Titel

Blutsuche: Annes Reise

Leseprobe

Urheber
Sinje Blumenstein

Verlag
BoD Norderstedt
Bindung
Paperback
Seitenzahl
384
Sprache
Deutsch
Format
17 x 22 cm
ISBN
978-3-8391-3647-8
Preis
€ 21,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto)

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Als die 24-jährige menschenscheue Anne zu ihrer Brieffreundin Eunice nach Kalifornien reist, erhofft sie sich einen ruhigen Urlaub und denkt nicht im Traum daran, dass ihr die Liebe ihres Lebens über den Weg laufen könnte. Doch sie hat ihre Rechnung ohne das Schicksal gemacht. Anstatt die junge Frau ihre Reisezeit unbeschwert genießen zu lassen, schickt es ihr Träume und Vorahnungen, die ihr unerklärliche Begegnungen, Gefühle und eine Stimme zeigen, bis sie schließlich in der Realität einem geheimnisvollen Mann gegenübersteht.

Hals über Kopf lässt sich Anne, wider ihre Natur, blindlings auf etwas ein, das für sie mehr als nur ein Urlaubsflirt ist, und erfährt, dass sie selbst keineswegs so unscheinbar und „normal“ ist, wie sie immer glaubte. Als der Mann an ihrer Seite seine Zähne zeigen muss, wird ihr klar, dass Vampire keine Erfindung Hollywoods sind.

Ebenso Hals über Kopf flieht Anne vor der Liebe zurück in ihr mitteldeutsches Dorf, doch auch dort kann sie sich nicht von Sagen und Mythen befreien und muss erkennen, dass ihre Reise, ihre ureigene dörfliche Realität und die jahrhundertealte Vergangenheit untrennbar miteinander verknüpft sind.

Und nach Monaten steht der Vampir plötzlich vor ihrer Tür.

Wird Anne ihn einlassen, und was hat das Schicksal mit ihnen beiden vor?

Leseprobe

Kapitel 2: Reisezeit 

San Francisco 

Als ich mich, wieder einmal nach einer Taxifahrt, gut anderthalb Stunden vor dem nächsten großen Reiseereignis anschickte, den Abflugbereich unserer Airline zu betreten, schlug ich mit voller Wucht gegen eine unsichtbare Barriere, die mich fast zum Stürzen brachte. Ich strauchelte für einen Moment. In meiner Verwirrung versuchte ich, mit den Augen etwas zu erfassen. Doch es war nichts zu sehen. Meine Nase kämpfte sich durch Straßengeruch und alle Ausdünstungen, die sich zwischen Klimaanlage, Menschen und Kerosin vermischten. War es der Wärmeunterschied zwischen drinnen und draußen? Mein Kopf dröhnte, als sei ich gegen die gläserne Automatiktür gelaufen. Ich stand aber immer noch auf dem Gehweg, vielleicht einen Meter vom Gebäude entfernt. Ich rieb und drückte kräftig meine Schläfen, um das quälende Dröhnen mit Akupressur zu vertreiben. Mein rechter, schick beschuhter Fuß setzte erneut zu einem Schritt an, als ich einen Ruck von hinten verspürte, als sollte ich zurückgehalten werden.

‚Du darfst nicht weggehen’, eine leise, unbekannte männliche Stimme drang bestimmend in meinen Kopf: ‚Ich brauche dich.’

Inzwischen hatte Eunice die Tür bereits passiert und stand nun im Gebäude und wartete auf mich. Ich versuchte, ihr zuzulächeln, und es gelang mir, meine Hand an die Stirn zu legen und eine Geste zu improvisieren, die wirkte, als habe ich einen Augenblick nachdenken müssen.

‚Geh nicht!’ Die Stimme kehrte zurück, und ich spürte, wie mir Tränen in die Augen schossen und meine Nasenspitze kalt wurde. ‚Bleib! Ich brauche dich.’

Ich begann, an meinem Verstand zu zweifeln. „Lass mich in Ruhe“, presste ich kaum hörbar zwischen den Zähnen hervor, nicht wissend, ob mich jemand hören konnte. Ich wuschelte mein neues Mokkahaar mit der Hand auf und betrat das Gebäude.

Die Barriere war verschwunden, von allein gewichen, das spürte ich.

Ich hatte Eunices sorgenvollen Blick zerschlagen können und ihr erzählt, ich habe kurz nachdenken müssen, ob ich auch nichts vergessen hatte. Natürlich wäre längst alles zu spät gewesen, wäre dieser Fall eingetreten.

Nachdem wir das lästige Flughafenprozedere hinter uns gebracht und es uns in der Maschine zum SFO mehr oder weniger bequem gemacht hatten, musste ich unwillkürlich lächeln, als ich daran dachte, dass ich, hätte ich anlässlich meiner Anreise nicht den Direktflug nach L.A. genommen, vermutlich nun ein zweites Mal nach San Francisco reisen würde.

Der Start war sanft verlaufen, und mein Kopf ruhte entspannt an der Lehne meines Gangsitzes, während ich einen kühlen Schluck Orangensaft meine Kehle hinabrinnen ließ. Ich gestattete mir einen kurzen Blick über Eunice hinweg auf die Erde unter uns, bevor mich ein schwacher, aber unverkennbarer Schwindel erfasste, der mich zwang, den Blick wieder geradeaus zu richten. Mein Magen kribbelte leicht. Die Reiseflughöhe war längst erreicht, und der Flug verlief bislang störungsfrei. Auch sei angesichts des ausgezeichneten Wetters ein turbolenzfreier, angenehmer Flug zu erwarten, hieß es. Eunice lächelte mir von ihrem Fensterplatz aus zu und begann, in einer Zeitschrift zu blättern. Ich lächelte zurück, dankbar, nicht unablässig schwatzen zu müssen.

Mein Lächeln wurde von einer jähen Leere in meinem Kopf zerschmettert. Selbst der Gedanke, ob dies an meiner tablettenbedingten Müdigkeit lag, die sich normalerweise als wahrer Segen erwies, schien aus dem Nichts zu kommen. Ich fühlte mich hohl. Meine Handflächen begannen zu schwitzen, und ich entschuldigte mich bei Eunice, um, mit der Bewegung des Flugzeuges leicht schwankend, die Toilette im hinteren Kabinenbereich aufzusuchen.

Das Wasser rann kalt über meine Hände, während ich meinem neuen Gesicht im Spiegel entgegenstarrte. Es war sicherlich dem Licht geschuldet, dass meine Haut totenblass und nahezu transparent wirkte. Meine Augen schienen tief in ihren Höhlen zu liegen und waren glanzlos. Mein Make-up-Versuch konnte schwerlich der Grund sein, hatte Eunice doch nicht unerheblich dazu beigetragen, mich mit wenig Rouge, Lidschatten, Mascara und Lippenstift für den Tag aufzuhübschen.

Ich versuchte, meine Lippen mit meiner Zunge zu befeuchten. Als ich sie zwischen meinen Zähnen hervor schob, streifte ich meinen rechten oberen Eckzahn, der schon immer geringfügig tiefer in den Mundraum hineinragte als die anderen. Den Hauch eines Augenblickes später schmeckte ich süßes Blut. Ich spie einen ordentlichen Schwall Speichel in das Waschbecken. Er war vollkommen klar. Ich fuhr mit der Zunge über meine oberen Schneidezähne. Ich glaubte, sie seien rasiermesserscharf. Ich erschrak heftig und blickte in den Spiegel. Mein Spiegelbild streckte mir die Zunge entgegen, doch nichts war zu sehen. Nicht ein Kratzer.

Gewissheit bemächtigte sich meiner. Ich musste den Verstand verlieren. Das wurde immer klarer.

Beklemmung machte sich breit, und der winzige Toilettenraum schien zu schrumpfen. Die Zeit schien mir keineswegs angemessen für einen klaustrophobischen Anfall. Ich legte die flache Hand fest auf meinen Brustkorb und versuchte, besonders tief Luft zu holen. Unter meinen Achseln begannen sich Schweißflecke abzuzeichnen, und ich spürte jeden Millimeter, den ein schier riesig anmutender Schweißtropfen meine Wirbelsäule entlangrann. Mein Nacken war feuchtkalt. Ich beugte mich nach unten, um mein Gesicht mit kühlem Nass zu erfrischen.

Als ich mit geschlossenen Augen mit einem Papierhandtuch Wassertröpfchen von meinen Wangen und Lidern abtupfte, nahm ich geradezu körperlich wahr, wie Nebel um mich aufzog. Ich riss die Augen auf, und von meinen Wimpern schnellten letzte Wasserreste explosionsartig fort.

Durch den Nebel hindurch versuchte ich, den Türriegel der Toilettenzelle zu erreichen. ‚Wir stürzen ab! Wir verbrennen!’, wollte ich schreien, doch der Schrei erfüllte allein meinen Kopf.

Mit beiden Händen versuchte ich, den Riegel in die Offen-Position zu schieben. Zumindest schien es mir so, bis ich gewahr wurde, dass meine Hände versteinert ruhten, ebenso wie meine Beine, die bewegungsunfähig waren. Etwas hielt mich fest.

Um mich herum stand dichter Nebel wie eine Wand, fast wie jene, die ich bereits beim Betreten des Flughafens nicht zu durchdringen vermocht hatte. Allerdings wusste ich – tief in mir – genau, dass diese anders war, dass ich sie nicht aus eigener Kraft durchbrechen konnte. Ich sah nichts. Nur abgasähnliches Grauweiß.

Ich fühlte eine Schwere – in mir und um mich herum, als wollte Luft unablässig in mich dringen, doch meine Lungen nie mehr verlassen. Mein Brustkorb spannte schmerzhaft. Ein leichter Schwindel stieg von meinem Nacken auf. Übelkeit ballte sich in meiner Brust. Fühlte sich so ein verkaterter Morgen an? Mein Geist befahl meinen Gliedmaßen, mich zu befreien, doch weiterhin stand ich zur Salzsäule erstarrt, als sich ein besonders dichtes Nebelband von meinem Kehlkopf ausgehend rund um meinen Hals wand. Der Druck auf meiner Halsschlagader ließ Blut in meinen Ohren rauschen.

Mein Schrei erstickte in meiner Kehle, und mein Herz stolperte, während sich das Nebelband um meinen Hals in lange, kräftige Finger verwandelte, die fest zudrückten - fest genug, um meine Panik zu schüren, aber nicht fest genug, um mir den Atem gänzlich zu nehmen. Mein Herz schlug laut in meinen Ohren, doch die raue Stimme, die weder deutlich männlich noch weiblich war und immer näher drang, war nicht zu überhören.

„Halt dich fern!“

Mein Instinkt meldete sich. Fragen drängten sich auf. Mein Mund blieb verschlossen.

„Nahrung bist du. Nichts sonst!“

Die Hände schnürten meinen Hals immer fester. Ich spürte nun, wie mein Rücken hart gegen die Tür stieß, während etwas Spitzes meine linke Wange nahe dem Jochbein aufritzte. Gleichzeitig streichelte offenbar ein Daumen – kühl wie Herbstwind – die Partie rechts von meinem Kinn und streifte hernach wie zufällig über den Hügel meines Kehlkopfes, glitt hinab, um mit bestimmendem Druck in der von den Schlüsselbeinen gebildeten Kuhle oberhalb des Sternums zu verweilen.

Ich wurde von einem Zittern erfasst, mein ganzer Körper erbebte, als der dichte Nebel wie ein Kopf meinem Gesicht näher kam, wie schlechter Atem und doch eiskalt meine Wange entlang waberte. Mein Kopf war hart gegen die Tür gepresst. Meine vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen versuchten, etwas zu erfassen, ein Gesicht, Augen, einen Mund, irgendetwas. Nur undurchdringlicher Nebel - wie opakes Milchglas – war da. Sonst nichts. Mein Verstand versagte. Das Geschehen entbehrte jeglicher Logik. Mein Innerstes wurde immer schwächer, als der Nebel einem schwammigen Etwas gleich meine Wange streifte und das Blut, das dick und langsam aus der Wunde hervorquoll, zischend aufsog.

„Halt dich fern! Er gehört mir. Sonst bist du tot!“

TOT! Die Stimme war nun weit weg. Sie hallte in meinem Kopf wider, unzählige Male, bis wieder Stille und Leere in meinen Kopf zurückkehrten. Die Fixierung meines Körpers löste sich. Die Sicht in der winzigen Toilettenzelle war wieder frei.

Es gelang mir, mit zitternden, vor Schweiß nasskalten Händen mein weiches Haar zurückzunehmen, bevor ich mich geräuschvoll in das metallene, plötzlich intensiv nach Desinfektionsmittel stinkende Waschbecken erbrach.

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