Titel

Das Kuckucksei-Syndrom

Leseprobe

Urheber
Peter Pitsch

Verlag
Tordenfjord-Verlag
Bindung
Paperback
Seitenzahl
142
Sprache
Deutsch
Format
12 x 18 cm
ISBN
978-3-9399-4812-4
Preis
€ 9,95 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

Internet
www.peter-pitsch-schriftsteller.com

Kaufen
Buchhandel
Internetshops

www.tordenfjord.de
www.amazon.de
 

Oberfeldwebel a. D. Bürstensteif könnte mit seinem Leben eigentlich zufrieden sein. Disziplin und Charakterstärke haben sein Leben bestimmt, und wenngleich ihm diese Zweckdienlichkeit nicht gerade eine Quelle der Freude erschlossen hat, so schuf er sich damit seine eigene kleine Welt, die in geregelten und überschaubaren Bahnen ablief.

Mit einem harmlosen Maulwurfshügel beginnt es: Seine heile Welt bekommt die ersten Risse, der suspekte Nachbar mischt sich laufend ein, und die profunde Angst vor Mutter Bürstensteif, die ihn weiterhin gnadenlos bevormundet, entzieht seiner Hoffnung auf Liebe jede Grundlage.

Als Mutter plötzlich entführt wird, fängt Bürstensteif an, sein Dasein in Frage zu stellen und deckt ein Geheimnis auf, das sein Leben für immer verändern wird ...

Sprachlich virtuos und mit galligem Humor wird die Fassade eines Biedermanns auseinander genommen.

Leseprobe

Hildegard Bürstensteif hegte nicht den geringsten Zweifel, dass ein verachtenswerter Unhold sie gekidnappt hätte, um einerseits Bargeld zu erpressen und andererseits sein Opfer sexuell gefügig zu machen. Letzteres mit Hilfe von Hypnose oder durch Verabreichung harter Drogen, denn nur so ließ sich erklären, weshalb der Hergang des abscheulichen Verbrechens aus ihrer Erinnerung getilgt war. Und einzig ihrer eisernen Willenskraft und ihrem spontanen Einfallsreichtum - man denke bloß an den falschen Bart! - wäre es zu verdanken gewesen, dass sie am helllichten Tag jenem lüsternen Entführer entkommen konnte. Zu welchen Gräueltaten ein Mann befähigt war, das hatte sie vor etlichen Jahren am eigenen Leib erfahren müssen; ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, ein Anflug von weiblicher Schwäche, und - schwupps - hatte sie auf der Matratze gelegen, und es war um ihre Ehre geschehen gewesen. Diese Schande, diese unerträgliche Schmach, noch heute schauderte ihr bei der Erinnerung an den groß gewachsenen unbekannten Herrn, noch immer verpestete der Modergeruch des Gewölbes ihre Träume. Neun Monate später war das Ergebnis dieses unseligen Tete-a-tetes zur Welt gekommen, der Hannes! Zu keiner Zeit hat sie daran gezweifelt, dass der Junge den Keim der Verderbtheit zwangsläufig in sich trug, die jüngsten Geschehnisse hätten es eindeutig unter Beweis gestellt: mit praller Hose war er durch die Straßen der Innenstadt gehechelt, diesem raffinierten, blond gelockten Weibsbild hinterher. O ja, Hildegard hatte es längst kommen sehen, irgendwann müsse die wahre Natur des Burschen aus ihm herausbrechen wie aus einem Kuckucksei, um das zu bestätigen, was sie am meisten verachtete, nämlich die Macht der Triebe. Nicht ohne Grund hatte es gegolten, diesen Keim in Hannes zu ersticken, seine Geschicke zu lenken und den Willen des Jungen hintan zu halten. Bedauerlicherweise aber hatte sie versagt, waren ihre guten Absichten über das Ziel hinausgeschossen. Auch ihr Hannes hatte sich zu einem vulgären, hormongesteuerten Liederjan entwickelt, einem Mannsbild von närrischem Gehabe auf der Jagd nach sinnlichen Genüssen. Dabei hatte sie sich immerzu aufrichtig bemüht, einen zweiten Karl Johann zu erschaffen, indem sie das Andenken an ihren verstorbenen Gatten bedingungslos ehrte, denn sie wollte Wiedergutmachung leisten, sehnte sich danach, den einzigen Fehltritt ihres Lebens auszumerzen. Das Schicksal aber hatte sie betrogen, weil sie für den eigenen Betrug ebendieses Schicksal nicht verantwortlich machen konnte. In ihrem Streben nach Keuschheit als einzigen Heilsweg war sie zur Teufelsaustreiberin geworden, eine Exorzistin, die in Wahrheit selbst die Besessene war, besessen von einer Schuld, die keine Möglichkeit auf Sühne zuließ. Hannes war zur Inkarnation ihrer Sünde herangewachsen, zum wiederkehrenden Fluch und ahnungslosen Auslöser ihrer Ohnmacht.

Im Anschluss an den bizarren Entführungsfall reiste Mama Bürstensteif nach Bad Salzsprüngel, ein zweiwöchiger Aufenthalt in einem Kurhaus sollte der alten Dame neue Lebensgeister einflößen. Unterdessen fiel Hannes die Aufgabe zu, sämtliche Wände ihrer Wohnung sorgsamst zu streichen und des Weiteren eine tropfende Verbindung am Wasserhahn abzudichten. Ihm war alles recht, solange Hildegard nicht mit Argusaugen über seine Schulter starrte und jeden seiner Schritte mit spitzer Zunge kommentierte.

 So kam es denn, dass er sich des Morgens emsig ans Werk machte, die stämmigen Möbel des Wohnzimmers von den Wänden abrückte und mittels einer Malerrolle ein strahlendes Weiß auf die Tapete auftrug. Die gleiche Prozedur wiederholte er in den restlichen Räumlichkeiten und gelangte am Schluss in das mütterliche Schlafgemach, wo er zu seiner maßlosen Bestürzung feststellen musste, dass sie - ihrer hoch gepriesenen Ordentlichkeit zum Hohn - lauter unansehnliches Gerümpel unterm Bett hortete. Plunder über Plunder, und darunter eine antike, hölzerne Truhe, die er prustend von einer dicken Staubschicht befreite. Das mittelalterlich anmutende Stück war angefüllt mit einem Stapel von Quittungen, Urkunden, Fotos und zerknitterten Briefen. Auf mehreren vergilbten Schwarzweiß-Fotografien schaute ihm der Vater Respekt einflößend entgegen, seine aufrechte Gestalt vermittelte unnachgiebige Entschlossenheit, die Miene strahlte Stolz und Würde aus, ein Mann ohne Furcht und Tadel. Angesichts dieser Inkarnation preußischer Tugenden verspürte Bürstensteif ein vages Gefühl von Machtlosigkeit. Er legte die Fotos beiseite und nahm ein Bündel uralter Briefe zur Hand, allesamt auf ´41 und ´42 datiert. Als er noch ein Kind war, hatte ihm seine Mutter regelmäßig aus diesen Briefen vorgelesen und die Stimme seines Vaters lebendig werden lassen. Es waren die aufwühlenden Berichte eines tapferen Soldaten, der bis zuletzt für sein Vaterland kämpfte und ein unmenschliches Opfer litt

... Die Kälte geht durch Mark und Bein, unsere dezimierte Einheit hat sich fünfhundert Meter vor den feindlichen Stellungen verschanzt. Befinden uns seit Tagen unter starkem Beschuss, nichtsdestoweniger weigern wir uns, vor dieser Übermacht zurückzuweichen! Einige von uns hat es gestern erwischt - Kommandant Weinrich starb letzte Nacht an einem Bauchschuss, er war uns allen ein großes Vorbild. Morgen in aller Frühe werden wir zurückschlagen und alles, was wir noch haben, nach vorn werfen, damit rechnet keiner ... 

Diese Zeugnisse unverfälschten Heldentums schlossen mit den immergleichen Worten: Dein Dich über alles liebender, auf ewig verehrender Karl Johann. Bürstensteif verkniff sich eine Träne. Weiterhin in der morschen Truhe stöbernd, entdeckte er ein rotes, abgegriffenes Tagebuch und warf spontan einen, wie er meinte, unschuldigen Blick hinein. Er las die von mütterlicher Hand verfassten Eintragungen in willkürlicher Reihenfolge ... und mit einemmal tobte das blanke Entsetzen, urplötzlich nahm sein schlimmster Alptraum Gestalt an!

zurück