Titel

Botschaft aus der Schattenwelt

Leseprobe

Urheber
Horst Fesseler

Verlag
Tredition
Bindung
Paperback
Seitenzahl
236
Sprache
Deutsch
Format
Din A5
ISBN
978-3-8685-0102-5
Preis
€ 17,49 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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In seinem neuesten Werk wagt sich der Buchautor Horst Fesseler in die faszinierende Welt der Quantenmechanik und der Parapsychologie vor. Er schildert dem Leser in atemberaubenden Szenarien packende Plots, die schier an die Grenzen des Unvorstellbaren gehen.

Leseprobe

Ausschnitt aus Kapitel VIII 

Die Wochen und Monate mit ihrem Sohn bedeuteten glückliche und wohltuende Stunden. Der Junge brachte Freude in ihr manchmal so tristes Leben, denn die Erinnerung an Heiko blieb in Claudia wach. Es gab oft Momente, in denen sie an die wundervollen Jahre zurückdachte. Und wenn sie Sebastian nachdenklich beobachtete, ihn von der Seite betrachtete, da kam es ihr vor, als sehe sie Heiko vor sich. Diese markanten Gesichtszüge, der Ausdruck seiner Augen, das Lächeln, erinnerten Claudia sehr stark an Heiko. Es schien ihr, als lebe er in Sebastian fort, als sei sein Geist in ihm, schweigend, ohne sich bemerkbar zu machen, sie beobachtend und kritisch musternd. Manchmal, da redete sie Sebastian ungewollt mit Heiko an. Dann schaute er jedes Mal leicht verwirrt und mit seinen großen Augen zu ihr hin. In kindlicher Verärgerung sagte er in solchen Momenten: „Aber Mutti, ich heiße doch Sebastian und nicht Heiko.“

Hin und wieder, da fragte er neugierig: „Wer ist das denn? Heiko?“ Dann spürte Claudia immer wieder, wie ihr die Augen feucht wurden. Und sie antwortete mit gebrochener Stimme: „Heiko, das ... das war dein ... Vati. Er ... er ist jetzt ... weit, weit weg. Weißt du ..., er ist ein Engel. Ein wunderschöner Engel. Und er beschützt dich mit seinen großen Flügeln, damit dir nichts geschieht.“

Staunend hörte der kleine Sebastian zu. Irgendwie schien er aber nicht so ganz zu verstehen, was seine Mutter ihm sagte. Er fragte sie: „Warum ist er denn ein Engel?“

Verlegen entgegnete Claudia: „Nun, er achtet auf uns, passt genau auf, was wir machen. Und er liebt uns sehr. Er ist immer bei uns. Aber wir können ihn nicht sehen.“

Verwundert schaute der kleine Sebastian seine Mutter an. Dann meinte er: „Aber ich will ihn mal sehen. Ich weiß gar nicht, wie er aussieht. Er braucht doch keine Angst vor uns zu haben. Oder fürchtet er sich vor uns?“

Claudia lächelte und schüttelte den Kopf. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen traten. „Nein, mein Schatz, er hat keine Angst vor uns. Ganz im Gegenteil. Wir können ihn nicht sehen, weil er weit weg im Himmel ist ...“

„Und wie kommt Papa von da zu uns? Im Flugzeug? Oder mit einer Rakete?“, wollte Sebastian wissen und schaute seine Mutter mit großen unschuldigen Augen an.

Claudia lächelte zaghaft. „Nein, mein Schatz“, antwortete sie ihm. „Er sitzt auf einer Wolke. Und wenn du mal abends zum Himmel schaust, dann siehst du die vielen funkelnden Sterne. Einer davon, das ist dein Vati. Der schönste und hellste Stern, der am größten ist ...“

Sebastian erhob sich und tippelte zum Balkon. Er öffnete die Tür und trat hinaus. Dann schaute er lange nach oben und bestaunte die vielen leuchtenden und glitzernden Punkte. Er deutete mit seinen kleinen Fingern zum Himmel und sagte: „Das da ist mein Vati. Der riesengroße Stern dort oben. Ich kann ihn genau sehen. Er hat gelacht und mir gewunken.“

Sebastian blickte gebannt und mit großen Augen zum Himmel, zu den vielen funkelnden Sternen. Claudia nickte nur und lächelte. Sie spürte wieder deutlich, wie sie sich jetzt nach Heiko sehnte, den sie so sehr vermisste. Aber sie konnte die Vergangenheit nicht zurückholen, die war endgültig vorbei, niemand gab ihr ihren geliebten Heiko wieder. Mit dieser Tatsache musste sich Claudia abfinden, ob sie wollte oder nicht. Und gerade diese absolute Wahrheit stürzte sie immer aufs Neue in tiefe Traurigkeit, in eine vergrämte Versteinerung, die ihr die Realität in einem recht verschleierten Licht erscheinen ließ.

Nachdem Claudia den kleinen Sebastian zu Bett gebracht hatte, saß sie noch eine Weile im Wohnzimmer, um in einem Buch zu lesen. Sie lehnte ihren Kopf gegen das weiche Polster und schloss für einen Moment die Augen. Dieses Treibenlassen der Gedanken tat ihr gut.

Plötzlich schreckte sie das laute Schlagen einer Tür hoch. Claudia öffnete die Augen. Da stand auch schon ein junger Mann im Zimmer. Er wirkte sehr freundlich und grinste. Claudia schätzte ihn auf etwa achtzehn Jahre.

„Wer sind Sie, verdammt noch mal? Und wie kommen Sie hier herein?“, fragte sie ängstlich.

Verwundert schaute der junge Mann sie an. „Was ist los mit dir? Hast du geträumt? Ich bin’s doch nur“, sagte er und kümmerte sich nicht weiter um Claudia.

Er setzte sich wie selbstverständlich in den Sessel gegenüber. Der Mann griff nach der auf dem Couchtisch liegenden Zeitung und blätterte lustlos darin. Claudia war vollkommen sprachlos und beobachtete ihn verblüfft.

Gereizt stellte sie nach ein paar Sekunden nochmals ihre Frage. Der Mann schaute gelangweilt auf und knallte wütend seine Zeitung auf den Tisch.

„Mutter, manchmal glaube ich wirklich, du bist verrückt.“

Er erhob sich und ging aus dem Zimmer. Claudia zuckte zusammen. Was hatte er da eben gesagt? Mutter nannte er sie? Wer, verdammt noch mal, war das? Wie konnte er sie Mutter nennen? Der Kerl benahm sich so selbstsicher. Ein schlimmer Verdacht kam ihr. Sie musste unbedingt sofort Gewissheit haben.

„Sebastian!“, rief sie deshalb und hörte zu ihrer Überraschung ein dumpfes „Ja“ aus der Küche.

Nein, sagte sich Claudia, das kann doch nicht sein, das ist unmöglich! Was um alles in der Welt war geschehen? Hatte sie fast zwanzig Jahre verschlafen? Oder hatte sie die Erinnerung verloren? War sie jetzt wirklich verrückt? Nein, es musste ein Traum sein, ein bitterböser Alptraum! Trotzdem, es erschien ihr alles so real, so wirklich. Claudia erhob sich und torkelte ins Bad. Sie betrachtete lange ihr Spiegelbild, musterte sich ganz genau und stellte fest, dass sie noch so jung und frisch aussah wie am gestrigen Tag. Keine Fältchen waren hinzugekommen, kein graues Haar, rein gar nichts! Fassungslos starrte Claudia ihr Spiegelbild immer wieder an, nahe daran, den Verstand zu verlieren. Ging denn das nun schon wieder los? Fast drei Jahre hatte sie ihre Ruhe gehabt, glaubte, es endlich geschafft zu haben. Drei Jahre des Glücks und der Freude, der Ausgeglichenheit und der Entspannung, auch wenn der kleine Sebastian sie mitunter kräftig nervte. Sollte diese Zeit nur eine Farce gewesen sein? Knapp drei Jahre war sie bei Richard Mertenstein in Behandlung gewesen und hatte gespürt, wie es ihr von Tag zu Tag besser ging. Und Jetzt? Womöglich war alles umsonst gewesen. Hatte das Verderben in ihr nur geschlafen, war heute wieder zu neuem Leben erweckt?

Claudia dachte zurück an Heiko, als er von unerklärlichen Phänomenen gequält wurde. Ereilte sie nun das gleiche Schicksal? Oder war wirklich etwas dran an seinen Erlebnissen, die nie aufgeklärt werden konnten? Man hatte ihn damals für verrückt gehalten und ihn in die Klapsmühle gesteckt. Nun wurde sie mit ähnlichen Erlebnissen konfrontiert.

Claudia holte tief Luft und stapfte zurück ins Wohnzimmer. Dort saß Sebastian, auf beiden Backen einen Toast kauend, vor dem Fernseher. Claudia spürte, wie ihr das Herz klopfte. Aufmerksam musterte sie ihren Sohn, der sich plötzlich sehr verändert hatte. Vor ein paar Stunden noch hatte sie einen kleinen Jungen zu Bett gebracht. Und nun saß ein ausgewachsener Bursche von knapp zwanzig Jahren vor ihr. Sie blickte ihn von der Seite an. Die markanten Gesichtszüge erinnerten an den kleinen Dreijährigen. Seine Augenpartie hatte sich nicht sehr verändert. Gut, er war ein bisschen älter geworden, aber mehr nicht. Was sollte sie jetzt in dieser Situation nur sagen? Wie konnte sie ein Gespräch beginnen? Es fiel ihr schwer, die richtigen Worte zu finden. Dann endlich schaffte sie es. Stockend noch.

„Was, was hast du ... wie ist dein Tag heute verlaufen?“, fragte sie vorsichtig.

Sebastian schaute sich zu ihr um.

„Ich war mit Svenja im Katschmadun. – Sie kommt übrigens morgen vorbei, um dir die versprochenen Unterlagen zu bringen“, antwortete er und kaute weiter auf seinem Toast.

„Aha!“, staunte Claudia nur, begriff aber überhaupt nichts.

Sie ging rasch zur Küche hinüber, hier konnte sie ungestört nachdenken. Wer um alles in der Welt war Svenja? Sebastians Freundin? Welche Unterlagen wollte sie vorbeibringen? Das Katschmadun musste wohl eine Kneipe sein, von der sie noch nie was gehört hatte. Claudia zerbrach sich fast den Kopf. Es war zum Verzweifeln, ihr fehlte einfach ein ganzer Lebensabschnitt. Oder war sie durch irgendwelche Umstände in ein Zeitloch geraten? In eine Periode der Zukunft, eine Welt, die parallel neben der Wirklichkeit existierte? Wie aber kam sie dahin? Vor ein paar Minuten schien doch noch alles völlig in Ordnung gewesen zu sein. Sie hatte nur für einen Moment die Augen geschlossen. Sollte sie gar in diesen paar Sekunden von der Zeit geschluckt worden sein?

Es nutzte überhaupt nichts, wenn sie jetzt ihre Gedanken unnötig strapazierte. Sie kam ja doch zu keiner vernünftigen Erklärung. Sie musste sich diesem Schicksal fügen, ob sie wollte oder nicht. Was war mit all ihren Freunden und Kollegen geworden? Claudia musste es herauskriegen. Ja, sie würde jetzt gleich Sabine anrufen, mit ihr konnte sie darüber reden.

Claudia ging ins Wohnzimmer. Da stand noch der vertraute alte Telefonapparat. Sie wählte Sabines Nummer. Es kam keine Verbindung zustande, der Ruf ging nicht durch. Claudia kramte das Telefonbuch hervor, suchte nach dem Anschluss von Sabine Ullmann, fand jedoch keinen Eintrag. Enttäuscht legte sie das Telefonbuch zurück. Sie versuchte es auf dem Handy, die Nummer hatte sie gespeichert. Doch eine monotone Stimme teilte ihr mit, dass der Anschluss nicht vergeben sei.

Natürlich, schoss es Claudia durch den Kopf. Sie hat sich scheiden lassen und ist mit einem anderen Mann verheiratet, oder sie ist mit Klaus weggezogen. Immerhin sind ja fast zwanzig Jahre vergangen, da konnte viel geschehen sein.

Nachdenklich saß Claudia im Sessel und beobachtete aus ihren Augenwinkeln heraus Sebastian. Er saß noch immer, einen weiteren Toast kauend, vor einer Zeitschrift und blätterte lustlos darin. Er ist ein großer Junge geworden, dachte Claudia, nicht mehr der kleine süße Kerl, den sie kannte, der ihr bisheriges Leben ausfüllte. Sollte sie mit ihm eine Unterhaltung beginnen? Es fiel ihr so verdammt schwer. Mit welchem Thema konnte sie beginnen? Worüber redeten die jungen Leute von heute? Sie hatte keine Ahnung. Nein, Claudia fand es besser, sich schweigend aus der Affäre zu ziehen, ihm nur gute Nacht zu sagen und schlafen zu gehen. Sie lag kaum im Bett, da fielen ihr auch schon die Augen zu. Claudia schlief tief und fest.

Am nächsten Morgen wurde sie von den Sonnenstrahlen der aufgehenden Sonne geweckt. Frohgelaunt streckte Claudia die Arme aus und verschränkte die Hände für einen Moment im Nacken. Sie blieb noch einen Moment im Bett liegen und dachte an ihre Träume der vergangenen Nacht. In einem kam Sebastian als fast 20‑Jähriger vor. Sie grinste bei dem Gedanken daran.

Doch mit einem Mal durchfuhr es sie wie ein Blitz. Nein, das war ja gar kein Traum gewesen. Die Zeit hatte am Abend wirklich einen Sprung von zwanzig Jahren gemacht. Claudia stieg schnell aus dem Bett und eilte ins Badezimmer. Sie beschaute sich im Spiegel und stellte zu ihrer Zufriedenheit fest, dass sie nicht gealtert war, sie sah noch so wie gestern Abend aus. Erleichtert atmete sie auf. Aber was war mit Sebastian?

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