erzeuger zurück: 
„Du hast schon genug getrunken!“ 
Der Vater geht auf Toni los:
“Was fällt dir ein, du Rotzlöffel!“ 
Gustl Ramsl gibt seinem Ältesten eine schallende Ohrfeige. Toni weicht zurück, da er ihm körperlich noch unterlegen ist. 

 

Juni 1932 

 

Fast vierzehn Jahre sind nun seit Xaverls Geburt vergangen. Politisch durchläuft Deutschland unruhige Zeiten. „Der schwarze Freitag 1929“, der Beginn des massiven Verfalls von Aktienwerten, wird zur größten Wirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts und erschüttert das junge deutsche Streben nach Demokratie in ihren Grundfesten. Die Landwirtschaft in Deutschland arbeitet meist unrentabel. Zwar wurde der Koidlhof 1918 durch die Inflation  entschuldet, aber seit 1927 wächst der Schuldenberg bedingt durch Überproduktion auf dem Weltmark und die dadurch fallenden Preise für Fleisch, Milch und Getreide wieder beträchtlich an. Nutznießer dieser Entwicklung wird die Partei eines gewissen Adolf Hitler, Österreicher aus dem Grenzort Braunau. Aber was interessiert das entlegene Penting schon die große Politik. Dieser Ort ist geprägt von dem starken Glauben seiner Bevölkerung an Gott und an die Unberechenbarkeit der Naturgewalten. 

Der Sommer ist schon auf der auf 800 Meter hochgelegenen Koidlalm eingezogen. Die Almwiesen liegen saftig grün inmitten dunkler Bergwälder eingebettet. Die Luft ist erfüllt vom Summen der Insekten, die Wiesenblumen und Wildkräuter verbreiten ihren süßlich-herben Duft. Das Herumspringen der jungen Zicklein, gepaart mit dem Bimmeln der kleinen Halsglöckchen, erzeugt ein Gefühl natürlicher Lebensfreude.
Xaverl ist mit seinen beiden Schwestern Vroni und Zenzi erstmals nach über einem halben Jahr Zwangspause, bedingt durch Knochenbrüche, wieder im Leiterwagen unterwegs. Den Leiterwagen hatte seine Mutter gegen Gustls Widerstand organisiert, als klar wurde, dass Xaverl nie würde laufen können. Ein Jahr nach Xaverls Geburt kam ein Arzt aus Rosenheim zur Untersuchung vorbei. Kathi Heindl, Hannis Schwester, die sich seit 20 Jahren als Pfarrköchin bei Pfarrer Dörflinger verdingt, hatte den Orthopäden beauftragt und bezahlt. Als er das Kleinkind untersuchte, schüttelte er dabei öfters den Kopf. Dann teilte er den besorgt dreinblickenden Frauen seine Diagnose mit:
„Das Kind leidet an einer schweren Form der Osteogenesis imperfecta, im Volksmund Glasknochenkrankheit genannt.“
Hanni Ramsl begann zu schluchzen: 
„Lieber Gott, was habe ich verbrochen, dass du mich so bestrafst?“ 
Der Arzt versuchte sie zu beruhigen: 
„Wahrscheinlich gar nichts liebe Frau. Das ist eine Erbkrankheit. Gab es bei Ihnen in der Familie in früheren Zeiten bereits ähnliche Krankheitsbilder? 
Kathi Heindl verneinte dies: 
„Bei uns nichts! Und was ist mit Gustls Seite?“
Hanni zuckte mit den Schultern: 
„Der erzählt doch nie was! Du kennst ihn doch!“
Der Arzt teilte den beiden Frauen weiter mit, dass Xaverls Knochen schon bei der geringsten Belastung brächen. Und er somit ein sehr kurzes und sehr schmerzhaftes Leben haben würde - was dann auch so war. Denn nur wenige Knochen in seinem Körper waren in den letzten vierzehn Jahren heil geblieben. 

Mittlerweile misst Xaverl knapp einen Meter zwanzig, sein Rücken weist einen Buckel auf und seine Beine sind schief gewachsen. Hanni Ramsl ist für die jetzigen Verhältnisse eine gebildete Frau. Zusammen mit ihrer Schwester Kathi besuchte sie eine Klosterschule der Barmherzigen Schwestern. Daher war und ist es ihr Anliegen, dass ihre Kinder regelmäßig in die Dorfschule gingen. Am Abend und vor allem in den 6-7 Monaten, in denen Schnee liegt, wird gelesen und gerechnet. Doch bei Xaverl ist das etwas anderes. Er kann aufgrund seiner Krankheit nicht die Schule besuchen. Daher machte es Hanni sich bis vor einigen Jahren zur Aufgabe, Xaver selbst zu unterrichten. Aber er ist unglaublich begabt und er lernt mit all seinen Sinnen. Alles, was er zu sehen, hören, riechen, schmecken oder zu tasten bekommt, wird von ihm bis ins kleinste Detail analysiert. Schon mit sieben Jahren brauchte er seine Mutter nicht mehr als Lehrerin – er erfasste ab diesem Zeitpunkt das Wissen als Autodidakt. 

Xaver ist froh, sich endlich mal wieder in der freien Natur bewegen zu können. Auf Wunsch der Mutter bringt das Trio dem ältesten Bruder Toni, der in der Nähe des Feldwegs nach Penting einen Zaun repariert, die Brotzeit. Als sie um die Ecke biegen, erwartet die Drei ein grandioser Anblick. Für die beiden Mädchen ist das der tägliche Schulweg. Sie nehmen das majestätische Bergmassiv auf der anderen Talseite gar nicht mehr wahr. Doch Xaver erkennt in jedem Moment des Lebens die Schönheit der Schöpfung. Xaverl bittet die beiden anzuhalten: 
„Vroni warst du schon mal dort droben?“ 
Sein Kopf deutet Richtung Bergmassiv. 
„Schon! Vor zwei Jahren mal, mit der Tante Kathi und dem Herrn Pfarrer.“
Xaverl rutscht aufgeregt in seinem Leiterwagen umher:
„Sag schon, ist es schön dort droben?“
Vroni ist etwas einfach gestrickt.„Ach, darüber hab ich mir keine Gedanken gemacht!“ 
Zenzi, deren Sprachfehler mit Beginn der Schulzeit ihren manchmal etwas unbedachten Äußerungen wich, hat schon mehr darüber nachsinniert
:„Ganz andere Blumen wachsen dort oben, alles ist sehr mager, viele Flechten und Moose. Und die Bäume sehen verkrüpp…“ 
Sie hält sich die Hand vor den Mund. Jetzt wird Zenzi bewusst, was ihr da rausgerutscht ist. Xaverl streichelt ihr über die Wange:
„Keine Sorge, du darfst das Wort schon sagen. Es macht mir nichts aus. Aber komisch ist es schon. Ich bin verkrüppelt und muss hier unten bleiben, während die verkrüppelten Bäume dort oben sein können.“
Vroni ist Xaverls philosophische Ausführung zu kompliziert: 
„Der Herr Pfarrer sagt immer, dass der Herrgott im Himmel jedem den richtigen Platz zugewiesen hat.“
Xaverl schaut nun etwas bedrückt Richtung Bergmassiv, als der kleine Tross sich weiter Richtung Toni aufmacht:
„Das würde ja bedeuten, dass ich nie dort oben sein werde.“

Toni treibt gerade unter den mächtigen Schlägen eines Vorschlaghammers einen Holzpfahl in den harten Untergrund. Der älteste Sohn ist trotz der Differenzen mit dem Vater auf der Koidlalm geblieben. Der zweitälteste Sohn der Familie Ramsl, Beni, den Gustl Ramsl aus unerfindlichen Gründen nicht schikanierte, und der sich daher ursprünglich um den Hof kümmern sollte, starb vor 4 Jahren bei einem Unfall im Wald. Bruchholz, das vom Sturm geknickt war, schnellte beim Versuch, es mit der Zugsäge zu durchtrennen, so unglücklich zurück, dass es Beni den Schädel zertrümmerte. Toni erlitt nur eine klaffende Fleischwunde an der Schulter, aber Beni war auf der Stelle tot. Gustl machte Toni schwere Vorwürfe, dass er nicht besser auf den Kleinen aufgepasst habe. Doch Toni war sich keiner Schuld bewusst:
„Wenn du dich nicht beim Wirt rumgetrieben hättest und uns stattdessen zur Hand gegangen wärst, dann würde der Beni noch leben.“ 
Von da an hasste Gustl Ramsl seinen ältesten Sohn - und mehr noch Xaverl. Gustl konnte es nicht verkraften, dass der gesunde Sohn sterben musste und der Krüppel lebte. Er kümmerte sich nur noch selten um den Hof, war meist unterwegs und kam nachts stockbetrunken nach Hause zurück. Daher konnte und wollte Toni nicht weg. Weg von der Koidlalm, weg von dem Unmenschen, der sich sein Erzeuger schimpft. Weiß er doch, wenn er geht, geht die Mutter zugrunde und das wäre letztendlich auch der Todesstoß für Xaverl. Aus dem Augenwinkel heraus erspäht Toni das Trio. Seine Augen beginnen zu leuchten, liebt er doch seine Geschwister über alle Maßen. Er stellt das schwere Arbeitsgerät am Boden ab, nimmt einen Schluck Wasser aus der Steinflasche, wischt sich den Mund ab und flachst: 
„Ist schon Zeit für Jause oder habt ihr nur Sehnsucht nach eurem großen Bruder?“

 

Juli 1932

 

Es ist später Nachmittag. Hanni nähert sich zu Fuß dem Hof. Sie scheint gut gelaunt zu sein, denn sie summt ein Lied. Irgendwie ist sie immer gut gelaunt, wenn sie bei der Schwester zu Besuch war; das gibt ihr jedes mal wieder Kraft. Gustl Ramsl fährt gerade Mist mit dem Karren aus dem Stall. Als er auf dem Misthaufen steht, bemerkt er seine Frau und blickt sie zornig an:
„Wo bleibst denn?“ 
Sie hört auf zu summen, setzt an zu antworten. Aber ohne seine Frau ausreden zu lassen, wirft er ihr vor:
„Immer treibst du dich bei dieser bigotten Person herum.“ 
Hanni Ramsl möchte sich ihre gute Laune nicht verderben lassen, ruhig kontert sie:
„Die gottesfürchtige Person hat einen Namen und der ist Kathi. Und außerdem hat sie mir für den Xaverl Bücher vom Pfarrer mitgegeben. Und die bringe ich ihm jetzt. Dann helfe ich dir bei der Stallarbeit. Obwohl, den Mist von den beiden Kühen könntest du auch alleine schaffen!“
Gustls Gesicht läuft vor Wut rot an: 
„So viel Zeit für einen Krüppel verschwenden!“ 
Jähzornig wirft er die Mistgabel mit dem Stiel voraus Richtung Hanni. Die weicht erschrocken aus. Hanni schlägt drei Kreuzzeichen von ihrer Stirn über dem Mund bis Höhe ihrer Brust:
„Gustl versündige dich nicht. Du weißt doch ganz genau, dass Xaverls Namenspatron der heilige Franz-Xaver von Navarro ist.“ 
„Mir ist nichts mehr heilig!“ 
Dabei zieht Gustl mit der Hand aus, doch Hanni kann sich ducken, die Watsche geht ins Leere. Dadurch rutscht ihr die Tasche von der Schulter, die Bücher fallen heraus und landen im Dreck. Hanni schießen die Tränen in die Augen. Sie bückt sich nach den Büchern, nimmt eins, betrachtet es sorgenvoll: 
„Spinnst du, das ist ein sehr wertvolles Lateinbuch! Das kostet mehr als alle unsere Ziegen zusammen.
“Hanni wischt den Dreck vom Ledereinband. Gustl antwortet in seiner sarkastischen Art:
„Selber schuld, alte Kuh, brauchst dich nur nicht so anstellen.“
Toni kommt mit den Ziegen den Berg herunter geeilt. Bevor der Vater ein zweites Mal zuschlagen kann, hält er ihn fest:
„Wenn du die Mutter noch einmal anfasst, dann schlage ich dich eigenhändig tot.“ 
Der Vater kann sich nicht mehr wehren. Hanni schreitet ein:
„Toni versündige dich nicht, er ist dein Vater!“
Tonis Griff lockert sich etwas, daher kann sich Gustl aus der Umklammerung des Sohnes befreien und schreit, während er wütend Richtung Dorf rennt:
„Das werdet ihr mir alle büßen!“ 
Toni Ramsl ruft ihm hinterher:
„Ich bin wach, wenn du heimkommst. Die Mama ist wieder schwanger. Lass dir bloß nicht einfallen, besoffen über sie herzufallen.“
Hanni schaut ihren Sohn erstaunt an:
„Du hast es bemerkt!?“
„Das Frühstück! Du hast nichts gegessen. Das war bisher immer so, wenn du ein Kind gekriegt hast.“ 
Toni hebt die restlichen Bücher vom Boden auf, wischt sie mit seinem Hemdsärmel ab und reicht sie der Mutter:
„Die Nele hat vollkommen recht gehabt, dass sie beim Hanslbauern als Magd angefangen hat. Bei dem Unmensch von Vater hält es keiner aus.“

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