Titel

Das Geheimnis des Nebels

Leseprobe

Urheber
Pia Hepke

Printbook / Ebook

Verlag
Burg, Rehau / ---
Bindung
Paperback
Seitenzahl / Dateigröße
340 / ---
Sprache 
Deutsch
Format
15 x 21cm / ---
ISBN / ASIN
978-3-9373-4499-7 / ---
Preis
€ 12,50 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / ---

Internet
www.pia-hepke.jimdo.com.name

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Eine kleine, eher verträumte Stadt, inmitten von Wald und Wiesen gelegen, wird in letzter Zeit häufiger von einem Naturphänomen heimgesucht. Immer wieder wird der Ort in einen undurchdringlichen Nebel gehüllt.
Diana spürt, dass etwas Magisches in der Luft liegt. Zuerst der Nebel, dann diese rätselhafte Schattengestalt im Wald. Sollte das wirklich ein Drache gewesen sein? Aber wieso verließ dann ein Mensch die Lichtung
Dazu noch der mysteriöse Neue an der Schule; Adrian. Seine unglaublich grünen Augen scheinen auf Diana eine fast schon magische Anziehungskraft auszuüben. Aber was hatte er mitten in der Nacht im Wald zu suchen? Ob er etwas mit dem Brand auf der Klassenfahrt zu tun hat?
Sollte ihr das Bild von der Lichtung im Nebel, welches sie aus einer Laune heraus malt, dabei helfen das Rätsel zu lösen?


Leseprobe

Der Nebel auf der Straße ließ alles in einem geisterhaften Licht erscheinen.
Wie oft ich auch schon von meiner besten Freundin Janina abends nach
Hause gegangen war und wie vertraut mir der Weg durch den Wald auch sein
mochte, jetzt gerade wäre ich lieber von Janinas Eltern mit dem Auto nach
Hause gebracht worden. Allerdings hatte ich bereits die Hälfte meines Weges
hinter mich gebracht und so schritt ich tapfer voran. Was sollte mir denn
schon Schlimmes passieren? Das bisschen Nebel.
Aber "das bisschen Nebel" wurde immer undurchdringlicher. Schließlich
war er so dicht, dass ich beinahe meine Abkürzung verpasst hätte. Den
Trampelpfad übersah fast jeder, aber für mich war er irgendwie schon immer
da gewesen. Angespannt ging ich den vertrauten Pfad entlang. Der Wald war
zu einem meiner Lieblingsorte geworden. Als ich kleiner war, kam ich oft
hierher und streifte auf der Suche nach Dieben und ihren Verstecken allein
durch den Wald. Ich kletterte auf Bäume und beobachtete Rehe. Jetzt führte
mich mein Weg meist in den Wald, wenn ich einen klaren Kopf benötigte.
Die
Stille, nur von den beruhigenden Geräuschen des Waldes begleitet, verlieh
mir Gelassenheit und neue Kraft. Sicherheit und Geborgenheit, die sich jetzt
nicht einstellen wollten.
Dieser Teil des Waldes war mir so vertraut wie nur wenig anderes. Aber der
Nebel, der mir in diesem Moment die Sicht nahm, ließ alles so fremdartig
wirken. Meine Schritte verlangsamten sich und meine Augen huschten
unruhig umher.
Es war Ende April und heute war der letzte Ferientag, bevor die Schule
wieder anfing. Die Osterferien waren für diese Jahreszeit ungewöhnlich warm
gewesen, aber in letzter Zeit hatten sich die Tage, an denen Nebel die Gegend
bedeckte, gehäuft. Ich trug nur eine dünne Sommerjacke und die
Feuchtigkeit,
die in der Luft lag, brachte mich zum Frösteln.
Ich ging schneller und versuchte, mich durch das Laufen einigermaßen warm
zu halten. Der Nebel verschluckte jedes Geräusch, es herrschte absolute Stille
und genau das bereitete mir in diesem Moment Angst. Normalerweise war
der Wald erfüllt von Leben und selbst zu so später Stunde hörte man immer
noch das geschäftige Treiben der Waldbewohner.
Aber jetzt war nichts zu hören. Nicht einmal meine Schritte auf dem
Waldboden
oder das Geräusch der trockenen Laubblätter zwischen meinen Füßen
schienen so zu sein wie sonst. Ich freute mich schon darauf, wenn ich den
Wald endlich hinter mir hatte, obwohl ich diese Strecke ansonsten immer
genoss. Aber heute war sie mir unheimlich.
Als ich mich der kleinen Lichtung näherte, wurde ich wieder etwas ruhiger
und meine Schritte waren nicht mehr ganz so hastig und übereilt. Ich hatte
nie irgendjemandem von dieser Lichtung erzählt und meine Abkürzung nahm
ich immer nur, wenn ich allein war. Nicht einmal Janina wusste von ihr. Sie
zog mich manchmal auf, wenn sie von meiner Wanderung durch den Wald
erzählte. Sie wusste zwar, dass ich meistens eine Abkürzung durch den Wald
zu ihr nahm, aber sie hatte mich bis heute nicht dazu überreden können, dass
ich sie ihr zeigte. Und so musste sie zu mir stets den Umweg außen herum
beschreiten. Das war auch einer der Gründe, wieso häufiger ich sie als sie
mich besuchte.
Aber diese Lichtung war etwas Besonderes für mich und irgendwie
befürchtete
ich, dass, wenn ich sie jemand anderem zeigte, dann ihr ganz spezieller
Zauber, den ich hier jedes Mal zu spüren glaubte, für immer verloren gehen
könnte. Es war Janina gegenüber vielleicht nicht ganz fair, aber jeder hatte
doch seine Geheimnisse, die er keinem anvertraute, und das hier war eben
meines.
Ich hielt wie gewöhnlich auf der Höhe der Lichtung an und sah herüber. Das
tat ich immer, egal, wie sehr ich in Eile war, dafür hatte ich stets genügend
Zeit übrig. Aber heute hatte der gewohnte Anblick doch irgendetwas
Fremdartiges
an sich. Es war zwar immer noch dieselbe Lichtung, aber dennoch
machte der Nebel sie zu etwas Anderem. Er ließ sie in einem geisterhaften
Licht erscheinen, und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, dann hätte ich
in diesem Moment geglaubt, sie sei gar nicht wirklich da, und falls ich sie am
nächsten Tag suchen gehen würde, wäre da nichts außer den alten Bäumen.
Immer noch verzaubert von diesem wunderschönen und zugleich
unheimlichen
Anblick, konnte ich mich einfach nicht losreißen. Meine Eile war vergessen.
Ich stand da und sah zu, wie der Nebel sich langsam auf der gesamten
Lichtung ausbreitete. Die Bäume waren dort, wo ich stand, nicht so dicht und
boten einen guten Blick auf die grüne Rasenfläche, die im Sommer für eine
ganz bestimmte Zeit mit Wildblumen bedeckt war und dann einen noch
einzigartigeren Anblick bot.
Es war weißer Nebel und dadurch, dass er so dicht war, wie ich ihn bisher nur
in den vergangenen Tagen gesehen hatte, konnte man die Bäume auf der
anderen Seite nicht einmal mehr erahnen. Es faszinierte mich, wie hell der
Nebel war und welche Eleganz ihm zu eigen war. Und während ich noch
über die Beschaffenheit des Nebels philosophierte, hörte ich plötzlich ein
lautes Rauschen über mir. Erschrocken duckte ich mich und spähte dann
vorsichtig nach oben, aber wegen des dichten Nebels konnte ich nicht einmal
die Baumspitzen erkennen, geschweige denn etwas, was sich darüber befand.
Doch was auch immer ich gehört hatte, war nicht länger über den
Baumwipfeln.
Es befand sich nun auf der Lichtung. Ich verspürte einen kräftigen
Luftstoß und kurz darauf sah ich, wie der Nebel in meine Richtung trieb,
und hörte so etwas wie einen dumpfen Aufprall. Aus Angst zog ich mich
hinter einen dicken Baum zurück und lugte hinter seinem mächtigen Stamm
hervor.
Der Nebel auf der Lichtung hatte ein wenig von seiner Undurchdringlichkeit
verloren. Und so konnte ich endlich etwas erkennen. Aber das, was ich da
sah,
wollte irgendwie nicht so ganz in meinen Kopf.
Ich konnte eine Gestalt erkennen, die mich auf unheimliche Art und Weise
an einen Drachen erinnerte. An diese großen Echsen, die Jungfräulein
entführten, gegen die furchtlose Ritter kämpften oder die im alten China
ohne Flügel durch die Lüfte glitten.
Allerdings besaß dieses Exemplar durchaus Flügel. Und nicht nur Flügel,
auch einen schlanken, eleganten Kopf und einen Schwanz, der unruhig durch
die Luft zuckte und den Nebel um sich herum in Schwingungen versetzte.
Vollkommen verblüfft zwinkerte ich ein paar Mal ungläubig, aber ich konnte
die Erscheinung immer noch sehen. Etwas undeutlich zwar, weil der Nebel
die Sicht verdeckte, und außerdem war es eher eine Art Schatten, der die
Form einer riesigen Echse hatte.
Ich überlegte noch, wie das sein konnte, als ich eine Bewegung wahrnahm
und meine volle Aufmerksamkeit wieder auf die Lichtung richtete. Das
Wesen - oder die Erscheinung oder was auch immer es war - wandte mir
seinen Kopf zu und setzte sich in Bewegung. Nur langsam begriff ich: Das
Ding kam direkt auf mich zu!
Ich blinzelte abermals und wusste nicht, was ich nun tun sollte. Ich schaute
den Weg entlang, es waren nur noch einige Meter bis nach Hause. Sollte ich
einfach losrennen und hoffen, dass das Etwas mich nicht verfolgen würde,
weil es beispielsweise gar nicht existierte? Oder sollte ich einfach hier stehen
bleiben und hoffen, auch weiterhin unentdeckt zu bleiben?
Mit einem Mal nahm ich alles ungewöhnlich scharf wahr. Ich hörte das
leichte
Knistern des Laubs unter meinen Füßen ebenso klar und deutlich wie
meinen Atem, der in meinen Ohren schon fast keuchend klang. Mein
Herzschlag
ging immer schneller und das Blut pochte in meinen Ohren, ich konnte
es rauschen hören.
Ich hatte plötzlich furchtbare Angst, dass das Wesen auf der Lichtung mich
entdecken und mich womöglich auffressen könnte. Es war so groß und ich
konnte mir die Größe seiner Reißzähne nur allzu gut vorstellen. Eigentlich
erwartete ich geradezu, dass dieses Ding im nächsten Moment mit
gefletschten Zähnen auf mich zukam, und vor lauter Angst verzog ich mich
hinter den Baumstamm und wartete mit klopfendem Herzen ab, was als
Nächstes geschehen würde. Eigentlich hätte ich schon längst in Ohnmacht
fallen und auf dem Boden zusammenbrechen müssen.
Ganz ruhig, sagte ich mir und atmete in dem Versuch, mich wieder zu
beruhigen, einmal zitternd ein und genauso zitternd wieder aus. Ich musste
unbedingt wieder einen klaren Kopf bekommen. Drachen gab es nicht, und
dass ich hier anscheinend einen sah, lag einzig und allein an dem Nebel.
Genau, er musste nichts weiter tun, als einfach die Umrisse irgendeines
Gegenstandes leicht zu verzerren, und meine Fantasie tat dann den Rest. In
solch einer Atmosphäre hatten schon ganz andere Menschen irgendwelche
unerklärlichen Erscheinungen gesehen. Man musste nur einmal an die
ganzen Geistergeschichten denken. Der Verstand spielte einem manchmal
einfach Streiche und man selbst war mit der Situation dann so überfordert,
dass man es doch glatt für die Realität hielt.
Mit einem Mal nahm ich ein Geräusch, nicht weit von mir entfernt, wahr.
Ich atmete tief ein und wagte es dann, meinen Kopf so zu drehen, dass ich
in die Richtung, aus der ich es gehört hatte, schauen konnte. Aber was ich da
sah, hätte ich am allerwenigsten erwartet.
Ein Mensch mit hellen Haaren, dunkler Jacke und dunkler Hose war auf den
Pfad getreten und machte sich nun auf den Weg in die Richtung, aus der
ich zuvor gekommen war. Ich konnte gerade noch seine dunkle Gestalt
erkennen, denn im nächsten Augenblick hatte der Nebel seine Umrisse
verschluckt.
Ich keuchte und spürte dann, wie meine Knie unter mir nachgaben.
Das war doch nicht möglich. Beinahe hätte ich laut losgelacht. Dann war das
die ganze Zeit über dieser Kerl gewesen. Aufgrund der Statur nahm ich an,
dass es ein Mann oder ein Jugendlicher gewesen war. Und ich hatte mir schon
ausgemalt, wie mich plötzlich zwei bösartige Augen anstarrten, kurz bevor
sich ein Maul mit scharfen, spitzen Zähnen öffnete und mich verschlang. Ich
hatte eindeutig zu viele solcher Filme gesehen und besaß eine zu blühende
Fantasie. So etwas passierte nun wirklich nur im Film!
Siehst du, versuchte ich mich selbst zu beruhigen, es hat also wirklich an dem
Nebel gelegen. Er muss die Umrisse der Person verzerrt haben und du hast
darin dann gleich irgendein Fabelwesen, eine mystische Sagengestalt
gesehen. Dummkopf, schalt ich mich im Stillen.
Und trotzdem spürte ich eine gewisse Unsicherheit, ich hatte doch alles
so genau gesehen, die Flügel, den Kopf, sogar einen Schwanz hatte ich
erkennen können. Wieso also war da plötzlich nur noch ein Mensch gewesen?
Ich warf noch einen raschen Blick auf die Lichtung hinter mir, aber ich
konnte nichts Ungewöhnliches mehr entdecken.
Ich musste zwar zugeben, dass mir der Anblick eines menschlichen Wesens
um einiges lieber war als dieses beängstigend große Geschöpf, welches sich
noch vor einigen Sekunden in meine Richtung bewegt hatte. Aber dieser
Drache hatte so echt gewirkt, wie er da auf der Lichtung gestanden hatte,
sodass ich nicht glauben wollte, mir das nur eingebildet zu haben. Und die
Geräusche? Hatte ich mir die etwa auch nur eingebildet? Ich war verwirrt
und wusste nicht so genau, was ich von alledem halten sollte.
Es schien wohl wirklich nur ein Mensch gewesen zu sein. Ich musste im
Nebel seine Umrisse mit meiner Fantasie in etwas anderes verwandelt haben.
Aber damit entstand eine neue Frage. Was hatte diese Person auf der
Lichtung gemacht? Bisher hatte ich noch nie auch nur irgendeine
menschliche
Seele hier in diesem Teil des Waldes getroffen. Dieser Trampelpfad war
nicht unbedingt der öffentlichste und bisher war ich auch davon
ausgegangen,
dass außer mir nur die Tiere des Waldes ihn kannten und ab und zu
benutzten. Kaum einer interessierte sich für einen kleinen Weg, der zwischen
den Bäumen hindurchführte und kaum Platz zum Laufen bot. Wer also war
diese mysteriöse Person? Und was hatte sie bei Nacht und Nebel auf dieser
Lichtung gemacht?
Ich hatte bereits seit Kindertagen den Eindruck gehabt, dass diese Lichtung
etwas Besonderes war, und zwar nicht nur für mich; sie wirkte irgendwie
geheimnisvoll.
Sie hatte beinahe etwas Magisches. Die Bäume umgaben sie, als
ob sie ein Geheimnis hüten würden. Und so kam mir das Ganze auch vor,
wie ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das zu lüften ich mich nun gezwungen
fühlte.
Ich wusste selbst nicht genau, wieso, aber ich hatte so ein Gefühl. Und
dieses Gefühl sagte mir, dass da immer noch etwas war, was nicht so recht ins
Bild passte. Irgendetwas stimmte da nicht und ich würde auch herausfinden,
was das war. Einen Plan hatte ich allerdings nicht, nur dieses Gefühl, welches
ich nicht abschütteln konnte.
So saß ich da, vollkommen in meine Gedanken versunken, bis es mich vor
Kälte einmal kräftig schüttelte. Das holte mich wieder in die Gegenwart
zurück. Mir war eiskalt, meine Jacke war ganz klamm und die Feuchtigkeit
drang durch meine Klamotten an meine Haut und kühlte mich immer
stärker aus. Tja, und der Boden war ja nun auch nicht gerade das, was man
als warm und trocken bezeichnen konnte.
Wie lange ich hier wohl schon saß? Hoffentlich noch nicht allzu lange. Ich
war
ohnehin schon spät dran gewesen und Ma würde sich irgendwann bestimmt
Sorgen machen, wo ich denn so lange blieb.
Ich musste aufstehen und mich auf den Heimweg machen, aber meine Beine
gehorchten mir nicht. Und bei dem Gedanken an den Drachen fing mein
Herz abermals wie wild an zu schlagen.
Der Besuch bei Janina erschien mir endlos weit entfernt.

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