Titel

Das Glück, hier geboren zu sein

Leseprobe

Urheber
Harald Jelinek

Printbook / Ebook

Verlag
united p.c. / ---
Bindung
Paperback
Seitenzahl / Dateigröße
189 / --- KB
Sprache 
Deutsch
Format
12 x 20 cm / ---
ISBN / ASIN
978-3-7103-1090-4 / ----
Preis
€ 18,40 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / € ---

Internet
www.haraldjelinek.at

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Die Freundschaft zwischen Tomislav Mutic und Andreas Schieber nimmt bereits im Kindergarten ihren Anfang. Die unterschiedlichen Charaktere bleiben verbunden, immer wieder versucht Tom seinem Freund beizustehen, der offensichtlich einen schweren Stand im Leben hat. Als die beiden daran gehen, Andi ́s Lebensgeschichte aufzuschreiben, offenbart sich dem Lesenden ein tragisches Schicksal. Bereits als Knabe wird Andi von seinem Vater sexuell missbraucht, Erfahrungen, die sein Leben entscheidend beeinflussen. Eine emotional, bewegende Erzählung, mit der versucht wurde, den Leser zum Nachdenken und Innehalten anzuregen.

Leseprobe

Die Sekunden fallen vom Himmel, die Zeit vergeht wie im Fluge. Draußen, auf der anderen Seite der Glasscheibe, bewegt sich die Welt, als wäre sie im Zeitraffer. Man kennt es von den Filmen, meist die Szenen, wo die Nacht beginnt, und die Autos, die Menschen, eigentlich alles was sich bewegt, erscheint in extremer Geschwindigkeit. Meist versucht der Produzent die stille Zeit tot zu schlagen, Der oder Die wartet auf den Morgen, der Zuseher kann es nicht erwarten und somit wird die Nacht in wenigen Sekunden herunter gespult. Ach, wäre das nicht wahnsinnig vorteilhaft für das reale Leben. All jene Momente, Gedanken und Erlebnisse, welche wir schnell vergessen möchten, lassen wir einfach im Zeitraffer dahingleiten und alles ist wieder gut; schön nicht? Da ja bekanntlich die Zeit alle Wunde heilt, wäre das doch die ideale Gelegenheit. Man spult sein Leben solange nach vor, bis man eben nicht mehr den Schmerz fühlt. Aber könnten wir dann noch empfinden, wüssten wir dann noch, was Liebe ist?
 Menschen die fast Schmerz unempfindlich sind, können bekanntlich auch sehr wenig Liebe zulassen, also vielleicht doch nicht des Rätsels Lösung? Nein, nein, so leicht soll es keinem gemacht werden, Schmerz und Trauer gehören einfach zu unserem Leben dazu, wie die Freude und die Liebe.
Das einzig Ungerechte ist nur, dass es Menschen gibt, die sehr viel mehr Leid ertragen müssen. Da kann das gefühlte Glück und die Freude es nicht mehr aufwiegen, welches jedoch sehr wichtig für unser Wohlbefinden wäre. Weiss man oder besser gesagt, kann man sich als Mitteleuropäer überhaupt vorstellen, welches Leid Hungernde oder Menschen in Kriegsgebieten ertragen müssen? Man sieht die Nachrichten, denkt, oh wie schrecklich, beisst in sein gefülltes Semmerl oder schleckt genüsslich den Löffel, des eben Gegessenen. Aber was soll man tun? Spenden, Mitleid empfinden, nichts mehr Essen, weil die auch nichts haben. Vielleicht den Kindern das Spielen verbieten, denn jene in den Krisengebieten haben nicht einmal den Kopf einer Puppe, um damit zu spielen? Spielzeugpistolen, selbstgebastelter Pfeil und Bogen, weil Kriegsspielzeug, gleich gar nicht kaufen, das geht bitte gar nicht! Also was tun, verbieten oder einfach ignorieren?
Die richtige Antwort weiß niemand, auch wenn es so manche behaupten. Miteinander Reden, den Kindern zum Beispiel erklären, dass es vielen Menschen sehr viel schlechter geht, als uns in Mitteleuropa. Probieren, den Kapitalismus hintan zustellen, unseren Nachkommen vermitteln, dass es nicht selbstverständlich ist, in den Apfel zu beißen, wenn man Lust danach hat. Das was man hat, auch schätzen zu lernen, und vielleicht manchmal darüber nachdenken. Reden, reden und nochmals reden, unseren Kindern versuchen zu erklären, dass eben nicht alles selbstverständlich erscheint, das soziale Denken weitergeben, so fern man eines hat.
Aber eines können wir hier jedenfalls; Froh sein, hier geboren zu sein!

Noch immer sitzt er vor seinem großen Fenster, den Ausblick direkt auf die Hauptstrasse gerichtet. Wären nur Teile meines Lebens auch so schnell vergangen, wie im Moment die Sekunden dahinfließen, als seien sie auf der Flucht, waren seine Gedanken, als er seinen Blick wieder seinem alten Laptop zuwendet. Sein Schreibtisch, welches vermutlich sein edelstes Einrichtungsstück ist, scheint perfekt ausgerichtet zu sein, das kleinste Tageslicht reicht für eine naturelle Beleuchtung. Die Gardinen meist weit aufgezogen, so dass der Aussicht in die weite Welt nichts im Wege steht. Die Ideen und genialen Momente sollen so ungehindert zu ihm vordringen können, welches er dann aufs Papier bringt. Natürlich nur im gedachten Sinne, denn welcher Spezies seiner Berufsgruppe, bringt noch Ideen zu Papier. Jeder sitzt, liegt oder steht vor seinem Personalcomputer oder Laptop und tippt in die meist schwarze Tasten, welche augenblicklich am Bildschirm dann auch so erscheinen. Vermutlich gibt es auch
 einige, welche in einen Rekorder sprechen und es dann selbst abtippen oder auch schreiben lassen. Eines hat sich sicherlich nicht geändert! Schreiben, reden, tippen oder wie oder was auch immer, kann man nur, wenn man die Ideen dazu hat. Ja, und genau die hat er im Moment nicht. Seine Blicke schweifen herum, meist beobachtet er Schatten am gegenüberliegenden Haus oder verfolgt Menschen, die sich am Alltagsleben unten auf der Strasse beteiligen. Er lässt sich ablenken, aber nur deswegen, weil ihm die Schreibblockade dazu zwingt.
Seit fast sechs Monaten sitzt er nun schon an diesem Buch. Anfangs lief es gut, die Finger liefen wie geschmiert über die Tasten und er war stolz auf seine Idee, diese unglaubliche reale Geschichte nieder zu schreiben. Die ersten Kapitel waren so einfach und hell erleuchtend; oft dachte er, die Buchstaben schimmern in den ersten Kapiteln heller als in den Nachfolgenden. Es war ihm klar, dass das nur er so sehen konnte, aber vielleicht sieht es der Leser ähnlich. Ist es nicht das Ziel eines Autors, dass seine Leser merken, welche mentale Momente er durchlebt. Das Geschriebene muss so rüberkommen, dass die Gefühle spürbar werden, die Identifikation mit den Figuren im Buch muss möglich sein. Und in den ersten Kapiteln war es eben so, dass seine Buchstaben funkelten, als sässe er am Rande der Milchstrasse und höre REM. Jedes Mal fühlte er sich um Tonnen leichter, wenn er ein Kapitel abgeschlossen hatte. Stolz las er es sich zwei bis dreimal durch, nippte an seinem Leitungswasser,
 gespritzten Fruchtsaft, oder dem Tage neigend auch schon mal an einem schweren, trockenen Rotwein mit natürlichem Abgang, so wie er ihn liebt und war stolz auf Getanes. Später, in den darauffolgenden Kapitel berührten ihn manche Szenen so sehr, dass er hie und da während dem Schreiben Tränen in den Augen hatte. Oft erzürnten ihn Momente und er schlug mit der Faust auf den vorhin erwähnten Tisch, welcher aus schweren Eichenholz erbaut wurde. Der Tisch gab keinen Millimeter nach und die volle Wucht traf nur seine Faust, der Schmerz drang bis in die Knochen und trotzdem tat es ihm gut. Er beruhigte sich wieder, stand auf, spazierte in seiner kleinen Wohnung herum und schrieb weiter.
Jedoch hat er seit Wochen Probleme, das Gedankengut aufs Papier zu Bringen, irgend etwas bremst ihn. Vielleicht ist es auch die Angst, es nicht so rüber zu bringen, dem Leser es nicht so vermitteln zu können, wie er empfindet. Eigentlich nicht ganz richtig, denn die Geschichte ist ja nicht seine, also sein Erlebtes. Er stellte sich in den Dienst der Freundschaft und verbürgte sich, es so wieder zu geben, wie es tatsächlich gewesen sein soll. Die Geschichte ist aber so untragbar, zu verletzend und zynisch, dass es wirklich schwer ist, sich so hineinzuversetzen um es für real zu halten. Lange hat er mit seinem Ego gekämpft, ob er sich das überhaupt antun kann, soll ich schreiben oder soll ich nicht, werde ich das verkraften können, mich seelisch damit abfinden können; das Ergebnis des Kampfes und der letzten sechs Monate steht Schwarz auf Weiss, gespeichert als Datei, nicht einmal 3 MB groß.

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