Titel

Captain Mash - Bis zum letzten Atemzug

Leseprobe

Urheber
Sascha Otto

Printbook / Ebook

Verlag
Selbstverlag / ---
Bindung
Paperback
Seitenzahl / Dateigröße
291 / ---
Sprache 
Deutsch
Format
Din A5 / ---
ISBN / ASIN
978-3-0004-0094-0 / ---
Preis
€ 16,90 (je nach Anbieter zzgl. Porto) / ----

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Ein hochbrisanter, packender Thriller, der einen fesselt und nicht wieder loslässt, bis hin zum letzten Atemzug:

Nordkolumbien gehört zu den gefährlichsten Gegenden der Welt und ist ein Pulverfass. Captain Collin Mash leitet dort mit seinen Brüdern Frank und Alex eine Einheit zum Schutz einer Ölpipeline. Bombenanschläge und Überfälle von Guerillakämpfern sind der riskante Alltag. Bei der Verfolgung eines Jungkriegers wird eine Kokaplantage entdeckt - von da ab ändert sich ihr Leben schlagartig. Als der Berater des Verteidigungsministers persönlich auftaucht, um Schutzgeldzahlungen zu erpressen, ist nichts mehr wie es scheint. Collin gerät immer tiefer in ein Netz voller Intrigen und Verhüllungen. Als auch noch sein Freund und enger Vertrauter Jack Tacola in Cape Canaveral ermordet wird, scheint die Lage hoffnungslos. Nur seine Brüder und Liza Minto stehen Collin Mash zur Seite und treiben ihn weiter an. Sie versuchen eine Wahrheit aufzudecken, welche die Vereinigten Staaten bis auf ihre Grundfesten erschüttern könnte - nichts würde mehr sein wie zuvor. Verfolgt von Soldaten der US Army,
 entbrennt eine lebensgefährliche Hetzjagd durch die USA.

Leseprobe

1

In tiefster Dunkelheit schlichen sie durch das zähe Blattwerk des kolumbianischen Dschungels. Kein Vogelzwitschern, das sie hätte verraten können, durchbrach die Stille. Es waren fünf junge Guerillakämpfer, von denen der Jüngste, er nannte sich José, gerade einmal sechzehn Lenze zählte. In einigen anderen Gebieten gab es noch viel jüngere Krieger, die tagtäglich den Umgang mit der Waffe trainierten. Doch hier im Norden war er das Nesthäkchen. Gerade mal einen halben Kopf größer als eine Parkuhr, pirschte er genauso geräuschlos durchs Unterholz wie seine Vordermänner.
Dieser Auftrag war als Feuertaufe ausgelegt worden, um in das Kartell aufgenommen zu werden. Bei Erfolg winkte dem Quintett ein gut bezahltes, jedoch auch gefährliches Dasein. In Anbetracht der wenigen Dollars, die ein normaler kolumbianischer Arbeiter im Monat verdient, lässt man sich schnell von der zehnfachen Summe blenden, die durch die Profite des Kokainhandels winken.
Es war nicht mehr weit, nur etwa 500 Meter trennten die Gruppe noch von der amerikanischen Ölpipeline. Eigentlich ein Katzensprung, doch hier im dichten Gestrüpp des Dschungels, brauchte man für diese Distanz, wenn man keinen Laut verursachen durfte, gut und gerne dreißig bis vierzig Minuten. Mit Maschinenpistolen über der Schulter und einem Sprengsatz im Gepäck kämpften sie sich Meter für Meter voran. Eine Schlange versuchte José ins Hosenbein zu kriechen. Er wollte schreien, doch sein Nebenmann Antonio schaffte es gerade noch rechtzeitig, ihm seine Hand auf den Mund zu pressen. »Sei bloß leise«, zischte er. »Oder willst du, dass sie uns alle töten?« Nachdem die Schlange friedlich weiter gezogen war, setzte auch die Gruppe Heranwachsender sich wieder in Bewegung. Der Weg schien trotz der überschaubaren Entfernung endlos zu sein. José zitterte vor Angst, ließ sich jedoch nichts anmerken. Er musste an seine Familie denken, an seine Mutter und vor allem an seinen Vater. Wegen
 ihm war er jetzt überhaupt erst hier, in dieser Situation, kurz davor, eine Ölpipeline zu sprengen. Er spielte zum wiederholten Mal die Geschehnisse der letzten Tage im Kopfe nach, während er den anderen wie ein Magnet folgte.
Es war Anfang Mai 2007, als sein Vater schwer krank wurde. José und seine Familie wohnten in der Nachbarschaft einer Tabakplantage, in unmittelbarer Nähe der Stadt Baranquilla. Obwohl sein Vormund vierzig Jahre lang auf der Plantage gearbeitet hatte und zum Vorarbeiter aufgestiegen war, überschritt sein Gehalt nicht die 450-$-Marke. Als José ihn fragte, warum er nicht beim Kartell anfangen würde (mehrere Anfragen, ein Kokafeld weiter östlich zu leiten, lagen vor), antwortete er stets: »Wir haben genug zu essen und zu trinken. Wir haben alles, was wir zum Leben brauchen, lasst uns dafür dankbar sein. Außerdem, mein Sohn, ist dies hier ehrlich verdientes Geld. Das da oben von den Kokafeldern ist mit Blut befleckt. Verstehst du, was ich sagen will?« Sein Junge nickte. Nur ein paar Tage nach dieser Aussage wurde Angelo, Josés Vater, schwer krank. Die tägliche Zwölfstundenschicht auf der Tabakplantage, um der Welt ihr Genussprodukt Nr.1 zu liefern, hatte seinen Körper ausgelaugt. Es
 war ein Alptraum für den Teenager, seinen geliebten Vater Tag für Tag mehr in sich zusammenfallen zu sehen. Seine Mutter Carla hockte jede Stunde neben dem Bett und betete um göttlichen Beistand. José konnte es nicht länger ertragen und wandte sich an einen Mediziner. »Können Sie denn nichts tun? Sie müssen meinem Dad doch helfen? Mein Herr bitte, ich flehe sie an!« Doch der arrogante Arzt musterte ihn abfällig von oben herab. »Es gibt da eine Behandlungsmethode, die allerdings mehr als 3000 $ kostet und ich kann mir nicht vorstellen, dass du Winzling jemals überhaupt so viel Geld auf einem Haufen gesehen hast!« Kopfschüttelnd ließ er José stehen, der aufgrund seiner Hilflosigkeit anfing zu weinen. Ein mit schwarzem Schnauzbart und Narben versehener Mann Mitte vierzig ging in seine Richtung und klopfte ihm auf die Schulter. Der Anblick seines Gesichtes ließ den Jungen vor Angst zusammenzucken. Als ihm die Kleidung des Mannes in Form von Pelz und goldenen Ketten ins Auge fiel,
 verursachte das jedoch auch einen bewundernden  Blick im Gesicht des Sechzehnjährigen. So viel Reichtum war ihm nie zuvor begegnet. »Mein Name ist Juan Ruiz. Ich habe die Unterhaltung eben zufällig mit angehört, und ich könnte dir und deinem Vater helfen, mein Junge.« Der Dreikäse-hoch erzitterte. »Was, Sie könnten mir helfen? Meinen Sie das wirklich ernst?« Er blickte streng geradeaus. »Sehe ich aus, als ob ich Scherze mache? Was ein Ruiz sagt, ist immer ernst gemeint. Nur eins solltest du wissen: Ich habe Geld genug. Zum Verschenken ist es mir allerdings zu schade! Du verstehst?« »Sie meinen, ich soll etwas für Sie tun? So eine Art Gefallen, nehme ich an.« »Richtig, mein Kleiner.« Er tätschelte seinen Kopf. »Ich sehe, du bist ein wahrlich helles Bürschchen. Wie sagte doch ein altes Sprichwort so schön: Eine Hand wäscht die andere. Also, 3000 Dollar bekommst du, wenn du mir eine winzige Gefälligkeit erweist, das ist der Deal. Ich werde mich dann bald wieder bei dir melden, ist das okay?« Heulend vor Zuversicht und wiedergewonnener Hoffnung reichte José ihm seine zitternde Hand. »Danke, Mister. Ich würde alles dafür tun, dass mein Papa wieder gesund wird. Sie sind so was wie ein Engel!« Juan schmunzelte, als er dem Jungen das Geld gab. Das hätte er sicher nicht gesagt, wenn er wüsste, wer ich in Wirklichkeit bin. So hat mich noch nie jemand genannt, ein schönes Gefühl, dachte er. Mit einem kleinen Vermögen in der Hand machte sich José über die Zukunft keine Gedanken mehr. Momentan war er stolz wie Oscar und rannte freudestrahlend mit den Scheinen nach Hause, wo bereits seine Schwester Bibiana und seine Mutter auf ihn warteten. Jubelnd schrie er heraus: »Vater wird wieder gesund! Er wird wieder auf die Beine kommen! Ich habe genügend Geld, um seine Behandlungskosten zu begleichen!« Die zwei Frauen jedoch verzogen keine Miene, sondern blickten unverändert betrübt drein. Dann richtete Carla das Wort an ihren Sprössling. »Dein Vater ist tot! Er wird höchstens unter die Erde kommen, statt über ihr zu wandeln.«
 José war fassungslos. Wütend schrie er, so laut er konnte: »Wo bist du, Gott, wenn man dich mal braucht? Wir brauchten dich, doch du ignoriertest unser Flehen! Was bist du nur für ein Gott?« Dann umarmte er seine große Schwester, die ihn tatsächlich fast einen Kopf überragte. Als diese erkannte, wie viel Geld er bei sich trug, wurde sie ganz bleich um die Nase. »Bruder, sag mir, dass du es nicht von Juan bekommen hast. Sag es mir!« Krampfhaft schüttelte sie ihn durch. Gleichgültig antwortete er, nicht verstehend, in was er sich da hineingeritten hatte. »Jetzt ist es doch eh egal, nichts in der Welt könnte Vater wieder lebendig machen.« Völlig außer sich schrie Carla, der kalter Schweiß von der Stirn tropfte: »Nein es ist nicht egal, verflucht! Weißt du, wer Juan Ruiz ist? Er ist der Boss der Guerillakämpfer! Er bildet sie aus und schickt sie bis an die Zähne bewaffnet zu Konflikten und Auseinandersetzungen! Dieser Typ rekrutiert Jugendliche in deinem Alter, in denen er ihnen Geld gegen einen Gefallen eintauscht. So ging es schon Hunderten von Jungen in unserer Gegend, die seitdem nicht mehr wieder gesehen worden!« Langsam begann er zu begreifen. »A. aber w. wenn ich ihnen das alles zurückgebe, l. lassen sie mich doch sicher in Ruhe, o. oder?« Panisch brüllte er »Oder?«
Ein paar Sekunden später erschien ein bewaffneter Mann, der aussah wie ein Ramboverschnitt, in der mit Teppichen behangenen Tür. Er hatte scheinbar die komplette Unterhaltung belauscht, um nun im passenden Moment aus seinem Versteck hervorzutreten. Als alle drei Augen-paare auf ihn gerichtet waren, ergriff er das Wort. »Nein! Du hast mit meinem Boss einen Deal gemacht und ihn mit deinem Handschlag besiegelt! Ich bin hier, um dich abzuholen. Draußen wartet ein grüner Jeep, der dich in die Berge bringen wird. Dort wirst du dann ausgebildet und je nach Verwendung eingesetzt. Hast du das verstanden, Zwergnase?« José hatte verstanden, doch damit zufriedengeben wollte er sich nicht. Mutig erwiderte er ohne jeglichen Respekt: »Nein, das werde ich nicht tun!« Er schmiss dem Vollblutsoldaten das Geld vor die frisch geputzten Springerstiefel und spuckte darauf. »Nehmen Sie es und verschwinden Sie von hier!« Zu Josés Verwunderung wandte der Mann sich zum Gehen, nachdem er die Scheine eingesteckt hatte. Als er schon halb auf der Straße stand, drehte er sich noch einmal um und redete auf den Jungen ein. »Ach, nochmals vielen Dank für das Geld! Ich vergaß wohl zu erwähnen, dass, wenn du meinen Worten nicht Folge leistest und in den Wagen steigst, deine Mutter und deine Schwester ein Familiengrab ausheben können, um mit Angelo zu kuscheln! Sie werden dann genauso sterben wie du kleines Stück Scheiße! Jetzt fang nicht an zu flennen und zu betteln! In unserem harten Geschäft können wir uns kein Mitleid erlauben. Abmachung ist Abmachung!« Entsetzt blickte Bibiana den Waffenträger an und bat ihn schluchzend um Vergebung. Er hätte doch das Geld und solle sie nun in Frieden leben lassen. Da ging er zwei Schritte auf Bibiana zu, hob ihr Kinn an und schlug ihr mit voller Kraft ins Gesicht. Man konnte den Wangenknochen knacken und das Nasenbein brechen hören, auch wenn man nicht in unmittelbarer Nähe stand. Blutüberströmt fiel sie zu Boden und wand sich wie ein
 zerschnittener Wurm vor Schmerzen. Als der Krieger erneut  auf die wehrlose Frau zustürmte, stellte sich José ihm in den Weg. »Ich werde mitkommen! Nur um Himmelswillen, lassen Sie meine Familie in Ruhe!« »Na also, warum nicht gleich so? Dann pack deine Sachen und komm raus! In einer Viertelstunde ist Abfahrt!« Er tat, wie ihm befohlen, schnürte seinen Rucksack und verabschiedete sich von den beiden Frauen. »Ich bin bald wieder da und dann werde ich für uns sorgen. Das schwöre ich in Vaters Namen!« Er steckte Carla noch ein paar Dollars zu, die er in seiner Tasche behalten hatte. »Geh mit Bibiana zum Arzt, dafür sollte es reichen. Gut, dass der Idiot das Geld nicht nachgezählt hat. Ich liebe euch, macht es gut!« Anschließend wurde er mit einigen anderen, noch nicht Volljährigen, wie zum Beispiel Antonio, in die Berge transportiert. Während der nächsten zwei Wochen wurden sie im Scharfmachen von Splitterminen, deren Effektivität sich durch Nägel oder andere spitze Gegenstände vervielfältigt und deren Reichweite auch noch in hundert Meter Entfernung für schlimme Verletzungen verantwortlich ist, in der Anbringung von Sprengstoff und natürlich im Umgang mit der Waffe perfekt ausgebildet .

2

»Träumst du, oder was?« Antonio presste die Kehle seines Freundes gegen einen Gummibaum. »Konzentrier dich gefälligst! Wir müssen höllisch aufpassen, sonst haben wir nicht die geringste Chance.« Er gab den anderen ein Zeichen, und der Trupp setzte sich wieder in Bewegung. Keine sechzig Meter vor ihnen erschien im Schein des Halbmondes die mächtige Pipeline eines großen amerikanischen Ölkonzerns. Nur noch eine kleine Lichtung trennte sie von dem fast 50.000 Tonnen Öl pro Tag transportierendem Zielobjekt. Niemand war zu sehen, und doch riet Josés Instinkt ihm, den Rückzug anzutreten. Das flaue Gefühl im Magen wurde mit jedem Schritt stärker, sodass er seinem Vordermann, Rafael hieß er, vorsichtig auf die Schulter tippte. »Lass uns umkehren. Mir ist nicht ganz wohl bei der Sache, ich habe ein ungutes Gefühl.« Sein Mitstreiter jedoch schüttelte nur den Kopf und warf sich in den aufgeweichten Boden. Antonio hatte angeordnet, die Lichtung lieber robbend zu überqueren, um die
 Angriffsfläche zu verringern. Als José sich an seinen Freund wandte, schüttelte auch er mit dem Kopf. »Hör auf dich aufzuführen wie ne Nonne vorm ersten Sex! Wir müssen das tun. Überleg doch nur mal, was Juan mit uns anstellt, wenn das hier schief geht.« Da erblickte der Arbeitersohn den Glimmstängel einer Zigarette, keine fünfzig Meter rechts von ihnen. Flink wandte er sich um und rannte, als ob der Leibhaftige persönlich hinter ihm her wäre, in das schützende Dickicht des Dschungels. »Wo ist José hin?«, wollte Antonio wissen. Doch niemand hatte sein Fehlen bemerkt. »Verdammt, dieser kleine Hosenscheißer! Aber was soll´s, es geht auch ohne ihn. Vorwärts!« Sie erreichten ihr Ziel ohne weitere Zwischenfälle. Der tonnenschwere, im Mondschein schimmernde Stahlkoloss der Pipeline erstreckte sich nun direkt vor ihnen. Rafael hatte bereits in äußerster Vorsicht den Sprengstoff befestigt und machte sich nun mit ruhiger Hand daran, den Zeitzünder anzubringen.
»Peng, Krach, bumm!« Ein Kugelgewitter mit dem Lärm eines Donnergrollens hallte durch die Luft und brachte die Erde zum Beben. Rafael und zwei weitere Jungen sackten sofort tödlich getroffen zu Boden. Man konnte zusehen, wie das Licht der jungen Männer, die zu diesem Attentat genötigt wurden, aus ihren Augen erlosch. Juan würde es sicher nichts ausmachen. Nicht einmal mit der Wimper würde er zucken, da war Antonio sich sicher. Holte er sich halt morgen ein paar Neue ins Boot. Auch die Eltern seiner Mitstreiter würden nie wieder etwas von ihren Kindern erfahren, es war entsetzlich. Dem jungen Kämpfer steckte der seelische Schmerz tief in den Gliedern, doch für Sentimentalitäten blieb ihm keine Zeit. Sein Körper hatte auf ,,Überleben'' umgeschaltet und unwichtige Funktionen abgeschottet. Erstaunlich schnell kam er vorwärts. Doch auch die Soldaten der US Army hielten Schritt und ließen sich nicht abschütteln. Nach einigen Minuten Verfolgungsjagd hatten sie ihn gestellt. Als sie den
 Jungen packten, machte sich Antonio vor Angst in die Hosen. Doch dass der warme Urin sein Bein herunter lief, bekam der Siebzehnjährige gar nicht mit. Die Furcht, nun sein Leben zu verlieren, war einfach zu groß. Alex Mash, der Bruder des befehlshabenden Captains, gab Anweisungen. »Nehmt den Jungen mit, vielleicht können wir noch was aus ihm rausbekommen!« Sie banden Antonio die Hände mit einem stabilen Strick aneinander und schleiften ihn hinter sich her.
 Kurze Zeit später erreichten die acht Soldaten, mit dem Gefangenen das Lager. Alex, der etwa 1,90 Meter groß war, musste sich bücken, als er die Hütte seines Bruders betrat. Nachdem er ein paar Mal durchgeschnauft hatte, begrüßte er diesen herzlich. »Hey, großer Bruder, wir haben einen Angriff vereitelt und konnten sogar einen von ihnen gefangen nehmen. Er steht draußen!« »Schön, dass dir nichts passiert ist«, antwortete Collin Mash und zauberte ein Lächeln auf seine Lippen. Dann wandte er sich an seine Gruppe. »Gute Arbeit! Legt euch erst mal schlafen und ruht euch aus. Diese Bastarde werden es heute sicher kein zweites Mal probieren. So blöd können ja nicht mal die Guerillas sein. Ich werde mich in der Zwischenzeit um den Gefangenen kümmern.« Während Alex und sein Team hundemüde in die Hängematten fielen, wandte Collin sich dem Bombenleger zu. Dieser jedoch verstand kein Wort von dem, was die Amis ihm erzählten bzw. von ihm wissen wollten. Beim Captain jedoch war das anders.
Collin Mash war zu früherer Zeit mit einer Lateinamerikanerin namens Victoria befreundet gewesen. Während ihrer kumpelhaften Beziehung lehrte sie ihn Spanisch und sogar große Teile der Minderheitssprache Quechua. Als er sah, wie jung der Kolumbianer war, entschloss er sich, ihm etwas freundlicher gegenüberzutreten, um überhaupt irgendetwas zu erfahren. Er wusste, dass dieser gerade einmal siebzehn Jahre alte Krieger (so schätzte er ihn) zerbrechlich war wie ein rohes Ei. Collin kannte die Rekrutierungsmethoden in dieser Gegend nur zu gut. »Wo kommst du her«, fragte er. »Aus Baranquilla Sir«, antwortete Antonio, überrascht über die gute spanische Ausdrucksweise des Mannes vor ihm. »Ah, Baranquilla! Ich war schon mal dort. Ist ein ganz ansehnliches Städtchen. Erzähle mir, mein Junge, warum versucht ihr ständig, die Leitungen der Ölkonzerne zu schädigen?« Der Junge verstand zwar die Frage, ignorierte sie jedoch, um eine Gegenfrage zu stellen, die ihm auf den Herzen lag. »Werden Sie mich töten?« Collin lachte. »Du bist auch nicht anders als all die anderen. Erst markieren sie den harten Typen, und wenn es dann ernst wird, werden sie alle weich wie Oprah. Ich habe gehört, du hast keinen einzigen Schuss auf meine Männer abgegeben. Das ist gut für dich! Denn sonst würdest du schon längst von Kugeln durchsiebt darauf warten, dass du endlich verblutest und die Maden in deinen Körper kriechen, um dich langsam von innen aufzufressen. Aber unter diesen Umständen kann ich, falls du kooperieren und ehrliche Antworten von dir geben solltest, noch mal ein Auge zudrücken. Dann werde ich dich gehen lassen. Wie klingt das?« Erleichtert und erheblich entspannter erwiderte Antonio: »Sehr gut, Sir, vielen Dank.« Dann sprudelte es nur so aus ihm heraus: »Ich wurde, wie die anderen, von Juan Ruiz rekrutiert. Seine Männer bildeten uns aus und gaben uns diesen Auftrag, den wir ja nun leider nicht abschließen konnten.« Erst jetzt wurden ihm seine schlimmen Aussichten bewusst .
 »Oh je, wenn Juan erfährt, dass ich noch lebe, wird er mich töten und José auch.« Captain Mash legte dem verzweifelten Jungen seinen Arm auf die Schulter. »Mach dir da mal keine Sorgen. Die hören unseren Funk so oder so ab. Ich werde einfach durchgeben, dass fünf Angreifer getötet und vergraben wurden. So kann er nichts merken. Dafür versprichst du mir, dass du, sobald du freigelassen wirst, zurück zu deiner Familie gehst und die nächsten Monate zurückgezogen lebst, fernab von allen neugierigen Blicken. Wer ist eigentlich dieser José, den du gerade erwähntest?« »Ja, Sir, natürlich. Ich werde Ihnen nie wieder Ärger bereiten. José ist ein Freund von mir und Mitglied des Teams. Er hat kalte Füße bekommen und floh, noch bevor ihr auftauchtet. So viel weiß ich nicht über ihn, wir kennen uns erst ein paar Wochen.« Collin überlegte kurz, um dann das Gespräch abzuschließen. »Sonst kannst du mir nichts über weitere Anschläge oder über Geschäfte des Kartells berichten?« Collin blickte Antonio die ganze Zeit tief in die Augen, womit er zu erreichen versuchte, dass der Nachwuchssoldat die Wahrheit sprach. »Nein, Sir! Wir hatten nur diesen Befehl und wussten sonst gar nichts, kein einziges Detail.« Der Amerikaner brummte vor sich hin. »Hm, das dachte ich mir schon. Sie haben ihre Geheimhaltung gewahrt, wäre ja auch zu schön gewesen. Alles klar, du kannst gehen. Aber .« Er hob den Finger, um seine Aussage zu verdeutlichen. »Sollten wir dich wieder erwischen, werden wir keine Gnade zeigen.« Der Teenager nickte. »Gewiss, Sir, Sie werden mich niemals wieder sehen.« Dann tauchte er in die gespenstische Dunkelheit, die nur durch einige Glühwürmchen etwas erhellt wurde, und ging seines Weges. Collin betete für den Jungen, stapfte zurück in seine Unterkunft und notierte sich ein paar Befehle für den kommenden Tag.
Der nächste Morgen begann mit einem deftigen Regenguss, der auf die ohnehin schon angespannte Stimmung im Lager drückte. Collin stieß, von Müdigkeit gezeichnet, zu seiner dreißig Mann umfassenden Einheit. Insgesamt gab es rund zwanzig solcher Posten, die je einen Abschnitt der Rohre bewachten. Seit Beginn der Überwachungen durch die Army hatte die Anzahl der Anschläge signifikant abgenommen - sehr zum Wohlwollen der Ölgesellschaft.
Während des Frühstücks wandte Captain Mash sich an seine Untergebenen. »Eure Arbeit gestern war Sonder-klasse, ganz hervorragend. Ich habe von dem Gefangenen erfahren, dass einer von seinen Leuten in die dichte Vegetation fliehen konnte. Frank, Alex und meine Wenigkeit werden den Burschen suchen. Vielleicht können wir noch einige nützliche Hinweise aus ihm herausquetschen.« Anschließend gab er den Dienstplan für die Pipelineüberwachung bekannt, der von lautem Stöhnen begleitet wurde.
Mit angemessener Ausrüstung in Form von Tarnanzug, Messer, Wasserflasche, Pistole und Kompass machte er sich auf den Weg. Alex, sein Bruder, und Frank, sein bester Freund, seit er denken konnte, warteten schon vor der Hütte auf ihn. Beide gönnten sich gerade den Genuss von Nikotin, als der Captain auftauchte. Kopfschüttelnd kommentierte er die Situation. »Neeneenee, wenn ihr nicht so viel rauchen würdet, hätten wir den Geflohenen bereits gefasst!« Frank war nicht auf den Mund gefallen und konterte schlagfertig: »Wenn wir uns alle so langsam umziehen würden wie du, müssten wir hier bald eine Boutique und einen Kosmetiksalon eröffnen, um deine Fingernägel modisch zu lackieren.« Alex prustete los: »Das stimmt! Collin zieht sich um wie 'ne Pussi!« Gereizt gab dieser zurück: »Immerhin habe ich hier das Kommando, und meinen Befehlen wird Folge geleistet. Also los jetzt, Kippen aus!«
Nach einem kurzen Fußmarsch erreichten sie die Stelle, wo am Tag zuvor das Gefecht stattgefunden hatte. Drei verwesende Leichen, bedeckt von Fliegen und Maden, markierten die Stelle. Der faulige Gestank war so bestialisch, dass sie ihre T-Shirts über die Nase stülpen mussten. Dann trugen sie die toten Jugendlichen in ein Gebüsch und bedeckten sie mit Palmenblättern. Das Vergraben hätte bei dem dichten Wurzelwerk der Tropen-bäume einfach zu viel Zeit beansprucht, darum musste es so gehen. Anschließend folgten sie einem engen Pfad durch taubedecktes Gebüsch. Frank hatte ein paar heruntergetretene Pflanzen entdeckt, die auf Spuren des Jungen hinzuweisen schienen. Der Marsch durch den schlammigen Untergrund kostete eine Menge Kraft und reduzierte die Konzentration so sehr, dass Collin sich an einem Palmenblatt den Unterarm aufschlitzte. »Verdammt, so eine Scheiße! Haben wir Verbandsmaterial mit?« Sofort kam Frank herbeigeeilt und kümmerte sich um die stark blutende Wunde. »Es ist nicht ernst«, diagnostizierte er. »Du blutest zwar wie eine Jungfrau nach dem ersten Stich, aber das haben wir gleich.« Im Kopf des Verletzten stiegen Erinnerungen empor. Sein Kumpel Frank war schon immer für ihn da gewesen, seit sie sechs Jahre alt waren - seit jenem schicksalhaften Tag am See.

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