Titel

Das letzte Kopfgeld

Leseprobe

Urheber
David Liese

Verlag
Shaker-Media
Bindung
Paperback
Seitenzahl
170
Sprache
Deutsch
Format
11,5 x 18,5 cm
ISBN
978-3-8685-8139-3
Preis
€ 12,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Kyle Bradson, einst der beste Kopfgeldjäger des Südens, beschließt nach einem folgenschweren Irrtum, seinen Job an den Nagel zu hängen und sein restliches Leben in Frieden zu führen. Der Waisenjunge Ron, mit welchem Kyle ein schweres Schicksal verbindet, ist dabei für ihn wie sein eigener Sohn. Doch so sehr er es sich auch wünscht, der unbeschwerte Lebensabend bleibt ein unerfüllter Traum; Selbstzweifel, Angst und Schuldgefühle suchen Kyle immer wieder heim. Und als Ron plötzlich entführt und sein Großvater, der letzte lebende Verwandte des Jungen, ermordet wird, bleibt ihm keine andere Wahl, als seine Revolver für die letzte Jagd anzulegen.

"Das letzte Kopfgeld" bedient zu keiner Zeit das Klischee einer modernen Westerngeschichte, auch wenn der Roman allenthalben staubige Wüstenluft atmet. Vielmehr ist er eine psychologische Analyse eines von Selbsthass zerfressenen Menschen, der in den Abgrund seiner eigenen Persönlichkeit blickt. Diese Tatsache, gepaart mit der tabulosen Darstellung und den zahlreichen Rätseln, die der Protagonist sich selbst und dem Leser aufgibt, machen "Das letzte Kopfgeld" zur spannenden Lektüre.

Leseprobe

Aus dem Radio dröhnte »It's a dark night«. Auf dem mit weißem Leder bezogenen Beifahrersitz lagen ein paar Männermagazine, die er bei seinem letzten Stopp vor ein paar Stunden mitgenommen hatte - auf Grund ihres mehr als minderen Anspruchs hätte man sie getrost auch als Pornoheftchen bezeichnen können.

 Hank pfiff die Melodie des Songs mit. Von der Tatsache, dass er kaum einen Ton traf, ließ er sich nicht stören, ja, es fiel ihm noch nicht einmal auf. Seine knochigen, stark behaarten Fingerchen klopften auf dem Lenkrad den wiederum nicht ganz korrekten Takt, während sie den alten Chevrolet über die staubige Landstraße steuerten. An der Heckscheibe tanzte eine vom Nikotin vergilbte Gummivariante von Elvis Presley, immer wieder an die Grenzen des knallroten Bindfadens, mit dem sie befestigt war, stoßend und harsch zurückpendelnd.

 Plötzlich störte ein heftiger Ruck den Tänzer und auch Hank, den es ein Stück nach vorn aus seinem Sitz hob. Er kontrollierte das Armaturenbrett nach möglichen Hilferufen des alten Schlittens und entdeckte die zaghaft aufflimmernde Benzinlampe, die ermüdet um etwas oktanhaltige Flüssigkeit flehte.

 Hank schob seine Mütze zurecht und blinzelte durch die gleichmäßige Staubschicht auf der Frontscheibe gegen die grelle Sonne. Gerade noch erkannte er das etwas windschiefe, giftgrüne Gebäude, an dem er soeben vorbeigefahren war. Beherzt stieg sein Fuß aufs Bremspedal und der Chevy kam mit quietschenden und qualmenden Reifen zum Stillstand. Mit einer geübten Bewegung der rechten Hand legte Hank den Rückwärtsgang ein, warf seinen Kopf in den Nacken und setzte mit dem größten Schwung, den er dem verdurstenden Motor noch zutraute, zurück in die kleine Tankstelle, die er gerade fast verfehlt hatte.

 Er drehte den Schlüssel im Zündschloss zurück und der Motor erstickte mit einem leisen Blubbern. Das Radio spielte weiter sein Lied, dieses Mal jedoch nicht mehr von Hanks Pfiffen begleitet. Der Gummi-Elvis schwang nur noch lässig mit den Hüften, wurde in seinen Bewegungen immer kleiner und verharrte schließlich erschöpft. Hank nahm die Sonnenbrille ab und legte sie vor sich unter die Windschutzscheibe, bevor er die Tür öffnete und langsam ausstieg. Seine Lederstiefel kommentierten den versandeten Betonboden mit einem missbilligenden Knarren.

 Hank schlug die Tür zu und lehnte sich gegen sie.

 »He, Tankwart!«, rief er.

 Der alte Mann auf dem Campingstuhl vor dem kleinen Häuschen fühlte sich angesprochen und warf über seine Zeitung hinweg einen skeptischen Blick zu Hank. Die buschigen Augenbrauen und der ebenso geartete Bart, der sicherlich ein willkommenes Zuhause für allerlei Ungeziefer war, ließen von seiner Miene nicht viel erkennen und jeden erdenklichen Gesichtsausdruck grimmig erscheinen. Er antwortete mit einem missmutigen Brummen und wandte sich wieder der Zeitung zu.

 »He, Tankwart!« , wiederholte Hank. »Einmal vollmachen, bitte.«

 Er blickte die Landstraße entlang und schätzte, dass es mit Sicherheit noch ein weiter Weg bis zur nächsten Stadt war.

 Der Tankwart faltete die Zeitung mit abgehackten, etwas unkoordinierten Bewegungen zusammen und erhob sich langsam. Seine Beine in der ausgewaschenen Jeans schienen sich zunächst nicht entscheiden zu können, ob sie ihn nun tragen sollten oder doch lieber zusammenknicken wie Streichhölzer. Schließlich entschieden sie sich doch für ersteres und der alte Mann wankte etwas stolpernd auf Hank zu.

 »Hör mal zu, Junge. Ich weiß ja nicht, wo du herkommst. Aber bei uns tankt man seinen Karren selbst.« Er warf einen flüchtigen Blick aufs Nummernschild, den seine Gesichtsbehaarung einwandfrei kaschierte. »Du bist aus dem Westen, was?«, fügte er hinzu. Seine Stimme hatte dabei nichts Interessiertes an sich, sie war sogar eher gleichgültig.

 Hank nickte grinsend und spuckte den Kaugummi aus, der ihn schon seit seiner Abfahrt am frühen Morgen begleitet hatte.

 »Verdammte Westler«, brummelte der Tankwart. Er drehte sich um und taumelte zurück zu seinem Campingstuhl. Eine kleine Windböe stellte sein schütteres Haar auf und wehte etwas Sand hinein. »Glauben wohl, sie sind was Besseres. Keine Manieren. Verdammt, ich sag's ja immer.«

 Hank grinste noch immer, während er zu einer der Zapfsäulen schlenderte. Er hob den Stutzen aus seiner Halterung, trug ihn den kurzen Weg zur Tanköffnung seines Wagens, öffnete diese und betrachtete schließlich den vom kleinen Benzinlämpchen so ersehnten Akt der Liebe mit innerer Zufriedenheit. Er lauschte, wie sich das Benzin in sein geliebtes Schätzchen ergoss und der Tank erleichtert gluckste. Es erinnerte ihn an den letzten Sex, den er kurz nach der letzten Stadt am Straßenrand gehabt hatte.

 Hank griff in seine Gesäßtasche und zog ein Päckchen Zigaretten heraus. Es war vom Sitzen ganz platt gedrückt. Er fummelte eine Kippe heraus und klemmte sie zwischen seine trockenen, aufgeplatzten Lippen. Aus der Tasche seines rot karierten Hemds zog er sein Glücksfeuerzeug, auf dem seine Initialen eingraviert waren. Das Feuerzeug tat seinen Dienst und Hank sog den Rauch tief in seine Lungen ein, während er Schachtel und Zippo zurücksteckte. Durch die Nase, die sich dabei blähte wie die Nüstern eines alten Brauereigauls, stieß er ihn wieder aus. Er kroch durch die stickige Wüstenluft und betastete schließlich spinnfingrig den Zinken des alten Tankwarts, der sich murmelnd wieder seiner Zeitung zugewandt hatte. Wie vom Blitz getroffen knüllte er das Blatt zusammen.

 »Bist du wahnsinnig?«, stieß er hervor.

 Seine Augenbrauen verbargen den entsetzten Ausdruck in seinem Gesicht.

 Zügiger, als man es ihm nach seinem ersten Versuch zugetraut hätte, erhob er sich und stolperte zu Hank, der gerade den zweiten Zug an der Zigarette nahm und etwas Asche auf den Boden fallen ließ. Mit einem unsanften Wink der linken Hand schlug er ihm den Glimmstängel aus dem Mund und trat ihn mit seinen kleinen nackten Füßchen zu Brei, als wäre es eine giftige Schlange, die ihn in die Ferse beißen wollte. Als er sich vergewissert hatte, dass auch das letzte glimmende Glutkorn erloschen war, riss er den Kopf herum, dass sein Bart wehte und funkelte Hank – vermutlich stinksauer – an, wobei er ein bisschen wie ein böser Waldgeist aus einem Märchen aussah.

 »Willst du, dass hier alles in die Luft geht? Macht man das bei euch im Westen etwa so?«, schnarrte er.

 Hank grinste und korrigierte den Sitz seiner Mütze, die etwas zur Seite gerutscht war. Ruhig machte er einen Schritt in Richtung des Tankwarts.

 »Nein. Bei uns im Westen macht man das so.«

 Der Tankwart fiel wie ein nasser Sack auf seinen knochigen Hintern. Keuchend hielt er sich den stechend schmerzenden Unterkiefer. Seine Augen traten weit aus ihren Höhlen hervor. Der Schlag hatte gesessen. Hank hatte die Hand noch etwa zwei Sekunden zur Faust geballt, dann lockerte er sie wieder und schüttelte sie entspannt.

 Mit einem Klacken signalisierte der Tankstutzen, dass seine Orgie mit dem Chevy beendet war. Hank zog ihn heraus und hing ihn wieder in die Zapfsäule ein. Dann schraubte er den Tankdeckel auf, während er »It's a dark night« summte.

 »Was bin ich dir denn für den Sprit schuldig?«, fragte er, während er die Tür öffnete und sich zurück auf das gebürstete Leder des Fahrersitzes fallen ließ.

 Der Tankwart knurrte und spuckte etwas Blut. Er raffte sich mühsam auf und zog die Hand aus dem Bart hervor. Strauchelnd trat er zu Hank an die Fahrertür heran. Das Zittern seiner Brauen verriet seine Wut. Hank beugte sich zur Seite und kramte unter dem Beifahrersitz.

 »Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich bar zahle.«

 Er schien unter dem Beifahrersitz fündig geworden zu sein.

 Der Tankwart steckte den Kopf in den Wagen und wollte gerade etwas erwidern, da zerriss ein ohrenbetäubender Knall das Dudeln des Autoradios, welches gerade angefangen hatte, eine Ballade von den Doors zu spielen.

 Der Nachhall rollte donnernd in alle Himmelsrichtungen. Behutsam, fast romantisch, ging der Tankwart in die Knie. Nur die klebrigen Stückchen seines Gehirns, das Blut an der Tankstellendecke und vielleicht das handtellergroße, von pulsierendem Fleisch umrandete Loch, dass in seinem Gesicht klaffte, verrieten, dass er sich nicht aus plötzlicher Erschöpfung entschieden hatte, ein Mittagsschläfchen auf dem staubigen Betonboden zu halten.

 Er fiel einfach zur Seite um und dachte, dass die Geschichten über die verdammten Westler doch wahr waren.

 Hank schob die Pumpgun zurück unter den Beifahrersitz und ließ den Motor an, der nun wieder zufrieden schnurrte. Er schob sich die Sonnenbrille auf die Nase und bog wieder auf die Landstraße in Richtung Osten. An der Heckscheibe begann der Gummi-Elvis wieder, die Hüften zu schwingen, ungeachtet der Tatsache, dass sein Tanz nicht zum Rhythmus der Ballade passen wollte.

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